Montréal lächelt. Palma putzt.

Man vergleicht schon mal, wenn man unterwegs ist: Preise, Essen, Menschen. Wetter sowieso. Und ich stelle fest: Die Mallorquiner machen ziemlich vieles ziemlich richtig. Nein, kein Montreal-Bashing. Das hat die Stadt meines Herzens nicht verdient. Aber das eine oder andere könnten die Quebecer schon von Palma de Mallorca lernen.

Sauber - nicht nur die Kathedrale

Fangen wir an mit der Sauberkeit. In Palma, wo wir jetzt schon zum vierten Mal einen Teil des Winters verbringen, wird gefegt auf Teufelkommraus. Das erste Geräusch morgens und das letzte in der Nacht kommt von den städtischen Reinigungstrupps. Erst kommen die Jungs fürs Grobe mit ihren Monsterstaubsaugern. Dann die Kollegen fürs kleine Geschäft, mit ihren Spielzeugbesen. Und zum Schluss, wenn man eigentlich schon längst vom Asphalt der Plaza de la Reina seine Ensaimada essen möchte, rückt noch der Spritzenwagen an. Das geht nicht nur einmal am Tag so, sondern drei, vier oder fünf Mal.

In Montreal schätzen wir uns überglücklich, wenn einmal in der Woche pünktlich die Müllabfuhr kommt. Dass die Papierkörbe schon mal zwei, drei Tage hintereinander vor sich hin stinken, trägt man in meinem Teil Kanadas mit Fassung. Die Hardcore-Verfechter sagen dann gerne, ein kleiner Schlampenfaktor trage nun mal zum frankokanadischen Charme bei.

Typisch Mallorca: Ensaimada

Mehrsprachigkeit? Eins zu null für Palma. Hier wird den Touristen nicht nur in Spanisch und Katalanisch der Weg gewiesen. Auch Deutsch, Englisch und oft noch Französisch sind auf Speisekarten, Verkaufsschildern und selbst Wegweisern zu finden. Anders in Montreal. Dort wacht die Sprachenpolizei kleinlich darüber, dass englische Beschriftungen nicht grösser sind als Französische.

Straßenverkehr? Sorry, Montreal. Dort gelten rote Fußgängerampeln als Teil des städtischen Designkonzepts. Und Zebrastreifen werden wie Graffiti behandelt. In Palma habe ich noch keinen Autofahrer erlebt, der nicht robotermäßig auf die Bremse steht, wenn ein Fußgänger auch nur ansatzweise den Anschein erwecken könnte, in diesem Jahrhundert noch die Fahrbahn überqueren zu wollen.

Kämen wir zu den Preisen. In meiner Stammbar in Palma bezahle ich für ein Glas Wein 1.75 Euro. Für ein Glas Tonic 2.50 Euro. Das nenne ich Diskriminierung der sympathischen Art. In Montreal würde ich für die vergleichbare Menge Wein einer vergleichbaren Qualität in ähnlicher Stadtlage zwischen sechs und acht Dollar bezahlen. Noch Fragen?

Mallorca-Wetter: Montreal chancenlos.

Fürs Wetter kann meine kanadische Heimat nun wirklich nichts. Dass es am Wochenende wieder einen Schneesturm gab, tut mir Leid für meine Montrealer Freunde. Aber ich weiß, sie sind tapfer und tragen die 25 cm Neuschnee mit Fassung. Zum Trost: Auch die Mallorquiner haben’s nicht ganz leicht. Die 18 Grad im Schatten heute empfinden viele von ihnen als Kälteschock. Vielleicht ist das der Grund, warum nicht alle von ihnen so charmant lächeln, wie man es eigentlich von Paradies-Bewohnern erwarten würde.

Bravo, Montréal! In diesem Punkt schlagt ihr die Palmaneros um Längen.

Ballermann ohne Ballaballa

Und wo bitte geht’s zum Ballermann? Zur verrufendsten Partymeile Europas? Zum Kotztempel der Balearen? Wo der deutsche Proll in Sandalen und braunen Wollsocken das Bier eimerweise mit dem Strohhalm säuft und dabei Schöne Maid grölt? Wo Jeder Jede in den Schritt fasst und noch schlimmer? Bisher: Fehlanzeige.

Seit fünf Tagen sind wir jetzt auf Mallorca. Aber bis heute habe ich noch keinen Krakeeler gehört, keinen Besoffenen gesehen. Und Sex on the Beach gibt‘s allenfalls auf der Getränkekarte. Und überhaupt: Wo bitte steht Jürgen Drews Bett? Im Kornfeld jedenfalls nicht.

Im Frühjahr ist der Ballermann, oder S’Arenal, wie die Vergnügungsmeile außerhalb von Palma bei den Locals heißt, ein richtig schöner Flecken Erde. Die Invasion der Barbaren kommt bestimmt. Aber bis dahin bin ich längst wieder im kanadischen Busch. So lange genieße ich noch den Blick auf die Traumkulisse von Palma, mit der Kathedrale vorne, dem Yachthafen links und den schneebedeckten Gipfeln des Tramatura-Gebirges zur Rechten.

Es gibt Schlimmeres, als nach einem 15-Kilometer-Walk von Palma nach S’Arenal bei Tapas und Vino Blanco den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Das Ganze bei sommerlichen Temperaturen, im kurzärmeligen Hemd.

Der angeblich so peinliche Paradestrand der Deutschen auf Mallorca ist um diese Jahreszeit blitzsauber. Der Service in den Restaurants könnte nicht besser sein. Und im Vergleich zu Montreal bewegen sich die Preise auf Sommerschlussverkaufs-Niveau. Kein Gedränge auf der fast ausgestorbenen Hauptstraße. Mal abgesehen von ein paar nervigen Radfahrern, die immer noch nicht kapiert haben, dass Sport Mord ist, herrscht hier nur Friede, Freude, Ensaimada.

Ballermann-Bashing? Ohne mich. Zumindest bis jetzt.

Guten Morgen, Mallorca!

Was für ein Land! Was für eine Stadt! Was für ein Leben! Wir sind in Palma de Mallorca angekommen. Hier werden wir den Rest des kanadischen Winters verbringen. Die Gnade des WorldWideWeb: Ob Montreal, Montevideo oder Moskau – so lange es eine ordentliche Internetleitung gibt, können wir auch von Wladiwostok aus arbeiten.

Der Winter in Kanada ist schwer und anstrengend. Der Winter auf Mallorca fühlt sich federleicht an, fast beschwingt. Auch wenn die Mallorquiner klagen, es sei kalt und so einen Winter hätten sie schon lange nicht mehr erlebt. Alfonso von unserer Stammbar nebenan, drückt mir zur Begruessung ein „Winterfoto“ in die Hand, das er an der Plaza de la Reina aufgenommen hat.

Mallorca: Winter unter Palmen.

Er kann es nicht erwarten, mir auch noch ein wackliges Filmchen vom Handy abzuspielen und jede Schneeflocke zu kommentieren. „So hat es hier noch bis vor drei, vier Tagen ausgesehen“. Alfonso schüttelt sich und versucht, uns die härteste Zeit des Jahres als Horrorfilm zu verkaufen. „Aber Alfonso“, will ich wissen, „wo ist der Schnee, von dem hier alle reden?“. „Da! Siehst du nicht die Flocke, wie dick sie ist?“ Hmmm … in Kanada wäre das allenfalls eine Prise Puderzucker. Ich gönne Alfonso den Triumph des Winters und freue mich für ihn, dass er alles so gut überlebt hat.

Winter in Mallorca fühlt sich für uns an wie Frühsommer in Kanada. Auch wenn das Thermometer seit unserer Ankunft die 16-Grad-Marke noch nicht überschritten hat, meint es die Sonne gut mit uns. Die leichte Brise, die die Palmenwedel gegenüber unserer Altstadtwohnung an der Plaza de la Reina in ein kaum hörbares Rauschen versetzen, erinnert uns daran: Wir sind im Süden.

Der Weg hierher war lang und auch ein wenig beschwerlich. Aber was sind schon elf Stunden Flug für 30 Grad Temperaturunterschied zwischen hier und Montreal?

Kathedrale zum Frühstück

Einen Tag vor unserem Abflug hatten sich die Piloten von Air Canada noch das Streikrecht erkämpft. Sie hätten also jeden Moment die Arbeit niederlegen können. Haben sie aber nicht. Aber dann war da noch der Wackelkandidat Frankfurt Airport. Bis zum Vorabend unserer Ankunft wurde gestreikt. Als dann im Morgengrauen die Maschine aus Montreal eintraf, war von Arbeitskampf keine Spur mehr. Der Weiterflug nach Palma war ein Klacks. Ankunft am Flughafen von Palma unter wolkenverhangemem Himmel. Kurz noch ein Spaziergang über den Markt. Frische Blumen für die Wohnung, Bauernbrot, Schinken, Käse und Oliven – life is beautiful! Selbst bei Jetlag.

Dass die Mallorquiner unsere Euphorie nicht unbedingt teilen, hat mit einem Mann namens Francesco Schettino zu tun. Er ist der Kapitän der „Costa Concordia“, die am 13. Januar vor der italienischen Küste gekentert war. Die „ Concordia“ war jahrelang Stammgast im Hafen von Palma.

Eine Wucht, diese Bucht: Blick auf Palma de Mallorca.

„Manchmal legte sie zweimal pro Woche hier an“, erinnert sich unser Barkeeper Alfonso. Die Gäste des Kreuzfahrtschiffes hätten oft und gerne ihren Cortado bei ihm getrunken oder auch eine Ensaimada verdrückt. Jetzt legen nur noch kleine Schiffe an. „Ganz Palma leidet unter der Schiffskatastrophe“. Und Alfonso leidet mit. Aber für ihn wird das Leben auch ohne „Costa Concordia“ weitergehen.

Schließlich hat er auch den mallorquinischen Schneesturm überlebt.

Winter: Wer bietet weniger?

Telefonate mit Freunden und Verwandten aus Deutschland verliefen noch bis vor ein paar Tagen ziemlich einsilbig. Das lag am Wetter. Meistens lautete die Einstiegsfrage: „Und? Wie kalt isses bei euch in Kanada?“ Wenn ich dann wahrheitsgemäß antwortete: „So um die minus 20 Grad“, nahm der Klima-Wettbewerb seinen Lauf. Plötzlich habe ich das Gefühl, ich muss den kanadischen Winter in den Boxring schicken, um den deutschen auszustechen.

Das Sparring verläuft immer ähnlich. Deutschland: „Wir hatten vergangene Nacht minus 22.“ Störsender im Hintergrund: „Minus 24!“ Kanada: „Im Wind isses bei uns auch so kalt“. Deutschland: „Bei uns aber ohne Wind.“ Irgendwann ist Schluss mit dem Wetterbericht. Das letzte Wort hat immer der, der am meisten friert. Und das scheinen zurzeit meine Freunde in Deutschland zu sein. Motto: Wäre doch gelacht, wenn wir dem kanadischen Warmduscher nicht Paroli bieten könnten.

Übers Wetter zu reden, galt in Deutschland immer als ziemlich uncool. Nicht einmal die Bahn wollte darüber ein Wort verlieren. „Alle reden vom Wetter. Wir nicht“, hieß jahrelang ein arg strapazierter Slogan.

Alle reden vom Wetter. Wir auch.

Hier ist das anders. Alle reden übers Wetter. Immer und überall. Entweder es ist zu kalt oder zu heiß. Zu viel Schnee oder zu wenig. Nur in einem sind sich alle Kanadier einig: Eisregen geht gar nicht. Nur lästig. Ein Nachbar, dem ich bei minus 30 Grad im Schneegestöber begegne, murmelt unter seinem gefrorenen Vollbart hervor: „Wenigstens keine Moskitos heute.“

Gestern im Radio. Am liebsten hätte ich den Anrufer einer Talkshow aus der Leitung gezogen. „Wo ist denn nur unser schöner kanadischer Winter geblieben?“, textete der Mann den Moderator zu. „Früher hatten wir wenigstens noch anständig Schnee!“ Stimmt: Früher war auch mehr Lametta.

Mir fällt es immer schwerer, der Eiszeit positive Seiten abzugewinnen. Die anfängliche Exotik des Winters ist futsch und das Erzählpotenzial hält sich in Grenzen. Dieses Jahr erst recht. Minus 20 haben sie in Deutschland selber.

Dschungelcamp für Eisbären

Auch die Wahl der Kleidung ist keine echte Herausforderung mehr. Bei minus 30 Grad sehen sowieso alle aus, als wären sie gerade dem Dschungelcamp für Eisbären entwichen. Nix mit italienischen Stiefelchen oder Boss-Mäntelchen. Es geht ums blanke Überleben.

Eine nicht ganz neidfreie Anspielung auf unseren bevorstehenden Mallorca-Urlaub höre ich in diesen Tagen immer öfter: „In Palma hat es übrigens auch nur 15 Grad“.

Stimmt. Genau 35 Grad mehr als hier.