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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Ansichten eines Zauberers

magicWenn einer die Hand am Puls meiner Stadt hat, dann ist es mein Kumpel Peter. Er ist Street Performer und führt atemberaubende Zaubertricks auf dem Place Jacques Cartier in Alt-Montreal vor. So wie gestern Nachmittag, als er bei strahlendem Sonnenschein Metallringe ineinander verschmelzen liess und Wasser zum Stocken brachte.

Mehr als 20 Jahre lang konnte er von seiner Magie ganz gut leben, doch jetzt wird es eng: „Das Geld fließt nicht mehr wie früher“, sagt Peter. Die demografischen Verhältnisse hätten sich in den letzten Jahren drastisch geändert. Leider nicht zu seinen Gunsten.

US-Amerikaner, die noch bis vor kurzer Zeit in Massen nach Montreal strömten, lassen sich jetzt immer seltener blicken. Lange Zeit war Kanada ein Billigland für sie. Das hat sich mit dem Wertverlust des US-Dollars gegenüber der kanadischen Währung geändert. Dafür kommen jetzt mehr Menschen aus Osteuropa, Südamerika und China.

Peter und die anderen Straßenkünstler mögen jeden, der ihre Kunst zu schätzen weiss. Nur: Vom Schätzen allein können meine Freunde nicht leben. Auch der Künstler braucht Kohle. Doch die fließt vor allem von den chinesischen Touristen, die in immer grösserer Zahl nach Montreal strömen, kaum. Besucher aus China bleiben zwar gerne vom Anfang bis zum Schluss seiner Zaubershow stehen. Aber fotografieren ist ihnen oft wichtiger als applaudieren. Viele von ihnen ziehen freundlich lächelnd ab, ohne auch nur einen Cent in den Zauberhut geworfen zu haben.

Anders Osteuropäer: Die meisten von ihnen lieben Peters Show, bei der zum krönenden Abschluss Rasierklingen verspeist werden. Auch das Kleingeld sitzt bei Besuchern aus dem Osten Eurpas lockerer als bei vielen anderen, lockerer auch als bei den einheimischen Montrealern. Nur: Viele Russen verstehen Peters Wortwitz nicht, deshalb gibt’s von ihnen auch weniger Beifall. Schade.

Neu im Zuschauerprogramm sind Touristen aus südamerikanischen Ländern: Kolumbien, Costa Rica, Argentinien, Brasilien. In den Augen des Magiers sind sie das Traumpublikum schlechthin. Sie klatschen, spenden, freuen sich, auch wenn sie oft Peters Sprüche nicht verstehen.

Aber wen juckt’s? Sie haben Spass. Zauberhaft.

Toleranz à la Québec

Was geht, was nicht? © Gouvernement du Québec

Was geht, was nicht? © Gouvernement du Québec

Mit das Beste an Kanada war für mich von Anfang an die Offenheit, mit der man hier ethnischen Minderheiten begegnet. Möglich, dass ich diesen Grund demnächst aus meiner Best-Of-Liste streichen muss.

Die Regierung von Québec hat nämlich einen Gesetzentwurf vorgelegt, der gefährlich nah an Rassismus vorbeischrammt: Angestellte des öffentlichen Dienstes sollen während der Arbeitszeit keine Kopfbedeckungen mehr tragen dürfen, die Rückschlüsse auf ihre Religionszugehörigkeit zulassen. Dazu gehören neben Burka und Schleier auch Kippas und Turbane. Auch christliche Kreuze stehen auf dem Index, allerdings erst ab einer bestimmten Größe.

Das mit der Größe kennen wir schon: Warenauszeichnungen in Geschäften sind nur dann auf Englisch gestattet, wenn die französische Version zweimal so groß ist wie die englische. Darüber wacht eine Behörde, die gemeinhin als “Sprachenpolizei” bekannt ist.

Irgendwo muss die viel gepriesene kanadische Freiheit auf ihrem Weg nach Québec im St. Lorenz-Strom untergegangen sein. In Montréal herrschen andere Gesetze als im Rest von Kanada. Manche davon sind wunderbar, weil sie mit Lebensfreude zu tun haben.

Andere sind menschenverachtend, bevormundend und intolerant.

Dazu gehört, dass Bürgern meiner schönen Wahlheimat vorgeschrieben wird, in welche Schulen sie ihre Kinder zu schicken haben. Ob Englisch oder Französisch hängt davon ab, woher die Eltern stammen und in welcher Sprache sie ihre Schulzeit absolviert haben. Und jetzt also die Ausgrenzung ethnischer und religiöser Minderheiten.

Beim Schleierverbot bin ich, speziell wenn es um Lehrerinnen geht, noch dabei. Ich finde, jedes Kind soll die Möglichkeit haben, der Person, die wesentlich für seine Erziehung verantwortlich ist, ins Gesicht schauen zu können. Diese Selbstverständlichkeit ist bei einer verschleierten Frau aber nicht mehr gewährleistet.

Anders beim Kopftuch, dem Turban oder bei der jüdischen Kopfbedeckung, der Kippa. Auch ein Kruzifix stört mich nicht im Geringsten, wenn es von der Ärztin meines Vertrauens oder dem Mann getragen wird, der für meine Steuerrückzahlung zuständig ist.

Warum die Québecer Regierung mit dem Kopftuchgesetz überhaupt eine neue Baustelle aufmacht, ist mir ein Rätsel. Es besteht nämlich überhaupt keine Notwendigkeit. Es drohten weder ein Musterprozess noch Klagen, etwa der Eltern.

Ich denke, es hat damit zu tun, dass die nationalistisch ausgerichtete Parti Québecois unter Pauline Marois bei den nächsten Wahlen am rechten Ufer punkten will. Gut möglich, dass ihre Rechnung in die Hose geht. Die unerwartet hohe Beteiligung bei diversen Demonstrationen gegen das neue Gesetz lässt die Freiheitsliebenden unter uns hoffen.

Umgekehrt sprechen Meinungsumfragen eine weniger deutliche Sprache: So richtig fies finden die Québecer den angestrebten Kopftuchbann offenbar nicht: 45 Prozent sind dafür, 49 dagegen.

Dem Rest ist es offenbar wurscht, wenn aus dem ehemals so freiheitsliebenden Québec eine Gesellschaft wird, in der es wichtiger ist, was auf dem Kopf ist als das, was drinnen abgeht.

Plötzlich verteufeln Politiker die Geister, die sie riefen. Schließlich wurde in der kinderarmen Provinz Québec jahrelang geradezu händeringend um Neueinwanderer geworben. Sie sind gekommen, die Immigranten. Und haben mit ihren Kindern auch ihre Religionen und Werte mitgebracht.

Und auch ihre Kopfbedeckungen.

Großes Kino an der Felseninsel

Costa

Präzisionsarbeit an der Felseninsel Giglio. – © tagesschau.de (Screenshot)

Die Bergung der „Costa Concordia“ im Internet mitzuerleben, ist etwa so, wie Farbe beim Trocknen zuzuschauen. Millimeter für Millimeter löst sich der vor 20 Monaten in Seenot geratene Luxusliner vom Felsen.

Und trotzdem ist der Livestream auf tagesschau.de und anderen Portalen großes Kino. Wer die Zeit und Muße hat, sich die Präzisionsarbeit an der Felseninsel Giglio mitanzusehen, sollte dies tun.

Der Livestrem ist inzwischen nicht mehr abrufbar. dafür gibt es jetzt bei wdr.de dieses Zetraffer-Video.

So ein Parbuckling-Manöver, heißt es, habe es in der Geschichte der Seefahrt noch nie gegeben. Und wird es hoffentlich nie wieder geben.

Menschen in der Muckibude

FitnesscenterDas mit dem Alter(n) ist so eine Sache: Den Berufsjugendlichen willst du nicht geben, weil Lifestyle und Lächerlichkeit dann oft nahe beieinander liegen. Umgekehrt leben wir in einer Gesellschaft, die ungnädig mit Falten, Hängebauch und Kurzatmigkeit umgeht. Da hilft nur eins: Fitnesscenter. Oder doch nicht?

Ich habe das Glück, in einer Wohnanlage zu leben, die über eine eigene Muckibude mit Basketballcourt, Yogaraum und Maschinenpark verfügt. Ein Jahr lang habe ich es geschafft, diesen wunderschönen Gebäudekomplex weitläufig zu umschiffen. Allenfalls Besuchern vom Land, vorwiegend vom Ausland, führe ich den kleinen Sportpalast gerne mal vor. Die Antwort auf die Frage: „Und wie oft trainierst du hier?“, habe ich bisher meist diskret verschluckt und stattdessen die Schlossbesichtigung fortgesetzt: „Und hier geht’s zum Pool“.

Das ist seit einer Woche anders. Ich habe mir einen Ruck gegeben und bin jetzt Stammgast im Fitnesscenter. Und treffe Menschen, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie gibt.

Den Typ im knallroten Einteiler, zum Beispiel, der sich den Luxus eines Personal Trainers leistet. Ein Personal Trainer ist einer, der anderen gegen Geld sagt, wo sie Muskeln bekommen könnten, wenn sie ihm nur richtig zuhörten. Der mit dem Einteiler scheint kein so ein richtig guter Zuhörer zu sein. Das macht mir Mut.

Oder die Blonde, die sich auf der Matte räkelt. Ihr Arsenal an mitgebrachten Wasserflaschen deutet auf eine lange Durststrecke hin. Wohnt die hier? Nein, aber sie nuckelt gerne.

Und all die Menschen mit Knopf im Ohr! Die vielen Fernseher! Die Musik!

So ein Fitnesscenter ist nichts für Traumtänzer. Jeder Quadratzentimeter Wandspiegel erinnert dich auf Schritt und Tritt daran, wie hoffnungslos dein Unterfangen bleiben wird, mit fast 65 noch zu einem Traumbody zu kommen.

Deine eigene Wahrnehmung relativiert sich schnell, wenn du beim Strampeln in der Muckibude einen wahren Adonis vor dir hast, von dem mein gewichtiger Kumpel Doug sagen würde: „I hate him already!“ Ich dagegen gebe dem Laufband Saures und stampfe diskret meine Meilen ab.

Wobei: Diskretion ist gar nicht so einfach, wenn der anfängliche Kampfschrei zum Hecheln gerät und schließlich in einem kaum hörbaren Röcheln versiegt.

Ich sehe sie schon, die Traueranzeige: „Herbert. Beim Sport auf dem Laufband gestorben“.

Wetten? So ein Satz in der Zeitung würde meinen ungläubigen Kumpels ein freches Grinsen ins Gesicht zaubern.

Allein dafür hätte sich mein Besuch in der Muckibude schon gelohnt.

Unsere Freundin Marga ist tot

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Trauer im Bloghaus: Am Montagabend ist unsere Freundin Marga gestorben. Sie wurde nur 93 Jahre alt. „Nur“, weil es immer zu früh ist, wenn gute Menschen gehen. Und Marga war einer der besten Menschen, die ich kenne. Kaum jemand hat während unserer Kanada-Zeit mein Herz und das meiner Familie mehr berührt als Marga.

Ihr Gesicht kannte ich schon, noch ehe wir uns zum ersten mal begegneten. Im Fernsehen war mir eine Frau mit deutschem Akzent aufgefallen, die energisch, aber eloquent die Erweiterung einer Kiesgrube in der Nähe ihres Hauses bemängelte. Das war vor 26 Jahren. In dem TV-Interview ging es, typisch für Marga, in erster Linie nicht um ihre Person, die sich an den Schaufelbaggern und Grasnarben störte, sondern um die Tiere. Waschbären, Eichhörnchen, Vögel – ihr Lebensraum würde durch den nunmehr größeren Kiesplatz noch weiter eingeschränkt werden. Und das gehe ja gar nicht. Wenige Jahre nach Margas Protestaktion wurde aus der Kiesgrube ein Golfplatz.

Später ist Marga unsere Nachbarin auf dem Land geworden. Schon bald wurden wir Freunde und sahen uns fast täglich. Unsere Leben ergänzten sich auf wunderbare Weise. Sie, die lebenskluge, ältere Dame aus Berlin, die ihrem Gastland Kanada stets kritisch, immer wissend und meistens positiv gegenüber stand. Wir, die Neueinwanderer aus dem Schwäbischen, die Kanada erst noch begreifen mussten.

Marga war die gute Seele von Hudson Acres. Zu Kindergeburtstagen trug sie, die kinderlos geblieben war, stets mit erlesenen Torten und Kuchen bei. Bei Erwachsenenfesten zeigte sie noch im hohen Alter Durchhaltevermögen. Ihr Gläschen Sherry ließ sie sich nicht nehmen. Ihr Kleidungsstil war so erlesen wie ihr Charakter. Auch bei minus 30 Grad stapfte sie noch wie aus dem Ei gepellt durch Eis und Schnee.

Gartenfest zu Margas 90. Geburtstag.

Gartenfest zu Margas 90. Geburtstag.

Einer der Höhepunkte unseres gemeinsamen Lebens auf dem Land war ihr 90. Geburtstag, den wir vor drei Jahren auf unserem Grundstück in Hudson Acres für sie ausrichteten. Alle ihre Freunde kamen, um ihr an den blumengeschmückten Tischen die Ehre zu erweisen. Nachbarn warteten zu ihrem Festtag mit einem kleinen Violinkonzert auf. Ein Geistlicher segnete die Speisen. Ein Freund hatte ein Lied für sie umgetextet. Es war fast zu viel der Ehre – für Margas Geschmack.

Anders als wir, war Marga tief religiös. Auch dieser Gegensatz stand unserer Freundschaft nicht im Weg. Im Gegenteil, er beflügelte unsere Leben gegenseitig. Unser Sohn fand in Marga eine intellektuelle, kultivierte und oft streitbare Komponente, die ihm bei manchen Fragen besser weiterhelfen konnte als seine eigenen Eltern. Mit ihrer großartigen Herzensbildung war es ihr stets ein Leichtes, andere Herzen zu berühren.

Noch vor zwei Wochen stattete Cassian Marga einen Besuch in ihrem weißen Hexenhäuschen im Wald ab, das sie bis zum Schluss allein bewohnte und bewirtschaftete. Sie hatte – mit 93 Jahren! – ein dreigängiges Menü für ihn zubereitet. Und: Sie fuhr noch immer Auto, bis zum letzten Tag. Dabei konnte sie der Rosenkranz, der stets vom Rückspiegel baumelte, auf ihrer allerletzten Fahrt am vorigen Samstag nur bedingt beschützen.

Dass Marga jetzt schnell und ohne Leiden gehen durfte, sehen wir, die wir sie lieben und verehren, als das letzte Geschenk, das ihr zuteil werden konnte. Auch die Art und Weise, wie sie zu Tode gekommen ist, passt in das Leben dieser ungewöhnlichen Frau:

Sie hatte auf dem Rückweg von einem Besuch bei einer Freundin im Dorf in ihrem Toyota einen Schlaganfall erlitten. Während fünf andere Autofahrer Blechschäden zu beklagen hatten, blieb Marga unverletzt. Ihr Schutzengel machte selbst da noch Überstunden.

Knapp 48 Stunden später ist sie nun an den Folgen des Schlaganfalls im Krankenhaus verstorben. Wir vermissen sie sehr.