Heute hauen wir auf die Pauke

Um das Gras wachsen zu hören, kommt man nicht hier her. Dafür ist es zu laut. Wem aber nach Gras zumute ist, das nicht an jeder Ecke wächst, ist hier richtig. Beim „TamTam“ drückt selbst die Montréaler Polizei ein Auge zu.

Jeden Sonntag jammen am Fuß des Mont-Royal Bongospieler, Saxplayer und Waschbrettartisten – manchmal sogar mit dem gleichnamigen Bauch dazu. Ob mit oder ohne Instrument, kopfstehend oder hulahoopend – egal. Selbst Twist and Shout ist hier erlaubt. Eine Gruppe von Potheads und anderen Spaßvögeln hatte 1978 mit den Jamsessions begonnen. Seither ist das sonntägliche Happening Kult in Montréal. Selbst der Michelin-Reiseführer kam nicht umhin, das schräge Treiben am Fuß des Berges aufzulisten.

Finanzbeamte und Späthippies, Studentinnen und Mamis mit und ohne Kinder – hier darf jeder mal ausflippen. Und weil Trommeln nun mal zum Handwerk gehört, fingen vor ein paar Jahren pfiffige Verkäufer damit an, auf einem Nebenschauplatz Batikshirts, Haschischpfeifen, Seidentücher und Gehäkeltes zu verkaufen.

Die Räucherstäbchen und Peace-Ketten passen zum Datum: Dieser 11. September 2011 steht für den Frieden. Wie die Stimmung am George-Étienne-Cartier-Monument war, erfahren Sie mit ein paar Mausklicks.

          Kurzes Video von gestern Nachmittag

   

Erinnerungen an 9/11: „Ich will meinen Papa finden!“

Wand der Tränen: Tausende von Vermissten-Fotos Alle Fotos © Herbert Bopp

Manchmal glaube ich ihn noch immer zu spüren, diesen beißenden Trümmerstaub, der sich tagelang wie ein riesiges Leichentuch über Manhattan gelegt hatte. Dann kommen wieder Bilder hoch und Szenen, die mich wohl ein Leben lang wie ein Schatten begleiten werden. Bilder aus New York. Bilder vom September 2001.

New York trug Trauer

Es sind Bilder der Zerstörung und Szenen der Trauer. Wie der Bub, der mich an der Tränenmauer mit all den Fotos von Vermissten, am Ärmel zupft und fragt, ob ich ihn mit nach Ground Zero nehme. „Wenn Sie von der Presse sind“, sagt er, „dürfen Sie doch überall rein.“ Und dann: „Ich will doch meinen Papa finden!“ Dass ich drei Tage nach dem 11. September 2001 im Chaos von Manhattan stehe und nicht gemütlich in meinem Haus in Kanada sitze, geht auf das Konto von Al Kaida. Der Luftraum über New York war nach den Terroranschlägen aus Sicherheitsgründen geschlossen. Journalisten aus Übersee konnten nicht einfliegen. Ich lebte schon damals in Montréal, ein paar Bahnstunden von New York City entfernt.

Als WDR-Reporter zum Einsatz in Manhattan

Die WDR-Internetredaktion hatte mich in die USA geschickt, um ein „New Yorker Tagebuch“ zu schreiben. Als Kanada-Korrespondent gab es wenig, das ich noch nicht abgedeckt hatte: Von Flugzeug-Katastrophen über Umweltdesaster bis zu Abenteuerreisen durch Alaska. 9/11 war für mich der erste Einsatz in Manhattan. Und wie so oft lagen auch hier Freud und Leid nahe beieinander. Die Terror-Attacken wurden auch für mich zur menschlichen Katastrophe. Sie sollten aber auch zur Krönung meiner journalistischen Laufbahn werden: Das „New Yorker Tagebuch“ ist 2002 in Berlin mit dem New Media Award ausgezeichnet worden.

Eine zehntägige Achterbahn der Gefühle

Bei der Ankunft in New York hatte ich Tränen in den Augen, nicht nur wegen der toxischen Luft. Es war, als liege diese einzigartige Stadt mit ihren gefällten Türmen jetzt plötzlich schwer verwundet am Boden. Es sollte eine zehntägige Achterbahn der Gefühle werden, die ich bis heute nicht ausblenden kann. Da war die Polizistin. Schluchzend wie ein kleines Mädchen, saß sie in ihrem Streifenwagen. In Uniform und in der taffsten Stadt der Welt. Da war die kleine Gruppe dunkelhäutiger Menschen am Union Square, mit Transparenten: „Nicht alle Araber sind Mörder!“. Sie sangen „Give peace a chance“.

Da war mein russischer Taxifahrer. Er konnte sich auf der Fahrt durch Manhattan nur mit Mühe am Lenkrad festhalten, als er im Autoradio von einem Fahrradkurier hörte, der eben in den Trümmern gefunden wurde. „Es ist mein Kumpel“, weinte der Mann. „Ich weiß es. Er hatte am Morgen des 11. September noch eine Lieferung ins World Trade Center“.

Eine verzweifelte Frau: „Jetzt sterben schon die Helden!“

Helden-Verehrung

Und dann war da die Frau, die fassungslos aus dem Polizeiauto strauchelt. Eben hat sie erfahren, dass ihr Bruder Joseph in den Trümmern gefunden wurde. „Er war doch ein Feuerwehrmann, Herrgott nochmal!“, schrie sie in den New Yorker Morgen. „Jetzt sterben schon die Helden.“ Einen Helden kannte um diese Zeit übrigens jeder New Yorker. Oder er war einer. Oder er wäre gerne einer gewesen. „Heroes“, das waren die Polizisten, die im 24-Stunden-Einsatz den chaotischen Verkehr rund um Ground Zero regelten. Die Krankenwagenfahrer, die Blutspender, die freiwilligen Helfer. Selbst die Donut-Verkäufer, die vor dem Einsturz der Twin Towers noch rechtzeitig ihre Backwaren in Sicherheit bringen konnten, galten zu diesen unwirklichen Zeiten noch als Helden. Und natürlich war ein Feuerwehrmann wie Joseph ein Held. „A fallen hero“ sogar. Höher als tote Helden geht nicht auf der Heldenskala.

New York nach dem 11. September: Milder, sanfter, gnädiger

Trauern und suchen

Das New York, das ich nach dem 11. September 2001 vorgefunden hatte, war – was sonst?  – ein anderes New York als das, was ich von früheren Besuchen her kannte. Es fehlten jetzt nicht nur die beiden Türme, die mir manchmal wie Stinkefinger vorkamen, die New York-Besuchern schon von weitem zeigen wollten, wo Barthel den Most holt. Es fehlte so kurz nach den Terroranschlägen auch der oft ruppige Umgang der New Yorker untereinander, für den sie ja bekannt sind. Der Big Apple schmeckte irgendwie süßer.

Ein Jahr später: Genug getrauert

Genau ein Jahr später, am 11. September 2002, bin ich wieder nach New York gereist. Es war eine Revival-Tour, wieder für den WDR: Gleiche Bahnfahrt, gleiches Hotel, oft sogar die gleichen Interviewpartner wie ein Jahr zuvor. Aber die Stimmung war nicht mehr dieselbe. Ruppiger, unsanfter. Lauter. Aber irgendwo auch ehrlicher. Im Katastrophentummel lächelt man schon mal eine Runde zu viel, um gute Miene zum teuflischen Spiel zu machen. Ein Jahr später war so manchem New Yorker das Lächeln wieder aus dem Gesicht gefallen. Aber zur Trauer reichte es auch nicht mehr ganz. New York war wieder New York.

>>>   NEW YORKER TAGEBUCH NACH DEM 11. SEPTEMBER 2001 <<<

>>>   NEW YORK EIN JAHR NACH DEN TERRORANSCHLÄGEN   <<<

Mein 9/11 in New York City

Es sind Tage und Nächte, die mich für den Rest meines Lebens geprägt haben: Kurz nach den Terroranschlägen auf das World Trade Centre war ich als Reporter für wdr.de in New York City. Nach dem Relaunch der WDR-Internetseiten ist das „New Yorker Tagebuch“ ab sofort wieder online.

Was nun: Deutsch oder Kanadier?

Zeit für ein Geständnis: Ich bin Kanadier. Und Deutscher. Zwei Staatsbürgerschaften, zwei Pässe. Und nach 30 Jahren immer noch zwei Herzen, die in einer Brust schlagen. Wie fühlt sich das eigentlich an, wenn man in Kanada zu-Hause ist, aber in Deutschland da-Heim? Wenn ich das nur wüsste.

Zu-Hause bin ich in Kanada, weil hier mein Haus steht. Da-Heim bin ich in Deutschland, weil es für mich Heimat ist. Steige ich in Frankfurt aus dem Flieger, kommt sofort dieses Hier-gehörst-du-hin-egal-was-kommt-Gefühl auf. Das hat weniger mit Sprache, Menschen oder Gerüchen zu tun. Die unterscheiden sich im Frankfurter Flughafen ohnehin kaum von denen in Barcelona, Toronto oder Buenos Aires. Es ist ein Bauchgefühl. Und weil mein Bauch ziemlich groß ist, ist es ein ziemlich großes Gefühl.

Wo man zu-Hause ist, muss man nicht auch da-Heim sein

Da-Heim: Ummendorf

Obwohl ich mittlerweile länger im Ausland lebe als in Deutschland, könnte ich nicht behaupten, dass ich dieses Hier-gehörst-du-hin-egal-was-kommt-Gefühl auch bei der Rückkehr nach Montréal empfinde. Trotzdem freue ich mich jedesmal, wenn ich wieder zu-Hause bin. Sehr sogar. Aber da-Heim ist irgendwie schöner. Ein Dilemma, also. Manchmal machen mich diese beiden Herzen in meiner Brust traurig und ich würde gerne eines davon an der Garderobe abgeben. Aber welches? Und an welcher Garderobe?

Und immer wieder die Frage: „Was sind wir denn heute?“

Zu-Hause: Montréal

Mein bester Freund hier in Kanada, ein deutscher Kollege ohne kanadischen Pass, der leider viel zu früh verstorben ist, pflegte seine Telefonate mit mir stets mit der Frage einzuleiten: “Was sind wir denn heute?” Ob ich mich in diesem Moment als Kanadier oder Deutscher fühlte, hing oft von der Tagestemperatur ab, oder von der Zahl der Moskitostiche, die ich abbekommen hatte. Oder auch davon, was ich gerade in der Zeitung gelesen hatte. War etwa die Rede davon, dass Kanada ein 30 Jahre altes Kernkraftwerk für zwei Milliarden Dollar auf Vordermann bringen werde, hätte ich meinen kanadischen Pass am liebsten geschreddert. Als einer, der Anti-AKW-Menschenketten nicht vom Hörensagen kennt, sondern dabei war, schämte ich mich sogar ein bisschen für meine kanadischen Landsleute. Und damit für mich. Und hoffte inbrünstig, dass meine deutschen Freunde einen publizierten Schwachsinn wie diesen nicht zu Gesicht bekommen. Sie könnten ja denken, ich sei im rückschrittlichsten Land der Welt gelandet, gleich hinter Syrien.

Ich würde mich gerne aus diesem Wir-Gefühl ausklinken

Ich will nicht wir sein

Umgekehrt zielt das Fremdschämen natürlich auch in die Gegenrichtung. Als die Headline “Wir sind Papst” auch in kanadischen Zeitungen die Runde machte, hätte ich mich ob so viel Wir-Gefühl gerne ausgeklinkt. Ich will nämlich gar nicht Papst sein. Als Auslandsdeutscher ist man  gut beraten, Fingerspitzengefühl im Umgang mit der Gastgeber-Nation walten zu lassen. Das fällt nicht immer ganz leicht. Ein deutscher Kollege charakterisierte im Kreis kanadischer Journalisten den Deutschen an sich einmal so: “Besserwisser und besserwissend”. Das war mir peinlich.

„… und Deutschen, die im Ausland sind“

Doch die Nabelschau kann auch in die andere Richtung gehen. Auf der Toilette des Deutschen Klubs von Winnipeg habe ich gleich zu Beginn meiner Kanada-Zeit ein Graffito gelesen, das mir seither nicht mehr aus dem Kopf will: “Gott schütze mich vor Sturm und Wind und Deutschen, die im Ausland sind.” Und da wir gerade am Zitieren sind: Ich glaube, es war Franz-Josef Degenhardt. Er hat den Zwiespalt, mit dem viele Auslandsdeutsche leben müssen, ganz gut auf den Punkt gebracht hat. In einer seiner Balladen kommt der Satz vor: “Hier bin ich am liebsten. Aber noch lieber wäre ich hier.”

Da wären wir wieder bei den zwei Herzen.

Heute treiben wir es auf die Spitze

Viele Wege führen nach Montréal. Einer der schönsten kommt von oben. Vom Gipfel des Mont Royal aus führen zivilisierte Spazierwege in die Stadt zurück. Wer das kleine Abenteuer liebt, kann auch abseits der bekannten Pfade in Richtung Innenstadt zurück wandern, durchs Gestrüpp oder über felsiges Gelände. Diese Variante haben wir diese Woche gewählt.

Pioniere waren wir leider nicht. Jacques Cartier war schon vor uns da. Der französische Entdecker Kanadas wagte die Wanderung über den Hausberg von Montréal bereits im Jahr 1535. Besonders hoch ist der Mont Royal übrigens nicht, gerade mal 201 Meter. Trotzdem lohnt es sich, über diesen erloschenen Vulkan zu spazieren.

Kleiner Touri-Tipp: Der Gipfel ist leicht mit dem Auto zu erreichen. Oder per Bus. Parkplätze gibt es jede Menge. Von der Stadt aus fährt der Bus wieder zurück zum Ausgangspunkt. Der Elfer fährt allerdings nur von der Rue Mont Royal aus ab, und auch das nur spärlich. Aber die Warterei ist nicht schlimm. Die „Mount Royal Street“ gehört zu den trendigsten in Montréal.

Der Berg ist Teil des Parc du Mont-Royal, der Grünen Lunge der Stadt. Angelegt worden ist er 1876 nach den Plänen von Frederick Law Olmsted. Klingt bekannt? Stimmt: Von Olmsted stammen auch die Pläne für den Central Park in New York.

Eines der Highlights der kleinen Wanderung über den Mont Royal kommt gleich zu Beginn: Die Aussichtsplattform mit einem prächtigen Pavillon. Von dort aus ist fast die gesamte Innenstadt zu sehen. Ein paar hundert Meter weiter links dann der zweite Höhepunkt: Ein 31.4 Meter hohes Kreuz, das sich von so ziemlich jedem Punkt des östlichen Montréals aus aufbäumt. Das stählerne Kreuz wurde vor 87 Jahren gebaut und ist nachts weiß beleuchtet. Meistens.

Alle paar Jahre, es können auch Jahrzehnte werden, kommt es vor, dass die Farben wechseln. Stirbt nämlich ein Papst, wird sofort auf Violett geschaltet. Aber nur so lange noch kein Nachfolger gewählt ist. Raucht’s im Vatikan und der neue Pontifex steht fest, wird auch in Montréal der Schalter wieder auf Weiß umgelegt. Bei der letzten Papstwahl gab’s allerdings eine kleine Panne. So viele der violetten Glühbirnen waren ausgebrannt, dass es mehrere Tage und Nächte dauerte, bis sie endlich ausgewechselt waren.                                                         dDaniel CDaniel Choinièrehoinière