Verschnaufpause im Bloghaus

Genau fünf Monate alt ist der Kanada-Blog heute – und es ist kein Tag ohne neuen Eintrag vergangen. Jetzt ist Zeit für eine Pause. Um den Akku aufzuladen, neue Ideen zu entwickeln, Erlebnisse aufzuarbeiten. Geschichten gibt es noch jede Menge. Viele davon liegen bereits in der Schublade, sie müssen nur noch erzählt und aufgeschrieben werden. Aber das hat Zeit. Ihnen gibt die Pause hoffentlich Gelegenheit, ein wenig im Blog zu stöbern und die eine oder andere Geschichte zu lesen, die Ihnen in der Hektik des Alltags vielleicht entgangen ist. Danke, dass Sie mich bis hierher begleitet haben. Bis bald!

Der nette Monsieur Duhamel

Wenn ich unterwegs bin, kann ich leider nicht täglich bloggen. Deshalb hin und wieder der Griff ins Archiv. Hier finden Sie Manuskripte meiner Hörfunk-Reportagen. O-Töne können hier leider nicht eingestellt werden.

Dieser Text wurde nicht aktualisiert. Deshalb: Kein Anspruch auf Vollständigkeit!

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Dechaillons ist ein kleines Dorf am Ufer des Sankt-Lorenz-Stroms. Dort wohnt der Rentner Delphis Duhamel, ein freundlicher Herr mit einem freundlichen Hobby. Monsieur Duhamel begrüßt sämtliche Schiffe, die hinter seinem Haus auf dem Sankt-Lorenz-Strom vorbeiziehen. Ob Frachter oder Passagierschiff  – für Delphis Duhamel spielt das keine Rolle – bei ihm ist jeder Kahn willkommen.

Sobald der Mann durchs Fernglas festgestellt hat, in welchem Land das vorbeiziehende Schiff registriert ist, beginnt das Begrüßungs-Zeremoniell: Monsieur Duhamel hisst die jeweilige Landesflagge, und lässt dabei die dazu passende Nationalhymne abspielen. Für den guten Ton sorgen zwei Lautsprecher, die er eigens dafür im Garten installiert hat.

Die Sammlung an Flaggen und Musik kann sich sehen lassen: siebzig Fahnen, elf Hymnen – Gesang oder Orchester. Die jeweilige Herkunft ist fein säuberlich in ein Logbuch eingetragen, das Monsieur Duhamel neben den Tonbändern mit den Nationalhymnen aufbewahrt. Und ist der Herr des Hauses mal gerade nicht da, hält seine Frau Lorraine Begrüßungs-Wache.

Angefangen hatte alles vor dreißig Jahren. Die Kinder der Duhamels waren damals noch klein und Vater Delphis suchte nach einer Möglichkeit, seinen drei Jungs die große, weite Welt näherzubringen. Das ist gar nicht so einfach, am Ufer des Sankt-Lorenz-Stroms. Doch die Heimerziehung funktionierte gut: Schipperte zum Beispiel ein holländischer Frachter hinterm Haus vorbei, wurde eben Holland im Erdkundebuch behandelt. Auf diese Art und Weise lernten die Duhamel-Buben von der guten Stube aus die ganze Welt kennen.

Flaggen und Hymnen hat sich der pensionierte Handwerker im Laufe der Jahre gekauft. Die Griechen und Portugiesen seien die freundlichsten Schiffsbesatzungen, erzählt der Flaggenmann von Dechaillons. Viele Seeleute kennen ihn schon. Die winken ihm dann freundlich zu, oder lassen auch mal über Bordlautsprecher einen persönlichen Gruß los.

Und die Deutschen? „Auch nett“, sagt der freundliche Herr. Nur mit der Flagge komme er neuerdings immer durcheinander. Hammer und Sichel auf schwarz-rot-goldenem Grund habe er schon länger nicht mehr gesehen.                      (Gesendet: Februar 1993)

Silvester-Randale in Chinatown

So etwas haben Sie noch nie gesehen: Was mit einem Handgemenge begonnen hatte, endete im Chaos. Zwei rivalisierende Gruppen randalierten in der Silvesternacht in einem durchaus respektablen Restaurant in der Montréaler Chinatown. 

Weniger als drei Minuten später hatten die meist jugendlichen Afro-Amerikaner und Asiaten das „Dynasty Restaurant“ kurz und klein geschlagen. Stühle flogen, Teller, Schüsseln, Teekannen und Besteck. Der angerichtete Schaden beläuft sich auf 20 000 Dollar.

Und weil wir im Internet-Zeitalter leben, hat es das Handy-Video natürlich auf YouTube geschafft. Die Klickzahlen steigen im Sekundenrhythmus.

Warum die Silvesterparty eskalierte? Keine Ahnung. Auch die Polizei steht vor einem Rätsel. Anzeige wurde nicht erstattet. Man wolle den guten Ruf des Restaurants nicht aufs Spiel setzen, sagte ein Kellner im Fernsehen.

Hoffentlich ist es dafür nicht schon zu spät.

Der Traum vom großen Abenteuer

Hand aufs Herz: Bestimmt haben Sie auch schon mal davon geträumt, alles stehen und liegen zu lassen und einen Neuanfang zu wagen: Neue Stadt. Neue Wohnung. Neuer Job. Neues Land. Träume sollte man sich erfüllen, ehe es zu spät ist. Genau das hat der Montréaler Jean Beliveau getan. In elf Jahren hat er 64 Länder durchwandert und dabei 75 000 Kilometer zurückgelegt.

Dass der Blogpost vom 18. Oktober 2011 von all meinen Geschichten bisher am häufigsten angeklickt wurde, ist kein Zufall. An diesem Tag war hier von Jean Beliveau die Rede. Von einem Mann, der sich einen Traum erfüllt hat.

Träume sind relativ. Ein befreundeter Kollege, dem ich von unserem Mallorca-im-Februar-Traum erzählt hatte, mailt mir eben zurück: „Palma klingt reizvoll … aber im Winter?“ Er  hat auch gleich die Antwort auf seine Frage: „Na gut, ich weiß nur zu genau, wie verschieden Interessen und Vorlieben sind!“ Der Kollege weiß es wirklich. Er stammt aus Nürnberg und lebt seit vielen Jahren auf Gomera. Diesen Traum hat er sich irgendwann erfüllt. Was er nicht weiß, ist, wie sich Kanada im Winter anfühlt. Dagegen ist Februar in Palma wie Hochsommer. Für uns ein Traum.

Auch in Honolulu gibt es Alltag

Der eine träumt davon, als 65-Jähriger mit Rockerbraut und Harley durchzustarten. Die andere wünscht sich nach einem hektischen Stadtleben endlich Ruhe und Geborgenheit auf dem Bauernhof. Mein eigener Traum war es schon immer, als Reporter im Ausland zu arbeiten, zu reisen und Abenteuer zu erleben. Diesen Traum habe ich mir vor 30 Jahren erfüllt. Und bin damit glücklich. Hätte ich den Sprung nicht gewagt, müsste ich womöglich das Schicksal Vieler teilen und einer verpassten Gelegenheit nachtrauern. Und trotzdem: Irgendwann holt einen der Alltag wieder ein. Auch in Honolulu, Timbuktu oder Montréal.

Der Steuerberater tingelt als Stepptänzer um die Welt

Vor Jahren habe ich in einer Kneipe in San Francisco einen nicht mehr ganz jungen Schweden kennengelernt. Er hatte sich auf seine Art einen Traum erfüllt. Er reiste gerne, mochte Musik und liebte es, unter Menschen zu sein. Also bastelte er sich ein Holzbrett, kaum großer als ein Quadratmeter, ließ seine Stiefel mit Schuheisen behämmern und zog als Stepptänzer von einer Kneipe zur anderen, von einem Land ins andere, von einem Kontinent zum nächsten. Ehe er vor vielen Jahren auf Tour ging, sagte er mir, sei er Steuerberater gewesen.

Menschen, die ein Leben lang ihren Träumen nachhängen, schieben als Entschuldigung oft familiäre Umstände vor. Zu Unrecht, wie ich finde. Bei entsprechender Planung ist vieles auch als Familie möglich.

Exotik mit Eigenheim und Kindern

Deutsche Freunde von uns leben in Alaska. Auf den ersten Blick ganz bürgerlich. Mann: Ingenieur. Frau: Uni-Professorin. Zwei Kinder, Eigenheim. Und doch kenne ich kaum Menschen, die – in meinen Augen – ein exotischeres Leben führen als Silke, Felix und die Kleinen. Sind sie nicht in Alaska, segeln sie um die halbe Welt. Oder wohnen monatelang bei kubanischen Familien und helfen in der Landwirtschaft mit. Oder bauen in der Tundra Blockhütten als erschwingliche Behausungen für Wohnungssuchende. Auf mich machen sie einen überaus glücklichen Eindruck. Ich bin fast sicher, sie leben ihren Traum.

Und Sie?

Mit 50 Millionen ins neue Jahr

Foto: OttawaCitizenGonczol
Manchmal trifft es ja doch die Richtigen: Ein kanadisches Ehepaar hat 50 Millionen Dollar im Lotto gewonnen. Jo-Ann and Gaétan Champagne aus dem Städtchen Hawkesbury, ganz bei uns in der Nähe, waren auf dem Weg ins Vorstadt-Casino, als sie noch kurz im Drogeriemarkt anhielten, um ihren Lottoschein zu checken. Bingo: Ein Rekordgewinn!

Bis vor kurzem betrieben Jo-Ann und Gaétan noch einen Dépanneur. So heissen hier Tante-Emma-Läden, die von sehr früh bis sehr spät geöffnet sind. Doch vor ein paar Monaten haben sie den Laden verkauft. Die Arbeit sei ihnen einfach zu viel geworden, sagte Gaétan (51) jetzt im Fernsehen. Sieben Tage in der Woche, 15 Stunden am Tag – das hält auf Dauer keiner aus. Also eröffneten sie in der 30-tausend-Einwohner-Stadt kurz vor Jahresende einen kleinen Spielzeugladen. Reich wird man dabei zwar nicht, aber es reicht zum Leben. Und vor allem: Endlich mal geregelte Öffnungszeiten.

"Lotto Max"-Ticket

Mit dem Besuch im nahe gelegenen Spielcasino wollten sich Jo-Ann und Gaétan kurz vor Jahresende noch etwas Besonderes gönnen. Hie und da hatten sie beim einarmigen Banditen schon den einen oder anderen Hunderter gewonnen. Oder auch verloren. Auf dem Weg ins Casino noch ein kurzer Zwischenstopp im Drugstore. Ein paar Kleinigkeiten für Neujahr besorgen und Lotto-Max-Ticket im Automat checken. „Ich sah plötzlich eine Fünf und jede Menge Nullen“, sagt Jo-Ann. „50 000 Dollar – wow! Endlich kann ich mein Badezimmer renovieren lassen“, habe sie sich noch gedacht. Doch als Gaétan den Lottoschein noch einmal checkte, ging es erst richtig zur Sache: Drei Nullen mehr als angenommen. Macht 50 Millionen kanadische Dollar. Gut 36 Millionen Euro.

Der Geldsegen bereitet den Beiden kein Kopfzerbrechen. Ein Großteil des Gewinns soll an Sozialstationen, Suppenküchen und an das lokale Krankenhaus gehen, das dringend renoviert werden muss. Der Rest an Freunde und Familie, darunter auch die beiden erwachsenen Söhne. „Jeder, der gut zu uns war, bekommt etwas ab“, sagt Jo-Ann. Und gut seien im Städtchen viele zu ihnen gewesen.

Ihren Winterurlaub in der Dominikanischen Republik werden die Champagnes jetzt erst recht genießen. Es wird der erste sein seit zehn Jahren. Und ihren „Toys for Boys“-Laden wollen sie auf jeden Fall weiterführen. Sagen sie.