
Irgendwann in der Mitte der 5. Woche war es da: Das Gefühl, dass aus dem Urlaub Alltag geworden ist. Die Glühbirne in der Küche ist ausgebrannt. Es muss eine neue her. Aber wo? Und welche? Und überhaupt: Ich bin doch im Urlaub, da darf doch keine Glühbirne ausbrennen? Natürlich war es eine Kleinigkeit, die schnell behoben war. Aber die Einschläge kommen jetzt immer näher. Alltag lauert überall. Auch in Palma.
Inzwischen häufen sich die Alltags-Signale. Die Lesebrille, erst vor zwei Tagen gekauft, ist defekt. Muss zurück in den Laden. Kommt mir bekannt vor. Wie in Quebec.
Horror am Morgen: Der Blick auf den Kontostand
Das Kartenhandy müsste unbedingt aufgeladen werden. Nicht ganz einfach, wenn der Bankautomat nicht mitmacht. Und der TAN-Token, den mir meine Bank kurz vor dem Abflug noch als neuestes Gadget fürs Onlinebanking mitgegeben hatte, tut auch nicht so, wie er soll. Und überhaupt: Den Blick aufs Bankkonto hätte ich mir ersparen sollen!
Was waren das noch für herrliche Zeiten, als der Kontoauszug per Post ins Haus kam und die Entscheidung lag an dir, ob du reinschaust oder nicht. Heute? Handy wird übers Internet aufgeladen. Bankgeschäfte werden im WWW abgewickelt. Da ist der Blick auf den Kontostand gar nicht zu umgehen.
Ohne Zitronenpresse geht gar nichts
„Wir brauchen eine Zitronenpresse“, sagt die Frau an meiner Seite. „Wir brauchen gar nichts. Wir sind im Urlaub“. „Ohne Zitronenpresse wird es schwierig“. Okay, dann eben eine Zitronenpresse. Wie daheim.
Mail vom Sender. „Ihr Seminar muss kurzfristig umgestrickt werden“. Wie bitte? Ich bin im Urlaub. Ja, schon. Aber das Seminar muss trotzdem umgestrickt werden. „Sonst kommen wir mit unserem Zeitfenster nicht hin“. Zeitfenster? Doch nicht im Urlaub! Alles klar. USB-Stick in den Rechner, Seminarmodule verschieben. Kontaktaufnahme mit den Co-Referentinnen. Die eine kann nicht, die andere meldet sich nicht. Alltag eben.
Hector, ein Handwerker aus Palma
Das Türschloss klemmt. Wir wohnen mitten in der Altstadt von Palma. Da muss ein ordentliches Türschloss her. „Hector macht das“, sagt die freundliche Frau, die vor Ort für unser Wohlbefinden zuständig ist. Hector kommt nicht. Und kommt nicht. Und kommt irgendwann doch. Und hat das falsche Teil dabei. Handwerker eben. Wie daheim.
„Wir haben kein warmes Wasser“, sagt die Frau an meiner Seite. „Ja, kommt halt mal vor“. Sie: „Schon. Aber eigentlich haben wir gar kein Wasser“. Hmm. Kommt auch vor. Aber ausgerechnet im Urlaub?
Es gibt für alles eine Lösung. Man braucht nur dies und jenes und alles kostet Geld. Und Nerven. Und Zeit. Und überhaupt: Ich bräuchte dringend mal Urlaub.

Entschuldigung, aber seitdem wir unterwegs sind, spinnt Petrus ein bisschen: Aus Deutschland meldet mir die Schwester meines Herzens zwar keine „sengende Hitze“, wie damals aus dem doch eher kühlen British Columbia. Dafür berichtet mein ganz persönlicher Wetterfrosch aus dem Allgäu von einem dramatischen Frühlingseinbruch.
Mein viel zu früh verstorbener Freund Bernd aus Winnipeg hatte die Angewohnheit, jedes Telefonat zwischen uns mit dem Wetterbericht zu beginnen. Merkte er, dass der Temperaturenvergleich zwischen Winnipeg, wo er lebte, und Montreal, wo mein Zuhause ist, zu seinen Ungunsten ausfiel, wechselte er oft ganz schnell das Thema. Der Schlawiner in ihm sah es immer gerne, wenn er im Vergleich zu mir weniger Schnee, mildere Temperaturen und weniger Moskitos vermelden konnte. Es sei denn, es hatten sich in Manitoba Rekord-Schneemengen gebildet und die Tageshöchsttemperatur lag bei minus 45 Grad. Das galt dann als exotisch und hatte allein schon deshalb hohen Nachrichtenwert. Journalist eben, der liebe Bernd.
Gerade deshalb finde ich diese Animateure toll. Sie müssen ein Produkt verkaufen, das ziemlich weit weg ist von dem, was sie selber antörnt. Da ist Fantasie gefragt. Es genügt nicht einfach, dem vorbeimarschierenden Touristen ein Visitenkärtchen mit den Öffnungszeiten des zu bewerbenden Lokals in die Hand zu drücken. Da müssen Sprüche her. Kalauer, die schon so zopfig sind, dass man sie gerne unter der Sprachkategorie „kultig“ abspeichern möchte.
Es entwickelt sich eine Art Hütchenspiel, mit dem meist osteuropäische Ganoven Touristen trickreich Geld aus der Nase ziehen oder auch aus dem Portemonnaie. Nur waren diesmal keine Hütchen im Spiel, sondern Kräutersträuße. Jetzt ist Lore nicht der Typ, der mit alten Frauen Streit anfängt. Also lässt sie die Alte schliesslich gewähren, nimmt das Sträußchen entgegen, öffnet ihr Portemonnaie und zieht daraus zwei Euro. Damit will sie der jetzt immer aufdringlicher werdenden Frau ihren unfreundlichen Lorbeerdienst bezahlen.
Mein Bild von der Sicherheit auf Mallorca hat dieses düstere Wesen trotzdem nicht erschüttert, denn der Vorfall hätte sich überall auf der Welt ereignen können. Aber vielleicht ist es ganz gut, sich hin und wieder einem Reality Check zu unterziehen, wenn man auf Reisen ist. So gesehen ist diese Episode auch nicht als Anklage gemeint. Eher als Hinweis, auch ohne Hütchenspieler immer und überall auf der Hut zu sein. Auch bei alten Damen.