Die Mär vom Winter in Kanada

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Ein bisschen Wnter auf Mallorca.

Wenn es nach mir ginge, bräuchte ich keinen einzigen Tag Winter mehr. Mein Schnee-Soll ist nach 30 Jahren Kanada erfüllt. Die Minusgrade, die mir kanadische Winter in den vergangenen drei Jahrzehnten beschert haben, entsprechen zusammengerechnet ungefähr dem Haushaltsdefizit der Vereinigten Staaten. Und mit dem Streusalz, das sich während dieser Zeit an meinen Schuhsohlen angesammelt hat, könnte man leicht die Nordwestpassage zum Schmelzen bringen.

Der Mythos vom traumhaft schönen kanadischen Winter hält sich bei meinen deutschen Freunden hartnäckig. „Ihr habt wenigstens noch einen richtigen Winter“, höre ich oft, „nicht so ein Matschwetter wie wir“. Stimmt gar nicht. Häufig genug gibt es, zumindest auf dem Breitengrad, den ich mir zum Leben ausgesucht habe, plötzliche Wärmeeinbrüche. Die bringen, genau wie in Köln oder Kiel, Matschphasen mit sich, die nur entfernt an einen „knackigen Winter“ erinnern.

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Winter in Kanada.

Und auch das mit dem strahlend blauen Himmel zwischen November und April ist, zumindest in Montréal, eine Mär. Im Westen Kanadas, also Manitoba, Saskatchewan, Alberta, mag das anders sein. In unserem Teil des Landes finden Sonnenersatz-Lampen gegen Winterdepression reißenden Absatz.

Dabei ist es nicht einmal so sehr die Kälte, die mich am kanadischen Winter stört. Es ist die Länge. Im November geht die Klappe runter und mit etwas Glück Ende April wieder hoch. Dazwischen ist das Leben oft anstrengend und schwer.

Wie leicht der Alltag ohne Eis und Schnee sein kann, erleben wir zurzeit auf Mallorca. Hier heißt es vor dem Ausgehen nicht: Parka? Mütze? Schal? Handschuhe? Alles zusammen? Hier stellt dich das Wetter allenfalls vor die Entscheidung: Hemd oder Jacke? Mit so einem Winter kann ich leben.

Dabei herrscht auch hier noch Winter, im Tramatura-Gebirge hat es sogar geschneit. Aber im Großen und Ganzen ist das Klima lieblich und irgend etwas blüht immer (zurzeit sind es die Mandelbäume). Das Leben spielt sich auch während der so genannten „kalten“ Jahreszeit weitgehend im Freien ab. Noch nicht ein einziges Mal haben wir seit unserer Ankunft im Inneren eines Restaurants gegessen.

Meine kanadischen Freunde spielen Eishockey, um dem Winter etwas abzugewinnen. Oder fahren Langlaufski. Oder gehen Eisfischen. Oder jagen mit dem Snowmobil über zugefrorene Flüsse und Seen. Aber für mich hält sich der Spaßfaktor in Grenzen, wenn das Thermometer auf minus 25 Grad sinkt und sibirische Winde dir das Hirn wegblasen.

Mon pays ce n’est pas un pays, c’est l’hiver“, heißt es in einem Lied, das jeder Québecer kennt. „Mein Land ist kein Land, es ist der Winter“. Ich lebe gerne in Kanada und Montréal ist die Stadt meines Herzens. Und ich liebe die Menschen, die dort wohnen, ihre sympathische Lebensart, dieses unvergleichliche joie de vivre der Québecer.

Aber der kanadische Winter? Nein danke!

Winter: Wer bietet weniger?

Telefonate mit Freunden und Verwandten aus Deutschland verliefen noch bis vor ein paar Tagen ziemlich einsilbig. Das lag am Wetter. Meistens lautete die Einstiegsfrage: „Und? Wie kalt isses bei euch in Kanada?“ Wenn ich dann wahrheitsgemäß antwortete: „So um die minus 20 Grad“, nahm der Klima-Wettbewerb seinen Lauf. Plötzlich habe ich das Gefühl, ich muss den kanadischen Winter in den Boxring schicken, um den deutschen auszustechen.

Das Sparring verläuft immer ähnlich. Deutschland: „Wir hatten vergangene Nacht minus 22.“ Störsender im Hintergrund: „Minus 24!“ Kanada: „Im Wind isses bei uns auch so kalt“. Deutschland: „Bei uns aber ohne Wind.“ Irgendwann ist Schluss mit dem Wetterbericht. Das letzte Wort hat immer der, der am meisten friert. Und das scheinen zurzeit meine Freunde in Deutschland zu sein. Motto: Wäre doch gelacht, wenn wir dem kanadischen Warmduscher nicht Paroli bieten könnten.

Übers Wetter zu reden, galt in Deutschland immer als ziemlich uncool. Nicht einmal die Bahn wollte darüber ein Wort verlieren. „Alle reden vom Wetter. Wir nicht“, hieß jahrelang ein arg strapazierter Slogan.

Alle reden vom Wetter. Wir auch.

Hier ist das anders. Alle reden übers Wetter. Immer und überall. Entweder es ist zu kalt oder zu heiß. Zu viel Schnee oder zu wenig. Nur in einem sind sich alle Kanadier einig: Eisregen geht gar nicht. Nur lästig. Ein Nachbar, dem ich bei minus 30 Grad im Schneegestöber begegne, murmelt unter seinem gefrorenen Vollbart hervor: „Wenigstens keine Moskitos heute.“

Gestern im Radio. Am liebsten hätte ich den Anrufer einer Talkshow aus der Leitung gezogen. „Wo ist denn nur unser schöner kanadischer Winter geblieben?“, textete der Mann den Moderator zu. „Früher hatten wir wenigstens noch anständig Schnee!“ Stimmt: Früher war auch mehr Lametta.

Mir fällt es immer schwerer, der Eiszeit positive Seiten abzugewinnen. Die anfängliche Exotik des Winters ist futsch und das Erzählpotenzial hält sich in Grenzen. Dieses Jahr erst recht. Minus 20 haben sie in Deutschland selber.

Dschungelcamp für Eisbären

Auch die Wahl der Kleidung ist keine echte Herausforderung mehr. Bei minus 30 Grad sehen sowieso alle aus, als wären sie gerade dem Dschungelcamp für Eisbären entwichen. Nix mit italienischen Stiefelchen oder Boss-Mäntelchen. Es geht ums blanke Überleben.

Eine nicht ganz neidfreie Anspielung auf unseren bevorstehenden Mallorca-Urlaub höre ich in diesen Tagen immer öfter: „In Palma hat es übrigens auch nur 15 Grad“.

Stimmt. Genau 35 Grad mehr als hier.