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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Fremdschämen für Kanada

foto: yukonbay

Es gibt Zeiten, da bin ich richtig stolz darauf, Kanadier zu sein. In den letzten Tagen schäme ich mich allerdings ein bisschen für mein Land. Kanada hat sich beim Gipfel in Durban nämlich wie ein Umweltschwein benommen. Während der Rest der Welt unserem Planeten neue Lebensgeister einzuhauchen versucht, schlägt sich Kanada auf die Seite der Dreckschleudern. Und steigt aus dem Kioto-Protokoll aus.

Stolz bin ich auf Kanada meistens, wenn die USA sich politisch wieder einmal dermaßen daneben benehmen, dass Kanada eigentlich nur besser dastehen kann. Nehmen wir den Irak-Krieg: Ottawa war dagegen und hat den Amis die kalte Schulter gezeigt: Keine kanadische Rakete wurde abgefeuert. Ich hätte pausenlos die kanadische Flagge schwenken können.

Harper am Zügel der Wirtschaft - Foto: dapd

Umgekehrt könnte ich die Regierung in Ottawa zurzeit genauso pausenlos an die Wand nageln. Wer Bilder von verzweifelten Eisbären sieht, die unter den Tatzen keinen Halt mehr haben, weil ihnen das Softeis wegschmilzt, muss sich fragen, ob den Politikern eigentlich das Hirn eingefroren ist. Selbst China wundert sich über die Haltung Kanadas, und das will etwas heißen.

Auf den Punkt gebracht: Kanada steigt aus dem Kioto-Protokoll aus. Damit weigert es sich, den Ausstoß des klimaschädlichen Treibhausgases Kohlendioxid gesetzlich zu begrenzen. Dabei hat es 2010 den höchsten CO2-Anstieg gegeben, der je verzeichnet wurde.

Und was macht Kanada? Genehmigt noch kurz vor dem Umweltgipfel in Durban ein neues Teersand-Projekt im Norden der Provinz Alberta. Selbst Leute, die hinter dem Projekt stehen, räumen ein: Jährlich werden eineinhalb Millionen Tonnen Treibhausgase in die Luft gejagt. Das entspricht dem Dreck von 270 000 Autos.

Wenn ich den kanadischen Umweltminister Peter Kent jetzt sehe, wie er ohne einen Hauch von Selbstzweifel in Durban sein sauberes Kanada verkauft, könnte ich schreien. Vor allem aber habe ich einmal mehr Zweifel an der Integrität nicht nur von Politikern, sondern auch von Journalisten.

Umweltminister Kent - Foto: TheStar

Mr. Kent war nämlich, ehe er von der konservativen Regierung ins Parlament berufen wurde, eines der bekanntesten kanadischen Fernsehgesichter. Stets tief besorgt über die umweltpolitischen Fehlleistungen in Ottawa. So jedenfalls hat er sich im Fernsehen verkauft. Bei diesem Mann hatte auch ich jahrelang das Gefühl: Der tickt wie du. Bei dem ist mein politisches Geiwssen gut aufgehoben. Doch kaum hatte er seinen Studiohocker geräumt und seine Familienfotos auf dem Ministerschreibtisch aufgebaut, war es damit vorbei. Plötzlich schlägt sein Herz für die Politik seines stockkonservativen Premierministers Stephen Harper. Und verteidigt Dreckschleuder-Projekte, die eigentlich jedem Kanadier die Schamesröte ins Gesicht treiben müssten.

Cool, Canada. So macht man sich Freunde.

Wir schalten um zum Testbild

 

Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen zu Hause ist. Aber mein Tag könnte 25 Stunden haben und trotzdem hätte ich das Gefühl, nicht einen Bruchteil dessen gesehen und gelesen zu haben, was ich mir eigentlich vorgenommen hatte. Dass mein Leben so aufregend verläuft, hat vor allem mit dem Internet zu tun. Kein Sendeschluss. Kein Programmbeginn. Und immer was zu gucken. Mit dem Testbild im Fernsehen hatte alles angefangen.

Als ich ein Kind war, bin ich oft ins Haus der Geschwister Klasen gegangen, die in meiner Straße wohnten. Zwei ältere Damen, nie verheiratet, sehr kultiviert und auch nicht ganz arm. Sie hatten etwas, was die meisten in Ummendorf zu jener Zeit noch nicht hatten: einen Fernseher. Einen sperrigen Kasten mit einer düsteren Glasscheibe, die sich leicht konisch und etwas bedrohlich in Richtung Wohnzimmer wölbte. Das war der Bildschirm.

Meistens war es Antonie Klasen, die Ältere der Beiden, die es sich mit mir im Wohnzimmer nett machte. Sie setzte sich neben mich aufs Sofa und strickte oder las ein Buch. Vor uns standen ein Teller Kekse und eine Tasse mit Kakao. Dann machte Fräulein Klasen feierlich den Fernseher an. Bis sich die Röhre erwärmt hatte und der Fernseher sendebereit war, verging manchmal eine Minute oder mehr. Erhellte sich der Bildschirm dann endlich, war der Nachmittag gerettet.

© telegraphuk

Dabei gab es zu jener Zeit noch kein Nachmittagsprogramm. Erst Punkt 17 Uhr verkündete die Fernsehansagerin mit der hochgesteckten Frisur, was der Abend so bringen würde. Doof nur, dass ich um 17 Uhr zu Hause sein musste. Nur manchmal, ganz selten, schaffte ich es, bis 17:05 zu bleiben. Länger ging nicht, sonst hätte es Ärger gegeben. Aber auch vor 17 Uhr war es ein erhebendes Gefühl, im Kreise kultivierter Damen fernsehen zu dürfen. Es war nämlich nicht so, dass der Schwarz-Weiß-Bildschirm bis zum Auftritt der blonden Ansagerin schwarz geblieben wäre. Es gab ja schließlich das Testbild. Viele Striche in allen Schattierungen, ein paar kleine Kreise und ein großer um das Ganze herum. Und viele Buchstaben und Zahlen, die ich nicht entziffern konnte. Sah ein bisschen aus wie die QR-Codes für Smartphones.

Mein Nachmittags-Vergnügen: Testbild live vom Übelhorn

So saßen wir manchmal stundenlang, die Fräuleins und ich. Sie strickten. Ich kuckte das Testbild des Bayerischen Rundfunks. Es kam vom Sender Grünten, auf dem Gipfel des Übelhorns. Wo das Übelhorn liegt und warum der Sender Grünten hieß, war mir wurscht. Was zählte, war: Über diese Holzkiste mit der Glasscheibe hatte ich Kontakt zu einer Welt, die mir bis dahin verschlossen war.

Als ich längst in Kanada lebte und schon sehr früh das Internet in unser Haus holte, gab es ein Déjà-vu. Auch jetzt konnte ich stundenlang vor dem unförmigen Schwarzweiß-Monitor sitzen und mir Bilder auf einigen spärlich bestückten Seiten anschauen.

Im Schneckentempo über die Datenautobahn

Auf der „Datenautobahn“ gab es damals noch eine ziemlich fiese Geschwindigkeitsbegrenzung. Die lag bei 56 kbit/s. So viel schaffte das Schneckenmodem gerade noch. Eine Verbindung war nur über Telefon möglich. Bis sich eine Seite aufgebaut hatte, verging, wie damals beim Schwarzweiß-Fernseher der Fräuleins Klasen, eine Minute und mehr. Auch wenn im Internet die Langsamkeit neu erfunden wurde, war auch jetzt wieder dieses prickelnde Gefühl da, einen Draht zur Welt da draußen gelegt zu haben.

Die Faszination des Internets ist geblieben. Auch heute noch kann ich mich stundenlang auf Seiten verlieren, die ich zufällig angeklickt habe. Neulich bin ich auf der Homepage eines afrikanischen Fernsehsenders gelandet. Ehe die Sicht auf den Seiteninhalt frei wurde, ritt erst einmal ein Prinz auf einem Elefanten seelenruhig von rechts nach links über den Monitor. Und anschließend noch einmal von links nach rechts. Dann öffnete sich ein virtueller Vorhang. Das nenne ich Stil. Oder eine karibische Homepage, auf der lustige Affen einen richtigen Zirkus veranstalten, ehe es zum Radioprogramm geht. Total exotisch auch die Homepage des nordkoreanischen Staatsrundfunks. Ich liebe solche Seiten.

Sie kennen doch bestimmt auch jede Menge davon. Schicken Sie mir den Link? Danke. Ich klicke mich derweil durch die neue Homepage der sozialistisch-sandinistischen Minderheitsimmigranten in Antarktika.

Die Geschichte des Testbilds – Süddeutsche Zeitung vom 12. Juli 2020

Die Cowboys vom Umlach-Valley

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Ich bin 1949 in Ummendorf geboren, in der Tiefe Oberschwabens. Ich könnte nicht behaupten, dass hier die Post abging. Eine tolle Kindheit hatte ich trotzdem. Hier poste ich ab und zu Erinnerungen an meine Bengel-Zeit.

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Die Cowboys vom Umlach-Valley

Es war die Zeit als „Fury“ über Schwarzweiß-Bildschirme galoppierte und „Lassie“ Leben rettete. Als Wyatt Earp für Recht und Ordnung sorgte und Joey Cartwright auf der „Bonanza“-Ranch so breit wurde, dass mancher um seinen Schwarzweißfernseher fürchten musste. Meine Helden hießen Jimmy, Billy und Casey. Und alle durften sie schießen, nur ich nicht. Sie schwangen sich auf ihr Pferd und ritten über die Prärie. Ich schwang mich auf mein Fahrrad und fuhr den Riedweg entlang in Richtung Kiesgrube. Meine Prärie war das Umlach-Tal. An der Biegung des Baches lieferte ich mir wilde Gefechte mit Joey, Jimmy, Bill und Casey. Weit und breit kein Wyatt Earp.

Wenn der Riedweg nur mir gehörte und mich keiner sah, formte ich meine Hand zu einem Revolver und schoss auf alles, was sich bewegte. Mehrfach kaltblütig erschossen habe ich Herrn Fessler von gegenüber. Er hatte es nämlich für notwendig gefunden, meine Eltern darüber in Kenntnis zu setzen, dass er mich auf frischer Tat mit dem Moped meines Bruders ertappt hatte. Dafür musste Herr Fessler jetzt büßen.

Auch Frau Scheible starb im Kugelhagel. Leider, aber ich konnte nicht anders. Sie hatte mich verpetzt, nachdem ich in ihrem Lädele einen Kaugummi eingesackt hatte. Ich vermeide bewusst das Wort stehlen, denn zu einem Diebstahl gehört unrechtes Handeln. Ich habe vielleicht falsch gedacht, aber richtig gehandelt. Am Tag zuvor hatte mir Frau Scheible nämlich einen zweiten Kaugummi vorenthalten, obwohl auf der Verpackung des Ersten ganz klar stand: „Bei Endziffer 7 gewinnt der Käufer einen Kaugummi.“ Die Endziffer war bei mir dummerweise unleserlich. Aber ich bin bis heute davon überzeugt, dass es eine 7 war. So gesehen stand mir auch der zweite Kaufgummi zu. Und weil mir Frau Scheible diesen verweigerte, besorgte ich mir ihn eben anderweitig. Und wurde dabei ertappt.

Meine Eltern waren trotz der Scheible-Schelte nicht weiter beunruhigt. Sie wussten, dass sie keinen Dieb großgezogen hatten.

Mit der Zeit wurden die Schießereien auf dem Fahrrad langweilig. Aber der Gedanke, auf dem Rücken eines Pferdes über Wiesen und Felder zu reiten, ließ mich nicht los. Manchmal machte ich nach der Schule einen kleinen Umweg und stattete dem Hufschmied einen Besuch ab. Wenn er die glühenden Eisen auf den Huf brannte, zischte es und das Pferd tat mir leid. „Stell dich nicht so an“, sagte der Schmied dann, „der Gaul spürt doch gar nix!“

Wenn der Schmied guter Dinge war, setzte er mich auf den Pferderücken, nahm den Gaul an die Leine und ließ ihn auf dem staubigen Hof eine Runde mit mir drehen.

Ein Pferd, das wär’s gewesen. Aber eine Kuh tut’s auch.

Kühe gab es in meinem Dorf jede Menge. Die kleinen Bauern hielten sich nur zwei oder drei für die eigene Milchproduktion. Große Landwirte wie der Schanzenbauer hatten bis zu 50 Kühe.

Den ganzen Sommer über mussten die Kühe morgens auf die Weide geführt und abends, rechtzeitig zum Melken, wieder ins Tal getrieben werden. Und weil sich die Bauern oft die Kosten für teure Elektrozäune an den Hängen sparen wollten, heuerten sie Schulbuben an, die während der großen Ferien ihre Viehherde bewachten. So kam es, dass ich Cowboy wurde.

Je größer der Bauer, je höher fiel der Hirtenlohn aus. Wer am Ende eines Sommers 50 Mark bekam, war reich. Manche Jungs aus der Schule wurden zum Dank für ihre Dienste im Herbst von der Bäuerin zum Erntedankessen eingeladen. Es gab selbst gebackenes Brot und Honig aus der eigenen Imkerei. Wer Glück hatte, durfte nach dem Essen ein Stück Käse und einen Laib Bauernbrot mit nach Hause nehmen, manchmal auch eine luftgetrocknete Blutwurst oder ein Stück Schinken aus der Räucherkammer. Oft gab es ein Stück Butter dazu, das die Magd im Fass angerührt hatte.

Ich hatte Glück. Mein Bauer war zwar nicht der größte im Dorf, aber derjenige mit dem größten Herz. Wenn es plötzlich kalt wurde und in Strömen regnete, kam er oft mit dem Traktor auf der Weide angetuckert und brachte eine Milchkanne voll heißer Suppe. Die löffelte er dann mit mir zusammen unter einem Sonnenschirm aus, den er gegen den Regen mitgebracht hatte.

Das Leben des Cowboys im oberschwäbischen Voralpengebiet kann einsam sein. Die Kühe waren in der Regel so faul oder auch diszipliniert, dass ein Eingreifen nur selten nötig wurde. Meist kamen sie nach einem kurzen Ausreißversuch von ganz alleine wieder zu ihrer Herde zurück. Der Auf- und Abtrieb morgens und abends war Routine. Ganz so aufregend wie das Leben auf der „Bonanza“-Ranch war mein Leben beim Fesslinger-Bauer nicht.

Zum Glück gab es in der Nähe meiner Weide das Jordanbad. Das ist ein Sanatorium, in dem knochenlahme Städter ihre Glieder nach dem Vorbild des bayerischen Priesters Sebastian Kneipp so lange in Wassertröge eintauchen, bis Wochen später der Schmerz nachlässt oder der Kurgast gar als geheilt entlassen werden kann.

Die Sanatoriums-Besucher aus allen Teilen Deutschlands waren bei den meisten Ummendorfern gerne gesehen. Sie kehrten in den lokalen Wirtschaften ein, ließen üppig Trinkgeld liegen und waren meist guter Dinge. Schließlich waren sie ja im Urlaub. Hin und wieder war von einem „Kurschatten“ die Rede, den sich vor allem männliche Kurgäste zulegten, wenn sie Langeweile hatten. Darüber schwieg man in Ummendorf oder erzählte sich davon höchstens hinter der hohlen Hand.

Die meisten der knochenlahmen Kurgäste, die ihre Heilung im Jordanbad suchten, kamen aus dem Ruhrgebiet und sprachen nach der Schrift, was auf Ummendorferisch so viel heißt wie: sie können Hochdeutsch. Dies wiederum ist den meisten Ummendorfern schon deshalb suspekt, weil sie es selber nicht können. Für den gemächlichen Oberschwaben, für den ein „Sodele“ oder „Jetzetle“ schon als abendfüllendes Programm gilt, klingt ein schneidiges „Wattdenn-wattdenn“ nicht nur fremd, sondern geradezu aufschneiderisch. Und aufschneiden – das geht gar nicht im Laugenbrezelland.

Ich liebte die Zugereisten. Ihrem – für meine Ohren – gepflegten Hochdeutsch zuzuhören, wenn sie an meiner Herde vorbeizogen, war jedes Mal wie ein kleiner Urlaub nach Neukirchen-Vluyn, Duisburg oder Recklinghausen. Und wie schnell die alle reden konnten! Ich fragte mich oft, wie träge sich in deren Ohren wohl mein Spätzlesschwäbisch anhören musste.

„He, Kurzer, stell dich mal neben die Kuh!“, rief mir einer der Schnellsprecher irgendwann zu und zückte auch schon die Kamera. Der Mann trug kurze Hosen, braune Socken und Sandalen. Ich hatte wie immer meine kurze Lederhose an, aber keinen Tirolerhut, wie es der Fotograf gerne gehabt hätte. „Neben die Kuh? Mach ich gern“, sagte ich, „aber nur für ein Zehnerle.“ Das war’s: Zehn Pfennig für ein Foto mit Kuh und Kind – eine Geschäftsidee war geboren. Warum ich darauf nicht schon viel früher gekommen bin, ist mir bis heute ein Rätsel. Schließlich brauchte ich dringend Geld für ein neues Fahrrad.

Das Geschäft florierte. Meistens gab es statt einem Zehnerle 50 Pfennig. Und als ich dann auch noch anbot, mich nicht nur stehend neben einer Kuh, sondern in gewagter Pose sogar auf dem Rücken des Tieres fotografieren zu lassen, rollte der Rubel erst recht. Für eine Mark war jeder dabei, der später dem Kumpel in Grevenbroich oder Mettmann Urlaubsfotos von einem schwäbischen Cowboy vorführen wollte. Elsa war die einzige Kuh, die das mit sich machen ließ. Sie war etwas fußlahm und sehr geduldig.

Die Idee mit dem Hirtenbub, der sich für ein Honorar fotografieren ließ, hatte sich in Ummendorfer Cowboykreisen schnell herumgesprochen. Und wie das so ist mit Geschäftsideen: Sie werden gerne kopiert. Ein Hirtenjunge nach dem anderen stellte jetzt ein Schild auf die Wiese: „Roland reitet für eins fünfzig!“ oder auch „Otto und Elsa für nur zwei Mark!“ Auch ich bot meine Dienste nicht unbescheiden an. „Cowboy Herby für eine Handvoll Dollars“.

Hochmut kommt vor dem Fall.

Es war ein Sonntag und in der Ferne klingelten die Kirchturmglocken. Die Kurgäste vom Jordanbad kamen in Scharen und strahlten heute noch zufriedener als sonst. Elsa ließ sich wie immer geduldig von mir reiten. Weil ich von Papa wusste, dass man investieren muss, um am Ball zu bleiben, versuchte ich mein Geschäftsmodell ständig zu verbessern. Inzwischen hatte ich mir aus einem Strick und aus den beiden Holzgriffen der Tragtaschen, die das Modehaus Kolesch seinen Kunden mitgab, ein Paar selbstgemachte Steigbügel zugelegt. Alles deutete auf einen perfekten Tag hin. Bis plötzlich Papa und Mama vor mir standen.

Auf ihrem Sonntagsspaziergang hatten sie einen kleinen Abstecher zu mir gemacht. Sie waren fassungslos. Von meiner Modelling-Karriere hatten sie bis zu diesem Tag keinen Schimmer gehabt. Es wäre mir peinlich gewesen, ihnen zu erzählen, dass ich mich gegen Geld auf dem Rücken einer fußlahmen Kuh von fußlahmen Ruhrpottlern abfotografieren lasse. Sowas macht man nicht in Ummendorf. Erst recht nicht, wenn man der Sohn des Malermeisters ist, der es in der Handwerker-Innung zu etwas gebracht hatte und allein schon deshalb von seiner Kundschaft sehr genau beobachtet wird.

Papa sprach bei meinem Anblick von „einer Schande“ und davon, dass die Leute ja denken könnten, wir hätten es nötig, unser Kind zum Betteln zu schicken. Mama tat vor allem die Kuh leid. Und für mich ging der lukrativste Sommer meiner kurzen Cowboy-Karriere zu Ende.

Und was machen Sie so?

BILD hat wieder einmal die Antwort: Journalisten knapp nach den Lehrern auf Platz 8

Das war knapp: Deutsche Journalisten stehen bei den „Männerberufen mit Sex-Appeal“ an achter Stelle und damit gerade noch in den Top Ten. Und natürlich sind uns die Lehrer mal wieder voraus: Platz sechs. Typisch Deutsch, so eine Umfrage. In Kanada definieren sich Menschen viel weniger über ihren Beruf als in Deutschland.

In unserer Blockhütte am Lac Dufresne wurde den Sommer über heftig renoviert. Morsche Bretter wurden ersetzt und auch das Dach auf dem Nebengebäude ist neu. Das Plumpsklo im Wald war bei einem Sturm zusammengefallen. Es musste erst geleert und dann ein neues gebaut werden.

Plumpsklo vom Richter

Der Richter als Plumpsklo-Bauer

Eine Drecksarbeit also. Für den Job konnten wir einen Nachbarn am See gewinnen. Vor ein paar Jahren ließ er sich vorzeitig pensionieren und lebt seitdem sehr einsam, aber auch sehr glücklich in einem Häuschen am See. Im Winter schippt er Schnee. Im Sommer hackt er Feuerholz. Dazwischen baut er schon mal ein Klohäuschen für Freunde. Bis vor kurzem war Monsieur B. noch Richter in Montréal. Von Dünkel keine Spur. Québecer Bescheidenheit.

Herr Doktor backt exzellenten Mohnkuchen

Gestern habe ich mich mit meinem Freund Peter zum Kaffee in einem Montréaler Buchladen getroffen. Früher war er Dozent an der Uni. Dann haben sie seine Fakultät geschlossen. Seither hat er alles Mögliche gemacht: Nachrichtensprecher beim Rundfunk. Bedienungsanleitungen übersetzt. Werbefilme gesprochen. Vorträge über Pharaonen gehalten. Und dazwischen immer wieder exzellente Mohnkuchen und Marzipantorten gebacken. Irgendwann hat er mir eher beiläufig von seiner Dissertation erzählt. Die Frage: „Echt? Du hast einen Doktor?“, hört Peter vor allem häufig in Deutschland. „Ja“, sagt Peter dann fast verschämt, „aber der interessiert in Kanada ohnehin keinen“. Canadian Understatement.

Der Software-Manager repariert Motorsägen

Mein Nachbar von gegenüber war bis vor ein paar Jahren eine ziemlich große Nummer in einem Software-Unternehmen. Seine weltweiten Dienstreisen brachten ihm auf seinem Punktekonto genug Flugmeilen ein, dass er davon bis zum Lebensende in Luxusherbergen absteigen kann. Irgendwann wurde sein Job gestrichen. Und weil er ohnehin etwas reise- und karrieremüde geworden war, fing er an, als „Handyman“ zu arbeiten. Jetzt mäht er bei uns im Sommer den Rasen, pflegt bei ein paar Leuten die Swimmingpools, baut Küchen ein und repariert Motorsägen. Zwischendurch grillt er für sich und andere die besten T-Bone-Steaks zwischen Texas und Tuktoyaktuk. Karriereknick? Schon. Aber er trägt ihn mit Würde.

Flugkapitän mit Hang zum Hamburger

In meinem Französischkurs ging es neulich um das beste Essen, das wir je hatten. Der Eine berichtete von einem opulenten Mahl in einem Pariser Sternehotel, die Andere von einem Dinner in einem italienischen Schloss. John erzählte uns, das Beste, das er je gegessen habe, sei ein Cheeseburger im Flughafen von Atlanta gewesen. Armer Tropf, dachten wohl einige von uns und blickten fast bedauernd auf den Kerl, dessen kulinarischer Höhepunkt ein Burger im Fastfood-Restaurant war. Dass John von Beruf Airbus-Kapitän bei Air Canada ist und damit mehr von der Welt gesehen hat als wir alle zusammen, erwähnte er eher nebenbei. Wir: „Wahnsinn!“. Er: „It’s just a job“.

„Welcher Beruf hat den meisten Sex-Appeal?“

So viel zum Thema heiteres Beruferaten. Und jetzt noch die Liste der angeblich „sexiesten Berufe“ in Deutschland. Die Partnerbörse Parship und die Universität Bremen haben hierfür 23 000 Menschen befragt.

FRAUEN:

1. Juristin – 2. Flugbegleiterin – 3. Ärztin – 4. Geschäftsführerin – 5. Wissenschaftliche Mitarbeiterin – 6. Architektin – 7. Fremdsprachen-Korrespondentin – 8. Ingenieurin – 9. Lehrerin – 10. Mediengestalterin

MÄNNER:

1. Arzt – 2. Architekt – 3. Psychologe/Therapeut – 4. Wissenschaftler Mitarbeiter – 5. Polizist – 6. Lehrer – 7. Jurist – 8. Journalist – 9. Unternehmensberater – 10. Ingenieur

Und wo, bitte, stehen die Blogger?

Elche legen Flughafen lahm

Wenn ich auf Reisen bin, kann ich nicht immer täglich bloggen. Deshalb hin und wieder der Griff ins Archiv. Hier finden Sie von Zeit zu Zeit eine Auswahl meiner Reportagen als Kanada-Korrespondent. Die Beiträge wurden nicht aktualisiert!

O-Töne können hier leider nicht eingestellt werden. Deshalb nur die Kurz-Version.

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ST. JOHN’S / NEUFUNDLAND

Erst dachte der Flughafen-Direktor Rex LeDrew, ein Hund haette sich auf die Rollbahn verirrt. Als dann noch einer auftauchte und noch einer, da schlug der Airport-Manager Alarm. Als die Flughafen-Polizei dann endlich anrueckte, hatte sich ein ganzes Rudel auf der Startbahn versammelt. Doch es waren keine Hunde – sondern Elche.

Kleine und große, junge und alte – auch eine ganze Familie war darunter. “Ein Elchkalb”, sagt Airport-Manager LeDrew, “wollte gar nicht von der Mutter weichen. Es war unentwegt am Saugen.” Die anderen Tiere grasten derweil auf den Grünflächen des Flughafengeländes von St. John’s in Neufundland. Doch lustig war das alles nicht: Maschinen, die auf dem Anflug nach St. John’s waren, wurden umgeleitet. Flugzeuge, die startklar waren, blieben auf dem Rollfeld.

Ein Passagier, der auf dem Weg von Toronto nach Neufundland wieder umdrehen musste, sagte später im Fernsehen: “Ich dachte, der Käpt’n will uns auf den Arm nehmen, als er wegen Elchgefahr den Rückflug nach Toronto anordnete.”

In der Zwischenzeit spielten die Sicherheitskräfte mit den Elchen Katz und Maus. So ging das drei Tage und Nächte lang. Inzwischen war der Flugverkehr vollständig zum Erliegen gekommen. Weil unter den Elchen auch Jungtiere mit ihren Müttern waren, wurde nicht scharf geschossen. Doch von den Warnschüssen ließen sich die Tiere zunächst nur wenig einschüchtern. Nach drei Tagen hatten die Elche das Rollfeld dann schließlich geräumt.

Inzwischen wurde der drei Meter hohe Maschendraht-Zaun um das Flughafen-Gelände noch erhöht. Denn das ist in vielen kanadischen Flughäfen das eigentliche Problem: Wenn sich im Winter der Schnee zwei Meter hoch anhäuft, schaffen es die Elche mühelos, über den Zaun zu springen. Wenn dann im Frühsommer die Schneeschmelze einsetzt, können sich die Tiere nicht mehr aus ihrem Riesen-Käfig befreien. Mehrere kanadische Flughäfen haben inzwischen Elch-Patrouillen angeheuert.      (Sendung vom 29-5-2001)