Wie Max uns in Atem hielt

MAX UND MICHELLE: Happy End am Samstagabend.

Gute Menschen, schlechte Menschen. Und mittendrin ein Hund namens Max. Max ist der Hund von Cassians Freundin Michelle. Das liebste Tier – nach unserer Bella natürlich -, das der Hundehimmel je auf diese Erde geschickt hat.

Der Tag hatte, wie die meisten Tage in meinem Leben, mit einer ausgedehnten Stadtwanderung begonnen. Über den Mont-Royal mit seinen verwunschenen Ecken und wunderbaren Aussichten. Danach Mittagessen beim Portugiesen und Cappuccino bei der immerzu lächelnden Taiwanesin an der Rue Prince-Arthur.

Schön war’s, aber auch ein bisschen anstrengend. Zehn Kilometer zu Fuß in der Großstadthitze packt auch ein Camino-Wanderer mit seinen 72 Jahren nicht mehr einfach so weg. Zeit, um nach Hause zu gehen.

Kurz vor der Wohnung dann die Textnachricht von Cassian: „IN MICHELLES APARTMENT IST EINGEBROCHEN WORDEN. MAX IST VERSCHWUNDEN!“

Der Gedanke daran, dass am hellichten Nachmitag in eine Wohnung eingebrochen worden sein soll, war abscheulich genug. Dass seither aber auch noch ein Hund wie vom Erdboden verschuckt war, ein Tier, das auch uns lieb geworden ist, war kaum auszuhalten. Wer je im Leben ein Haustier besessen hat, weiss, wovon ich rede.

Jetzt begann eine beispiellose Großfahndung.

Im Auto und zu Fuß suchte, wie es schien, die halbe Stadt nach Max. In Westmount und St. Henri, in Pointe St. Charles und Griffintown. Facebook und Instagram strengten sich an, Max zu finden – ohne Erfolg.

Flyers wurden gedruckt und aufgehängt und an völlig unbekannte Menschen verteilt, Dutzende von ihnen. Und alle versprachen sie, nach Max Ausschau zu halten. Und hielten ganz offensichtlich Wort.

Max, der liebe, sonst so häusliche Max, wurde zum Phantom. Und die Vier-Millionenstadt zum Heuhaufen, in dem es eine Stecknadel zu suchen galt.

Er sei an der Uni-Klinik, weit draußen im Westen, gesehen worden, hieß es. Dann wieder auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt bei uns in der Nähe. Auch über die Bahnschienen an der Rue St. Ambroise war er wohl gerannt.

Und dann ein freundlicher Mann mit der Horrornachricht: „Tut mir leid, Ihr Hund ist vorhin von einem Auto angefahren worden“.

Entsetzlicher geht’s nun wirklich nicht. Aber das war zum Glück nur die halbe Wahrheit.

Die ganze Wahrheit war: Max hatte versucht, die Atwater Avenue zu überqueren, eine bei Tag und Nacht vielbefahrene, vierspurige Fahrbahn, die an der Markthalle vorbeiführt. Zwei Autos mussten scharf abbremsen und streiften sich dabei wohl auch ein ganz kleines bisschen, während Max unverletzt in Richtung Altstadt weiterrannte.

Zweimal habe ich ihn gesehen, jeweils nur für ein paar Sekunden. Und weg war er.

Eine junge Frau hatte ihn von ihrem Balkon in St. Henri aus entdeckt, kam zur Haustür heraus gerannt, als sie mich mit den Plakaten in der Hand sah, nur um mir zu sagen: „Hier war er eben noch, ich schwöre, er ist eben um diese Ecke gerannt.“

Und dann der Mann, um die fünfzig, nicht ganz schlank wie ich, spurtete eine Straße nach der anderen ab. Von Ost nach West, von Süd nach Nord – ohne Erfolg.

„Du suchst einen Schäferhund?“, fragte mich eine ältere Frau mit Pudel nach gut zwei Stunden. „Er ist gerade an mir vorbei in Richtung Alt-Montreal gelaufen“.

Das Netzwerk funktionierte – und immer wieder klingelte das Handy, kam eine SMS oder lief ein Passant auf mich zu, der den Flyer gelesen hatte.

Cassian war, wie ich, zu Fuß unterwegs, Lore im Auto, Michelle joggend, ganz viele Leute, denen ich die Flyers unter die Nase gehalten hatte – alle suchten sie jetzt nach dem lieben, inzwischen bestmmt total verängstigten Max. Dank der zahlreichen Augenzeugenberichte konnten wir jetzt zumindest die Stadtteile eingrenzen, in denen sich unser Sorgenkind aufhalten muss.

Und dann, die Sonne war gerade am Untergehen und es wurde langsam Nacht, Michelles Entwarnung per SMS: „Wir haben ihn!‘

Max war in die Hände seines Frauchens gelaufen. Buchstäblich. Irgendwo zwischen Markthalle und dem Alten Hafen. Einige Kilometer weit weg von der geplünderten Wohnung.

Fast 17 Kilometer zeigte mein Streckenzähler auf dem Handy inzwischen an. Erschöpfung machte sich breit. Aber der beste noch lebende Hund der Welt ist wieder da! Und unsere Bella, wäre sie nicht schon vor Jahren über die Regenbogenbrücke gegangen, wäre stolz auf uns gewesen.

Danke, ihr guten Menschen da draußen, wer immer ihr auch seid. Ohne euch hätte es an diesem verrückten 9/11-Samstag kein Happy End gegeben,

Nach Little Italy auf den Markt

Montrealer Märkte sind bekannt. Im Norden der Marché Jean-Talon, im Süden der Atwater Market. Im Osten dann der Marché Maisonneuve. Dazwischen jede Menge kleine und nicht so kleine Märkte mit einem kulinarischen Angebot, das vom Lobster bis zum Käsekuchen reicht.

Wir haben uns heute nach einer ausgiebigen Stadtwanderung in die U-Bahn gesetzt und sind zum Jean-Talon-Markt gefahren. Es ist eine gefühlte Ewigkeit her, dass ich dort oben, am nördlichen Ende des Blvd. St. Laurent, war. Man hat ja einen der schönsten Märkte unmittelbar vor der Haustür. Warum also dann in die Ferne reisen?

Warum? Weil unser Nachbar-Markt, der Marché Atwater, zwar wunderschön ist (und leider auch ganz schön teuer), weil es aber eben auch noch andere Märkte gibt, die es sich zu besuchen lohnt.

Der Marché Jean-Talon liegt mitten in Little Italy, das Angebot ist entsprechend südländisch geprägt. Umgeben von Trattorien, Pizzerien und Ristorantes aller Preisklassen, liegt dieser überdachte Markt, den es schon seit 1933 gibt.

Um diese Jahreszeit legen sich die Marktändler besonders ins Zeug. Erntefrische Tomaten, die wegen der Einwecksaison korbweise verkauft werden, Paprikaschoten in allen Farben und Gemüsearten, von denen ich einige nicht einmal vom Hörensagen kannte.

Besonders beliebt ist um diese Jahreszeit Knoblauch aus Québec, der die Stände in Form von hübschen Girlanden ziert.

Zur Stärkung zwischendurch ofenfrische Pasta bei „Pizza Motta“, einem Feinkost-Italiener, der schon bei meiner Ankunft in Montreal vor 40 Jahren Tradition hatte.

Viel Spaß beim Durchklicken der Fotos und: Buon appetito!

Meine Mama, die Trendsetterin

Meine Mutter, seit 64 Jahren selig, benützte einmal einen Satz, der mich als Teenager nachhaltig beeindruckt, ja vielleicht sogar verstört hat. Dieses „geile Gesprange“ müsse jetzt endlich aufhören, sagte sie.

Dabei war meine erste Freundin Mucha, auf die sich dieser Satz bezog, alles andere als „geil“ im Wortsinne. Und gleich gar nicht passte der Begriff zu meiner Mutter, die einer ländlich-sittlichen Familie von Schreinern und Landwirten entstammte.

Dass Mutter das G-Wort nicht wörtlich meinte, sondern als Synonym für alles, was mit „unstet“, „übereifrig“ oder auch „hektisch“ zu tun hat, kam mir erst viel später. Dass Mama damals ein Wort benutzte, das heute voll salonfähig ist und längst nicht mehr nur von Jugendlichen benutzt wird, macht sie im Nachhinein zur Trendsetterin.

Heute ist alles geil: Das neue Auto, das tolle Essen, der neue Freund. Ob Jeans, Jacke oder Hose – geil ist geil. Selbst „Geiz ist geil“, wie eine bekannte Elektronikhandelskette Anfang der 2000er-Jahre in einem Slogan feststellte.

Warum ich ausgerechnet heute darauf komme? Daran ist wieder einmal Peter schuld. Mein guter, alter, weiser Freund schrieb mir vor ein paar Tagen diese Mail mit der Betreffzeile „Jugendsprache“:

“Herberto, ich habe heute ein sprachliches Problem. Ein befreundeter Buchautor möchte wissen, wie man am besten das berühmte „T’es con!“ übersetzt. Ich habe ihm einiges geantwortet, weiss aber nicht, wie das heutige Jugendliche von 16 bis17 zu ihrem Vater sagen würden. Es ist ziemlich stark im Französischen. Mein Vater hätte mich umgebracht…. aber heute geht ja alles. Hast du einen Vorschlag? Was typisch Postmodernes? Trottel, Arschloch usw. ist vielleicht nicht mehr cool. Ich habe mal „Hirni“ gehört. Kennst du das?”

“Ja”, schrieb ich zurück, “Hirni kenne ich”. Aber auch noch ein paar andere fielen mir dazu noch ein. (Achtung! Political correctness kurz ausschalten): Spasti (von Spastiker) Du Opfer! Schnarchnase …

“Wunderbar’, antwortete Peter. “Du hast den Nagel mitten ins Gesicht getroffen. Genau sowas suche ich. Das Problem ist nur, das so ein ephemerer Ausdruck in zwei bis drei Jahren wieder völlig von der jugendlichen Bildfläche verschwunden ist”.

Da wäre ich mir nicht so sicher, lieber Peter – siehe oben: Mutters “geil” lebt noch immer.

Übrigens: Bei “ephemer” musste ich erst einmal den Fremdwörter-“Oxford Languages” bemühen: “Ephemer = nur kurze Zeit bestehend; flüchtig, rasch vorübergehend und ohne bleibende Bedeutung.”

Sagt Oxford. Ich bleibe dabei: Meine Ummendorfer Mama war Trendsetterin.

Geil, oder?