100 Mal Deutschland und zurück

Ich reise gern. Aber ich hasse fliegen. Der Weg ist längst nicht mehr mein Ziel. Seit meiner Auswanderung nach Kanada bin ich mehr als 100 Mal über den Atlantik geflogen. Und 100 Mal wieder zurück. Heute Abend werde ich wieder im Flieger sitzen. Bilanz nach gut 1.2 Millionen Flugkilometern: Die Sitze werden enger. Die Passagiere dicker. Das Essen schlechter.

75 Tage – zweieinhalb Monate meines Lebens habe ich allein in Flugzeugen zwischen Kanada und Deutschland vebracht. Dazu kommen Reisen nach Südamerika, Australien und andere Teile der Welt. Dabei herrschte nicht immer pure Langeweile.

Aufregung gab es auf einem Flug von Montréal nach Havanna. Die Broschüre mit den Sicherheitsbestimmungen der kubanischen Airline war von Hand geschrieben, der Text hektographiert. Wie die Einladungen, die mir mein Vater für Kindergeburtstage vervielfältigt hat. Alles nicht besonders vertrauenserweckend in einer Maschine, die aussah, als hätte sie schon Kampfeinsätze in Afghanistan hinter sich. Dafür waren die Cocktails umso schöner. Mojito mit Sonnenschirm. Irgendwann kam der Kapitän aus dem Cockpit und grüßte elegant ins Publikum. So sehen Sieger aus. Nachdem der Käpt’n mäßig stürmische Ovationen für gutes Fliegen entgegengenommen hatte, ließ sich auch noch der Co-Pilot von den Passagieren beklatschen. Zu diesem Zeitpunkt wäre ich gerne umgekehrt. Wer die Maschine eigentlich geflogen hat, weiß ich nicht. Ich vermute mal der Flugingenieur. Vielleicht auch der Autopilot. Oder der liebe Gott.

Auf dem Flug in den Norden: Wasser tropft von der Decke

Richtig ungemütlich wurde es auf einem Flug mit Air Creebec nach Waskaganish. Die Maschine war auf dem Weg zur Sub-Arktis fast ausschließlich mit Indianern und Inuit besetzt. Irgendwann verteilte die Stewardess – eine Cree-Indianerin – Küchenrollen. Dann bat sie alle Passagiere aufzustehen und mit den Papierhandtüchern das Wasser aufzufangen, das von der Flugzeugdecke tropfte. Es war weniger schlimm als es aussah: Die Feuchtigkeit war nicht durch die Flugzeugdecke gedrungen. Es handelte sich lediglich um Kondenswasser.

Und dann wäre da noch die Geschichte mit den Tauben: Auf dem Weg von Montréal nach Berlin legte ich einen neunstündigen Zwischenstopp in London ein. Alles passte: Ankunft Heathrow am Morgen. Weiterflug nach Berlin am soäten Abend. Dazwischen englische Freunde besuchen. Nach der Landung in Berlin erkannte ich meinen Koffer nicht wieder. Er war zubetoniert mit Vogelscheiße. Die Briten hatten mein Gepäckstück den ganzen Tag auf dem Rollfeld stehen lassen. Tauben und Möwen benützten meinen Koffer neun Stunden als ihr Privatklo. Noch in der Nacht gab’s eine geharnischte Mail an British Airways. Mit Fotos vom Kackkoffer. Die Airline ließ sich nicht lumpen: Rückflug Erster Klasse von Berlin über London nach Montréal. Lachs statt Tauben.

Zwei-Klassenausflug: Trüffel und Röschen aus der First Class

Richtig unangenehm finde ich es, wenn auf deinem Flieger noch jemand sitzt, den du kennst. Neulich entdeckte ich von der Holzklasse aus einen Bekannten in der First Class. Der Kollege fand den Zwei-Klassen-Ausflug ziemlich lustig und zeigte sich spendabel – auf Kosten der Airline. Er brachte mir Trüffel an meinen Platz, hinten in der Bronx. Lore bekam eine Rose.

In diesem Moment hätte ich dem Kollegen gerne das Fliegen beigebracht.

Tschüss, Tageszeitung!

Lesen Sie überhaupt noch Print? Oder wohnen Sie auch schon im Internet? Eben habe ich das Abo meiner Tageszeitung gekündigt. Nach mehr als 20 Jahren. Ich brauche die „Montreal Gazette“ nicht mehr in der Druckversion. Meine tagesaktuellen Nachrichten beziehe ich aus dem Netz. Und Hintergrund-Berichterstattung war ohnehin nie die Stärke meiner Lokalzeitung.

Dass meine Zeitung von heute auf morgen die Sonntagsausgabe eingestellt hat, trägt auch nicht gerade zu einer harmonischen Leser-Blatt-Beziehung bei. Gleich gar nicht, wenn kurze Zeit danach der Abo-Preis erhöht und nicht etwa gesenkt wird. Mehr Geld für weniger Leistung? Irgendwas stimmt da nicht.

Gestern schon gelesen: Die Nachricht von heute

Das Hauptproblem, das ich mit der Printausgabe meiner Zeitung hatte: 90 Prozent der Nachrichten kannte ich schon aus dem Internet. Entweder von den Webseiten der lokalen Fernseh- und Radiosender. Oder sogar von der Gazette-Plattform selbst.

Eben lese ich im Internet(!): Jeder dritte Montréaler (35 Prozent) denkt offensichtlich genauso. In Deutschland sind es der Zeitungs Marketing Gesellschaft (ZMG) zufolge nur 19 Prozent, die ihre Zeitung ausschließlich online lesen. Ich schätze mal, dieses digitale West-Ost-Gefälle hat damit zu tun, dass viele Blätter in Nordamerika schon sehr früh online an den Start gegangen sind. The Halifax Daily News war bereits 1994 als erste kanadische Tageszeitung mit einer Internet-Ausgabe präsent.

Der Blätterwald möge noch lange rascheln

Von einem überwiegenden Internet-Leseverhalten bei Zeitungen sind wir also noch weit entfernt – und das ist gut so. Ich liebe das Rascheln im Blätterwald noch immer. Und es wird hoffentlich noch lange weitergehen.

Aber es muss ja nicht unbedingt von meiner Gazette kommen.

In elf Jahren zu Fuß um die Welt

Ein Weltreisender ist zurück: Der Montréaler Jean Beliveau hat in elf Jahren 64 Länder durchwandert und dabei 75 000 Kilometer zurückgelegt. Zu Fuß. Frau und Kinder warteten derweil zu Hause geduldig auf den Globetrotter. Wanderer-Witwe Lucie besuchte ihren Mann einmal im Jahr irgendwo auf der Welt.

Der Marsch um den Globus fasziniert nicht nur viele Kanadier. Auch SPIEGEL-Online widmete Jean Beliveau und seinem Welten-Spaziergang jetzt einen langen Beitrag. Dabei erwähnt der Autor etwas, das ich in keiner kanadischen Zeitung gelesen, in keinem Radiobericht gehört und in keinem Fernsehbericht gesehen hatte: Es ging doch nicht alles ganz so glatt wie es die kanadischen Medien hinstellen.

In Algerien musste sich Jean Beliveau einer Prostata-Operation unterziehen. Krankenversichert war der Weltreisende zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr. Deshalb war er auf die Gnade eines algerischen Chirurgen angewiesen, der die OP vornahm. Umsonst.

WorldWideWanderung: Die Route

An Deutschland hat der Montréaler übrigens ganz besonders schöne Erinnerungen. Nicht etwa, weil er dort in einem Knast in Cloppenburg übernachten durfte. Beliveau traf dort nach mehreren Jahren erstmals seinen Sohn und seine Tochter wieder. Außerdem gab es in Hamburg zum ersten Mal eine Begegnung mit seiner Enkeltochter, die in der Zwischenzeit geboren wurde. Mit dem Enkelkind hatte er bis dahin nur via Skype oder am Telefon gesprochen.

Den Deutschland-Teil seiner Wanderung fasste Jean Beliveau damals SPIEGEL-Online gegenüber so zusammen: „In Cloppenburg übernachtete ich in einem Gefängnis – ich fragte die Polizei nach einem Schlafplatz, sie waren sehr freundlich und gaben mir eine Zelle, eine der sichersten Unterkünfte meiner gesamten Reise. Interessant finde ich in Deutschland, die Unterschiede zwischen Ost und West zu sehen – die Menschen im Osten winken und grüßen, im Westen sind sie reservierter. Doch gerade die Älteren im Osten können nicht so gut Englisch, das macht die Kommunikation schwierig.“

Wie sich dieser Fußmarsch durch die Welt auf seine Ehe ausgewirkt hat, warum er die Wanderung als einen Ausweg aus seiner Midlife-Crisis gesehen hat und dass er sich jetzt auf den Morgenkaffee mit seiner Frau freut, wird er in seinem Buch beschreiben.

Hier gibt es noch ein tolles Video über den Streckenverlauf.

Eine Geschichte über Geschichten

Ich liebe Geschichten! Und ich mag Menschen mit Geschichten. Traurige, lustige, abenteuerliche, intime, infame, schöne Geschichten. Nur mit den Erzählern von Geschichten habe ich manchmal ein Problem. Ich lasse mir nämlich ungern einen Bären aufbinden. Die Münchhausens lauern an jeder Ecke. Und ihre Geschichten sind manchmal verdammt gut.

Eine  dieser Geschichten hat mir eine Kollegin vom Fernsehen erzählt. Die Geschichte sei wahr, behauptet sie. Schließlich sei sie dabei gewesen. Ganz ehrlich? Ich weiß bis heute nicht so genau, was ich von der Story halten soll. Sie geht so:

KÖLN – Die erste Geschichte: Abenteuer in Russland

Russland im Sommer: Ein deutsches Fernsehteam ist zu Gast in der Datscha eines hochrangigen russischen Bonzen. Das Interview ist abgedreht, alle sind zufrieden. Es wird gegessen und getrunken. Und getrunken. Und getrunken. Irgendwann hat auch der Härteste unter den deutschen Fernsehleuten genug und wagt “Njet!” zu sagen. Doch das Nein zum Weitersaufen kommt beim Gastgeber nicht gut an. Er solle gefälligst noch das vor ihm stehende Glas Wodka leeren, poltert der Russe. Andernfalls werde er sich ins Bein schießen. Die Drohung nützt wenig, der Deutsche kann einfach nicht mehr. Da nimmt der Russe ein Gewehr und schießt sich vor den Augen der entsetzten Gäste ins linke Bein. Dann geht er kurz auf die Toilette. Und danach schlafen. Helfen lassen will sich der Kauz in seinem Rausch nicht. Er schließt sich in seiner Schlafkammer ein. In der Nacht muss einer der deutschen Gäste aufs Klo. Dort bietet sich ihm ein bizarres Bild: Eine Beinprothese, durchsiebt von Gewehreinschüssen, ist gegen die Wand gelehnt. Klar: Der Alte hatte seine Gäste genarrt und sich mal wieder ins Holzbein geschossen.

Ob es eine wahre Geschichte ist, weiß ich bis heute nicht. Aber es ist eine gute Geschichte.

In einer Bar in Kuba habe ich einen Engländer kennen gelernt, der mir eine haarsträubende Geschichte erzählt hat. Sie geht so:

HAVANNA – Die zweite Geschichte: Tragödie in den französischen Alpen

Er sei Anwalt in London gewesen, behauptet Paul. Aber das sei schon eine Weile her, das war vor dem „fall from grace“. So nannte Paul den Sturz in eine 120 Meter tiefe Felsschlucht in den französischen Alpen. Es passierte irgendwo zwischen Val-d’Isère und St. Isidore. Sie waren Ski fahren gegangen wie jedes Jahr, Paul und seine Frau Cynthia. „Wir waren glücklich zusammen“, sagt Paul. Im Winter Skifahren in den Alpen, im Sommer Strandurlaub am Meer. Was willst du mehr? Sie wollten eine Verschnaufpause einlegen, Paul und Cynthia. Doch die Verschnaufpause veränderte ihr Leben.

„Der Beweis!“, sagt Paul und zieht ein zerknittertes Schwarzweißfoto aus der Hemdentasche. „Da stand ich“, sagt er und deutet mit seiner Klodeckelhand auf einen schwarzen Punkt auf dem Foto. „Und dort bin ich gelandet.“ Pech für Paul: Zwischen Stand- und Landepunkt liegen 120 Meter. Ein kleiner Fehltritt – und Paul rutschte aus auf dem Geröll, fiel kopfüber in eine Schlucht, etwa so tief wie der Abbey Tower hoch. Aber 120 Meter genügten, um aus dem promovierten Anwalt einen geistig angeschlagenen, körperlich versehrten Kuba-Touristen zu machen. Einer, der beim Mittagessen sabbert wie ein Kind und pupst wie ein argentinisches Rind. Nach dem Sturz lag Paul zweieinhalb Monate lang im Koma. Als er endlich aufwachte und in die Augen seiner Frau blickte, war ihm sofort klar: „Cynthia gehört nicht mehr mir“. Seine Ehefrau hatte ihn betrogen, während er im Koma war. Mit seinem behandelnden Arzt.

Irgendwann klingelt Pauls Handy. Der Mojito wird warm, die Cohiba kalt. Als er wieder an den Tisch der „Florales“-Bar zurück kommt, hat Paul Tränen in den Augen. „Er ist verrückt geworden“, sagt er. „Wer?“ „Mein Vater. Er ist 98 und hat gerade meinen Porsche zerlegt.“ „Deinen Porsche? Mit 98 Jahren?“ „Ja“, sagt Paul. „Den Führerschein haben sie mir damals abgenommen, an den Porsche kamen sie nicht ran.“ Den hatte Paul in der Garage seines Vaters versteckt. Dass der Alte den Porsche eines Tages zu Schrott fahren würde, damit hatte Paul nicht gerechnet. Und auch nicht damit, dass seine Frau Cynthia später den Arzt heiratete, der Paul das Leben gerettet hatte. Als Paul seine Geschichte zu Ende gebracht hat, sagt er: „A fucking crazy family, that’s what we are“.

Verrückt? Vielleicht. Lügner? Mag sein. Aber warum erfinden manche Leute eigentlich Geschichten? Wo doch nichts erregender ist als die Wahrheit. Das wusste schon die Reporter-Legende Egon Erwin Kisch. Auch so ein Geschichten-Erzähler.

MONTRÉAL – Die dritte Geschichte: 80 000 Dollar von der irischen Mafia

Wilde Geschichten passieren manchmal vor der Haustür. Erzählte mir neulich ein Typ in einer Kneipe in Montréal: Die irische Mafia sei hinter seinem Nachbarn her. Richtig netter Kerl. Familienvater. Rechtschaffend. Nachbar fand einen Umschlag im Briefkasten mit 80.000 Dollar. Für Kurierdienste. Die IRISCHE Mafia! Familienvater, lieber Kerl, rechtschaffend!

Wirklich? Das wäre dann wieder eine ganz andere Geschichte.

Kanada zur be$ten Rei$ezeit


Die beste Reisezeit für Kanada? Für mich keine Frage: der Herbst. Sonnige Tage, kühle Nächte. Indian Summer ohne Moskitos. Dass sich bis Oktober auch die letzte Wohnmobil-Karawane aufgelöst hat, wissen die zu schätzen, die im Juli in den Bergen von British-Columbia im Stau standen. Nicht zu vergessen: Für Shopper gibt’s im Herbst die besten Deals.

Nein, ich werde nicht vom kanadischen Fremdenverkehrsamt bezahlt. Und: Nein, wir haben auch keine Zimmer zu vermieten. Den Tipp aus dem Canada-Blog gibt’s kostenlos und absolut ohne Hintergedanken: Sollten Sie eine Reise nach Kanada planen, tun Sie’s für den späten Sommer oder frühen Herbst. Nicht nur wegen des Indian Summers.

So wie Marie-Anne, unsere Freundin aus der Schweiz. In den 90er-Jahren lebte sie mit ihrer Familie fünf Jahre in der Nähe von Montréal. Seither kommt sie uns einmal im Jahr besuchen. Wann? Im Herbst natürlich. Auf jeden Fall rechtzeitig vor Weihnachten. Süßer die Deals nie klingen. Dabei gibt’s den Winterschlussverkauf nach deutscher Art hier gar nicht. Natürlich kommt unsere Freundin wegen uns und nicht fürs Shoppen. Aber es trifft sich gut. Die Preise liegen um diese Jahreszeit im Keller.

Ganz in unserer Nähe gibt es ein paar Factory Outlets. vom Feinsten. Richtige Markenschuppen mit Designerware. Da glühen um diese Jahreszeit die Kreditkarten. Gestern bei Tommy: Die ganze Farbpalette an Polohemden für $ 29.99. Zwei Türen weiter im Schuhladen: 75 % off. Weniger geht nicht. Das heißt doch: Bei Winner’s. Ein Outlet für hochwertige Klamotten, Kosmetika, Einrichtungsgegenstände, Spielsachen und sogar Marmeladen. Das Winner’s-Konzept ist genial: Hier wird Ware aus Bankrottbeständen verkauft. Ersparnis: Bis zu 80 Prozent.

Und dann natürlich die Dollar-Stores: Wem es wirklich auf den Preis ankommt und nicht so sehr auf Qualität, kann sich hier an Cent-Beträgen berauschen. Ursprünglich gab’s alles für einen Dollar. Heute sind’s auch mal zwei. Dollar-Stores liegt übrigens ein kanadisches Konzept zugrunde. Wir haben Freunde, die es sich durchaus leisten könnten, Schnürsenkel bei Hermes zu kaufen. Im Dollar Store lassen sie’s kurz vor dem Rückflug nach Deutschland noch einmal richtig krachen.

Costco: Viel für wenig

Walmart war gestern. Wer’s gerne riesig hat, geht zum Shoppen zu Costco. Einkauf nur mit Ausweis möglich. Kein Problem: Ich kenne Keinen, der nicht Irgendeinen kennt, der einen Costco-Pass besitzt. Auf einer Verkaufsfläche, die das Wembleystadion wie einen Kinderspielplatz erscheinen lässt, gibt es beste Qualität zu Schleuderpreisen: Obst, Reifen, Popcorn, Bier und Staubsauger. Ein Kilometer Salami zu $ 2.20. Der Doppelzentner Backpulver für einsfünfzig. 15 Gallonen O-Saft: zwei Bucks. Oder so ähnlich. Die Auswahl ist riesig. Nur früher war irgendwie mehr Lametta.