Die Krise nach der Krise

An freien Plätzen fehlt es nicht in den zahlreichen Restaurants, die wir während unserer Reise durch Nova Scotia ansteuern. Und doch gibt es oft lange Wartezeiten. Was fehlt, ist das Personal. Vor allem im Service, aber auch in der Küche mangelt es hinten und vorne an Kräften. Eine Form von Long-Covid, wie sie wohl keiner erwartet hätte.

Viele der Restaurants sind noch immer geschlossen, obwohl sie unter Sicherheitsauflagen längst öffnen dürften. Diejenigen, die den Tisch gedeckt haben, kämpfen mit Personal-Problemen.

Ein Beispiel von vielen: Ein schnuckeliges Frühstücksrestaurant am Hafen von Halifax. Auf den wenigen bunten Tischen stehen Eggs-Benedict, Lachs-Omelettes und Bacon-and-Eggs.

Lecker, da geh’n wir rein!

Wenn das nur so einfach wäre: “Tut mir leid”, sagt die freundliche Bedienung. “Mehr Gäste schaffe ich nicht alleine”. Also bleiben die meisten Tische leer, die fleißige Kellnerin weiss vor Arbeit trotzdem nicht, wo ihr der Kopf steht.

“Viele der ServiererInnen sind nach der Wiedereröffnung der Restaurants nicht mehr zurückgekommen”, klagt Trish, eine kernige Neuschottländerin, die an der Küste aufgewachsen ist und noch immer in der Gegend von Mahone Bay lebt. Sie arbeitet als Bedienung in einem Fischrestaurant am Hafen von Lunenburg. Ein bisschen versteht sie ihre KollegInnen, die nicht mehr zurüchgekommen sind,

“Warum sollen sie sich auch den ganzen Tag abrackern?”, sagt sie. “Geld kriegen sie doch auch ohne Arbeit”.

Das stimmt, zumindest ein bisschen.

Nachdem der kanadische Premierminister Justin Trudeau zu Beginn der Pandemie den Notfall-Fond für ArbeitnehmerInnen (CERB) eingeführt hatte, die durch Corona ihre Jobs verloren hatten, wurden Millionen von Schecks unters Volk geschickt. Männer und Frauen, die plötzlich keine Arbeit mehr in der Service-Industrie fanden, sollten nicht mittellos dastehen.

Für die meisten der Betroffenen ging die Rechnung auf. Mit ein bisschen Nebenverdienst, wie Masken nähen, Gartenarbeit oder Essen-Lieferungen, ließ es sich (über)leben. Nur: Die Restaurants und Kneipen sind seit langem wieder geöffnet. Trotzdem denken viele, die jahrelang im Service beschäftigt waren, nicht daran, wieder an ihre Arbeitsstellen zurück zu kehren.

Zwar wurde der ursprüngliche Notfall-Fond inzwischen abgeschafft. Der Übergang von der Corona-Hilfe zur Arbeitslosenunterstützung verläuft unbürokratisch und bringt den meisten AntragsstellerInnen kaum weniger Geld als die Corona-Hilfe.

Trudeaus Politik ist nicht unumstritten, weil sie bei manchen zu wenig Ansporn zur Arbeit bietet. Gut denkbar, dass dem Premierminister diese Lässigkeit bei den nächsten Wahlen, die jederzeit ausgerufen werden können, vor die Füße fällt.

Was für manche ein politisches Problem ist, für viele ein existenzielles, war für uns manchmal einfach lästig. Die häufige Warterei vor Lokalen hat während unseres sonst wunderbaren Urlaubs an der Atlantikküste für ein paar Frustmomente gesorgt. Reservierungen nehmen übrigens nur wenige Plätze entgegen.

Aber es fehlt in den Restaurants nicht nur an Menschen. Auch manche Lebensmittel und Güter werden knapp. Wegen Covid durften beispielsweise lange Zeit keine Kartoffeln das kanadische “potatoe paradise” Prince-Edward-Island verlassen.

Die Folge: Die Bewohner der kleinen Nachbarinsel von Nova Scotia blieben auf ihren matschig gewordenen Kartoffeln sitzen, während in Nova Scotia plötzlich ein Überangebot an Fischen und anderen Meeresfrüchten entstand.

Mit den wirtschaftlichen und versorgungstechnischen Nebenwirkungen von Long-Covid werden besonders die Bewohner der kleinen Atlantikinseln noch einige Zeit leben müssen.

Die Touristen strömen trotzdem wieder in Massen in die begehrten Urlaubsziele am Meer. Seit kurzem dürfen zweifach geimpfte US-Bürger wieder über die amerikanisch-kanadische Grenze nach Kanada einreisen.

Umgekehrt ist es allerdings noch nicht soweit. Joe Biden macht weiterhin die Schotten dicht. Und Justin Trudeau kommt immer mehr in Erklärungsnot über die politische Einbahnstraße, der er da zugestimmt hat.