Mallorca-Markt: Nicht alles Käse

Heute lade ich Sie zum Essen ein. Und zum Trinken. Und zum Feiern. Der Anlass soll uns mal Wurst sein. Und Käse. Und Oliven. Und Brot. Und Wein. Wir machen einen Streifzug über den Balearen-Markt in Palma de Mallorca.

Als Genussmensch steht man fassungslos vor so viel kulinarischer Lebensfreude. Und darf dabei ruhig den Grund für die Feierlichkeiten vergessen. Wenn Sie‘s trotzdem interessiert: Mallorca beging gestern den Balearen-Tag. Es ist ein gesetzlicher Feiertag und erinnert an das Inkrafttreten des balearischen Autonomie-Statuts vor 29 Jahren. Aber jetzt wieder zurück zu unserem Marktspaziergang. Nicht hungrig, sagen Sie? Der Appetit kommt beim Klicken. 

Ballermann ohne Ballaballa

Und wo bitte geht’s zum Ballermann? Zur verrufendsten Partymeile Europas? Zum Kotztempel der Balearen? Wo der deutsche Proll in Sandalen und braunen Wollsocken das Bier eimerweise mit dem Strohhalm säuft und dabei Schöne Maid grölt? Wo Jeder Jede in den Schritt fasst und noch schlimmer? Bisher: Fehlanzeige.

Seit fünf Tagen sind wir jetzt auf Mallorca. Aber bis heute habe ich noch keinen Krakeeler gehört, keinen Besoffenen gesehen. Und Sex on the Beach gibt‘s allenfalls auf der Getränkekarte. Und überhaupt: Wo bitte steht Jürgen Drews Bett? Im Kornfeld jedenfalls nicht.

Im Frühjahr ist der Ballermann, oder S’Arenal, wie die Vergnügungsmeile außerhalb von Palma bei den Locals heißt, ein richtig schöner Flecken Erde. Die Invasion der Barbaren kommt bestimmt. Aber bis dahin bin ich längst wieder im kanadischen Busch. So lange genieße ich noch den Blick auf die Traumkulisse von Palma, mit der Kathedrale vorne, dem Yachthafen links und den schneebedeckten Gipfeln des Tramatura-Gebirges zur Rechten.

Es gibt Schlimmeres, als nach einem 15-Kilometer-Walk von Palma nach S’Arenal bei Tapas und Vino Blanco den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Das Ganze bei sommerlichen Temperaturen, im kurzärmeligen Hemd.

Der angeblich so peinliche Paradestrand der Deutschen auf Mallorca ist um diese Jahreszeit blitzsauber. Der Service in den Restaurants könnte nicht besser sein. Und im Vergleich zu Montreal bewegen sich die Preise auf Sommerschlussverkaufs-Niveau. Kein Gedränge auf der fast ausgestorbenen Hauptstraße. Mal abgesehen von ein paar nervigen Radfahrern, die immer noch nicht kapiert haben, dass Sport Mord ist, herrscht hier nur Friede, Freude, Ensaimada.

Ballermann-Bashing? Ohne mich. Zumindest bis jetzt.

Guten Morgen, Mallorca!

Was für ein Land! Was für eine Stadt! Was für ein Leben! Wir sind in Palma de Mallorca angekommen. Hier werden wir den Rest des kanadischen Winters verbringen. Die Gnade des WorldWideWeb: Ob Montreal, Montevideo oder Moskau – so lange es eine ordentliche Internetleitung gibt, können wir auch von Wladiwostok aus arbeiten.

Der Winter in Kanada ist schwer und anstrengend. Der Winter auf Mallorca fühlt sich federleicht an, fast beschwingt. Auch wenn die Mallorquiner klagen, es sei kalt und so einen Winter hätten sie schon lange nicht mehr erlebt. Alfonso von unserer Stammbar nebenan, drückt mir zur Begruessung ein „Winterfoto“ in die Hand, das er an der Plaza de la Reina aufgenommen hat.

Mallorca: Winter unter Palmen.

Er kann es nicht erwarten, mir auch noch ein wackliges Filmchen vom Handy abzuspielen und jede Schneeflocke zu kommentieren. „So hat es hier noch bis vor drei, vier Tagen ausgesehen“. Alfonso schüttelt sich und versucht, uns die härteste Zeit des Jahres als Horrorfilm zu verkaufen. „Aber Alfonso“, will ich wissen, „wo ist der Schnee, von dem hier alle reden?“. „Da! Siehst du nicht die Flocke, wie dick sie ist?“ Hmmm … in Kanada wäre das allenfalls eine Prise Puderzucker. Ich gönne Alfonso den Triumph des Winters und freue mich für ihn, dass er alles so gut überlebt hat.

Winter in Mallorca fühlt sich für uns an wie Frühsommer in Kanada. Auch wenn das Thermometer seit unserer Ankunft die 16-Grad-Marke noch nicht überschritten hat, meint es die Sonne gut mit uns. Die leichte Brise, die die Palmenwedel gegenüber unserer Altstadtwohnung an der Plaza de la Reina in ein kaum hörbares Rauschen versetzen, erinnert uns daran: Wir sind im Süden.

Der Weg hierher war lang und auch ein wenig beschwerlich. Aber was sind schon elf Stunden Flug für 30 Grad Temperaturunterschied zwischen hier und Montreal?

Kathedrale zum Frühstück

Einen Tag vor unserem Abflug hatten sich die Piloten von Air Canada noch das Streikrecht erkämpft. Sie hätten also jeden Moment die Arbeit niederlegen können. Haben sie aber nicht. Aber dann war da noch der Wackelkandidat Frankfurt Airport. Bis zum Vorabend unserer Ankunft wurde gestreikt. Als dann im Morgengrauen die Maschine aus Montreal eintraf, war von Arbeitskampf keine Spur mehr. Der Weiterflug nach Palma war ein Klacks. Ankunft am Flughafen von Palma unter wolkenverhangemem Himmel. Kurz noch ein Spaziergang über den Markt. Frische Blumen für die Wohnung, Bauernbrot, Schinken, Käse und Oliven – life is beautiful! Selbst bei Jetlag.

Dass die Mallorquiner unsere Euphorie nicht unbedingt teilen, hat mit einem Mann namens Francesco Schettino zu tun. Er ist der Kapitän der „Costa Concordia“, die am 13. Januar vor der italienischen Küste gekentert war. Die „ Concordia“ war jahrelang Stammgast im Hafen von Palma.

Eine Wucht, diese Bucht: Blick auf Palma de Mallorca.

„Manchmal legte sie zweimal pro Woche hier an“, erinnert sich unser Barkeeper Alfonso. Die Gäste des Kreuzfahrtschiffes hätten oft und gerne ihren Cortado bei ihm getrunken oder auch eine Ensaimada verdrückt. Jetzt legen nur noch kleine Schiffe an. „Ganz Palma leidet unter der Schiffskatastrophe“. Und Alfonso leidet mit. Aber für ihn wird das Leben auch ohne „Costa Concordia“ weitergehen.

Schließlich hat er auch den mallorquinischen Schneesturm überlebt.

„Snowbirds“: Karibik statt Kälte

Im Januar wird der Kanadier zum Zugvogel. Er reist nach Florida und Mexiko, in die Dominikanische Republik, nach Kuba, Costa Rica oder auch Hawaii. Scharen von Rentnern verbringen den ganzen Winter im Süden. Normalsterbliche, die noch in Arbeit und Brot stehen, bleiben eine Woche oder auch zwei. Selten mehr, denn die meisten Kanadier müssen sich mit zwei bis drei Wochen Jahresurlaub begnügen.

Der Winter in Kanada, sieht man einmal von der Pazifikprovinz British Columbia ab, bedient jedes Klischee: Er ist lang, dunkel, kalt und teuer. Bei minus 25 Grad macht selbst eingefleischten Wintersportlern das Skifahren keinen Spaß. Wer kann, packt deshalb die Koffer und zieht den Singvögeln nach. „Snowbirds“ werden die Kanadier genannt, die das kalte Klima dick haben und lieber Sandburgen statt Iglus bauen.

Winter in Kanada ...

Unser früheres Vermieter-Ehepaar, ältere Leute, die nach dem Krieg von Thüringen nach Kanada ausgewandert waren, packte jedes Jahr pünktlich zu Weihnachten ihre Koffer. Im Auto legten sie dann die zweieinhalbtausend Kilometer von Montréal nach Miami zurück. Wir als Untermieter hatten dann jeweils das zweifelhafte Vergnügen, die steinerne Nofretete in unserer Wohnung aufzubewahren, Blumen zu gießen und Post nach Florida nachzuschicken. Zweimal haben wir unsere Vermieter in Miami besucht. Und waren erstaunt, mit wie wenig Komfort diese Menschen zufrieden waren, nur um dem kanadischen Winter entfliehen zu können.

Dafür aber hatten sie es immer herrlich warm. Sie konnten mit Dollars bezahlen wie zu Hause. Konnten ihre Geldgeschäfte in kanadischen Banken abwickeln und vertraute Lebensmittel im Supermarkt kaufen. Sie konnten ihre Sprache sprechen und kanadische Tageszeitungen druckfrisch lesen. Und wenn es dann unbedingt sein musste, fand sich immer ein Restaurant, das die Québecer Nationalspeisen „Poutine“ oder „Smoked Meat“ serviert – ganz wie daheim in Montréal. Ein bisschen ist North Miami Beach für viele Québecer wie Mallorca für Deutsche. Nur ohne Ballermann. Wobei auch der im Winter kein wirkliches Thema ist.

... und in Havanna

Auch wir haben viele Winter im Süden verbracht. Mit die schönsten Erinnerungen habe ich an Kuba. Wer nicht des Essens wegen in Urlaub geht, wird begeistert sein. Die kubanischen Strände in der Gegend von Varadero sind zauberhaft. Wem das Beachbum-Dasein zu eintönig wird, setzt sich in den Bus oder mietet ein Privattaxi, um sich nach Havanna kutschieren zu lassen. Der morbide Charme dieser Stadt fesselt jeden, der sich nach Exotik sehnt.

Von Québec aus sind die meisten karibischen Inseln so einfach zu erreichen wie die Kanaren von deutschen Flughäfen aus. Keine Frage: Die Karibik ist ein wunderbares Reiseziel, um Schneestürme, Eisregen und bitterkalte Kanada-Tage hinter sich zu lassen. Aber für uns, die wir seit 30 Jahren hier leben, hat die Faszination der Karibik gelitten. Vieles ist wie in Kanada. Nur mit Palmen. Wir haben uns deshalb neu verliebt. In Europa. Mallorca, wir kommen!