Beruf: Rasierklingen-Schlucker

Steve singt Lady Gaga und ist fast 50. Peter schluckt Rasierklingen, spielt mit chinesischen Ringen und geht dabei locker auf die 60 zu. Auch Stéphane erreicht bald das Rentenalter. Bis dahin fährt er auf dem Einrad übers Trottoir. Und jongliert nebenher lässig mit brennenden Fackeln. Meine Freunde, die Montréaler Streetperformer, werden älter.

Herbert '64: Paris ruft!

Ich hatte schon immer ein Herz für Gaukler, Artisten, Musiker. Meinen ersten Auftritt als Straßensänger hatte ich im August 1964 in Paris. Mit meinem Kumpel Henry waren wir von Ummendorf durch den Schwarzwald und tief nach Frankreich getrampt. Wir waren 15. Unseren Eltern hatten wir erzählt, wir würden Verwandte auf der Schwäbischen Alb besuchen. In Paris stellten wir uns auf den Montmartre und spielten Banjo und Gitarre. Wir sangen „Blowing in the Wind“ und Universal Soldier“. Die Baskenmütze, die wir vor uns hingelegt hatten, quoll schon bald über. Manchmal traten wir auch vor den Pariser Markthallen auf, oder am Gare du Nord.

Als wir zwei Wochen später wieder zu Hause waren, hatten wir mehr Scheine in der Tasche als bei unserer Abreise. Meine Eltern befürchteten, ich würde als Straßenmusiker enden. Mir schien jedoch der Journalismus eine brauchbare Alternative zum Leben auf der Straße.

Ich kenne ein halbes Dutzend Streetperformer in Montréal, die gar nie nach einer Alternative gesucht haben. Für sie war klar, dass sie als Zauberer, Sänger, Feuerschlucker in Rente gehen würden.

Steve: Genug zum Leben

Steve hatte während der Uni angefangen, auf der Rue Ste. Catherine Gitarre zu spielen. „Ich hatte immer genügend Kohle“, erzählte er mir vor ein paar Tagen, „um mich über Wasser zu halten“. Also ist er Straßenmusiker geblieben. Im Winter nimmt er eine CD auf, die er im Sommer aus dem Gitarrenkoffer heraus verkauft. Ab und zu tritt er in einer Bar in St. Henri auf. Im Sommer spielt er auf der Place Jacques-Cartier. Vorige Woche hat er sich nach 15 Jahren die erste neue Gitarre gekauft. Eine GUILD-Cutaway für 600 Dollar. Ein Vermögen für einen, der am Abend mit Münzen nach Hause geht. Aber von einer GUILD  hatte Steve schon immer geträumt. Jetzt wird sie ihn wohl bis zur Rente begleiten.

Peter ist Engländer und kam vor 35 Jahren als Zauberer nach Montréal. Die Chinesischen Ringe beherrscht er wie kein anderer. Außerdem ist er der Einzige unter den Gauklern hier, der zwölf Rasierklingen schluckt. Anschließend zieht er sie, schön aufgereiht auf einem Stück Zahnseide, wieder aus dem Hals. Im Winter unterrichtet er Thai Chi und schreibt nebenher an einem Buch über Zaubertricks.

Stéphane: Häuschen mit Pool

Stéphane hat zwei erwachsene Kinder, ein Haus und einen kleinen Swimmingpool. Tagsüber arbeitet er für die Müllabfuhr. Nach Feierabend tritt er auf der Place Jacques-Cartier auf. Er fährt Einrad, jongliert mit Schwertern und brennenden Fackeln und erzählt dabei Witze, die seine Frau übrigens als schwer sexistisch einstuft. Er kann es trotzdem nicht lassen. Seine Frau ist Pferdekutscherin. Als Aktivistin im lokalen Tierschutzverband setzt sie sich dafür ein, dass die Pferde immer genug zu trinken haben.

Peter: Stolze Mama

Peter, der Magier, ist vor ein paar Tagen aus London zurück gekommen.  Er hat dort seine 83jährige Mutter besucht. „Sie ist sehr stolz auf mich“, sagte er mir. Dabei wischte er sich ein paar Tränen aus den Augen. Peter hatte seiner Mutter ein Exemplar der „Montreal Gazette“ mitgebracht. Dort ist er als Rasierklingen-Verschlinger zu sehen. „Mal ehrlich“, sagt Peter: „Welche Mutter wäre nicht stolz darauf, ihren einzigen Sohn in der Zeitung zu sehen? Und auch noch vor Publikum!“

Wahre Mutterliebe ist: Stolz sein auf den Sohn, der als Rasierklingen-Schlucker in Rente gehen kann.

20 Pfund pure Lebensfreude

VegetarierInnen, bitte wegschauen! Heute geben wir uns einmal den fleischlichen Gelüsten hin. Gestern war bei uns Feiertag: Thanksgiving. An diesem Tag machen wir so richtig einen auf Familie. Das heißt: Wir machen auf zwei Familien. Als wir das erste Mal mit unseren kanadischen Freunden Doug und Marjolaine Thanksgiving gefeiert haben, waren unsere Kinder Zwerge. Das war vor 15 Jahren. Heute bringen sie ihre Freundinnen mit.

Abgesehen davon hat sich seither nicht viel geändert. Das heißt doch: Inzwischen ist der Truthahn 20 Pfund schwer. Für Kauf, Zubereitung und „stuffing“ war schon immer Doug zuständig. Wir sorgen für ein paar Beilagen und Desserts.

Das Schöne an unseren Thanksgiving-Feiern: An diesem Tag bekommen wir wirklich die volle Ladung Kanada mit. Doug stammt aus Ontario, dem englischsprachigen Teil des Landes. Marjolaine ist waschechte Frankokanadierin. Wenn Sie unser Speiseplan interessiert: einfach durchklicken.

Indian Summer: Wald in Flammen

Der Indian Summer ist hier! Und es ist, als würden die Wälder in Flammen aufgehen. Blutrot und purpur, orange, knallgelb und dazwischen ein Hauch von lindgrün. Die Indianer haben ihre eigene Erklärung für dieses Naturschauspiel: „Wenn der himmlische Jäger den Großen Bären erlegt hat, bedeckt das Blut die Wälder.”

Die Erklärung der Biologen ist weniger romantisch als der Mythos der Ureinwohner: Mit Beginn der kühleren Jahreszeit wird die Zuckerproduktion in den Bäumen gedrosselt. Nach den ersten kalten Nächten zerfällt der grüne Farbstoff Chlorophyll. Danach dominieren knallbunte Farben.

Von seiner schönsten Seite zeigt sich der Indianersommer hier, in der Provinz Québec. Ferienorte wie Mont Tremblant, St. Jovite oder Morin Heights veranstalten jedes Jahr um diese Zeit „Indian Summer“-Festivals.

In den Bergen der Laurentians, zwei Stunden nördlich von Montrėal, geht es während des Indian Summers nicht nur farblich hoch her. Auch kulinarisch werden sämtliche Register gezogen. Zum Apfelmost werden die neuesten Käsesorten der Québecer Fromagerien gereicht. Dazu gibt es gibt Flammkuchen oder Kürbissuppe.

Wer den Blutrausch erleben möchte, den der himmlische Jäger angerichtet hat, muss sich beeilen. Nur zwei, drei Tage bleiben die Bäume in voller Blüte. Dann fängt das Laub an zu schwächeln und die Bäume bekommen Schüttelfrost. Old Man Winter klopft an die Tür.

Zu den Fotos: Die Bilder sind in Hudson, am Lac Dufresne, in Montréal, in Rigaud und während eines Helikopterflugs mit meinem befreundeten Kollegen Gerd im Norden der Provinz Ontario entstanden.

Mein Steve Jobs hieß Georges


Dass ich 1983 meinen ersten Computer hatte, liegt nicht an Steve Jobs. Ein Belgier namens Georges ist schuld. Er nahm mich mit in einen „Radio Shack“-Laden und zeigte mir, was ein Notebook ist. Wenig später konnte ich meine erste Email schreiben. Doof, dass ich nur noch einen anderen Menschen mit einer Email-Adresse kannte.

Dieser Mann hieß Armin und war Amerika-Korrespondent für die ARD mit Sitz in Los Angeles. Mein Notebook war ein TRS-80 Model 100 und hatte 32 Kilobyte RAM. Der 8-Bit-Intel-Prozessor schlug mit 2.4 Megahertz alle Rekorde. Dass der Radio Shack-Rechner nur mit einem 300-Baud-Modem kam, störte mich nicht im geringsten. Zum Mailverkehr mit Armin reichte es allemal. Andere Email-Empfänger kannte ich nicht.

Blinkende Kugelschreiber, Radiowecker mit Bärengebrüll …

Der Mann, der mich in die Welt der Computer einführte, war Georges, ein liebenswerter Bonvivant aus Belgien. Als Programmchef bei Radio Canada International in Montréal war er für alle Sendungen verantwortlich, die via Kurzwelle nach Westeuropa übertragen wurden. Georges und ich hatten etwas gemeinsam: Wir liebten Gadgets. Kugelschreiber mit Blinklichtern, Radiowecker mit Bärengebrüll, Weihnachtskugeln, die auf sanften Druck hin Jingle Bells von sich gaben. Und Computer, mit denen man eine Email an Armin schreiben konnte.

Das WorldWideWeb im heutigen Sinne gab es noch nicht. Zumindest nicht für Normalsterbliche, die nicht an irgendwelchen subversiven US-Militärleitungen hingen. Aber es gab die Möglichkeit, über ein Schneckenmodem ASCII-Codes zu versenden und zu entziffern. Damit konnte ich nicht nur Armins Emails lesen. Mit Georges Hilfe gelang es mir auch, mich von zu Hause aus in das Datennetz der Canadian Broadcasting Corporation einzuloggen. Damit hatte ich Zugang zu Nachrichtenagenturen – und damit zu dem, was später „Internet“ hieß.

Der Computer-Zugang zu Agence France Presse, Reuters und Canadian Press war kompliziert. Erst wenn man einen Rattenschwanz von Codes eingetippt hatte, meldete sich das CBC-Netzwerk und verlangte einen „Handshake„. Das war ein schrilles Geräusch, das einige Sekunden lang durch Mark und Bein ging. In meinen Ohren klang es wie Musik.

Plötzlich standen mir die größten Agenturen zur Verfügung. Für meine Arbeit als Korrespondent war dies von unermesslicher Bedeutung. Hatte ich bis dahin noch morgens um fünf am Zeitungskiosk gebibbert, bis die ersten Printausgaben zur Ausschlachtung angeliefert wurden, genügte jetzt ein Tastendruck. Der elektronische Handshake war zwar umständlich und, wie ich heute weiss, auch ein wenig illegal. Aber wen störte das damals schon? Mir gehörte jetzt die Welt und ich konnte sie sogar mit auf Reisen nehmen. In einem 1.4 Kilo schweren Plastikgehäuse.

Danke, Geroges! Danke, Armin! Danke, Steve!

Die große Pumpkin-Parade

Mein Lieblingsmarkt trumpft auf: Kürbisse gehören zu Kanada wie Ahornblätter, Biber oder Grizzlybären. Pumpkins in allen Variationen habe ich gestern auf dem Atwater Market im Stadtteil St. Henri gesehen. Einige der Kürbis-Sorten dienen lediglich zur Dekoration. Dass Pumpkins, Squash, Gourt und andere Gewächse aus der Familie der Cucurbita in diesen Tagen so hoch im Kurs stehen, hat mit zwei bevorstehenden Ereignissen zu tun: Am kommenden Montag wird in Kanada Thanksgiving gefeiert. Drei Wochen später Halloween. Der Händler auf meinem Lieblingsmarkt hat beide Events miteinander verknüpft. Was daraus entstanden ist, erfahren Sie, wenn Sie die Bildergalerie durchklicken.