In elf Jahren zu Fuß um die Welt

Ein Weltreisender ist zurück: Der Montréaler Jean Beliveau hat in elf Jahren 64 Länder durchwandert und dabei 75 000 Kilometer zurückgelegt. Zu Fuß. Frau und Kinder warteten derweil zu Hause geduldig auf den Globetrotter. Wanderer-Witwe Lucie besuchte ihren Mann einmal im Jahr irgendwo auf der Welt.

Der Marsch um den Globus fasziniert nicht nur viele Kanadier. Auch SPIEGEL-Online widmete Jean Beliveau und seinem Welten-Spaziergang jetzt einen langen Beitrag. Dabei erwähnt der Autor etwas, das ich in keiner kanadischen Zeitung gelesen, in keinem Radiobericht gehört und in keinem Fernsehbericht gesehen hatte: Es ging doch nicht alles ganz so glatt wie es die kanadischen Medien hinstellen.

In Algerien musste sich Jean Beliveau einer Prostata-Operation unterziehen. Krankenversichert war der Weltreisende zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr. Deshalb war er auf die Gnade eines algerischen Chirurgen angewiesen, der die OP vornahm. Umsonst.

WorldWideWanderung: Die Route

An Deutschland hat der Montréaler übrigens ganz besonders schöne Erinnerungen. Nicht etwa, weil er dort in einem Knast in Cloppenburg übernachten durfte. Beliveau traf dort nach mehreren Jahren erstmals seinen Sohn und seine Tochter wieder. Außerdem gab es in Hamburg zum ersten Mal eine Begegnung mit seiner Enkeltochter, die in der Zwischenzeit geboren wurde. Mit dem Enkelkind hatte er bis dahin nur via Skype oder am Telefon gesprochen.

Den Deutschland-Teil seiner Wanderung fasste Jean Beliveau damals SPIEGEL-Online gegenüber so zusammen: „In Cloppenburg übernachtete ich in einem Gefängnis – ich fragte die Polizei nach einem Schlafplatz, sie waren sehr freundlich und gaben mir eine Zelle, eine der sichersten Unterkünfte meiner gesamten Reise. Interessant finde ich in Deutschland, die Unterschiede zwischen Ost und West zu sehen – die Menschen im Osten winken und grüßen, im Westen sind sie reservierter. Doch gerade die Älteren im Osten können nicht so gut Englisch, das macht die Kommunikation schwierig.“

Wie sich dieser Fußmarsch durch die Welt auf seine Ehe ausgewirkt hat, warum er die Wanderung als einen Ausweg aus seiner Midlife-Crisis gesehen hat und dass er sich jetzt auf den Morgenkaffee mit seiner Frau freut, wird er in seinem Buch beschreiben.

Hier gibt es noch ein tolles Video über den Streckenverlauf.

Wir lachen uns hier noch kaputt

Lacht gerne: Kanadas Außenminister John Baird    Foto: CP

Wenn es Politikern zu wohl wird, lachen sie uns aus. Den kanadischen Außenminister schüttelte ein Lachkrampf, als er von der Opposition wegen seiner Farbwahl gerügt wurde. Ist ja auch total witzig: John Baird hatte darauf bestanden, seinen Namen auf der Visitenkarte in Goldrelief gedruckt zu sehen.

Selten so gelacht im kanadischen Parlament: John Baird, ohnehin nicht gerade die große Leuchte der konservativen Regierung, kriegte sich nicht mehr vor Lachen. Ein Oppositionspolitiker hatte sich doch tatsächlich erdreistet, die Luxusvariante seiner Visitenkarte zu kritisieren. Was mich auf die Palme bringt, sind nicht die paar hundert Dollar mehr, die so eine Goldrelief-Version kostet. Es ist diese Selbstbedienungs-Attitüde, die viele Politiker so unglaubwürdig macht.

Nicht immer geht es um Geld. Meistens aber um Macht. Und damit auch irgendwo wieder um Geld. Beispiel: Bei den letzten Wahlen im Mai schafften ein paar Dutzend linke No-Names aus der Provinz Québec den Einzug ins Bundesparlament in Ottawa. Eine Sensation. Endlich frischer Wind in Ottawa! Dachte ich. Viel Wind schon. Aber kein frischer. Inzwischen streiten sich die Genossinnen und Genossen der New Democratic Party fast nur noch.

Und natürlich geht es wieder um Macht. Es geht um die Nachfolge des Parteivorsitzenden Jack Layton, der im Sommer an Krebs verstorben war. Ich hielt „Smiling Jack“ für einen der größten Politiker, den Kanada je hervorgebracht hat. Die Grabenkämpfe, die seit seinem Tod innerhalb seiner Partei ausgetragen werden, sind des Andenkens dieses Mannes nicht würdig.

Verkehrschaos Montréal. Foto: Gazette

Noch einmal Dampf ablassen: Wenn es um den Schutz der Umwelt geht, hat Kanada den Schuss immer noch nicht gehört. Statt endlich den öffentlichen Nahverkehr auszubauen und die Vorstädte rund um Montréal an die City anzubinden, kippen die Verantwortlichen die Pläne für die dringend notwendige Ausweitung der U-Bahn wieder. Motto: Jetzt, da so viel Geld in Verbesserungen der Infrastruktur investiert wird, müssten die Straßen und Brücken schließlich auch genutzt werden. Und weil die Kohle für die  – angeblich – verbesserten Autofahrer-Bedingungen ja von irgendwo her kommen muss, lassen sich Politiker diesmal etwas sehr Originelles einfallen: Eine deftige Preiserhöhung für die armen Pendler, die von den ohnehin schon lächerlich wenigen Möglichkeiten des öffentlichen Nahverkehrs Gebrauch machen.

Immerhin gab es bei den Fahrpreiserhöhungen heftigen Gegenverkehr. Die betroffenen Pendler wollten die Entscheidung des zuständigen Kommunalverbandes nicht ohne weiteres schlucken. Eine Krisensitzung wurde einberufen. Schade: Der wichtigste Mann fehlte. Ausgerechnet der Bürgermeister der Vorstadtgemeinde, die das größte Interesse an einem reibungslosen Nahverkehr haben müsste, ließ sich entschuldigen. Die Gazette meldete später: Statt der Krisensitzung nahm der Spitzenpolitiker an einem Golfturnier teil.

Grünes Kanada? Lachhaft. Ich könnte rot werden vor Zorn.

Multikulti fängt beim Essen an

Wenn unser Freundeskreis zusammentrifft, wird das Wohnzimmer zur UNO-Vollversammlung. Und die Küche zum internationalen 5-Sterne-Restaurant. Dolmetscher? Nicht nötig. Irgendwie verstehen sich alle. Außer Deutsch, Englisch und Französisch gibt es ja noch die Sprache, die durch den Magen geht.

Vera stammt aus Indien. Ihre Currygerichte sind legendär und fehlen bei keiner Party. Dabei muss es nicht immer Bhuna Gosht, Chicken Curry oder Beef Vindaloo sein, mit dem sie ihre Freunde verzückt. Diesmal brachte sie einen Topf Gemüse mit. Es war Rosenkohl mit Curry angemacht. Lecker. Aber bestimmt in keinem indischen Restaurant zu finden.

Ute stammt aus Mainz. Den Truthahn bereitet sie typisch kanadisch zu. Mit einer Cranberry Sauce die hier bei keinem Turkey-Dinner fehlen darf. Diana bringt Süßigkeiten aus dem Libanon. Wenn sie von Beirut erzählt, schwingt auch heute noch ein Hauch von Wehmut mit. Linda aus Newcastle bringt die schräge Liebenswürdigkeit der Briten mit an den Tisch. Ihr Mann Claude den herben Charme des Québecker Bonvivant. Dann wäre da noch Sue aus Santa Barbara. Als kalifornisches Beach Girl verbringt sie manchmal viele Wochen am Stück bei den Inuit in der kanadischen Arktis. Liegt ja auch nahe, dass man sich zu den Eskimos hingezogen fühlt, wenn man am Pazfikstrand aufgewachsen ist.

Multikulti Montréal

Fast immer dabei auf unseren Multikulti-Feten sind Elke und Ain. Elke: Das Berliner Wunder auf zwei Beinen. Ain: Estlander mit Rundumerfahrung auf sämtlichen Kontinenten. Ebenfalls einen ständigen Sitz am UNO-Tisch haben Marjolaine und Doug. Marjo: Aufgewachsen als Kind eines echten kanadischen Lumberjacks in den Wäldern von Abitibi. Heute ist sie Abgeordnete für die Partei der linken Sozialdemokraten (NDP) im Bundesparlament in Ottawa. Ihr Mann Doug ist Journalist. Und so ganz nebenbei der beste Grillmaster, den ich kenne. Und natürlich Lore und ich. Zwei Schwabokanadier, die es irgendwann hierher verschlagen hat.

Nicht dabei waren diesmal Murene und Vagn. Sie: Haitianerin, die sich am wohlsten fühlt, wenn sie ihre Harley satteln kann. Er: Däne, der aussieht wie ein Wikinger, der sich nach Kanada verirrt hat.

Das ist sie also, unsere kleine Kanada-UNO. Eine typisch Montréaler Tischgesellschaft. Gleich geht’s zum Flughafen. Marie-Anne abholen. Sie besucht uns heute aus der Schweiz.

Typisch Montréaler Dinnerparty: Die ganze Welt an einem Tisch

Das beste Brotrezept der Welt

Wenn es um kulinarische Genüsse geht, gibt es in Montréal nichts, das es nicht gibt. Selbst knuspriges Brot, in anderen Teilen Nordamerikas noch immer ein Schwachpunkt, wird in vielen Bäckereien angeboten. Das beste Brot der Welt backt Lore allerdings selbst. Mit einem verblüffend einfachen Rezept.

Unsere Freundin Ute war die erste, die Brot-Alarm schlug. Sie war geradezu entzückt von einem Rezept in der New York Times. Gut, aber immer noch einen Hauch zu kompliziert für einen Haushalt, der jeden zweiten Tag Nachschub braucht.

Lore machte sich daran, Utes NYT-Rezept abzuspecken. Und siehe da: Das Brot schmeckt immer noch sensationell. Das Beste daran: Der Teig muss nicht umständlich lange geknetet werden. Und auch eine Brotback-Maschine ist nicht nötig. Pure Handarbeit. Und kinderleicht.

So gnadenlos gut ist das Brot aus der Bopp’schen Backstube, dass mein stets integrer Steuerberater über einen Bestechungsversuch bei den kanadischen Steuerbehörden nachdachte: „Leg deiner nächsten Steuererklärung einen Laib German Bread  bei und eine Rückzahlung ist dir sicher“, scherzte Marc.

Inzwischen schwärmen nicht nur unsere kanadischen Freunde von dem Rezept. Selbst deutsche und Schweizer Besucher, verwöhnt von Europas besten Backstuben, sind begeistert.

Hier die Zutaten:

  • 2 größere Tassen Mehl
  • 1 Kaffeelöffel Salz
  • 1/2 Kaffeelöffel Trockenhefe
  • 1 1/4 Tassen lauwarmes Wasser

Wie Sie aus diesen bescheidenen Zutaten ein grandioses Backwerk machen, erfahren Sie, wenn Sie die Bildergalerie durchklicken. Noch ein Tipp: Nach ca. 45 Minuten nehmen Sie den Deckel der feuerfesten Backform im Ofen ab. Wegen des Knusper-Effekts geben Sie noch einmal richtig Stoff mit kräftiger Oberhitze.

Hier ist das Originalrezept der New York Times

Der Mann mit zwei Traumjobs: Flugkapitän und Journalist

Journalist wollte ich schon immer werden. Hätte ich mir diesen Lebenstraum nicht erfüllt, wäre ich auf Plan P umgestiegen: Pilot. Ein Freund von mir hat sich beide Träume erfüllt. Er war „Stern“-Reporter und SWF3-Moderator. Jetzt ist er Airbus-Kapitän bei der Lufthansa. Heute treffen wir uns mal wieder in Montréal.

Vor ein paar Stunden saß er mir noch beim Thailänder gegenüber. Eben dann die SMS: Er hat inzwischen Platz im Cockpit genommen. LH 475. Rückflug nach München. In Montréal war er nur eine Nacht. Wieder einmal. Die Stadt meines Herzens fliegt er häufig an. Joerg liebt Montréal. Er würde gut hierher passen. Ein Kerl, knorrig wie ein kanadischer Ahornbaum. Warum sehen Piloten eigentlich immer aus, wie sich Hänschen Piloten vorstellt? Ein Gesicht voll gelebtes Leben. Es gibt Frauen, die träumen von solchen Männern. Ich träume von der Karriere, die dieser Mann hingelegt hat.

Einsatz in Harlem: Als 24jähriger Reporter unterwegs mit der Feuerwehr

Mit gerade mal 24 ging er für den „Stern“ nach New York. Für eine Reportage über Feuerwehreinsätze in Harlem. Es war die Zeit, als dort viel „heiß saniert“ wurde. Die Firefighters kamen nicht zur Ruhe. Tag und Nacht im Einsatz. Genau wie Joerg, der rasende Reporter.

Einsatz bei SWF 3: Toller Journalist mit geiler Stimme

Vorher schon hatte er beim Südwestfunk angedockt. SWF3 war damals die erste Radio-Adresse für die meisten Jugendlichen in Deutschland. Mit diesem Sender bin ich groß geworden. Und mein Kumpel Joerg hinterm Mikro. Wahnsinn. Mehr geht nicht, wenn du jung bist, eine geile Stimme hast und reden kannst wie ein Weltmeister. Wir hatten damals viel miteinander zu tun. Ich lieferte für Joerg die Korrespondenten-Beiträge aus Kanada und Alaska. Er moderierte sie an.

Einsatz Cockpit: Seine Bordansagen klingen noch immer wie damals beim Radio

Toll reden kann Joerg noch immer. Aber er sitzt jetzt nicht mehr im Rundfunkstudio, sondern im Cockpit. Von dort aus macht er die Bordansagen. Er ist Kapitän geworden. Bei der Lufthansa. Im Airbus A 340. Ein Kollege war zufällig mal auf einer Maschine, als Joerg das Kommando im Cockpit hatte: „Seine Bordansagen klingen noch immer wie damals bei SWF3“. Nur: Jetzt interviewt Joerg nicht mehr Popstars und Politiker. Er kündigt Sonnenuntergänge und Windgeschwindigkeiten an. Lebt immer noch sein pralles Leben.

Einsatz weltweit: Schanghai, Rio, Alaska, Montréal …

Joerg fliegt nur noch Langstrecken. China. Indien. Südamerika. Kanada. Neulich hat er seinen Sohn mit nach Alaska genommen. Zum Fischen. Zwei Brummer von Lachsen hat der Kleine aus dem Fluss gezogen. Da strahlt der Papa.

Tolles Leben? Schon. Jetlag? Klar. Aber da muss ein Käpt’n durch. Noch Träume? Ja. Weniger fliegen. Mehr Zeit für den Sohn. Und regelmäßiger Schlaf.

Mein Mitleid für meinen Kumpel hält sich in Grenzen. Zwei Traumjobs in einem Leben – wer hat das schon? Und ich dachte, ich hätte den Sechser im Lotto gezogen. Merke: Steigerungsmöglichkeiten gibt es immer.