Wir leben hier gefährlich!

Foto: GazetteBrücken, die zerbröseln. Unterführungen, von denen tonnenschwere Betonbrocken auf die Autobahn fallen. Schlaglöcher, die einen Omnibus verschlucken können. Und dazu noch ein Verkehrsministerium, das angeblich von der Mafia geschmiert wird. Manchmal frage ich mich, warum ich es schon so lange in dieser lebensgefährlichen Stadt aushalte.

Dabei gehört  Montréal zu den sichersten Großstädten dieser Welt. Es gibt keine Straße, keine Ecke, keine Bar, in die ich meine besten Freunde auch morgens um drei noch bedenkenlos hinschicken würde. Was die Stadt meines Herzens so blitzgefährlich macht, sind nicht die Bars. Es sind die Brücken und Unterführungen.

Schöner Wohnen ist anders: Abgerissene Geländer, durchgerostete Eisengitter

Pont Champlain - Foto: Gazette

Wenn die größte Zeitung einer Dreieinhalb-Millionenstadt auf der Titelseite mit zwölf Fotos von verrotteten Brücken aufmacht, dann ist irgendetwas verkehrt. Aber genau das ist heute der Fall. Brücken mit abgerissenem Geländer. Unterführungen, von deren Decken Rostgitter aus dem brüchigen Beton herunter hängen – schöner wohnen ist anders. Insgesamt 35 Brücken und Unterführungen sind in derart kritischem Zustand, dass selbst die sonst eher betuliche Montreal Gazette Alarm schlägt: „Hier lebt sich’s gefährlich“.

Wenn schon als Held sterben, dann lieber bei einer Grizzly-Attacke

Foto: QMI

Einige der Brösel-Brücken kenne ich nur zu gut. Auf dem Weg vom Land in die Stadt befahre ich sie oft mehrmals in der Woche. Nicht erst seit heute beschleicht mich dabei ein mulmiges Gefühl. Wenn schon als Held sterben, dann bitte nicht unter einer zerbröckelten Unterführung. Eher schon als Unterlegener einer Grizzly-Attacke in den Rocky Mountains. Der Grund für das Brücken-Fiasko ist zum einen mangelnde Kohle. Seit heute wissen wir noch mehr: In einem bisher geheim gehaltenen Untersuchungsbericht, den Radio Canada jetzt aufgetan hat, werden Mafia und Hells Angels eng mit den politischen Entscheidungsträgern in Verbindung gebracht.

Foto: Safe Montreal

Dass viele der großen Bauunternehmen in Montréal von der Mafia betrieben werden, ist ein offenes Geheimnis. Selbst die Verzögerung beim Bau des Olympiastadion, das 1976 erst halbfertig war, als die Queen zur Eröffnung der Spiele durch den Matsch waten musste, ist inzwischen auf Erpressungs-Taktiken der Mafia zurückgeführt worden. Motto: Termineinhaltung nur gegen Extra-Kohle. „Kickbacks„, heißt diese Art von Schmieren auf Englisch. Kickbacks hatte es ganz offensichtlich auch bei der Ausschreibung von Projekten wie Brücken, Straßen und Unterführungen gegeben. Radio Canada behauptet: Die Unterwelt habe es verstanden, einige Verantwortliche in den zuständigen Ministerien zu schmieren, so dass der Auftrag organisierten Verbrecherbanden wie der Mafia zufiel. Und was sagt unsere Regierung dazu: „Faule Äpfel gibt es immer wieder“, meinte der Verkehrsminister. Außerdem bedauerte er „zutiefst“, dass der Report vorzeitig an die Öffentlichkeit gelangt ist.

Wobei noch immer nicht die Frage beantwortet wäre, was die Mafia-Connection mit der lausigen Bauweise zu tun hat. Meine Meinung? Vielleicht ist einfach nicht immer genug geschmiert worden und die Baufirmen rächten sich für die Knausrigkeit mit mangelnder Qualität.

Fakt ist, dass wir heute mit den Sünden von damals leben müssen. Oder auch nicht.

Wir krempeln unser Leben um

Der Luxus des Alters: Kind aus dem Haus und gut versorgt. Wir haben die Wahl: Bleibt alles wie’s war? Satteln wir die Harley und lassen es noch einmal richtig krachen? Oder machen wir künftig einen auf klein, aber fein? Wir haben uns für diese Variante entschieden. Unser Haus im Grünen steht nach 24 Jahren zum Verkauf. Wir ziehen in die Stadt. Landleben gegen Loft. Nur: Wie erklären wir unseren Freunden, dass „downsizen“ nichts mit „verarmen“ zu tun hat?

„Brauchst du Geld?“ Diese Frage höre ich in letzter Zeit öfter. Gut gemeint, aber gewöhnungsbedürftig, wenn man als 62-Jähriger mit einem gelebten Leben gefragt wird, ob man ihm ein paar Taler zuschieben soll. Die Wahrheit ist: Danke, uns geht es gut. Die Entscheidung, unser Traumhaus nach 24 Jahren zu verkaufen und dafür in ein schickes Fabrikloft im Montréaler Stadtteil St. Henri zu ziehen, treffen wir nicht aus Geldnot. Wir wollen unser Leben verändern.

Gut gelebt und viel gefeiert: Wir haben uns den Traum vom eigenen Haus erfüllt

Margas 90. Geburtstag

Jeder Traum geht irgendwann zu Ende. Und ein Traum war es für uns damals, ein eigenes Haus mit einem großen Garten zu besitzen. Diesen Traum haben wir uns vor 24 Jahren erfüllt. Das Haus hat jede Menge Zimmer, eine Einliegerwohnung, einen Wintergarten, eine überdachte Frühstücksterrasse, vier Bäder und eine Sauna mit Whirlpool. Der Garten: 4000 qm mit Wald, Wiese und einem kleinen Teich. Hier haben wir gearbeitet, ein Kind großgezogen, dazu zwei Katzen und einen Hund. Wir haben Freunde empfangen, Zauber-Abende und Jam-Sessions veranstaltet. Und ein Gartenfest zum 90. Geburtstag unserer Freundin Marga ausgerichtet, vom dem noch heute das halbe Dorf spricht. Vor allem aber haben wir hier gelebt. Gut gelebt.

Palma, wir kommen!

Und weil wir auch künftig gerne gut leben möchten, ohne die Arbeit und Verantwortung, die so ein großes Haus mit sich bringt, verkleinern wir uns. Mit einer pflegeleichten Stadtwohnung – Tür zu, Schlüssel umdrehen und weg – können wir noch mehr reisen als bisher. Vielleicht auch mal für fünf, sechs Monate in einem anderen Land leben und trotzdem noch arbeiten. Das Internet macht’s möglich. Drei Generalproben verliefen wunderbar: In einer schnuckeligen Wohnung in der Altstadt von Palma de Mallorca haben wir uns jetzt schon mehrfach im Winter einquartiert. Von minus 20 Grad in Montréal ins plus 20 Grad warme Mallorca – ein Traum. Der Blick beim Frühstück auf die Plaza de la Reina, hinüber zur Kathedrale, hinunter zum Meer – Wahnsinn! Life is beautiful.

Das ist die Stunde der Schaulustigen: Mal kucken, wie die Nachbarn leben

Doch Veränderungen können anstrengend sein. Unser Haus wird seit zweieinhalb Monaten von einem Makler gelistet. Das Interesse ist groß. Aber, wie das so ist in Kanada: Es kommen viele Sehleute, die immer schon gerne gewusst hätten, wie der Korrespondent und seine Künstlergattin so leben. Das ist die Stunde der Schaulustigen. Und weil wir nicht gerne Zeuge dieser „showings“ sind und zu jedem Riss im Fensterkitt eine Erklärung abgeben möchten, verlassen wir eben unser Haus, wie es hier so üblich ist, wenn der Makler mal wieder mit Interessenten an der Tür steht. Aber: wohin nur? Meine Kreditkarte glüht. Im Kino reden Sie mich beim Vornamen an und unser Lieblings-Thailänder möchte uns gerne adoptieren. Das sind so die Dinge, mit denen wir uns in letzter Zeit herumschlagen.

Richtige Probleme sehen anders aus. Aber es gibt sie: Wohin mit den Möbeln aus einem Haus, wenn die künftige Bleibe aus einem großen Raum mit einem Badezimmer-Würfel in der Mitte besteht? Was nehmen wir mit, was geht zur Heilsarmee, was kommt in die Blockhütte? Und überhaupt: Was ist mit dem Klavier? Interessenten gibt es jede Menge dafür. Nur: Ich will nicht jedes Mal wehmütig an Musikabende denken müssen, wenn ich künftig Freunde besuche.

Raus aus dem Grünen, rein in die Stadt:  Eine Achterbahn der Gefühle

Neulich habe ich gelesen, dass Immobilienmakler jetzt immer häufiger Psychologiekurse belegen. Ich weiß jetzt warum. Offensichtlich sind wir nicht allein, wenn uns die Emotionen manchmal überwältigen. So ein Hausverkauf kann einem ganz schön die Seele durch den Fleischwolf drehen. Und trotzdem steht die Entscheidung fest: Raus aus dem Grünen, rein in die Großstadt. Das Laub, das sich im Herbst kniehoch auf unserem Grundstück stapelt, sollen künftig andere wegräumen. Und auch der Schneepflug, der die Einfahrt freischaufelt, geht schon bald nicht mehr auf unsere Rechnung. An Bewegung wird es mir hoffentlich trotzdem nicht mangeln: Mein Fitnessbedarf wird künftig im Pool der Dachterrasse abgedeckt, der zum Fabrikloft gehört, oder, wenn’s dann schon sein muss, auch in der Muckibude, gleich neben dem Yoga-Raum.

Und doch kommen sie jetzt immer öfter, die nostalgischen Momente, wenn mal wieder ein potenzieller Käufer vor unserer Haustür steht. „Es sind doch nur ein paar Wände mit einem Dach drüber“, tröstet mich Lore, wenn ich mal wieder wehmütig an den Verkauf denke. Stimmt. Aber genau diese Wände mit dem Dach drüber waren es, die aus unserem Haus ein Heim gemacht haben.

Mein Sohn, der Spätzles-Kanadier

Dass er mit drei Muttersprachen aufwächst: toll. Uni-Abschluss: super. Dass er, wenn’s sein muss, wunderbar schwäbelt: prima. Doch jetzt kennt der Elternstolz keine Grenzen mehr: Unser Sohn kocht auch noch schwäbisch! Seine ersten handgeschabten Spätzle müssten eigentlich ins Museum. Doch dafür sind sie viel zu schade.

Wer Spätzle schaben kann, hat den  schwäbischen Härtetest bestanden

Viel wurde in diesem Blog bisher über den Blogger geschrieben. Ein paar Takte auch über Lore. Nur den Sohn habe ich bisher ausgeklammert. Ganz bewusst: Als Bedenkenträger in Sachen Internet will ich ihm die digitale Nähe zu seinen Eltern ersparen. Deshalb werden wir das Kind auch künftig nicht beim Namen nennen. Nur: Bei so viel Elternstolz mag ich nicht länger schweigen. Deshalb, Welt da draußen: Wir haben einen 24jährigen Sohn, der – bis auf ein dreimonatiges Praktikum – nie in Deutschland gelebt hat, geschweige denn in Schwaben. Und doch hat er jetzt den Härtetest einer jeden schwäbischen Hausfrau bestanden: Handgeschabte Spätzle mit Butterschmelze. Willkommen im Kreis der Schwabo-Kanadier!

Spätzle schaben

Doch bis zum Meisterstück war es ein langer Weg. Er führte von Kartoffelpüree (Mutter: „Mehr Butter, Junge!“) über Schweinebraten (Vater: „Nicht ganz so mager, dann gibt’s eine bessere Soße“) bis zu den Bechtle-Spätzle aus der Tüte. Die gibt’s hier in ein paar europäischen Delikatessenläden und sogar in einem Supermarkt.

Tüten-Spätzle: Teurer als Hüftgold

Dass der Preis für den Schwabenfix in Hüftgold aufgewogen werden könnte, ist mit ein Grund, warum der Bub jetzt selbst zu Holzbrettle und Schabemesser greift. Klar gibt es auch noch den Spätzleshobel, den Drücker und noch ein paar andere Nudelmacher made in China. Aber die wahren, echten, originalgetreuen, urschwäbischen Spätzle werden noch immer geschabt. Basta.

Kulinarische Höchstleistung: Geschabte Teigwellchen ins kochende Salzwasser

Spätzle schöpfen

Was sich für schwäbische Laien ziemlich einfach anhört, ist in Wirklichkeit eine kulinarische Meisterleistung. Die Kurzversion: Man nehme den gerührten Spätzlesteig, streiche ihn sanft über ein nicht zu dickes Holzbrett zu einer nicht zu festen Schicht und schabe jetzt den Teig mit einem scharfen Messer in fein dosierten Teigwellchen direkt ins kochende Salzwasser. Super simpel? Krass getäuscht. Probieren Sie’s mal. Wenn einem bei dieser akrobatischen Küchenübung neben den kritischen Eltern dann auch noch die (kanadische) Freundin über die Schultern schaut, kann das Ergebnis gar nicht hoch genug gelobt werden. Bravo, Bocüsle!

Dreieinhalb Millionen Montréaler – und kein deutsches Restaurant

Nächste Herausforderung: Zwetschgenkuchen

Deutsche Gaumenfreuden in Kanada können übrigens nicht nur teuer sein, sondern auch anstrengend, ernüchternd und frustrierend. Und rar.  In Montréal mit seinen 3.5 Millionen Einwohnern gibt es zwar mehr als 5000 Restaurants. Darunter ist aber kein einziges deutsches. Schnitzel werden immerhin im Mazurka serviert (polnisch). Kässpätzli im Alpenhaus (Pseudo-Schwyzerisch). Aber deutsch? Fehlanzeige. Vielleicht ist es aber auch ganz gut so.

German Rollmops auf Eichenholz-Theke

Bis vor ein paar Jahren gab es in Montréal immerhin noch ein „Berlin“. Aber außer dem tollen Flachbildschirm für Bundesliga-Übertragungen und dem Rollmopsglas auf der Eichenholz-Theke hat das Lokal bei mir eher den Eindruck einer Stehbierhalle mit Frühstücks-Service hinterlassen.

Und überhaupt: Die beste deutsche Küche westlich von Leutkirch gibt’s ohnehin im „Landgasthaus Lore“.

>>>   Alles über Spätzle im „Kochbuch für Max und Moritz“  <<<

Heute hauen wir auf die Pauke

Um das Gras wachsen zu hören, kommt man nicht hier her. Dafür ist es zu laut. Wem aber nach Gras zumute ist, das nicht an jeder Ecke wächst, ist hier richtig. Beim „TamTam“ drückt selbst die Montréaler Polizei ein Auge zu.

Jeden Sonntag jammen am Fuß des Mont-Royal Bongospieler, Saxplayer und Waschbrettartisten – manchmal sogar mit dem gleichnamigen Bauch dazu. Ob mit oder ohne Instrument, kopfstehend oder hulahoopend – egal. Selbst Twist and Shout ist hier erlaubt. Eine Gruppe von Potheads und anderen Spaßvögeln hatte 1978 mit den Jamsessions begonnen. Seither ist das sonntägliche Happening Kult in Montréal. Selbst der Michelin-Reiseführer kam nicht umhin, das schräge Treiben am Fuß des Berges aufzulisten.

Finanzbeamte und Späthippies, Studentinnen und Mamis mit und ohne Kinder – hier darf jeder mal ausflippen. Und weil Trommeln nun mal zum Handwerk gehört, fingen vor ein paar Jahren pfiffige Verkäufer damit an, auf einem Nebenschauplatz Batikshirts, Haschischpfeifen, Seidentücher und Gehäkeltes zu verkaufen.

Die Räucherstäbchen und Peace-Ketten passen zum Datum: Dieser 11. September 2011 steht für den Frieden. Wie die Stimmung am George-Étienne-Cartier-Monument war, erfahren Sie mit ein paar Mausklicks.

          Kurzes Video von gestern Nachmittag

   

Erinnerungen an 9/11: „Ich will meinen Papa finden!“

Wand der Tränen: Tausende von Vermissten-Fotos Alle Fotos © Herbert Bopp

Manchmal glaube ich ihn noch immer zu spüren, diesen beißenden Trümmerstaub, der sich tagelang wie ein riesiges Leichentuch über Manhattan gelegt hatte. Dann kommen wieder Bilder hoch und Szenen, die mich wohl ein Leben lang wie ein Schatten begleiten werden. Bilder aus New York. Bilder vom September 2001.

New York trug Trauer

Es sind Bilder der Zerstörung und Szenen der Trauer. Wie der Bub, der mich an der Tränenmauer mit all den Fotos von Vermissten, am Ärmel zupft und fragt, ob ich ihn mit nach Ground Zero nehme. „Wenn Sie von der Presse sind“, sagt er, „dürfen Sie doch überall rein.“ Und dann: „Ich will doch meinen Papa finden!“ Dass ich drei Tage nach dem 11. September 2001 im Chaos von Manhattan stehe und nicht gemütlich in meinem Haus in Kanada sitze, geht auf das Konto von Al Kaida. Der Luftraum über New York war nach den Terroranschlägen aus Sicherheitsgründen geschlossen. Journalisten aus Übersee konnten nicht einfliegen. Ich lebte schon damals in Montréal, ein paar Bahnstunden von New York City entfernt.

Als WDR-Reporter zum Einsatz in Manhattan

Die WDR-Internetredaktion hatte mich in die USA geschickt, um ein „New Yorker Tagebuch“ zu schreiben. Als Kanada-Korrespondent gab es wenig, das ich noch nicht abgedeckt hatte: Von Flugzeug-Katastrophen über Umweltdesaster bis zu Abenteuerreisen durch Alaska. 9/11 war für mich der erste Einsatz in Manhattan. Und wie so oft lagen auch hier Freud und Leid nahe beieinander. Die Terror-Attacken wurden auch für mich zur menschlichen Katastrophe. Sie sollten aber auch zur Krönung meiner journalistischen Laufbahn werden: Das „New Yorker Tagebuch“ ist 2002 in Berlin mit dem New Media Award ausgezeichnet worden.

Eine zehntägige Achterbahn der Gefühle

Bei der Ankunft in New York hatte ich Tränen in den Augen, nicht nur wegen der toxischen Luft. Es war, als liege diese einzigartige Stadt mit ihren gefällten Türmen jetzt plötzlich schwer verwundet am Boden. Es sollte eine zehntägige Achterbahn der Gefühle werden, die ich bis heute nicht ausblenden kann. Da war die Polizistin. Schluchzend wie ein kleines Mädchen, saß sie in ihrem Streifenwagen. In Uniform und in der taffsten Stadt der Welt. Da war die kleine Gruppe dunkelhäutiger Menschen am Union Square, mit Transparenten: „Nicht alle Araber sind Mörder!“. Sie sangen „Give peace a chance“.

Da war mein russischer Taxifahrer. Er konnte sich auf der Fahrt durch Manhattan nur mit Mühe am Lenkrad festhalten, als er im Autoradio von einem Fahrradkurier hörte, der eben in den Trümmern gefunden wurde. „Es ist mein Kumpel“, weinte der Mann. „Ich weiß es. Er hatte am Morgen des 11. September noch eine Lieferung ins World Trade Center“.

Eine verzweifelte Frau: „Jetzt sterben schon die Helden!“

Helden-Verehrung

Und dann war da die Frau, die fassungslos aus dem Polizeiauto strauchelt. Eben hat sie erfahren, dass ihr Bruder Joseph in den Trümmern gefunden wurde. „Er war doch ein Feuerwehrmann, Herrgott nochmal!“, schrie sie in den New Yorker Morgen. „Jetzt sterben schon die Helden.“ Einen Helden kannte um diese Zeit übrigens jeder New Yorker. Oder er war einer. Oder er wäre gerne einer gewesen. „Heroes“, das waren die Polizisten, die im 24-Stunden-Einsatz den chaotischen Verkehr rund um Ground Zero regelten. Die Krankenwagenfahrer, die Blutspender, die freiwilligen Helfer. Selbst die Donut-Verkäufer, die vor dem Einsturz der Twin Towers noch rechtzeitig ihre Backwaren in Sicherheit bringen konnten, galten zu diesen unwirklichen Zeiten noch als Helden. Und natürlich war ein Feuerwehrmann wie Joseph ein Held. „A fallen hero“ sogar. Höher als tote Helden geht nicht auf der Heldenskala.

New York nach dem 11. September: Milder, sanfter, gnädiger

Trauern und suchen

Das New York, das ich nach dem 11. September 2001 vorgefunden hatte, war – was sonst?  – ein anderes New York als das, was ich von früheren Besuchen her kannte. Es fehlten jetzt nicht nur die beiden Türme, die mir manchmal wie Stinkefinger vorkamen, die New York-Besuchern schon von weitem zeigen wollten, wo Barthel den Most holt. Es fehlte so kurz nach den Terroranschlägen auch der oft ruppige Umgang der New Yorker untereinander, für den sie ja bekannt sind. Der Big Apple schmeckte irgendwie süßer.

Ein Jahr später: Genug getrauert

Genau ein Jahr später, am 11. September 2002, bin ich wieder nach New York gereist. Es war eine Revival-Tour, wieder für den WDR: Gleiche Bahnfahrt, gleiches Hotel, oft sogar die gleichen Interviewpartner wie ein Jahr zuvor. Aber die Stimmung war nicht mehr dieselbe. Ruppiger, unsanfter. Lauter. Aber irgendwo auch ehrlicher. Im Katastrophentummel lächelt man schon mal eine Runde zu viel, um gute Miene zum teuflischen Spiel zu machen. Ein Jahr später war so manchem New Yorker das Lächeln wieder aus dem Gesicht gefallen. Aber zur Trauer reichte es auch nicht mehr ganz. New York war wieder New York.

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