Palma heizt dem Winter ein

bannertanzSo also sieht ein winterlicher Sonntagnachmittag in Palma aus: Da trifft sich eine Folkloregruppe in der Fußgängerzone, packt ihre Instrumente aus und spielt, was das Zeug hält. Es dauert nicht lange, da tanzen 30, 40 Paare zu den Klängen der Musik. Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Alte.

Die Tanzschritte sehen kompliziert aus. Ich vermute mal, dass sie Kindern schon in der Schule beigebracht werden. Die meisten der Instrumente, mit der die Folkloreband auftritt, kennt man auch in unseren Breitengraden: Ukulele, Gitarre, Bass und Querflöte. Beeindruckend ist der Gesang, der dem Rhythmus der Instrumente oft um Millisekunden vorauszueilen scheint. Hören und sehen Sie selbst. Hier geht’s zum Video.

Die Menschen, die an diesem Sonntagnachmittag für dieses Spektakel in die Fußgängerzone gekommen sind, tanzen, lachen, klatschen und versprühen eine Lebensfreude, dass es einem vor Rührung die Tränen in die Augen treibt.

Screen Shot 2013-02-24 at 5.37.19 PMDie Band verteilt Kastagnetten – und schon bald wird aus dem Prachtboulevard Paseo del Born, mit all seinen Edel-Boutiquen, ein wunderschöner Ballsaal. Im Schatten des königlichen Palastes und der Kathedrale wirkt das spontane Spektakel geradezu majestätisch.

Und weil auch das Wetter mal einen schlechten Tag hat, ist es für mallorquinische Verhältnisse heute ausgesprochen kühl. Manche tanzen mit Mütze und Schal. In den Bergen hat es sogar geschneit. Aber als kälteerprobte Kanadier empfinden wir Temperaturen um die zehn Grad wie eine frische Brise an einem Frühlingsmorgen.

Über den Dächern von Palma

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So langsam fühle ich mich richtig heimisch auf Mallorca. Alfonso von der Bar nebenan lässt mich immer tiefer in sein Leben blicken, spricht von der Krise, die auch Mallorca erreicht hat. Uwe, ein Residente aus Deutschland, erzählt mir im Café von seinen turbulenten Jahren auf der Insel und von Deutschen, die am liebsten Deutsche über den Tisch ziehen. Und jetzt auch noch Carlos und Marco, die beiden Fernsehtechniker. Sie bringen einen Hauch von Québec in mein mallorquinisches Winterquartier.

Das Déjà-vu mit der kanadischen Heimat beginnt pünktlich zu den Frühnachrichten. Kein Bild, kein Ton. „KEIN SIGNAL“. Der Satellit, zielgenau nach Afrika ausgerichtet, macht schlapp. E.T. will nicht mehr.

Du rufst den Fernsehtechniker an, sprichst Englisch und Deutsch und sogar un poquito Español. Vor allem aber sprichst du mit Händen und Füßen.

Carlos kommt, er kommt tatsächlich. Klettert, Knopf im Ohr, fröhlich plappernd wie ein Stuntman über Terrassen und Dächer. „No problem“, sagt er auf Englisch. Und dann, als hätte sich die Peilrichtung der Satellitenschüssel urplötzlich von Afrika nach Norwegen verändert: „Big problem!“  Dann verschwindet er.

Sechs Stunden später ist er wieder da. Mit Marco im Schlepptau. Carlos guckt viel auf die Uhr, Marco mehr durchs Fenster. Der Wagen steht im Halteverbot. Die Polizei in Palma kennt kein Erbarmen mit Menschen ohne Satellitenempfang.

Carlos und Marco sind jetzt ein Team. Klettern zusammen, schrauben zusammen, fluchen zusammen. Und freuen sich irgendwann zusammen, dass alles so wunderbar geklappt hat.

„Houston, we have a signal!“ Rechtzeitig zur Tagesschau. Ein defekter Kontakt an der Schüssel war Schuld am Blackout. Jetzt sei alles unter Kontrolle, sagt Marco. Und Carlos láchelt unter seinem Schnauzer: No problem.

Kaum haben sich Carlos und Marco gestenreich verabschiedet, klopft es an der Tür. Es ist die Señora vom 2. Stock, mit süßem Baby, aber schlechter Laune. „Hola“, sagt die Frau. „Kein Signal!“

Regel Nummer eins im Umgang mit Handwerkern: Telefonnummern nach getaner Arbeit nie wegwerfen! Also: Anruf bei Carlos und Marco. Dreißig Minuten später steht das Dreamteam wieder auf dem Dach. Schraubt diesmal die richtigen Drähte mit den richtigen Schüsseln zusammen. Endlich: Signal für alle!

Irgendwann klappt in Mallorca immer alles. Irgendwie. Wie in Québec.

Palma: Kunst an fremden Wänden

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Wenn wildfremde Menschen wahllos die Wände anderer Leute bepinseln, heißt das in unserer Gesellschaft nicht Sachbeschädigung, sondern Graffiti. Graffitikunst gibt es in jeder Stadt der Welt: Politische, erotische, schöne, hässliche. Und viel unnütze. Mal wird mit „Tags“ gearbeitet, mit denen sich die „Künstler“ eine Art Copyright sichern. Oder es werden Plakate geklebt und nach Gusto wieder entfernt. Oder auch nicht.

In der Stadt, in der ich gewöhnlich lebe, geht man gegen Graffitikünstler rigoros vor. Im Haushaltsplan von Montréal werden jährlich mehr als 10 Millionen Dollar allein für die Beseitigung von Graffiti bereitgestellt. Ich finde das übertrieben.

Ich weiss nicht, welchen Stellenwert Graffiti bei der Stadtverwaltung von Palma hat. Vermutlich geht man gnädiger mit denen um, die Graffiti als Kunst betrachten. Viele der Objekte, die ich gestern und heute bei einem Gang durch Palma fotografiert habe, waren schon vor vier, fünf Jahren da. Das wäe in Montréal nur schwer vorstellbar.

Vielleicht liegt die längere Haltbarkeitsdauer der „Graffs“ aber auch nur am milden Klima auf Mallorca. So oder so: Bei manchen lohnt es sich, hinzuschauen. Viel Spass!

Einmal Mandelblüte und zurück

mandelnEs gibt vieles, um das man die Bewohner Mallorcas beneiden kann. Da sind die fantastische Landschaft, das tolle Essen, die wunderbaren Strände und natürlich das milde Klima. Da ist aber auch etwas, das mir als in Kanada lebender Deutscher besonders wohltuend auffällt: die kurzen Entfernungen.

Wer in Kanada von der Atlantik- zur Pazifikküste reisen möchte, ist mit dem Auto tage-, vielleicht sogar wochenlang unterwegs. Zwischen Halifax im Osten und Vancouver im Westen des Landes liegen fünfeinhalbtausend Kilometer. Das entspricht Luftlinie der Strecke von Madrid nach Montevideo.

Auf Mallorca sind es von Nord nach Süd gerade mal 75 Kilometer und von Ost nach West 100. Kurz Kaffee trinken und wieder zurück.

Nehmen wir den heutigen Samstag. Wetter: Herrlich. Zeit: Jede Menge. Neugierfaktor: Hundert. Pläne: Keine. Was also liegt da näher als eine Kurzreise nach Bunyola. Warum gerade Bunyola? Weil es ein schöner Name ist und gerade ein Bus dorthin fährt. 35 Minuten dauert die Fahrt in Richtung Tramuntana-Gebirge.

Es geht über eine Ausfallstraße in Richtung Norden, vorbei an Einkaufszentren und einem Gefängnis, das im Verhältnis zur eher überschaubaren Größe Mallorcas geradezu riesig erscheint. Vermutlich setzten die Planer auf Wachstum – ein schlechtes Omen für so eine friedliche Insel.

Zur Belohnung: Mandelkuchen.

Mallorquinischer Mandelkuchen

Irgendwann verlässt der Bus die Hauptstraße nach Sóller, tuckert auf schmalen Pfaden durch Dörfer, deren Namen ich vergessen habe. Dort gedeihen Orangen- und Zitronenbäume in den Vorgärten und du kommst nicht umhin, kurz an die Lieben daheim zu denken, wo es in diesem Moment gerade mal zu Eisblumen am Küchenfenster reicht, wahrend dir blühende Mandelbäume ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Wiesen, auf denen sich zwar nicht Fuchs und Hase gute Nacht sagen, aber – genau so gesehen – ein Feldhase sich mit einem Huhn die Zeit vertreibt.

Kaum hat man es sich im Autobus gemütlich gemacht, kommt schon die Endstation: Bunyola, ein liebliches Bergdorf, das seinen echten Charme vermutlich erst im Sommer so richtig ausspielt. Oder auch im Winter, wie ich mir sagen lasse. Denn dort oben ist die Luft rauer und ab und zu fällt Schnee.

Eiineinhalb Stunden später sitzt du wieder in deiner Lieblingsbar mitten in Palma und lässt die Busfahrt noch einmal Revue passieren. Auch wenn diesmal der Weg das Ziel war, hat sich die Reise in jeder Hinsicht gelohnt. Wo sonst bekommst du für 3.60 Euro – hin und zurück – in so kurzer Zeit so viel Fototapete geboten?

Ein Grund mehr, sich in diese Insel zu verlieben.

Ein bisschen Montréal in Palma

montpalmaJe länger ich auf Mallorca bin, desto mehr komme ich zu der Erkenntnis: Es gibt trotz der unterschiedlichen Klimazonen viele Ähnlichkeiten zwischen Montréal, wo ich lebe, und der wunderbaren Insel, auf der ich überwintere.

Dabei geht es nicht etwa um den Sprachenstreit Katalanisch/Spanisch – Englisch/Französisch. In den möchte ich mich als Gast in diesem Land ohnehin nicht einmischen. Nur so viel: Wenn sich Menschen wegen eines fehlenden Accents auf einem Buchstaben bekriegen, setzt mein Geschichtsbewusstsein aus. Es nervt.

Liebenswürdig mit sprödem Charme

Bei den Parallelen zwischen Québec und Mallorca geht es um viel schönere Dinge. Es geht um Menschen. Fangen wir mit einer subjektiven Beobachtung an: Hüben und drüben ist den Menschen eine manchmal etwas spröde Liebenswürdigkeit inne, die auf den ersten Blick schwer zu deuten ist, die ich als Ausländer aber sehr zu schätzen weiss. Sie hat etwas mit leben und leben lassen zu tun.

Es ist nicht diese „Howdy-nice-to-see-you“-High-Five-Attitüde vieler Amerikaner. Es ist vielmehr eine geerdete Freundlichkeit, die mir weitgehend authentisch erscheint. Mallorquiner und Québecer sind mit einem Temperament ausgestattet, das ihnen, je nach Laune und Anlass, schon mal nach unten oder oben entgleitet. Dabei versprühen sie einen speziellen Charme, den man an guten Tagen mit süß, an schlechten mit rau umschreiben könnte. Menschen aus dem richtigen Leben.

Sympathische Schlitzohren

Anderes Thema: Schlitzohrigkeit. Die ist in Mallorca nicht weniger verbreitet als in Québec. Man lässt schon mal eine Fünf grade sein, wenn es um den eigenen Vorteil geht. Wie im Supermarkt, wo die freundliche Verkäuferin noch ein paar Croissants „zum Sonderpreis“ anbietet. Erst bei genauem Hinsehen stellt der Kunde fest: Das Backwerk hat seine Zukunft längst hinter sich. Nicht weiter schlimm, aber eben auch nicht ganz in Ordnung.

Laissez-faire … und viele Beamte

Und dann dieses laissez-faire, das ich an meinen Québecer Freunden so liebe. Das finde ich auch hier auf Mallorca. Dass Mitte Februar die städtische Weihnachtsbeleuchtung noch immer hängt, ist nicht Palma-spezifisch. Das könnte in Montréal genau so passieren. Man lässt sich viel Zeit. Dabei scheint es an städtischen Arbeitern und Administratoren nicht zu mangeln. Im Gegenteil. Behörden mit den dazugehörigen Prachtbauten gibt es in Palma – und Montréal – fast so viele wie Kirchen. Über die hat Mark Twain einmal gelästert: Man könne in Montréal keinen Stein werfen, ohne zu riskieren, ein Kirchenfenster zu zertrümmern. Passt, Palma!

Es liegt also nicht nur am Klima und an der fantastischen Landschaft, dass ich als Fast-Montréaler immer wieder gerne nach Mallorca komme. Es liegt auch an den Menschen. Die sind mir nicht fremd. Ich mag sie und traue ihnen über den Weg.

Auch wenn eine alte Kräuterhexe am Passeig Marítim einmal versucht hat, Lore zu bestehlen. Aber das war vor einem Jahr. Fast schon vergessen. High Five!