Die Altersweisheiten des Herrn J.

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Entspannt dem Alter entgegen sehen: Auf das Timing kommt es an. © Bopp

Manchmal fragt man sich ja, ob man die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Ob es zum Beispiel eine gute Idee war, das Haus auf dem Land zu verkaufen und in die Stadt zu ziehen. Oder ob unser fliegender Wechsel zwischen Montréal und Mallorca sinnvoll ist. Ein freundlicher Herr aus Bayern, der neulich im Flugzeug von Palma nach München neben mir saß, machte mir Hoffnung: Anscheinend haben wir mit unserem Alterskonzept ziemlich vieles ziemlich richtig gemacht.

Herr J. ist Anfang 50 und hauptberuflicher Experte auf dem Gebiet: „Alt und glücklich werden“. Der Mann hat eine interessante Vita. Als gelernter Altenpfleger betreute er über 20 Jahre lang Deutsche und Schweizer, die sich in der Toskana und auf Menorca niedergelassen hatten. Es war eine überschaubare Herausforderung, sagte mir Herr J. Die alten Herrschaften, offensichtlich nicht ganz arm, wollten von ihm vor allem unterhalten werden.

Herr J. ist sehr belesen, das merkt man ihm sofort an. Und da viele ältere Menschen selbst nicht mehr lesen, weil ihr Augenlicht versagt oder sie das Lesen zu sehr anstrengt, fungierte meine Flugbekanntschaft eben als Vorleser.

Wie eine Frau sein Leben veränderte

Irgendwann hatte er genug vorgelesen und beschloss, sich von nun an vorlesen zu lassen. Er schrieb sich in einer Universität ein, um Philosophie und Sozialpädagogik zu studieren. Während eines Praktikums lernte er schließlich eine Frau kennen, die sein Leben verändern sollte.

Diese Frau war der Meinung, dass junge Leute schon frühzeitig in die Entwicklung älterer Menschen miteinbezogen werden sollten. Nicht nur werden junge Menschen irgendwann mal selbst alt. Mit der rechtzeitigen Beschäftigung mit dem Alter, so die Idee, wächst bei ihnen auch ein besseres Verständnis für ihre eigenen Eltern heran.

Seminare über Alters-Philosophie

Die kluge Frau und Herr J. gründeten eine „Aging-Agentur“. Zunächst boten sie ihre Beratungsdienste Volkshochschulen und anderen pädagogischen Einrichtungen an. Irgendwann kamen kleinere Firmen dazu. Heute betreiben die Beiden ein erfolgreiches Unternehmen, das Konzerne wie McDonald’s, H&M, Siemens und andere Big Players berät. Ihre Seminare geben sie inzwischen nicht nur vor jungen Menschen, deren Berührungsängste mit dem Alter sie abzubauen versuchen. Jetzt sind es auch Firmenmitarbeiter, die vor der Pensionierung stehen und manchmal Angst vor dem richtigen Alterskonzept haben.

Rechtzeiting downsizen – sonst ist es vielleicht zu spät

Viele ältere Menschen, erzählte mir Herr J., kämen zu spät zu der Erkenntnis, sie müssten noch etwas an ihrem Leben ändern. Sich zum Beispiel verkleinern, wie wir das machten. Haus auf dem Land gegen Stadtwohnung. Gerade wenn es um das Downsizing gehe, hätten ältere Menschen oft mit einer Stigmatisierung zu kämpfen, etwa nach dem Motto: „Hoffentlich denken die Leute jetzt nicht, ich sei am Verarmen und musste deshalb mein Haus verkaufen“. Wir kennen das.

Die lähmende Angst vor Entscheidungen

Besonders im Alter sei das Timing wichtig. Werden Entscheidungen zu lange aufgeschoben, könnte es irgendwann zu spät sein. Als älterer Mensch nehmen die Entscheidungsfreudigkeit ab und die Angst vor dem Risiko zu. Weil sie keine Fehler machen wollen, machen sie lieber gar nichts. Und verharren in der Lethargie.

Wichtig sei es für ältere Menschen, sagt Herr J., dass sie sich vor lauter Zukunftsängsten nicht die Freude am Jetzt nehmen lassen. Besonders groß sei dabei die Angst vor Altersarmut. Diese Angst – nicht die Armut – sei in Deutschland übrigens weiter verbreitet als in Ländern, wo der Staat weniger für seine Alten tut. „Deutschland ist eine Versicherungsgesellschaft“, sagt Herr J. „Wir würden am liebsten alles und jedes versichern lassen. Wenn es ginge, auch unser Lebensglück“.

Herr J. verriet mir noch andere Erkenntnisse aus seinem reichhaltigen Erfahrungsschatz. So sei es für das Alter ganz wichtig, dass man sich an Werte erinnere, die einem schon immer wichtig waren, die aber im Laufe eines gelebten Lebens wieder in Vergessenheit geraten sind.

Einmal tolerant, immer tolerant

Toleranz gehört dazu. Wer als junger Typ Menschen mit Migrationshintergrund „cool“ fand, weil sie eine andere Sprache sprachen, eine andere Kultur mitbrachten, anders aßen als wir, sollte sich im Alter wieder daran erinnern, wie wichtig ihm diese Wahrnehmung einmal war. Oft ist jedoch das Gegenteil der Fall: Ältere Menschen haben plötzlich Vorbehalte gegen „alles andere“, also auch gegen Menschen aus fremden Kultur- und Sprachkreisen.

Alten-Wohngemeinschaften hält Herr J. zwar generell für eine sinnvolle Einrichtung. Aber sie bergen auch Tücken. Bestenfalls können sie vor Einsamkeit schützen, im schlechtesten Fall jedoch Emotionen freisetzen, die wir schon gar nicht mehr an uns kannten. Zickigkeit, Bösartigkeit, Neid.

Ich wollte Herrn J. noch fragen, wie denn sein eigenes Alterskonzept so aussieht. Aber an dieser Stelle endete unsere Unterhaltung und die Maschine setzte in München zur Landung an.

Schade. Viel zu wenig Flugzeit für so viele Erkenntnisse.

Dem Frühling folgt der Frühling

Screen Shot 2013-05-02 at 6.18.23 AMNach drei Monaten Mallorca hat uns Kanada wieder. Der Maienausflug um die halbe Welt dauerte einen knappen Tag und führte uns über zwei Meere. Beim Abflug in Palma hatten wir zum Glück noch ein paar Sonnenstrahlen eingepackt. 25 Grad zeigte das Thermometer bei der Ankunft in Montreal. Auch die weiteren Aussichten sind gut: Sonne satt soweit das Auge reicht.

Die fünf Stunden Zwischenstopp in München vergingen wie im, naja, Fluge. Ein Biergarten mitten im Airport, mit Mädels im Dirndl und Buben in Lederhosen. Dazu Blasmusik, Leberkäs und Laugenbrezeln – hier durften wir noch einmal die Exoten spielen, ehe es in den Flieger nach Kanada ging.

Und dann: Vertraute Gesichter, das eigene Bett. Und trotzdem: So richtig heimisch fühlt sich die Stadt meines Herzens noch nicht an. Vielleicht sind es auch nur wir, die fremdeln. Aber es wird schon.

Die Frau an meiner Seite vermisst die laue Meeresluft und die Palmen. Mit fehlt die Ensaimada bei Alfonso in der Bar nebenan. Dafür gibt es bei uns ein Montrealer Baguette-Frühstück auf der Terrasse mit Blick zum Nachbarn. Der hat schon mal die Hängematte getestet.

Das Leben hat uns diesmal doppelt belohnt: Zweimal Frühling hintereinander, wer hat das schon? Wahnsinn.

Danke, Mallorca. Und tschüss!

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Liebes Mallorca,

es waren wunderbare drei Monate, die wir bei Dir verbringen durften. Wir, die ewigen Ausländer: Zwei Deutsche mit kanadischen Pässen, die in Spanien überwintern. Wetter-Flüchtlinge aus dem hohen Norden, die in ihrem Leben genug Eis und Schnee erlebt haben, um die Erderwärmung ad absurdum zu führen. Du hast uns gezeigt: Es geht auch anders. Mit Mandelblüten im Februar und lauen Frühsommertagen im März.

Wenn es einen perfekten Gastgeber gibt, dann bist Du es. Sicher, wir haben Dich und ein paar Menschen dafür entlohnt, dass wir hier leben durften: Die Bar Bosch, die Bar Borne, den Supermarkt um die Ecke und die Bäckerei Lozano. Die Markthallen von Palma und Santa Catalina werden Umsatzeinbrüche verschmerzen müssen, wenn wir nicht mehr hier sind. Die städtischen Verkehrsbetriebe und die Betreiber der TIB-Buslinien nach Valdemossa, Sóller, Bunyola, Santanyi oder wohin auch immer – sie werden unsere Abwesenheit in ihren Kassenbüchern spüren.

Aber einen Abschied ohne Schmerz gibt es nicht. Frag uns mal, wie wir uns fühlen, kurz vor dem Rückflug nach Kanada!

Das Alter steht Dir übrigens gut. Du hast nichts von dem Glanz verloren, der uns erstmals vor fünf Jahren verzaubert hatte. Dein Charme, die Liebenswürdigkeit Deiner Bewohner, die Geduld Deines Servicepersonals, die Fairness Deiner Preisgestalter – das alles werden wir Dir nicht vergessen. Und dann natürlich Deine atemberaubende Schönheit.

Wir werden Dich vermissen, liebes Mallorca. Und mit Dir ein paar Menschen, die uns ans Herz gewachsen sind. Rudolfo, Kati, Alfonso und Pepita.

Aber wir kommen ja wieder. In acht Monaten sind wir schon wieder hier. In der Zwischenzeit werden wir die kanadische Natur genießen und das aufregende Leben in der Stadt meines Herzens, Montréal. Es könnte also schlimmer sein.

Dass Du uns ausgerechnet zum Abschied noch ein paar Regentage beschert hast, sei Dir verziehen. Vielleicht wolltest Du uns ja einfach nur daran erinnern, dass es auch im Paradies so etwas wie den ganz normalen Alltag gibt.

 

Gefangen in der Kaffee-Falle

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Nennen wir das Kind gleich beim Namen: Es ist die reine Diktatur. Markendiktatur. Wenn dir die sogenannte freie Marktwirtschaft vorschreibt, welchen Kaffee du trinken musst und, schlimmer noch, wo du ihn zu kaufen hast, dann haben wir es hier mit einem Vergehen gegen die Verbraucherschutzrechte zu tun. Aber genau das tut eine schicke Espresso-Firma, die ihrem Namen ein „N“ vorangestellt hat.

Die Überraschung war perfekt. Kurz vor dem Abendessen klopft die Verwalterin der mallorquinischen Ferienwohnung an die Tür: „Eine neue Kaffeemaschine für Sie!“ Toll. Das Ding ist einfacher zu bedienen als ein Seniorenhandy. Und macht den besten Kaffee ever. Vorausgesetzt man hat die dazugehörigen Kaffee-Container, die aussehen wie die Mini-Milchspender, die es im Hotel zum Frühstück gibt. Nur dass sie eben nicht mit Milch gefüllt sind, sondern mit exakt vier Gramm gemahlenem Kaffee.

Der Container, und da fängt das eigentliche Problem schon an, ist genormt. Er passt nur in die dafür vorgesehene Öffnung der Kaffeemaschine, wenn er von der Firma mit dem „N’ vor dem Espresso ist. Markendiktatur eben.

Der Kaffee schmeckt vorzüglich, keine Frage. Wahlweise brüht die Maschine auch Espresso. Ist die erste Tasse durch, fällt der leere Mini-Container in einen dafür vorgesehenen Behälter. Haben sich zehn leere Döschen angesammelt, ist der Behälter voll. Kein Problem, könnte man meinen, einfach in den Trennmüll damit und fertig.

Aber Trennmüll geht eigentlich gar nicht. Es ist ja nicht nur das Aluminium, das entsorgt werden muss. Im Container bleiben ja auch Altreste vom Kaffee zurück. „Kein Problem“, sagt die Firma mit dem „N“ vor dem Espresso, „bringen Sie uns einfach Ihren gebrauchten Container zurück. Wir machen den Rest“. (Mehr dazu in der Kommentarbox).

Auf diese Weise würden 75 Prozent aller Kaffee-Kapseln recycelt, heißt es auf der Homepage der Firma. Dass bei der Abfall-Rückgabe in den meisten Fällen ein Neukauf fällig wird, verschweigt die Firma. Wer an einem Samstagmorgen in einer „N“-Boutique anstehen muss, wird Zeuge dieser eigentlich genialen Marketing-Strategie.

Kaffee kaufen bei der Firma „N“ ist mehr als eine Pflichtübung. Es ist ein Lifestyle-Experiment. Hübsche Männer und Frauen in Designerklamotten erwarten dich im perfekten Ambiente. Sie beraten dich, bedienen dich, verführen dich. Hast du dann einen Kauf getätigt und aus dem Sortiment von 14 Kaffee- und Espressosorten gewählt, nehmen sie dich hinter die Absperrung mit der Samtkordel und laden dich zum – richtig! – Kaffee ein.

Umsonst. Oder doch nicht? Schließlich hast du ja vor dem Probieren schon Kaffee gekauft. Und der kostet ungefähr das Vierfache dessen, was die Packung Kaffee im Supermarkt kostet. Markendiktatur hat eben ihren Preis.

Trotz aller Bedenken ist der Suchtfaktor hoch. Gut möglich, dass schon bald nach der Heimkehr nach Montréal die Kaffeemaschine mit dem „N’ vor dem Espresso in der Wohnung steht.

Paradies für Internet-Junkies

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Der Schildkrötenbrunnen in Palma, genau gegenüber der Bar Bosch, ist der perfekte Platz, um Menschen der unterschiedlichsten Art zu beobachten: Geschäftsleute, die auf dem Weg zum Deal noch kurz eine Verschnaufpause einlegen. Besorgte Väter, die ihren Kindern vor dem Gang zum Strand noch eine Fingerkuppe Sonnencreme auftragen. Frauen mit ZARA-Tüten und Jungs mit Messi-Trikots. Vor allem aber trifft man am Font de les Tortugues Touristen, die dort ihre Smartphones checken.

Nicht nur dort. Der Platz um den Brunnen ist nur einer von ca. 100 Wlan-Hotspots der Stadt Palma. Eine halbe Stunde lang kann dort jeder seine Mails checken, skypen, oder einfach nur surfen – kostenlos.

Weil auch eine so internetfreundliche Stadt wie Palma über kein unbegrenztes Datenkontigent verfügt, muss der Onlinejunkie nach genau 30 Minuten vom Tropf. Danach darf er sich erneut einloggen. Das Procedere ist ganz einfach: Den WiFi-Spot bestätigen – und schon bist du drin.

Ein tolles, nutzerfreundliches System, wie ich finde. Eines, das sich viele Städte, die es sich besser leisten könnten als Palma, trotzdem nicht leisten. Ein bisschen wie San Francisco am Mittelmeer. Die kalifornische Metropole hat sich fest vorgenommen, die Innenstadt komplett mit Hotspots zu überziehen. Hallo, Montréal? Herhören, Köln!

Natürlich gibt es in wohl jeder größeren Stadt der Welt Gratis-Wlan-Hotspots. Aber das sind dann fast immer Cafés oder Kneipen, die ihre Zielgruppe im Auge behalten: Meist jugendliche Surfer, die auffallend oft ihre Facebook-Seite geöffnet haben, wenn man ihnen mal versehentlich über die Schulter guckt.

Auch in Palma gibt es viele Cafés und Bars, auch Kultureinrichtungen, die ein kostenloses Wlan-System anbieten. Aber hier hat eben auch das offizielle Mallorca ein Herz für Surfer. Und wenn’s dann doch mal kein WiFi gibt, findet sich für ein Lächeln oder auch einen kleinen Tipp bestimmt eine Kellnerin, die zusammen mit dem Cortado auch die passwortgeschützten Zugangsdaten des Hauses serviert. Café mit Netz gefällig?

Wieder ein Grund mehr, nach Mallorca zu kommen.