Verrückt nach Pucks und Bällen

Screen Shot 2013-01-06 at 8.56.22 PMAuf die Gefahr hin, dass mich meine kanadischen Freunde an den Marterpfahl binden: Mir ist es ziemlich Wurst, ob Eishockey gespielt wird oder nicht. Aber ich freue mich für all diejenigen, die endlich wieder ihren Cracks zujubeln können. Nach monatelangem Arbeitskampf im Eishockey haben sich Spieler und NHL-Clubs grundsätzlich geeinigt. Die Saison kann beginnen. Und damit der kanadische Winter.

Sportbegeisterten bei ihrer Begeisterung zuzugucken, ist fast so schön wie selbst ein Fan zu sein. Baseball, Football, Eishockey – Millionen Kanadier leben nicht mit diesen Sportarten. Sie leben für sie.

Sport ist klasse. Leider habe ich selbst damit nicht viel am Hut.

Baseball ist in meinen Augen eine ziemliche Schnarchnasen-Veranstaltung. „Papa, wann fängt’s an?“, fragte mich der Sohn kurz vor Spielende, als ich ihn vor Jahren zum ersten und einzigen Baseballmatch meines Lebens ins Olympiastadion mitgenommen hatte.

Beim American Football gilt: Vor der Pause ist nach der Pause. Spiele der Winnipeg Blue Bombers habe ich mir nur deshalb angesehen, weil ein Freund von mir damals sein Geld als Profikicker verdiente. Unfassbar für mich: Wenn das Fernsehen zwischen den einzelnen Spielzügen einen Werbespot einstreute, blieb die komplette Mannschaft wie angeklebt auf dem Rasen stehen und bewegte sich erst wieder, wenn der TV-Commercial vorbei war.

Eishockey ist ein Sport, der einen hochbezahlten „Enforcer“ ausschließlich dafür beschäftigt, möglichst viele gegnerische Spieler zu vermöbeln. Dafür setze ich mich nicht ohne Not stundenlang vor den Fernseher. Da guck ich lieber Letterman oder Leno.

Golf? Gähn. Als wir noch auf dem Land lebten, gab es im Zwei-Kilometer-Radius von unserem Haus vier Golfplätze. Auf keinen von ihnen habe ich jemals einen Fuß gesetzt. Das heißt, doch. Einmal, als der Hund davon rannte und ich ihn auf dem Rasen einfangen musste, ehe einer mit dem Golfschläger nach ihm werfen konnte. Besucher aus Europa verstanden bei so viel Desinteresse “für so einen tollen Sport “die Welt nicht mehr.

Nicht weniger blutig als Eishockey, dafür aber atemberaubend schnell ist das Ureinwohner-Ballspiel Lacrosse. Es wird wegen seiner Brutalität auch „der kleine Bruder des Krieges“ genannt. Muss ich mir das antun?

Blieben Cricket und Basketball. Beim einen passiert zu wenig, beim anderen zu viel. Wer um Himmels Willen kann denn noch folgen, wenn der Ball häufiger im Korb landet als auf dem Spielfeld? Heute Nachmittag zum Beispiel besiegten die New York Knicks die Orlando Magic mit 114 zu 106 Punkten. Hallo?

Übrigens, sagt Wikipedia, war es ein Kanadier namens James Naismith, der Basketball vor knapp 120 Jahren als Hallensport erfunden hat. Wieder was gelernt.

Frohe Weihnachten – und danke!

xmas

Rechtzeitig zu Weihnachten hat uns Petrus noch einmal das volle Programm gegeben. In den Bergdörfern der Laurentians, zwei Autostunden nördlich von hier, sind noch immer Zigtausende ohne Strom. Ein Schneesturm hatte vor drei Tagen die Versorgung zum Erliegen gebracht.

Wir, die wir Weihnachten zum ersten Mal seit 25 Jahren nicht auf dem Land, sondern in der Großstadt feiern, haben Glück gehabt. Neuschnee und blauer Himmel, das Ganze bei Temperaturen, die sich aushalten lassen. Minus 12 Grad zeigt das Thermometer im Moment. Es könnte schlimmer sein.

Ihnen, den Leserinnen und Lesern meines Blogs, wünsche ich frohe Feiertage. Danke, dass Sie vorbeigekommen sind. Sie sind der Grund, dass mir mein kleines digitales Tagebuch auch nach 292 Posts noch immer Spaß macht.

Merry Christmas – Frohe Weihnachten – Joyeuses fêtes

Bunter die Lämpchen nie blinken

Weihnachten in der Stadt ist so ganz anders als Weihnachten auf dem Land. Nüchterner, kommerz-orientierter, auch kälter. Und auch ein bisschen uncharmanter als auf den kanadischen Dörfern, wo Menschen leben, denen keine Mühe zu viel, kein Preis zu hoch ist, um ihr Heim festlich zu schmücken. Vor knapp einem halben Jahr sind wir vom Land in die Dreieinhalb-Millionenstadt Montreal gezogen. Eigentlich sollte es auch dieses Jahr wieder eine Bildergalerie mit Aufnahmen von weihnachtlich geschmückten Häusern geben. Aber in Montreal hat mich das Fotografenglück verlassen. Es ließen sich einfach nicht genügend neue Blogbilder auftreiben. Deshalb gibt’s heute mal eine Wiederholung vom 25. Dezember 2011. Viel Spass!

Avatar von Herbert BoppBLOGHAUSGESCHICHTEN

Kitschig, grässlich, geschmacklos? Man muss die Weihnachtsbeleuchtung der Kanadier nicht lieben. Aber es führt kein Weg an ihr vorbei. Mindestens jedes zweite Haus in unserer Nachbarschaft ist auf Lightshow getrimmt. Die Fotos der Bildergalerie sind fast alle in unserer unmittelbaren Umgebung entstanden.

Ein Haus in unserer Nachbarschaft schlägt alle Rekorde: 25 000 Leuchtbirnen bewegen sich als Girlanden, Kreise und Tannenzapfen im Rhythmus zur Musik. Wer mag, kann vor dem Haus anhalten und die volle Pracht in Ruhe bewundern. Die Musik dazu kommt aus dem Autoradio. Der Häuslesbesitzer hat eigens für diesen Zweck eine Rundfunkfrequenz freigeschaltet. Alles nicht ganz billig. Deshalb nimmt der Lichtermann gerne Spenden entgegen – in einer eigens dafür aufgebauten Schatulle. Beleuchtet, versteht sich. Nicht alle teilen die Begeisterung für das Lichtermeer. Deshalb ist die Light and Sound Show während der Woche nur bis 20 Uhr erlaubt. Am Wochenende dürfen die Lämpchen bis 22 Uhr blinken.

Ursprünglichen Post anzeigen

Von Mao bis zu schrägen Tanten

schreibmaschine

In meinem Freundeskreis grassiert das Autorenfieber. Sie schreiben Bücher, halten Lesungen und geben Fernsehinterviews. Sie schreiben über Sektierer, schräge Tanten und Journalismus. Oder erklären Kindern den Kapitalismus. Alle schreiben sie Bücher – nur ich nicht. Dabei mangelt es mir nicht an Geschichten, nicht einmal an Zeit. Mir fehlt das Sitzfleisch.

Ich schreibe gerne. Briefe, Mails, Zeitungsartikel, Radioscripts, Blogposts. Die geschmeidige Aneinanderreihung von Buchstaben zu einem schönen Text bereitet mir auch nach 45 Journalisten-Jahren noch immer ein wohliges Gefühl. Doch auch nach Tausenden von Reportagen hat es zu einem eigenen Buch bisher nicht gereicht. Dabei freue ich mich jedes Mal wie ein Schneekönig, wenn ein Freund sein œuvre auf den Markt bringt. Nur mir geht das Gen für lange Texte ab. Ich kann nicht Buch. Dabei bin ich umgeben von Menschen, die’s können.

“Nimm mich mit Kapitän auf die Reise”

Der erste, der in meinem Freundeskreis ein Buch auf den Markt brachte, war ein deutscher Maler, den es noch im hohen Alter nach Kanada verschlagen hatte. Vor einigen Jahren ist er in dem Dorf gestorben, in dem ich bis Juli gewohnt habe. Ehe er sich an einen Roman wagte, hatte er schon Lieder gedichtet, die im Deutschland der 50er- und 60er-Jahre zum Ohrwurm wurden. „Nimm mich mit Kapitän auf die Reise“ für Hans Albers, ist eines davon. „Eine Handvoll Reis“ für Freddy Quinn ein anderes.

„Das liest sich wie eine Todesanzeige“

Im späteren Leben wurde dieser Mann ein kritischer Beobachter meines Journalistendaseins. Einmal, als ich gerade von einer aufwändigen Reporterreise aus Alaska zurückgekommen war und für den „Playboy“ darüber schrieb, hatte er einen einzigen Satz für mein Werk übrig: „Das liest sich“, murmelte der alte Fritz, „wie eine Todesanzeige“. Das saß. Freunde sind wir trotzdem geblieben. Von ihm stammt übrigens der bemerkenswerte Satz: „Das bisschen, das ich noch lese, schreibe ich selbst“.

Dann kam Bernd, mein lieber, guter Freund Bernd aus Winnipeg. Auch er starb viel zu früh, hinterließ aber ein Lebenswerk, das 22 Bücher umfasst. Es sind Bücher über religiöse Minderheiten wie Mennoniten, Hutterer und Amish People, über Kriege und ehemalige deutsche Kolonien. Bernd war der Fleißarbeiter unter meinen Schriftsteller-Freunden. Ich glaube, keiner hat so akribisch recherchiert wie er.

Wegen eines Hosenträgers nach Mexiko

Einmal fuhr er für ein einziges Foto nach Mexiko, legte sich in der Nähe einer Amish-Kolonie tagelang auf die Lauer und wartete darauf, bis ein Farmer aufs Feld kam, der die Hosenträger nicht vertikal überm Bauch trug, sondern schräg, von rechts oben nach links unten. Dieses Detail war wichtig für Bernds Buch, es hatte eine Bedeutung, die er seinen Lesern nicht vorenthalten wollte.

Ein anderer meiner Freunde machte sich einen Namen als Autor eines Buches über Menschen, die ihm als Journalist begegnet sind. Auch die Frau an seiner Seite ist jetzt unter die Autorinnen gegangen, mit einer Familiengeschichte über ihre schrägen Tanten vom Niederrhein. Und Dorothee, eine liebe Kollegin aus Bonn, hatte schon vor Jahren in die Tasten gegriffen, um sehr einfühlsam über das Thema Sterbebegleitung zu schreiben.

Nick, ein Kumpel aus meiner Zeit als Lokalredakteur, lebt heute als gefragter Autor in New York. Ein Buch, in dem er (s)einem Kind erklärt, wie Wirtschaft funktioniert, hat ihm Preise eingebracht.

Uli, Oberschwabe wie ich, der es später zum China-Korrespondenten gebracht hat, schrieb schon vor Jahren eine viel beachtete Biografie über Mao Tse-Tung, gefolgt von einer Serie von exquisiten Koch- und Reisebüchern, alle zum Thema Tibet und China.

Meine unveröffentlichten Helden

Dann gibt es in meinem Freundeskreis noch ein paar unveröffentlichte Autoren, deren Werke ich nicht weniger schätze als die meiner Kumpels aus dem Bestsellermileu. Ich habe großen Respekt vor ihnen. Die Hingabe, mit der sie ihre Geschichten recherchieren, die Details, mit denen sie ihre Krimis ausschmücken, das alles finde ich beneidenswert.

Um Schriftsteller zu werden, reicht eine gute Schreibe allein nicht. Es gehören ein langer Atem dazu und vor allem ein dickes Sitzfleisch. Und weil ich bisher über keine dieser Tugenden verfüge, begnüge ich mich eben weiterhin mit kurzen Episoden aus meinem kleinen Leben.

Ganz habe ich die Hoffnung auf ein Buch noch nicht aufgegeben. Anatomisch betrachtet müsste ja mit dem Körperumfang auch das Sitzfleisch dicker werden. Das wäre dann die Chance fürs Buch.

Toll: Kanada vor Kasachstan!

banner

Na bitte, geht doch: Endlich hat Kanada wieder einen Superlativ zu verbuchen. Leider geht der mal wieder in die falsche Richtung. Von allen Industrienationen der Welt steht Kanada an letzter Stelle, wenn es um den Klimaschutz geht. „Germanwatch“ hat soeben seinen jährlichen Klimaschutz-Index veröffentlicht. Und Kanada kommt auf Platz 59, gerade noch vor Kasachstan.

Wer sich für Einzelheiten der Index-Bewertung interessiert, sollte den SPIEGEL-Online-Beitrag von heute lesen. Eigentlich sei es gar nicht so erstaunlich, schreibt SPON, dass Kanada unter den Industrienationen das Schlusslicht bilde. Länder, die von ihren eigenen Ressourcen abhängig seien, hätten noch nie ein sonderlich großes Interesse am Klimaschutz gezeigt.

Tolles Team: Helmut Schmidt und Pierre Trudeau

Das ist nur bedingt richtig. Kanada war sehr wohl einmal Vorreiter in Sachen Umwelt- und Klimaschutz. Das liegt allerdings lange zurück, in der Ära des damaligen Premierministers Pierre Trudeau. Dieser hatte, u.a. zusammen mit Helmut Schmidt, den Nord-Süd-Dialog angeschoben. Auch wenn das Kind damals einen anderen Namen hatte als heute: Klimaschutz wurde durchaus groß geschrieben.

Anders heute. Der erzkonservative Premierminister Stephen Harper und sein stockkonservatives Kabinett lassen keine Gelegenheit aus, die Bremse zu ziehen, wenn es um erneuerbare Technologien geht. Und überhaupt: Umweltfreundliches Anzapfen von Ressourcen? Wie soll das denn gehen? Die Teersand-Förderung im Westen Kanadas ist dafür nur ein Horror-Beispiel von vielen.

Wie war das nochmal mit Greenpeace? Und wann?

Was mich schon immer gewundert hat: Warum hält sich eigentlich der Mythos Kanadas als super umweltfreundliches Land so hartnäckig? Dagegen kommt offensichtlich auch keine noch so kritische Berichterstattung an. Vielleicht spielt bei diesem rosaroten Gedankenkonstrukt eine gehörige Portion Erinnerungsoptimismus mit. Immerhin wurde Greenpeace mal hier gegründet.

Wann war das nochmal? 1971? Der Sohn würde sagen: World War Two!