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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Mit dem Kanu durch Kanada

mapEs gibt sie noch immer, die großen Abenteuer. Eines davon erlebt zurzeit eine junge Familie aus der Provinz Alberta. Pamela und Geoff MacDonald paddeln seit sieben Jahren quer durch Kanada. Jetzt haben sie in Montréal angedockt.

Ihr knallrotes Kanu ist gerade mal sieben Meter lang, vollgepackt mit Equipment: Zelt, Schlafsäcke, auch ein paar Gadgets wie Satellitentelefon und i-pad. Und natürlich die Crew selbst, die immer größer wird.

Aufgebrochen waren Pamela und Geoff vor sieben Jahren als Pärchen, zusammen mit Taq, einem reinrassigen Alaskan Malmute. Dann kam Nachwuchs an Bord: Jude und Rane, das Mädchen ist heute vier Jahre, der Bub gerade mal acht Monate alt.

Fast 9000 Kilometer haben die MacDonalds schon im Kanu zurückgelegt, davon auch 50 per “Portage”, also mit dem Kanu auf dem Rücken. Die Strecke durch die Coast Mountains in British Columbia ist nicht mit dem Boot zu schaffen.

Während der Wintermonate machen die Abenteurer Pause. Geoff arbeitet dann in seinem Beruf als Geologie-Ingenieur, Pam als Geschäftsfrau und Mutter.

Was als nächstes kommt, wie sie ihren Alltag auf engstem Raum meistern und auch Fotos von Geoff, Pamela, Jude, Rane und Taq finden Sie auf dieser Seite: canoeacrosscanada.ca Dort berichten die MacDonalds auch über eine Begegnung mit einem Grizzlybären.

Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.

Kulinarisches von der Insel

ute Dinner-Einladungen bei unserer Freundin Ute sind immer etwas ganz Besonderes. Allein schon die Anfahrt zu ihrem Haus ist ungewöhnlich: Ute wohnt auf einer Insel, mitten im Sakt-Lorenz-Strom.

Von St. Henri aus geht es mit dem Fahrrad am Atwater Market vorbei. Eine Fußgängerbrücke führt über den Lachine-Kanal. Weiter geht’s über kurvige Gassen und Sträßchen durch das ehemalige Montréaler Arbeiterviertel Verdun, vorbei an stillgelegten Fabriken und schicken Lofts.

Und dann, als hätte der Reiseveranstalter Überstunden gemacht, taucht plötzlich ein Stück Urwald auf, das am Ufer des an dieser Stelle einen Kilometer breiten Sankt-Lorenz-Stroms endet. Dazwischen der Singsang von Vögeln und das Zirpen von Grillen. Auch eine Waschbärenfamlie ist neulich mal behäbig vor unseren Rädern vorbei getippelt.

Über eine schmale Brücke, die parallel zum Rush-Hour-Verkehr der Dreieinhalb-Millionenstadt verläuft, geht es jetzt über den Sankt-Lorenz-Strom nach île des Sœurs. Dort wohnt Ute.

Die Nonnen des Ordens von Notre-Dame haben die knapp vier Quadratkilometer große Insel 250 Jahre lang als Farmland genutzt. Erst in den 50er-Jahren wurde mit der Besiedlung begonnen. Heute zählt Nun’s Island zu den gehobeneren Wohngegenden in Montréal. Rund 18.000 Menschen leben dort.

In der Küche ihres Reihenhauses zaubert Ute die feinsten Gerichte: Von Mainzer Hausmannskost bis extrem exotisch – nichts, das unserer weitgereisten Freundin fremd wäre. Ihre kulinarischen Kompositionen reichen von Tandoori-Chicken über Gaspacho bis zu Lammfleischbällchen mit Ingwersprenkel. Oder auch Lachs-Tartar mit Kapern und Dill. Oder, wie vor ein paar Tagen, ein Blumenkohlgericht mit zerlaufenem Käse – ein Gaumen- und Augenschmaus, der von der Optik her stark an einen gestülpten Vanillepudding erinnert.

Das Besondere an Utes Speisen: Sie sind nicht etwa in einer raffiniert ausgestatteten Hightech-Küche zubereitet worden. Alles ist hier klein, aber in höchstem Maße funktional. Ein bisschen erinnert mich Utes Küche an die Kochstation eines ICE-Speisewagens, über die ich vor Jahren während einer Fahrt von Basel nach Mannheim als Reporter berichtete. Jeder Handgriff des Küchenchefs war der Geschwindigkeit des Zuges angepasst, alles musste stimmen.

Wie damals im Intercity, so ist auch in Utes Küche kein Platz für Sperenzchen, jeder Millimeter wird genutzt. Ein Tupperware-Turm getrockneter Kräuter kann gar nicht kippen, weil er links und rechts gestützt wird von einem Gerüst aus Schöpfkellen, Brotmessern, Schneebesen, Fleischzangen und Kartoffelstampfern.

Auch Utes Herd ist alles andere als Hightech: Vier Kochplatten, ein Backofen, kein Keramikgedöns. Praktisch, sauber und irgendwo auch ein bisschen Retro.

Ich kenne Luxus-Küchen, an deren Ausstattung Paul Bocuse seine Freude hätte, deren Output sich aber qualitativ im Kentucky-Fried-Chicken-Bereich bewegt.

Bei Ute ist das Gegenteil der Fall. In ihrem Häuschen im Sankt-Lorenz-Strom entstehen auf ein paar Quadratmetern kulinarische Glanzleistungen, die ihre Freunde regelmäßig zum Schwärmen bringen.

Drei Sterne für Chez Ute. Mindestens.

Ein Hauch von Indian Summer

holz

Das volle kanadische Kontrastprogramm in drei Tagen: Am Donnerstag früh noch downtown im Tonstudio für eine kleine Sprecherrolle im Film. Danach zweieinhalb Stunden mit dem Bus über die Dörfer, in Richtung Norden bis zur Blockhütte. Tags darauf drei Bootsladungen Feuerholz über den See rudern. Und am nächsten Tag wieder zurück ins Apartment in der Dreieinhalb-Millionenstadt. Keine Spur von Condo-Stress. Und die Rückenschmerzen? Wie verflogen. Naja, fast.

Es ist noch nicht einmal Mitte August und schon liegt in diesem Teil Kanadas ein Hauch von Herbst in der Luft. Ganz sachte hat die Natur über Nacht ein paar bunte Blätter an die Ahornbäume gezaubert. So, als würde sich der Indianer Summer vorsichtshalber schon mal in Erinnerung rufen.

Alles klar. Message verstanden. Die Vorbereitungen für den Winter haben zu beginnen.

Auf der gegenüberliegenden Seeseite wohnt Monsieur B. Er hat das beste Feuerholz weit und breit. „Abgehangen“ würde man bei einem guten Steak sagen. „Seasoned“, heißt das beim Holz.

Nur: Wie kommt das Holz von der anderen Seeseite zu uns an die Cottage? Mit demboot Ruderboot natürlich, wie sonst? Motorboote sind nicht unser Ding. Per Auto ist unsere Hütte nicht zu erreichen. Wenn schon abgelegen, dann richtig. Kanadisch eben. Acht fleißige Hände helfen beim Holztransport: Einsammeln, Boot beladen, über den See schippern, Ruderboot entladen, Holz stapeln. Fertig.

Am Abend dann eine kleine Kostprobe aus dem Ofen: Brennt prima, riecht gut, gibt warm.

Was will man mehr an einem typischen Spätsommer-Wochenende in Kanada?

Leben im Apartment

Condo-Living: Super - solange der Pool nicht leckt.

Condo-Living: Super – solange der Pool nicht leckt.

Der Rücken schmerzt und ich weiss auch warum: Kontrollverlust! Nach 25 Jahren im eigenen Haus fällt es schwer, sich mit dem Leben in einer Gemeinschafts-Wohnanlage zu arrangieren. „That’s Condo-Living!“, höre ich jetzt häufig von Leuten, die es besser wissen. Für das Leben im Apartment gelten Gesetze, die man als Hausbesitzer nicht kennt.

Beispiel 1: Es tropft von der Decke, das Apartment wird überflutet. Beim Entleeren des Swimming Pools auf der Dachterrasse ist etwas daneben gelaufen. Wasser strömt aus dem Lüftungsschacht in unsere Wohnung im Erdgeschoss. Das war im vergangenen Herbst, drei Monate nach unserem Einzug .

Beispiel 2: Es tropft schon wieder von der Decke, das Apartment ist schon wieder überflutet. Beim Befüllen des Swimming Pools auf der Dachterrasse ist wieder etwas daneben gelaufen. Wasser strömt schon wieder aus dem Lüftungsschacht … und so weiter. Das war im Mai dieses Jahres, sieben Monate nach dem ersten Zwischenfall. Und wieder gelobt die Hausverwaltung, künftig alles besser zu machen.

Beispiel 3: Es tropft schon wieder. Diesmal allerdings nicht von der Decke, der Pool hat nichts damit zu tun und gottseidank ist das Apartment diesmal nicht überflutet. Lediglich unsere Terrasse, die im Erdgeschoss liegt. Das Wasser kommt von der Klimaanlage eines Mitbewohners im 4. Stock, drei Etagen über uns. Das Kondenswasser seines air conditioner tropft unaufhörlich auf unsere Terrasse. Der Sonnenschirm wird zum Regenschirm. Wo eigentlich der Gartenstuhl hingehört, bildet sich eine Wasserpfütze,  jeden Tag aufs Neue. Es nervt.

Kontaktversuche mit dem Besitzer der defekten Klimaanlage scheitern. „Eigentlich ein netter Kerl“, sagt der Hausmeister über ihn, „aber selten zu Hause“. Toll. Die Zusage der Hausverwaltung, man werde sich um den Fall kümmern, liegt einen Monat zurück.

Wer sein Leben lang nach den Gesetzen des Verursacherprinzips gehandelt hat, verzweifelt in der Gemeinschafts-Wohnanlage an seiner eigenen Ohnmacht. Keiner ist schuldig, niemand verantwortlich. Alles gehört allen und dann doch wieder nicht.

Und ich habe Rückenschmerzen.

Montréal sinkt immer tiefer

© Screenshot CBC-News

Im Rathaus geben sich die Oberbürgermeister die Türklinke in die Hand, weil einer nach dem anderen mit Schimpf und Schande davon gejagt wird. Das neue Krankenhaus steckt bereits vor der Eröffnung so tief im Korruptionssumpf, dass eine ganz Armee nötig wäre, um den Dreck zu beseitigen.

Viele Straßen erinnern mehr an Bagdad als eine Weltmetropole. In einem derart desolaten Zustand befindet sich die Infrastruktur, dass jetzt, nicht zum ersten Mal übrigens, eine Straßendecke eingebrochen ist und den Weg für einen kompletten Schaufelbagger frei gemacht hat.

Dass am selben Tag, an dem der Bagger eingesackt ist, nur ein paar hundert Meter davon entfernt ein drei Tonnen schweres Metallteil einen 32jährigen Passanten erschlagen hat, passt zwar ins Bild, muss aber unter der Rubrik „tragischer Unfall“ abgehakt werden. Am falschen Ort zur falschen Zeit. Die Stahlplatte hatte sich von einem Baukran gelöst.

Ein paar Kilometer weiter östlich dann der Dauerbrenner in Sachen Schlampigkeit: Das Olympiastadion, 1976 als eine Art architektonisches Wunder gefeiert, bröckelt weiter vor sich hin. Das Teflondach weist tausende kleiner Löcher auf. Die mit rund einer Milliarde Dollar „teuerste Kopfbedeckung der Welt“ ist im Eimer.

Spätestens, nachdem sich ein Betonklotz von der Größe eines Omnibuses aus dem Fundament gelöst hat, fühlt sich kein Besucher mehr so richtig sicher, der dort zur Automobilshow geht oder zur Freizeitausstellung.

Freunden, die hier zu Besuch sind, ist der desolate Zustand Montréals oft schwer zu verklickern. „Wie kann man so eine zauberhafte Stadt so verkommen lassen?“, ist einer der Kommentare, die ich oft höre. Die Antwort darauf ist brutal, aber korrekt: Weil an den Schaltstellen der Macht Menschen sitzen, denen Profit wichtiger ist als das Wohlergehen seiner Bürger.

Kleiner Trost: Anderswo sieht es wohl auch nicht viel besser aus. Freunde aus Florida berichten, der Zustand der Straßen von Miami sei ähnlich katastrophal. Und während in Montréal gerne die klirrende Kälte als Ursache der kaputten Fahrbahnen herhalten muss, ist es in Florida eben … die Hitze.

Wie gut, das wir noch Wetter haben.