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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Ein bisschen wie Disneyworld

Wildnis und Kommerz sind in Kanada manchmal nahe beieinander. Nehmen wir den heutigen Tag: Du frühstückst noch gemütlich an deinem See, keine Menschenseele weit und breit. Zwei Kolibris liefern sich am Zuckerwasserhäuschen die tägliche Schlacht am kalten Büffet, Eichhörnchen und Chipmunks stehen zur Begrüßung vor der Blockhütte stramm, in der Hoffnung, einen der Kirschkerne vom Vorabend zu ergattern. Ein Loon, der kanadischste Seevogel aller Seevögel, spielt das tägliche Versteckspiel mit sich selbst, taucht ab und auf und ab und wieder auf, so lange, bis er den Spiegeltanz satt hat und mit einem Fisch im Schnabel davon fliegt.

Morgens am Lac Dufresne

Das knallrote Kanu in der Bucht vor deiner Hütte wippt wichtig im Takt der Wellen. Du ignorierst es, schnallst stattdessen den Rucksack um und wanderst vom Tal auf dem steilen Waldweg dem Gipfel entgegen. Dort wohnt dein Auto, schlummert eingestaubt vor sich hin. Und freut sich, Herrn und Frau Blockhäuslesbesitzer aus der Wildnis in die Zivilisation kutschieren zu dürfen. Und sei es nur für einen wolkenverhangenen Tag.

Die Wildnis heißt Lac Dufresne und liegt zwei Autostunden nördlich von Montréal. Die Zivilisation taucht eine weitere Autostunde Richtung Norden am Horizont auf und nennt sich Mont Tremblant. Ein bisschen Disneyworld im kanadischen Nirgendwo. Spielwiese für Cityslickers.

Mittags am Spa de Mont Tremblant

Mont Tremblant ist eine schrille Ansammlung von exquisiten Ferienhäusern, handverlesenen Hotels, feinen Boutiquen und Restaurants mit bunten Blechdächern und falschen Erkern. Man isst dort Bratwurst mit Sauerkraut, Steak frites, Fajitas oder auch Crêpes mit Blaubeermarmelade. Wer die Taler locker sitzen hat, darf sich auch sternemässig bekochen lassen. Der Liquor Store führt Veuve Clicquot und edle Weinsorten aus Frankreich, Italien und Chile. Tommy Hilfiger ist hier und all die anderen, deren Namen jeder kennt wie Coca Cola und McDoof. Ein viel zu grosser Grußaugust auf einem viel zu kleinen Fahrrad bringt kleine Kinder manchmal zum Lachen.

Ein bisschen St. Moritz, ein wenig Disneyworld

Mont Tremblant ist ein Ferienort, in dem sich im Winter vor allem Japaner, Südamerikaner und auch Erholungssuchende aus Europa zum Skifahren, Snowboarden und Eissurfen treffen. Ein bisschen Sankt Moritz für nicht ganz Arme. Nicht gar so mondän, aber fast so teuer. Im Sommer wimmelt es in den Resorts von Kurzeitreisenden, die sich im Spa verwöhnen lassen, nachdem sie den Golfschläger verstaut haben. Aber auch von wulligen Wanderern, die tagsüber ihre Kletterkünste an den steilen Felsen der Umgebung üben und sich abends bei Bier und Chips in der micro brewery treffen, wo der Saft, der oben aus dem Zapfhahn kommt, unten im Keller gebraut wird.

Schrill und laut und gar nicht kanadisch

Wer schlecht zu Fuß ist oder schlicht keinen Bock auf Bewegung hat, kann sich kostenlos in der Stehgondel von einem Ende bis zum anderen schippern lassen – immer in Sichtweite über den roten, grünen und senfgelben Blechdächern von Mont Tremblant. Wer danach immer noch nicht genug hat, zahlt von jetzt an ziemlich viel für ziemlich wenig Höhenmeter. Eine Seilbahn bringt dich jetzt auch noch auf den letzten Gipfel. Von hier aus blickst du ins Tal, über die bizarre Stadt, die wie Disneyworld anmutet und auf den See, der dich daran erinnert, dass du dich doch noch irgendwo in der kanadischen Natur befindest und nicht im vergnügungssüchtigen Amerika.

Ein Haus, nicht teurer als ein Gebrauchtwagen

Nach ein paar Stunden ist dann aber auch gut und du freust dich wieder auf deinen See, fährst vorbei an Häusern und Hütten, in denen Menschen wohnen, von deren Leben du keine Ahnung hast. Du fragst dich, wie Leute eigentlich ticken, die alle vier Jahreszeiten in einem Trailer verbringen, der nicht mehr kostet als ein schlecht gepflegter Gebrauchtwagen.

Keine Fabrik weit und breit, nur Wälder und Seen, ein paar Tankstellen, ein Videostore und ein Tante-Emma-Laden, der hier Dépanneur heißt und tatsächlich, wie der Name sagt, Pannenhilfe-Funktion hat. Hier bekommst du Glühbirnen und Bananen, Kondome und Nachttischlämpchen – nichts ist dem Kanadier fremd, der es sich, jeder auf seine Façon, nett machen möchte.

Ein Traum für 18 000 Dollar

Und dann, als sich der Tagesausflug von deiner Blockhütte in die Zivilisation und wieder zurück schon fast dem Ende zuneigt, stehst du fassungslos vor einem Retro-Reisebus aus den 50er-Jahren, den ein Mensch in dieser herrlichen, aber gottverlassenen Gegend zwischen Busch und Ballaballa zu seinem Heim umgebaut hat. Violett ist er, der Bus. Und zu verkaufen. Für 18 000 Dollar.

Die Fata Morgana hat einen Namen: „Just A Dream“, steht auf dem Schild über der Windschutzscheibe. Und plötzlich hast du das Gefühl, der Bus habe in dem Film „Priscilla, Queen of the Desert“ Fahrerflucht begangen und gehöre in Wirklichkeit nach Australien und nicht in die kanadische Wildnis.

Dir ist, als lebe nicht der Bus gerade seinen Traum, sondern du.

Clockwork Orange im Ohr

Jetzt ist er wieder da, der kleine Mann im Ohr. Vielleicht ist es auch eine Frau. Ich tippe aber eher auf einen Mann. Denn, wenn ich die Frauen in meinem Leben bisher richtig verstanden habe, dann können nur Männer so nerven wie der Tinnitus.

Mann hat es nicht leicht, wenn er sich als 63-Jähriger ins letzte Drittel vorwagt. Zwar sammeln sich im Laufe eines gelebten Lebens jede Menge tolle Erfahrungen an. Aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass sich mit den Lebensjahren auch an immer mehr Stellen immer mehr nervige kleine Männer ansammeln. Hier ruckt es, dort zupft es und manchmal zwickt’s. Die Zipperlein nerven. Mein Landsmann Leonard Cohen formuliert die körperlichen Ungereimtheiten natürlich charmanter.  „I ache in the places where I used to play“, singt er in Tower of Song.

Das Alter ist völlig überbewertet

In den Ohren tobt das Alter am schlimmsten. Es pfeift und quietscht und manchmal tut es auch weh. Tinnitus nennen Mediziner das. Nicht weiter schlimm, jeder Fünfte in meinem Alter leidet darunter. Aber die Statistik ist ein schwacher Trost. Für mich ist das Pfeifen im Ohr schlicht lästig. Basta. Und überhaupt wird das Alter völlig überbewertet. Außerdem ist es schlicht eine Zumutung.

Der Tinnitus meldet sich vor allem in der Stille des Raumes. Nach dem Aufstehen, zum Beispiel. Oder beim Einschlafen. Immer dann, wenn es ruhig geworden ist. So gesehen habe ich noch Glück, denn der Ort, an dem ich neuerdings wohne, ist vieles. Nur still ist er nicht. Fast hätte ich den Tinnitus vergessen, wäre da nicht der stillste Rückzugsort von allen: der Lac Dufresne.

Ein Platz, an dem man der Stille zuhören kann

Am Lac Dufresne liegt unser Blockhaus. Wer der Stille zuhören möchte, liegt hier richtig. Ab und zu mal ein Fisch, der nach einer Mücke schnappt. Oder ein Eichhörnchen, das hungrig am Vogelhaus scharrt. Oder ein Kolibri, der seinen durstigen Zwergenkörper an der eigens für ihn eingerichteten Tränke mit Zuckerwasser betankt. Der sanfte Paddelschwung des Kanufahrers gehört da schon zu den Geräuschen, die auf der nach oben offenen Lärmskala am See ziemlich weit vorne liegen. Motorbootlärm wäre tödlich. Den gibt es gottseidank so gut wie nie.

Wenn Gott lange schweigt, dann will er reden, schrieb die deutsche Dichterin Gertrud von Le Fort (1876-1971). Wenn der See schweigt, sollte auch sonst keiner reden, meint der Blogger. Vor allem sollte sich kein Störenfried im Ohr des Schweigenden breit machen dürfen. Doch genau das passiert in der Stille des Lac Dufresne mit nervensägender Regelmäßigkeit.

Von Stille keine Spur: Moloch Montréal

Das Klingeln im Ohr, das in der Dreieinhalb-Millionen-Stadt allenfalls wie ein sanftes Hämmern auf den Amboss des Lebens wahrgenommen wird, entwickelt sich am See zum Clockwork Orange. Es pfeift und es tutet und es rasselt und es röhrt. Es nervt. Da sehnst du dich doch glatt in deinen Hexenkessel zurück.

Der Tinnitus, der in seiner Intensität gegen die Montréaler Stadtfeuerwehr anstinken kann, muss erst noch erfunden werden.

Mein allererstes Casting

Ich denke, das war’s dann mit meiner Schauspielerkarriere. Wenn dich der Regisseur beim Casting ständig für etwas lobt, was in der Rollenausschreibung gar nicht gefragt war – in meinem Fall „your spectacular voice“ -, dann ist das schon mal verdächtig. Wenn er außer zur Stimme aber kein Wort über deine schauspielerischen Leistungen verliert, ist das Urteil quasi gesprochen. Klappe die letzte, also. Trotzdem war mein erstes Casting eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

Cool, aber nicht zu cool. Selbstbewusst, aber nicht eitel. Europäisch, gerne auch mit Akzent – so hatte sich der Regisseur meinen Auftritt gewünscht. Cool bleiben ist leichter gesagt als getan, wenn du verschwitzt bis unter die Achselhöhlen bei 34 Grad aus der Métro kommst und dich nach einem Kilometer Fußmarsch zum Proberaum im 4. Stock eines Theaters in einem dampfenden Backsteingebäude hochkämpfst. Drei Männer unterschiedlichen Alters und eine sehr junge, sehr hübsche Frau warten schon vor der Tür. Jetzt bloß kein Smalltalk. Und überhaupt: Geredet wird ab jetzt nur noch für Geld.

Als Fliegenpilz im „Adlersaal“ von Ummendorf

„Come on in“, meldet sich pünktlich der Regisseur bei den Kandidaten. Ich bin heute der einzige, der für die Rolle des alternden Schwerenöters Theodore vorspricht, die anderen sollen für unterschiedliche Charaktere gecastet werden. Meine Rolle ist eine Hauptrolle. Das kann nicht gutgehen. Meinen bisher größten, weil einzigen Bühnenauftritt hatte ich im „Adlersaal“ in Ummendorf. Das war vor ziemlich genau 58 Jahren. Damals durfte ich vor lokalem Publikum einen gepunkteten Fliegenpilz spielen. Stummfilm also.

Der Regisseur ist Anfang dreißig, blitzweisse Zähne, dunkle Augen, pechschwarzes Haar, sehr schlank, sehr freundlich, verbindlich, sympathisch und empathisch, wenn’s um seinen Film geht. „Eure Rolle kennt ihr ja“, sagt Mr. Clooney, „den Text habt ihr auswendig gelernt. Also dann mal los.“

Ein Radiogesicht macht keinen Filmschauspieler

Entschuldigung, Herr Lehrer, aber ich kann meinen Text nicht auswendig. Er ist mir nämlich erst reichlich spät zugeleitet worden. Und damit hier keine Missverständnisse aufkommen, sag ich’s lieber gleich: Ich habe noch nie in einem Film mitgespielt, stand noch nie auf einer richtigen Bühne und habe alles in allem doch eher ein Radiogesicht. Gelächter im Saal. Das Eis ist gebrochen. Das mit dem Radiogesicht passt ganz gut in die Rollenbeschreibung. Hübsch müsse mein Charakter nicht sein, hieß es da, aber charismatisch, neugierig auf mehr Leben und forever young. Könnte passen.

Nach einer Stunde ist alles vorbei. Der empathische Regisseur packt die Kamera weg, die er selbst geführt hat – Achtung, low budget! – wünscht uns einen schönen Abend und bedankt sich, dass wir mit so viel Enthusiasmus bei der Sache waren.

„Zu schön für diesen Film“

Bei der gemeinsamen Aufzugfahrt mit den Castingkollegen dann wieder das inzwischen schon bekannte Ritual: „Tolle Stimme“, sagt einer der Schauspieler, „sensationell“, die Schauspielerin. Trost spricht mir später auch die Frau an meiner Seite: zu: „Wenn du die Rolle nicht bekommst“, sagt Lore, „dann bestimmt deshalb, weil du einfach zu gut aussiehst“.

Warum sind denn alle nur so verdammt nett zu mir? Vielleicht weil ihnen klar geworden ist, dass ich heute Abend gleich zweimal zu einem Casting angetreten bin. Zum ersten und zum letzten Mal.

Spaß und eine Handvoll Dollar

Soll ich – oder soll ich nicht? Eine Agentin hat sich gemeldet. Es geht um eine Filmrolle. Die Frau hatte mich vor Jahren mal als Sprecher unter Vertrag genommen. Dokumentarfilme, Werbespots. Stimmen eben. Im vorigen Jahr durfte ich einen finnischen Weihnachtsmann synchronisieren. Was macht man nicht alles für ein bisschen Spaß und eine Handvoll Dollar.

Filmschauspieler war ich noch nie. Dieses Privileg blieb bisher Cassian vorbehalten. Der Gedanke, es jetzt, mit 63, dem Sohn nachzumachen, ist gewöhnungsbedürftig. Aber er hat was. Reich und berühmt werde ich nicht werden, das steht fest. Aber der Thrill, vor der Kamera zu stehen, ist für einen, der sein Leben hinterm Mikrofon verbracht hat, nicht zu leugnen.

Pariser Gentleman verguckt sich in Schauspielerin

Es ist eine Low-Budget-Produktion, um die es geht. Warum der junge Regisseur ausgerechnet an meinem Gesicht, an meiner Stimme, Gefallen gefunden hat, bleibt sein Geheimnis. Beides präsentiert die Agentin auf ihrer Website. Einen Pariser Gentleman will der Regisseur besetzen, Typ Bohemien. Der verguckt sich in eine junge Schauspielerin, die in seiner Straße einen Film dreht.

„Hübsch ist er nicht, aber interessant“

Theodore, so heißt der Kerl, für dessen Rolle ich vorsprechen soll, ist Anfang 60 und „im Herzen jung geblieben“. Könnte passen. Zwanzig Drehtage sind für den Film angesetzt. „Hübsch ist Theodore nicht“, heißt es in der Rollenbeschreibung, „aber interessant“. Toll. Sollte ich also die Rolle bekommen, würden sie mich nicht etwa wegen meiner blauen Augen nehmen. Wie ich daher komme, ist ihnen wichtiger. Schwerenöter. Womanizer. Doch nicht etwa Dirty Old Man?

Noch ist es nicht so weit mit dem Rollenspiel. Zwei andere Männer sind noch im Rennen. Ich kenne sie nicht, bin aber gespannt, wie so ein Typ aussieht der „nicht hübsch, aber interessant“ ist. Die eigene Wahrnehmung ist ja doch manchmal ein wenig daneben.

Mit 63 nochmal den Marktwert testen

Nervös? Ein bisschen schon. Und überhaupt: Muss ich mir so ein Casting denn antun? In meinem Alter und „bei deiner Figur“, wie Maggy bei solchen Gelegenheiten immer spöttelt. Nein, muss ich nicht. Aber die Neugier hat gesiegt und ich habe zugesagt. Kann ja nicht schaden, mit 63 noch einmal den Marktwert zu testen. Und sei es nur in einer Low-Budget-Produktion als nicht sehr hübscher Mann.

Neues Zuhause: Fast wie Urlaub

Blick von der Dachterrasse: Leben, 3. Teil

So ist das also, wenn man 25 Jahre im eigenen Haus auf dem Land gewohnt hat und jetzt zum ersten Mal in einer Stadtwohnung aufwacht, in der du deine Zukunft verbringen wirst. So richtig stimmig fühlt es sich noch nicht an. Aber es wird großartig werden, ich spüre es.

Die Kistenstapel ragen zwar nicht ganz bis zur Decke (die ist 5 Meter hoch, wie bei Fabriklofts so üblich). Noch kein Bild an der Wand. Aber wenigstens hängen wir schon wieder am Tropf. Der Internetdealer erbarmte sich des Junkies und schickte noch am Sonntag Mahmud vorbei. Der interessierte sich vor allem für das EM-Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft und legte eher nebenbei noch eine fixe Leitung.

Wo ist das Brotmesser? Hast du meine Socken gesehen? Schatz, die Zuckerdose? Und überhaupt: Wo ist mein Landleben? Es ist dort, wo es hingehört, auf dem Land. Dort soll es von mir aus künftig bleiben. Schön war’s. Aber jetzt ist auch gut.

Zwei Flaschen Prosecco zum Einstand

Harley kam vorbei, sie wohnt zwei Türen weiter. Jung, mollig, frisch und gemütlich. Selbständig wie viele hier. Webdesign. Zwei Flaschen Prosecco und viele Lacher später dann noch das Bett von Kisten und Klamotten befreien. Und los geht’s in den ersten Schlaf im eigenen Stadtloft. Tiefschlaf. Umziehen kostet Kraft. Und nicht nur in den Muskeln.

Beim Einschlafen noch einmal die Aktion Land-Stadt-Loft Revue passieren lassen: Am Morgen des heißesten Tages des Jahres standen die Jungs vom Umzugsservice pünktlich vor der Tür. Jung und stark und freundlich, wie sie eben sind, die meisten Kanadier. 34 Grad zeigt das Thermometer, gefühlte Temperatur: 42. Mit dem Truck durch den Stau in die Dreieinhalb-Millionen-Stadt. Eineinhalb Stunden später: entladen. Was kommt in die Tiefgarage, was in den Kistenkäfig? Hilfe, das Ladekabel vom i-phone fehlt. Tut es nicht. War lediglich zwischen Winterstiefeln und Badehose versickert.

Der Altersdurchschnitt schnellt in die Höhe

Nach dem Frühstück geht’s am ersten Stadtmorgen auf die Gemeinschafts-Dachterrasse. Dort gibt’s WiFi umsonst. Bei inzwischen 36 Grad füllt sich der Pool schnell. Viele junge, manche schöne Menschen. Sorry, Boys and Girls, mit uns am Bord geht der Altersdurchschnitt bei Imperial Loft durch die Decke. Ich werde den Verdacht nicht los: Nicht alle, die sich hier erfrischen, wohnen auch hier. Schlüssel gegen Bier vielleicht? Egal. Spaß für alle darf sein. Ein bisschen fühlt es sich an wie Urlaub. Nur dass es diesmal nicht die Engländer sind, die reihenweise Liegestühle mit Handtüchern garniert haben.

Der Allwheeler vom Land wohnt jetzt in der Tiefgarage

Sonntag morgen dann: Frühstück auf der eigenen Terrasse. Die ist etwas grösser als unser Auto, das jetzt in der Tiefgarage lebt. Abgase statt Landluft. Sind meine Besitzer noch bei Trost?, könnte sich der  Allradschlepper jetzt fragen. Ja, sind sie. Sie lieben es hier und haben sich den Wechsel seit Jahren herbeigewünscht.

Kein Rasenmäherlärm mehr vom netten Nachbarn zur linken, keine Baumsäge mehr vom Häuslesbesitzer zur rechten. Die Sprinkleranlage taucht das Stadtgras in ein frisches Grün. Dem Gärtner bei der Arbeit zuschauen – wer kann das schon? Und, kaum zu glauben, von gar nicht weit weg, ganz in der Nähe der Markthallen, dringt Kirchenglockengeläut zu uns herüber. Ein Ohrenschmaus, der uns auf dem Dorf 25 Jahre vorenthalten wurde.

Und doch ist auch ein bißchen Wehmut dabei. Was machen die Eichhörnchen im Garten? Und die Waschbären – werden sie uns vermissen? Die netten Nachbarn Scott, Liane, Phil, Jennifer – denken sie manchmal an uns? Marga, 93 Jahre alt, hat uns zum Abschied ein von der Schwiegermutter gemaltes Bild geschenkt. „Soll ich adieu sagen oder Auf Wiedersehen?“, hat sie dazu poesiert. Auf Wiedersehen. Hoffentlich.

Honeymoon mit dem neuen Zuhause

Trotz nostalgischer Flashbacks kann unser Leben, 3. Teil, beginnen. Das Festnetz muss noch warten. Keine Eile. Wer soll auch was von uns wollen? Wo doch jeder weiß, dass wir gerade Honeymoon mit dem neuen Zuhause machen.

Und der Kistenberg schmilzt langsam in der Sommerhitze.