Keine Angst vor langen Strecken

Sind wir bald da? Nein, sind wir nicht. Von riesigen Entfernungen lässt sich der Kanadier nicht so leicht abschrecken. Wer in einem Land lebt, das 40 mal so groß ist wie Deutschland, tut gut daran, sein Verhältnis zu langen Strecken zu überdenken. Als wir uns jetzt mit sieben Nachbarn in einem Restaurant trafen, hatte jeder von uns einen Anfahrtsweg von zwei Stunden hinter sich.

Gewöhnlich sehe ich meine Nachbarn beim Rasenmähen oder auf dem Weg zum Briefkasten. Allenfalls noch bei einer Grillparty, wenn irgendwo im Viertel ein neuer Pool eingeweiht wird. Eigentlich schade. Einige unserer Nachbarn sind richtig nett. Doch besonders jetzt, im Spätherbst und im Winter, igelt sich jeder langsam ein. Die ohnehin schon spärlichen Begegnungen werden noch weniger.

Einer von uns hatte jetzt die Idee: Wir treffen uns beim Thailänder. Da saßen wir also gestern Abend an einem wunderbar gedeckten Tisch im „PayaThai“ an der Rue Laurier, im östlichen Teil von Montréal. Neun Nachbarn, die kaum einen Steinwurf voneinander entfernt wohnen. Ein schöner Abend. Aber auch ganz schön aufwendig. Und leider so gar nicht umweltfreundlich, zumal Carpooling nicht möglich war.

Als ich noch in Winnipeg (Manitoba) wohnte, hatte ich eine Freundin im 1300 Kilometer entfernten Calgary (Alberta). Das entspricht der Strecke von Stuttgart nach Neapel. Diesen Weg habe ich eine Zeitlang jedes Wochenende zurück gelegt. Mit dem Auto. Und wieder zurück. „Life is a Highway“, singt Tom Cochrane. Er ist Kanadier.

Da saßen wir als nun. Neun Nachbarn. Aßen Pad Thai und Ente in grünem Curry und erzählten uns von der Überwindung des Raumes. John war gerade aus Vancouver eingeflogen. 3700 Kilometer. Mit dabei: Seine Schwiegermutter. Sie ist 93 und kam gerade aus Budapest zurück. Entfernungen? Welche Entfernungen?

Bei solchen Distanzen verschlägt es manchen europäischen Besuchern den Atem. Die meisten Kanadier, die ich kenne, lassen sich davon nicht beirren.

Scott, ein anderer Nachbar, fährt übermorgen mal kurz nach Toronto. 600 Kilometer. Ein Weg.

Und John, der eben erst von Vancouver eingeflogen war? Ist heute früh kurz mal von Montréal nach New York City gefahren. 600 Kilometer. Zu einem Footballspiel. Mit dem Auto. Wollte unbedingt die New York Jets spielen sehen. John, by the way, wird nächstes Jahr 80.

„Entfernungen sind bedeutungslos“, sagt der Volksmund. „Sich nahe zu sein, ist eine Sache des Herzens“. Oder auch eine Sache des Football-Clubs.

Wie tickt eigentlich der Kanadier?

Der Kanadier, das unbekannte Wesen: Mehr als 30 Jahre lebe ich nun schon in diesem Land. Und noch immer stehe ich manchmal ratlos vor der Frage: Wie tickt er eigentlich, der Kanadier? Dabei ist die Antwort relativ simpel: Er tickt wie wir. Nur anders. Ein Quickscan der Psyche eines sympathischen Volkes.

Kanadier sind freundlich, höflich, brav, hilfsbereit, familienorientiert und packen gerne selbst mit an, damit sie es nett haben. Baumärkte sind hier so überlaufen wie anderswo Fußball-Arenen. Dabei ist die Do-it-yourself-Kultur nicht immer nur Hobby. Oft ist es auch ein Ausweg aus der prekären Finanzlage, in der sich vor allem junge Familien befinden.

Die Bezahlung ist in manchen Firmen miserabel. Die Arbeitsbedingungen sind, im Vergleich zu Deutschland, suboptimal. Zwei Wochen Jahresurlaub sind für Anfänger die Regel. Wer vier Wochen bezahlten Urlaub hat, muss lange, sehr lange im Geschäft sein. Alles in allem hat das soziale Netz hier mehr Löcher als die Straße vor unserem Haus. Und das will etwas heißen.

Klimarestistent

Der geduldige Kanadier: Politisch und klimatisch leidensfähig bis zur Selbstaufgabe. Konfliktscheu. Abwägend. Ja nicht auffallen. Und wenn, dann nur positiv. Gegen Atomkraft demonstrieren? Nein Danke. Ein Jahr auf eine Krebsbehandlung warten? Schlimm. Aber der Staat tut sein Bestes. Gerade dieses „Er tut sein Bestes“ habe ich hassen gelernt. In diesem Fall, wenn es um die Vorsorge für Kranke und Alte geht, tut der Staat eben nicht sein Bestes. So einfach ist das.

Der freundliche Kanadier: Man kommt schnell mit ihm in Kontakt. Aber dabei bleibt es dann auch meistens. Tiefe Freundschaften entstehen nun mal nicht zwischen Fingerfood und Eishockey. Eine gepflegte Streitkultur erlebe ich hier nur selten. Politischen Diskussionen mit Nachbarn und Bekannten mangelt es an Biss. Man könnte auch sagen: an Offenheit. Wer tritt denn dem anderen schon gerne auf die Zehen?

Der übereifrige Kanadier: Gestern Abend im Französisch. Eine aus der Gruppe erzählt, sie sei total geschafft. Habe das ganze Wochenende über den Weihnachtsbaum geschmückt, Geschenke verpackt und Fudge-Bonbons gerührt. Damit sei sie um einiges schneller als ihre Schwägerin. Hallo? Weihnachten ist in sechseinhalb Wochen. Kann Santa Claus nicht warten?

Der konservative Kanadier: Du bist fest entschlossen, dein Haus im Nobelvorort zu verkaufen und in ein Fabrikloft im Szenenviertel zu ziehen. Typische Reaktion der meisten Kanadier, die ich kenne: Schulterzucken. Rätselraten. Besorgter Blick. Ihr habt doch alles, was ihr braucht. Warum denn um Gottes Willen nach St. Henri?

Der Do-it-yourself-Kanadier

Charakterisierungen eines ganzen Volkes sind eine gefährliche Sache. Deshalb soll ihnen an dieser Stelle auch nicht allzu viel Bedeutung zugemessen werden. Aber ein Gradmesser dafür, wie die Menge hier tickt, sind sie schon. Unfair wäre es allerdings, Frankokanadier und den Rest der Bevölkerung über einen Kamm zu scheren. Hier in Québec ticken nicht nur die Uhren anders. Auch die Menschen. Zu vielen Tugenden, die auch auf englischsprachige Kanadier passen, kommt in diesem Teil des Landes eine hinzu, ohne die ich nicht hier wäre: Lebensfreude. Die meisten Frankokanadier, die ich kenne, kochen gut, essen gern, trinken viel, feiern oft und ausgiebig.

Passt doch: Das französische Joie de vivre und der American Way of Life als Lebenskonzept. Eine Mischung, die schwer zu toppen ist.

Interessant, übrigens, wie Kanadier uns Deutsche sehen: Arbeitsam. Reinlich. Gebildet. Eingebildet. Besserwisserisch. Besserwissend. Griesgrämig. Humorlos. Stylisch. Zuverlässig. Rührig. Erfolgreich. Schnell.

Vor allem auf der Autobahn, auf der jeder Deutsche in Lederhosen mit dem Porsche nach dem Rammstein-Konzert beim Oktoberfest mit Bierkrug und Bratwurst in der Hand via Heidelberg direkt nach Neuschwanstein fährt.

Flug-Bekanntschaft mit Folgen

Bekanntschaften im Flugzeug sind eine heikle Sache. Besonders auf Fernflügen. Sprichst du den Passagier neben dir an, gibt es kein Zurück mehr. Unter Umständen sitzt dir dein Nebenmann acht Stunden auf der Pelle und du möchtest nur noch Hilfe schreien. Diesmal hatte ich Glück. Aber es gab auch schon andere Begegnungen.

Ein Paar aus dem Schwäbischen saß neben mir auf dem Rückflug von Frankfurt nach Montréal. Und noch ein Paar an der anderen Fensterfront. Geschwister mit ihren jeweiligen Partnern. Gut, dass ich sie angesprochen hatte. Es war die netteste Begegnung seit langem.

Man plappert schon mal gerne, wenn der Tag lang ist und der Flug langweilig. Manchmal erkennt man nach den ersten drei Sätzen, dass man sich vertan hat. Das Gegenüber ist ein aufgeblasener Pinkel. Oder ein Vielschwätzer. Oder beides. Mit so einem Mitflieger hatte ich es neulich auch mal zu tun.

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Als ich irgendwann eingenickt war und mich wohl versehentlich zwei Millimeter zu weit auf seine Seite gebeugt hatte, wurde er schroff: „Ich möchte Sie bitten“, sagte mein Nebensitzer allen Ernstes, „nicht mehr meinen Körper zu berühren“. Ganz genau so hat er es gesagt. Nur auf Englisch. Natürlich machte ich von jetzt an alle Anstrengungen der Welt, den Körper dieses Mannes nicht mehr zu berühren. Wobei ich ohnehin nicht der Typ bin, der gerne Männerkörper berührt. In einer Konservendose auf Körperberührungen achten zu müssen, kann anstrengend sein.

Dann war da noch der Mann, der beinahe ausgerastet ist, weil die Bordansage des Air Canada-Flugs nur auf Englisch und nicht in beiden kanadischen Landessprachen erfolgte, also auch auf Französisch. Dummerweise ließ ich mich mit ihm auf eine Diskussion über das Thema Separatismus in der frankokanadischen Provinz Québec ein. Eine der Todsünden, die man in diesem Teil Kanadas auf alle Fälle vermeiden sollte.

Der Wortwechsel drohte zu eskalieren. Irgendwann bat der Passagier die Stewardess, ob sie ihm bitte einen anderen Sitz im Flieger zuweisen konnte. Das konnte sie aber nicht, weil die Maschine ausgebucht war. Dem Biorhythmus zwischen meinem Nebensitzer und mir schadete allein schon dessen Drohung, von meiner Seite weichen zu wollen. Bis zur Ankunft in Montréal herrschte Eisesstille zwischen uns.

Und jetzt also zwei Pärchen aus dem Schwäbischen. Geschäftsleute. Klug, bodenständig, liebenswert. Viel zu erzählen. Interessiert und interessant. Ein Volltreffer in Sachen Passagier-Besetzung. So harmonisch verlief unser Flugtalk, dass wir uns gestern alle zusammen in Montréal beim Italiener trafen. Und über Fluggäste aller Art sprachen. Auch meine Nebensitzer aus Rottweil hatten da schon ihre Erfahrungen gemacht. Solche und solche. So saß neben einem meiner neuen Freunde ein jüdischer Herr im Flugzeug, der stundenlang „schockelte“. Dieses Vor- und Zurückwippen während des Gebets machte ihn total nervös. Dass dieses Schaukeln zum Ritual orthodoxer Juden gehört, erklärt zwar den Bewegungsablauf,. Aber das macht es auch nicht einfacher, bei so viel Unruhe die Contenance zu bewahren.

Bei dem gemeinsamen Flug mit den Schwaben neulich wurde weder geschockelt, noch politisiert. Nur erzählt und zugehört. Es war die beste Begegnung im Flieger seit langem. Darauf stießen wir jetzt an.

Prost, Rolf und Swetlana! Zum Wohl, Achim und Erika! Mit solchen Nebensitzern würde ich glatt um die Welt fliegen.

Der letzte Flug des alten Käpt’n


Ich kenne Käpt’n Mulcair nicht. Ich weiß nur, dass er heute einen der bewegendsten Momente seines Lebens gehabt haben muss. Der Flug, der mich vor ein paar Stunden sicher von Frankfurt nach Montréal gebracht hat, war der letzte Flug, den Käpt’n Mulcair im Cockpit zurückgelegt hat. In der Bordansage hieß es kurz vor der Landung: Kapitän Mulcair habe das Ende des Regenbogens erreicht. Jetzt gehe er in den Ruhestand. Nach 36 Jahren.

Gewöhnlich kommt mir diese Klatscherei nach der Landung immer ziemlich albern vor. Heute habe ich mit applaudiert. Ein Mann wie Käpt’n Mulcair hat unseren Beifall verdient, finde ich. Jahraus, jahrein Zigtausende von Menschen sicher ans Ziel gebracht zu haben – das ist eine stolze Leistung. Air Canada dachte wohl auch so.

Zum Abschied: Spritzenmänner und Blaulicht

Bei der Landung der Boeing 777 warteten am Gate mehrere Feuerwehrautos auf uns. Wasserfontänen wurden in die Luft gejagt, das Rollfeld glänzte wie frisch gewienert. Das Blaulicht der Feuerwehrautos spiegelte sich in den Pfützen. So sieht also das Ende einer Fliegerlaufbahn aus: Spritzenmänner und Blaulicht für Spitzenmänner.

... und dann mal tschüss! - Foto: 1pilot_1voice

Was der Kapitän in diesen 36 Jahren wohl so alles erlebt hat? geht es mir bei der Landung durch den Kopf. Abenteuerliche Notlandung im Nil-Delta hingelegt? Entführungsversuch über Simbabwe abgewehrt? Zehntausend Meter über Bora Bora bei einer Kindsgeburt an Bord mitgeholfen? Einer ängstlichen alten Frau über Madagaskar das Händchen gehalten, als er seinen Routinegang durch die Maschine machte? Keine Ahnung. Der Gedanke, heute mit so einem erfahrenen Mann am Steuerknüppel um die halbe Welt geflogen zu sein, hat jedenfalls etwas Beruhigendes.

Seitenwind – und vielleicht auch ein paar Tränen

Die Flugkritik kommt ganz zum Schluss. „Beim Aufsetzen hat er aber heftig mit Seitenwind gekämpft“, versucht ein Passagier am Gepäckkarussell einem Mitreisenden die nicht ganz butterweiche Landung zu verklickern.

Ich glaube: Käpt’n Mulcair hat auf seinem letzten Flug nicht nur mit Seitenwind gekämpft. Vielleicht auch mit ein paar Tränen.

Später habe ich Kapitän Mulcair übrigens noch gesehen. Er kam fast zeitgleich mit mir aus der Zollkontrolle. Eine ältere Dame wartete auf ihn mit einem Blumenstrauß. Ich vermute mal, es war seine Frau. Ich befürchte, Mrs. Mulcair, wenn es sie denn gibt, dürfte es künftig nicht ganz leicht haben, Mr. Mulcair, Flugkapitän im Ruhestand, die Langeweile zu vertreiben.

Was er wohl macht, jetzt, da er nicht mehr im Cockpit sitzt? Ich tippe auf Modelleisenbahn.

Die Untergrund-City von Montréal

Wenn ich auf Reisen bin, kann ich leider nicht täglich bloggen. Deshalb der Griff ins Archiv. Hier finden Sie von Zeit zu Zeit die Textversion meiner Hörfunk-Reportagen. Die Manuskripte wurden nicht aktualisiert!

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MONTRÈAL / QUÈBEC

Der U-Bahnhof “McGill-Station” ist mehr als nur irgendeine Haltestelle. Wer hier aussteigt, befindet sich in den Eingeweiden einer ungewöhnlichen Stadt unter der Stadt: Es ist die Montrealer Underground-City, die „Ville Souterraine”, wie die Frankokanadier sagen.

Hier unten, fünfzehn Meter unter der Erde, herrscht das ganze Jahr über eine fünfte Jahreszeit, die es eigentlich gar nicht gibt: Unter den Wolkenkratzern der Dreieinhalb-Millionenstadt verläuft ein künstliches Wegnetz von rund 30 Kilometer Länge. Es ist ein gigantisches Zivilisations-Biotop in wetterfester Umgebung.

Zunächst waren es nur Verbindungs-Korridore zwischen den U-Bahnhöfen und den Bürogebäuden der City. Nach und nach entwickelte sich eine eigenständige Stadt unter der Stadt. Es gibt Montrealer, die tagelang keine Frischluft genießen. Vom Apartment aus bringt sie der Fahrstuhl zur U-Bahnhaltestelle. Von dort aus geht’s ins Buero, ins Kino oder in die Kneipe.

Sie gehen unterirdisch einkaufen,  zum Friseur und in die Videothek. Konzertsäle und Kinos, Discos und Krankenstationen – alles liegt in Montreal unter der Erde. Sieben Hotels mit über viertausend Zimmern sind mit der “Ville Souterraine” vernetzt.

Selbst der liebe Gott ist vom Keller aus zu erreichen. Ein Teil der “Christ Church Cathedral” ist mit der Underground-City verbunden. Jeden Mittag spielt dort ein Organist.

In der “Tunnel-Bar” treffen sich die Maulwürfe zum Bier. Anna, die Barfrau, verbringt sechs Tage in der Woche im Keller.  In der Tiki-Boutique gegenüber verkauft Sascha das ganze Jahr über Sommerkleidung. Am gemütlichsten, sagt Sascha, sei es in der Underground-City mitten im Winter. Wenn das Thermometer draußen auf minus 30 Grad sinkt, kann man hier unten Sommer spielen.                         (Sendung vom 17-5-2001)