Das Blut des „Großen Bären“

“Wenn der himmlische Jäger den Großen Bären erlegt hat, bedeckt sein Blut die Wälder“. So erklären die Indianer das Naturschauspiel, das sich zurzeit wieder in Québec und anderen Teilen Kanadas bietet.

Hier oben am Lac Dufresne, eineinhalb Autostunden nördlich von Montréal, hat der Indian Summer an diesem langen Thanksgiving-Wochenende seinen Höhepunkt erreicht. Sie, die Besucher meines Blogs, sollen auch dieses Jahr wieder einen Logenplatz bekommen. Klicken Sie sich einfach durch die Bildergalerie oben.

Wenn Sie vom „Wald in Flammen“ gar nicht genug bekommen können, besuchen Sie doch die Fotoserie vom letzten Jahr. Übrigens: Das Panoramafoto am Kopf der Seite wird Sie von jetzt an bis in den Winter begleiten. Cassian hat es vor einer Woche aufgenommen. Es zeigt den Blick von unserem Blockhaus auf den Lac Dufresne.

Like a Rolling Stone …

Seit ein paar Wochen gibt es an unserem See eine bedrohliche Situation. Das heißt, eigentlich sind es zwei. Die eine hat damit zu tun, dass ein Bär gesichtet worden ist und keiner weiss, wo er sich wann gerade aufhält. Damit kann ich gerade noch leben. Ich weiss ja selber oft nicht so richtig, wo ich gerade bin. Echt bedrohlich finde ich aber einen Felsbrocken, der etwa 20 Meter oberhalb unserer Blockhütte zu einem Haifischkopf mutiert ist.

Die Sache mit dem Bär beunruhigt die Leute am See nur bedingt. Bären gehören zu Kanada wie Dopingsünder zur Tour de France. Man weiss, dass es sie gibt. Manchmal ertappt man einen, meistens aber auch nicht. Kanadiern wird der richtige Umgang mit Bären schon im Kindergarten beigebracht. Nur: Was ist der richtige Umgang? „Beim Anblick totstellen“, hat mir einmal ein Wildbiologe in Alaska verraten. Leicht gesagt. Stellen Sie sich mal tot, wenn ein fünf Zentner schwerer Braunbär in Ihre Richtung torkelt.

Tot stellen oder Krach machen: So schlägt man Bären in die Flucht

„Krach machen“, hat mir ein anderer Bärontologe verraten. Am besten immer singen, laut reden oder eine Blechdose hinter sich herziehen. Auch nicht so praktikabel. Sind Sie schon mal mit einer leeren Suppenbüchse im Schlepptau über einen Campingplatz marschiert? Auch das mit dem Reden ist so eine Sache, wenn keiner da ist, der zuhört. Zu viele laute Selbstgespräche und du landest schnell in der Klappsmühle.

Vergessen wir also den Bären. Irgendwann wird er schon wieder verschwinden. In der Zwischenzeit muss sich unser Seenachbar Monsieur Bertrand vielleicht noch ein paar Mal ärgern. Dem hat der Bär jetzt schon wiederholt das Vogelhaus aus der Verankerung gerissen, um an Nahrung zu kommen. Denn daran mangelt es den Bären ja wohl, sonst würden sie sich bestimmt nicht in besiedelte Gegenden wagen. Die Hitzewelle der letzten Wochen und Monate hat den Blaubeerbestand dezimiert. Und da Bären nichts lieber fressen als Beeren, tun sie sich mit der Nahrungssuche schwer. Armer Bär.

Seit zwei Milliarden Jahren in Schräglage – und jetzt das!

Kommen wir also zur eigentlichen Gefahr, die zurzeit am Lac Dufresne lauert. Zum Felsen. Dieser Gesteinsbrocken ist so groß wie ein VW-Golf und steht direkt oberhalb unserer Cottage in Schräglage. Seit etwa zwei Milliarden Jahren. Der Fels gehört zum Canadian Shield und ist damit Teil der weltweit ältesten Gesteinsformation. Vermutlich hat er schon Indianderschlachten und Eiszeiten hinter sich, Geröll-Lawinen, Vulkanausbrüche und auch den einen oder anderen Tsunami – keine Ahnung. Jedenfalls hat sich jetzt eine fette Scheibe vom Fels gelöst, einfach so. Abgesplittert ohne Fremdeinwirkung. Blechschaden am Stein.

Das allein wäre nicht weiter schlimm. Nur: Der Felsen hat jetzt keinen natürlichen Halt mehr und sieht aus, als könnte er sich jeden Moment selbstständig machen. Und da der Golf on the Rock unmittelbar auf unser Häuschen losrasen würde, ist die Katastrophe programmiert. Es kann sich nur noch um ein paar Millionen Jahre handeln.

Wir sind hier nicht bei Hinkelsteins

Was also tun? Sprengen, damit sich die Gefahr in Luft auflöst? Kommt nicht infrage. So was überlassen wir den Taliban. Abstützen? Ja, aber womit? Wer oder was würde einen tonnenschweren Felsbrocken auf Jahre hinaus vom Weiterrollen abhalten können? Wir sind hier schließlich nicht bei Hinkelsteins.

Lassen wir also alles wie’s ist, Und singen lauthals gegen Bären an. Like a Rolling Stone.

Clockwork Orange im Ohr

Jetzt ist er wieder da, der kleine Mann im Ohr. Vielleicht ist es auch eine Frau. Ich tippe aber eher auf einen Mann. Denn, wenn ich die Frauen in meinem Leben bisher richtig verstanden habe, dann können nur Männer so nerven wie der Tinnitus.

Mann hat es nicht leicht, wenn er sich als 63-Jähriger ins letzte Drittel vorwagt. Zwar sammeln sich im Laufe eines gelebten Lebens jede Menge tolle Erfahrungen an. Aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass sich mit den Lebensjahren auch an immer mehr Stellen immer mehr nervige kleine Männer ansammeln. Hier ruckt es, dort zupft es und manchmal zwickt’s. Die Zipperlein nerven. Mein Landsmann Leonard Cohen formuliert die körperlichen Ungereimtheiten natürlich charmanter.  „I ache in the places where I used to play“, singt er in Tower of Song.

Das Alter ist völlig überbewertet

In den Ohren tobt das Alter am schlimmsten. Es pfeift und quietscht und manchmal tut es auch weh. Tinnitus nennen Mediziner das. Nicht weiter schlimm, jeder Fünfte in meinem Alter leidet darunter. Aber die Statistik ist ein schwacher Trost. Für mich ist das Pfeifen im Ohr schlicht lästig. Basta. Und überhaupt wird das Alter völlig überbewertet. Außerdem ist es schlicht eine Zumutung.

Der Tinnitus meldet sich vor allem in der Stille des Raumes. Nach dem Aufstehen, zum Beispiel. Oder beim Einschlafen. Immer dann, wenn es ruhig geworden ist. So gesehen habe ich noch Glück, denn der Ort, an dem ich neuerdings wohne, ist vieles. Nur still ist er nicht. Fast hätte ich den Tinnitus vergessen, wäre da nicht der stillste Rückzugsort von allen: der Lac Dufresne.

Ein Platz, an dem man der Stille zuhören kann

Am Lac Dufresne liegt unser Blockhaus. Wer der Stille zuhören möchte, liegt hier richtig. Ab und zu mal ein Fisch, der nach einer Mücke schnappt. Oder ein Eichhörnchen, das hungrig am Vogelhaus scharrt. Oder ein Kolibri, der seinen durstigen Zwergenkörper an der eigens für ihn eingerichteten Tränke mit Zuckerwasser betankt. Der sanfte Paddelschwung des Kanufahrers gehört da schon zu den Geräuschen, die auf der nach oben offenen Lärmskala am See ziemlich weit vorne liegen. Motorbootlärm wäre tödlich. Den gibt es gottseidank so gut wie nie.

Wenn Gott lange schweigt, dann will er reden, schrieb die deutsche Dichterin Gertrud von Le Fort (1876-1971). Wenn der See schweigt, sollte auch sonst keiner reden, meint der Blogger. Vor allem sollte sich kein Störenfried im Ohr des Schweigenden breit machen dürfen. Doch genau das passiert in der Stille des Lac Dufresne mit nervensägender Regelmäßigkeit.

Von Stille keine Spur: Moloch Montréal

Das Klingeln im Ohr, das in der Dreieinhalb-Millionen-Stadt allenfalls wie ein sanftes Hämmern auf den Amboss des Lebens wahrgenommen wird, entwickelt sich am See zum Clockwork Orange. Es pfeift und es tutet und es rasselt und es röhrt. Es nervt. Da sehnst du dich doch glatt in deinen Hexenkessel zurück.

Der Tinnitus, der in seiner Intensität gegen die Montréaler Stadtfeuerwehr anstinken kann, muss erst noch erfunden werden.

Die alten Männer und das Floß

Fünf Buchstaben nur und wir bekommen die Krise: Umzug. Kein großes Ding, eigentlich. Nur vom Land in die Stadt, gerade mal 45 Kilometer. Doch genau diese 45 Kilometer sind es, die jetzt schon seit Wochen unser Leben bestimmen. Was bleibt? Was geht? Was landet bei der Heilsarmee, was wird versilbert? Dabei hängt die Entscheidung meistens nicht vom monetären Wert des jeweiligen Gegenstands ab, sondern von seiner Geschichte.

Reden wir übers Klavier. Es bleibt bei den künftigen Besitzern unseres Hauses. Aber der dazu gehörige Hocker kommt mit uns. Alles hat seinen Grund. Das Kneipenklavier, auf eine Zeitungsanzeige hin gekauft, hat wenig Geschichte. Sieht man einmal davon ab, wie drei stämmige Quebecer und ein deutscher Lehrer das Ding in unser damals fast noch jungfräuliches Wohnzimmer gewuchtet haben.

Piano geht, Hocker bleibt.

Der Hocker dagegen kann viele Geschichten erzählen. Eine davon ist, wie ausgerechnet Doug, ein sonst eher nüchterner Freund, den Hocker ums Haar zerquetscht hätte, weil er meinte, in Partylaune Twist auf ihm tanzen zu müssen. Die andere Geschichte hat mit Bob zu tun, wieder ein Freund, dessen Aufgabe als Physikprofessor es jetzt nicht unbedingt war, Bewegungsabläufe auf Klavierhockern zu studieren und notfalls zu korrigieren. Aber er hat aus einem fast zertrümmerten Hocker in mühsamer Kleinarbeit ein wunderbares Kleinod geschaffen, das uns seit Bobs Tod vor einem Jahr noch mehr ans Herz gewachsen ist. Keine Frage: Der Hocker bleibt.

Biedermann auf Reisen: Von Waiblingen über Winnipeg nach Montréal

Reden wir über den Biedermeierschrank. Wuchtig und alt und schwer wie Hund. Aber ein Erbstück, weit über 150 Jahre alt. Vater hatte es mir mit auf den Weg gegeben, als ich damals in Waiblingen meine erste Bude möblieren musste. Als dann der Reporterjob in Winnipeg rief, füllte der Schrank fast die Hälfte des Umzugscontainers aus. Und natürlich musste er auch die anschließende Reise von Manitoba nach Montréal über sich ergehen lassen. Jetzt stellt er uns, als wäre er um die halbe Welt geschickt worden, um uns zu ärgern, wieder vor eine fast unlösbare Aufgabe. Eigentlich ist er viel zu klobig für die Wohnung in der Stadt. Aber er darf mit. Eiche eben. In Treue fest.

Nicht so das Apotheker-Schränkchen, die hölzerne Reisetruhe vom Flohmarkt und der TripTrap, der wohl berühmteste Kinderhochsitz der Welt. Nur: Es wird keine Kinder mehr in unserem Haushalt geben. Und doch will sich keiner vom TripTrap trennen. Auch nicht vom Apotheker-Schränkchen, von der hölzernen Koffertruhe und von der Spiegelkommode, die es bei Finnegan’s Flea Market einmal für gutes Geld gab. Und damit es all die lieb gewordenen Möbelstücke kuenftig besonders schoen haben, wurden sie jetzt auf eine abenteuerliche Reise zum Blockhaus am See geschickt.

Mit Sack und Pack über den Lac Dufresne

Dazu muss man wissen, dass unser Häuschen am Lac Dufresne tatsächlich an einem schwer zugänglichen Seeufer liegt und nicht mit dem Auto zu erreichen ist. Also musste ein kleines Transportfloß her, um Truhe, Schränkchen, TripTrap und tausend Kleinigkeiten unversehrt übers Wasser zu schippern. Zwei Männer in den Siebzigern, der eine ein ausgestiegener Richter, der andere ein ehemaliger Sonderschullehrer, der auf einer Insel im Lac Dufresne wohnt, packten mit an. Besser gesagt: Sie packten an, wir halfen mit. Huckleberry Finn lässt grüßen: Drei nicht mehr ganz junge Männer und (m)eine etwas jüngere Frau, umgeben von alten Möbelstücken und tausenden von Moskitos, treiben an einem schwülen Frühsommertag auf einem flachen Lastkahn über einen kanadischen Bergsee. Nach getaner Arbeit dann Pizza, Prosecco und auch etwas Pathos. Bis bald, Möbel!

Allein schon wegen dieser Geschichte musste dieser Umzug sein. Und ich habe das Gefühl, es werden noch weitere folgen. Umzüge. Und Geschichten.

Kanada: Natur ohne Pfad

Kanada mag das zweitgrößte Land der Welt sein. Aber wer die Natur nutzen möchte, kommt schnell an seine Grenzen. Wandern verboten! Betreten verboten! Skifahren verboten! Schwimmen, reiten, campen, radfahren verboten! Ist dann der Spaß wirklich mal erlaubt, lässt sich der Besitzer den Zutritt teuer bezahlen. Und der Besitzer ist meistens der Staat.

Wir wohnen mitten in einem Waldgebiet. Paradiesische Verhältnisse für Gassi gehen, Mountainbiken, Skilanglauf und Spaziergänge. Denkt man. Das Gegenteil ist der Fall: Der einzig begehbare Waldweg ist in Privatbesitz. Jede Menge Verbotsschilder lehren dich das Fürchten. Dann eben nicht.

Oka-Park: $ 10.87 pro Person.

Wir wohnen in der Nähe des Lake of Two Mountains. Paradiesische Verhältnisse für Spaziergänge am Ufer des Sees. Denkt man. Das Gegenteil ist der Fall: Der einzig begehbare Uferstreifen gehört zu einem beliebten Ausflugs-Restaurant. Wer nicht im „Willow Inn“ einkehrt, hat dort nichts zu suchen. Also, dann eben auf die andere Seeseite, nach Oka. Schade: Die hübsche Strandpromenade ist restlos zugebaut. Mehr als 50 Meter ans Ufer kommt keiner ran, dem nicht eines der Seegrundstücke gehört. Das heißt, doch: Wer zuvor einen kleinen Nationalpark durchquert, darf auch ans Wasser. Doof nur: Der Tagespass für den Park kostet $ 10.87 pro Person. Langlaufskifahren im Winter? Nicht, wenn die Zehnerkarte $ 86.98 kostet. Pro Person.

Blick auf den Lac Dufresne: Die frohe Aussicht kostet Geld

In der Nähe unserer Blockhütte lädt ein Berg zum Besteigen ein. Nicht sehr hoch, aber hübsch, mit einer richtig schönen Aussicht von oben. Schade: Wer die frohe Aussicht genießen möchte, muss erst mal richtig tief ins Portemonnaie greifen.

Ich könnte Dutzende von Beispielen dieser Art aufzählen, allein in unserem Umkreis. Wenn es um Wanderwege, Rastplätze und Skiloipen oder überhaupt Freizeitmöglichkeiten geht, ist es ganz schnell vorbei mit der viel gepriesenen kanadischen Freiheit. Eine Ausnahme sind dabei die National- und Provinzparks. Aber die kosten – siehe oben – Eintritt. Ein Glück, dass wenigstens die Stadt Montréal ein Netz von tollen Spazierwegen hat. Aber mal im Ernst: Zum Wandern in die Stadt? Was ist das denn?

Lac Dufresne: Kohle für Blick.

Und weil der Staat so gerne den Riegel vorschiebt, wenn es um Freizeitspaß geht, weichen Viele, die gerne mal eine Runde in der frischen Luft drehen, auf Privatgrundstücke um. Zum Beispiel auf Angell Woods, nicht weit von hier. 80 Hektar Land. Spaziergänge, Gassi gehen, Radfahren. Toll. Jahrelang ging alles gut. Die Besitzer ließen Besucher ihres Privatgrundstücks einfach gewähren. Das war nett von ihnen.

Ohrfeige für den Sicherheitspolizisten: Ich will mehr Land!

Als jedoch die Stadtverwaltung jetzt damit anfing, sich mit den riesigen Parkanlagen zu brüsten und Besucher sogar offiziell einzuladen, sich dort zu erholen, platzte den Landbesitzern der Kragen. Sie riegelten das Gebiet ab, stellten Warnschilder auf und lassen das Gelände neuerdings von Sicherheitspersonal bewachen. Jetzt kam es zum Eklat. Eine Frau, frustriert über den Verlust ihres Stammwäldchens, verpasste einem der security guards eine Ohrfeige.

Körperverletzung wegen Landmangels. Im zweitgrößten Flächenstaat der Welt.