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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Die Story vom Sauerzehcocktail

Bisschen gruselig: Sourtoe-Certificate

In unserem Gäste-Bad hing jahrelang eine Urkunde, die unsere Besucher regelmäßig schaudern ließ. Irgendwann nahm ich das gerahmte Dokument ab und hängte es in meinem Büro wieder auf. Jetzt ekelten sich die Gäste eben, wenn sie mich im Büro besuchten. Ehrlich gesagt habe ich lange Zeit nicht mehr daran gedacht, wie ich zu der Urkunde gekommen war. Aber vor ein paar Tagen hat mir eine tolle Kollegin aus Deutschland erzählt, dass sie für eine Gold-Reportage im Yukon gewesen sei. Von einem etwaigen Besuch in der „River Rat Bar“ von Dawson City hat sie jedoch nichts erwähnt. Das fand ich etwas schade. Deshalb soll die Story, die hinter der Urkunde steckt, hier noch einmal erzählt werden.

Es gibt Geschichten, die sollte man sich nicht zum Frühstück erzählen. Auch nicht zum Mittagessen. Und gleich gar nicht zum Abendbrot, wenn sich alle auf Schweinebraten und Spätzle freuen und du fängst plötzlich an vom Sauerzehcocktail. Es gibt Geschichten, die sollte man sich eigentlich gar nicht erzählen. Dazu gehört die Geschichte vom Sauerzehcocktail. Doch weil der Sauerzehcocktail im Laufe der Jahre viele unterhaltsame Tischgespräche geliefert und sogar für gute Einkünfte in der Korrespondenten-Kasse gesorgt hat, darf die Story hier noch einmal zu Ehren kommen.

Es begann an der Mündung des Klondike River

Die Geschichte des Sauerzehcocktails  ist eine jener Geschichten, die es nur in Kanada geben kann. Denn nur hier, wo die Winter lang und die Tage kurz sind, scheinen Menschen die Begabung zu besitzen, spielerisch mit einem menschlichen Körperteil umzugehen, das schon seit hundert Jahren tot ist.  Der Tatort ist eine kleine Bar in der Goldgräbersiedlung Dawson, nicht weit von der Mündung des Klondike Rivers in den Yukon. Dorthin waren während des größten Goldrausches (1896-1898) in Nordamerika Zigtausende von Abenteuersuchenden geströmt. Der Flusskapitän Dick Stevenson verdiente sein Geld damit, Männer, die bis von Kalifornien in den Norden Kanadas gereist waren, vom Ausgangspunkt Dawson City im Yukon aus zu den Goldminen am Klondike River zu schippern.

Der Goldrausch vom Klondike brachte das Beste im Menschen zum Vorschein, aber auch das Hässlichste, Gemeinste, Schrecklichste. Als die Schürfer dem Fels- und Sandgestein an der Grenze zu Alaska auch noch den allerletzten Nugget abgerungen hatten, waren sagenhafte 12,5 Millionen Unzen gehoben. Genug, um Dutzende von Lkw-Container mit purem Gold zu füllen.  Manche der Männer wurden als Goldgräber unbeschreiblich reich. Andere, wie zum Beispiel der Abenteuer-Schriftsteller Jack London, wurden weltberühmt. Wieder andere wurden körperlich krank oder einfach verrückt.  Käpt’n Stevenson passt in keine der oben genannten Kategorien. Ihm war schlicht und einfach langweilig geworden.

Braun und klitschig: Der Autor beim Zehtest

Nachdem er Tausende von Golddiggern durch das Flussgewirr des kanadischen Yukon-Territoriums geschifft hatte, gab es nach dem Ende des gold rush nicht mehr viel für ihn zu tun. Also baute er sich ein Blockhaus in dem Ort Dawson und vermietete die Zimmer im oberen Stockwerk an freizügige Damen, die sich von freigiebigen Herren für ihre Liebesdienste bezahlen ließen. „Whorehouses“ hießen diese Etablissements in Dawson ganz unverblümt. Bei den Damen, die in den Bordells arbeiteten, handelte es sich um meist junge Frauen, die den Abenteurern hinterher gereist waren, in der Hoffnung, auf ihre Art den Goldrausch ein wenig mitträumen zu dürfen. Die Rechnung ging auf. Viele der Huren wurden so reich wie die Goldgräber selbst. Seither hat der Begriff „golddigger“ in der englischen Sprache eine doppelsinnige Bedeutung. Mit „golddigger“ sind nicht nur die Schürfer selbst gemeint, sondern auch die Frauen, die sich am Reichtum älterer Männer laben, ohne eine Gegenleistung dafür zu erbringen. Sieht man einmal von gelegentlichen Leibesübungen ab.

Besuch in der „River Rat Bar“

Im Erdgeschoss des Holzhauses, das sich Kapitän Stevenson gebaut hatte, befindet sich heute wie damals die „River Rat Bar“. Weil ein Flusskapitän nicht nur gut navigieren können muss, sondern auch erste Hilfe leistet, wenn es die Situation erfordert, diente die Bar gelegentlich als Notfallstation. Manche der Hilfesuchenden hatten sich beim Goldschürfen verletzt, andere beim Trinken zu viel zugemutet, wieder andere Erfrierungen zugezogen. Im Yukon sinken die Temperaturen schon mal auf minus 45 Grad.

Einer von denen, die mit Erfrierungen Hilfe in der „River Rat Bar“ gesucht hatten, war ein namenloser Trunkenbold, der nicht einmal in der Lage war, den Whisky zu bezahlen, mit dem der Käpt’n den erfrorenen Zeh des Mannes desinfizierte. Ehe er ihn schließlich amputierte. Den Zeh legte Mister Stevenson in ein Marmeladeglas mit hochprozentigem Alkohol ein. Damit war die Konservierung des guten Stückes garantiert. Im Laufe der Jahre schrumpelte der Zeh zu einem hässlichen, sehnigen Fleischbrocken zusammen. Allenfalls der Nagel erinnert heute noch daran, dass es sich tatsächlich einmal um den großen Zeh eines männlichen Wesen gehandelt haben muss.

Ein verschrumpelter Zeh im Whiskyglas

Der in Whisky eingelegte Zeh wurde zur Legende. Für Männer, die sich im Yukon etwas beweisen wollten, gehörte es fortan zur verdammten Pflicht und Schuldigkeit, ein Glas Whisky zu trinken, in denen der verschrumpelte Zeh schwamm. Der Sauerzehcocktail war geboren. Die Idee mit dem eingelegten Zeh brachte dem Flusskapitän so viel Geld ein, dass er sich einen angenehmen Altersruhestand gönnen konnte.

Nach dem Tod von Mister Stevenson setzte ein entfernter Verwandter, ebenfalls Kapitän, den Brauch mit dem Sauerzehcocktail fort. Heute sind es fast nur noch Touristen (und gelegentlich auch Journalisten), die den Whisky nicht „on the rocks“ trinken, sondern „on the toe“.  Am Ritual selbst hat sich seit den Stevenson-Tagen nichts geändert: Nur wer es geschafft hat, sich ein Glas Whisky hinter die Binde zu kippen und den verdorrten Zeh mindestens fünf Sekunden im Mund zu belassen, ehe er ausgespuckt werden darf, bekommt als Beweis für diese zweifelhaften Mutprobe eine Urkunde ausgehändigt.

Meine Urkunde trägt das Datum vom 7. September 2004. An diesem Tag, übrigens dem 65. Geburtstag meiner Schwester Irmtraud, führt mich der Weg in die „River Rat Bar“ in Dawson. Es ist ein regnerischer Abend, die bissige Luft riecht nach frühem Winter. Der unbefestigte Schotterweg, der durch den 1200-Einwohner-Ort Dawson City führt, ist aufgeweicht. Die Bar ist brechend voll. Auf einer kleinen Holzbühne in der Ecke spielt eine Country & Western- Band. Auf dem Tresen steht ein großes Glas mit eingelegten Eiern, daneben ein Fass mit sauren Rollmöpsen. Um mich herum gut gelaunte Menschen: Einheimische, ausgelassene Touristen und ein paar kreischende Frauen, die sich allein schon beim Anblick des berühmten Marmeladeglases ekeln.

Ich bin hierher gekommen, um mir den Sauerzehcocktail anzutun. „Are you ready?“, will der Barmann wissen. Das Gekreische in der Kneipe wird lauter. „Are you ready?“, fragt der Brummbär jetzt noch einmal, diesmal mit erhobener Stimme. Klar doch. Hatte ich eine andere Wahl? Jetzt, da ich dem legendären Marmeladeglas mit dem abgestorbenen Zeh näher gekommen bin als die meister der Hörer und Leser, denen ich darüber berichtet hatte, gab es kein Zurück mehr.

Ex oder langsam? Ich entscheide mich für den schnellen Tod

„Her damit“, rufe ich dem Barkeeper zu. „Und hinterher gleich noch einen Extraschnaps, um den Ekel wegzuspülen.“ Der Barbesitzer setzt sich die Kapitänsmütze auf, die angeblich schon Dick Stevenson getragen haben soll. Dann greift er mit Mittelfinger und Daumen in den Marmeladetopf, holt vorsichtig, aber nicht sehr angeekelt die gelblich-bräunliche Zehe heraus und lässt sie in ein leeres Glas fallen. Ein Schuss Whisky drüber – und es kann losgehen. „Schluckweise oder ex?“, will der Barkeeper wissen.  Ich entscheide mich für den schnellen Tod.

Geschafft: Ex und hopp und eklig

Das Gefühl, fünf Sekunden lang den vergilbten, verschrumpelten Zeh eines Goldgräbers im Mund zu haben, den ich nicht einmal kannte, ist unbeschreiblich ekelhaft. Aber auch aufregend. Es schmeckt nach Essig und Salz, nach Zucker und Jod, nach Schnee und Eis. Und auch ein bisschen nach Menschenfleisch.  Oder bilde ich mir das nur ein?  Vor allem aber schmeckt der Sourtoe-Cocktail nach Abenteuer. Da fallen einem Schleppesel ein, die Zelte und Kochgeschirr der Goldgräber transportieren, Campfeuer und gebratene Grizzlytatzen, aber auch kalifornische Girls, die es allen Männern recht machen wollen. Und viel, viel Gold.  Weniger aufregend ist die Gewissheit, nicht der Erste gewesen zu sein, der dieses Stück Menschenfleisch in seinem Mund gehabt hat. Meine Urkunde trägt die Nummer 14 376

Elvis war in unserem Dorf!

Zwei Dinge lassen unser Dorf noch schöner werden als andere. Hudson liegt etwa 40 Minuten westlich von Montréal, auf dem direkten Weg nach Ottawa. Es ist zum einen die zauberhafte Lage am Lake of Two Mountains, wo die wöchentlichen Segelregatten dem See etwas sehr Edles verleihen. Zum andern ist es ein Flohmarkt, der jeden Sommer Tausende aus den umliegenden Gemeinden und Städten hierher lockt. „Finnegan’s Flea Market“ hat seinen Namen von einem Hund. Dieser irische Setter namens Finnegan ist inzwischen längst über die Regenbogenbrücke gegangen, hat dem Markt aber netterweise noch seinen Namensstempel hinterlassen. Finnegan gehörte einem Farmerehepaar namens Barbara und David Aird. Als die Airds ihre Farm aus Altersgründen nicht mehr bewirtschaften konnten, überlegten sie lange, was mit all den Wiesen und Feldern zu tun sei. Verkaufen wollten sie nicht. Da brachte sie ihre Tochter irgendwann auf die Idee, die Ländereien doch stundenweise an Trödler zu vermieten, die dort einmal in der Woche ihre Tausendsachen anbieten könnten. So wurde im Sommer 1972 aus hügeligen Äckern und Wiesen „Finnegan’s Flea Market“.

Zauberer-Utensilien, Dessertschalen und eine Mandoline

… und Vladimir Putin …

Wir lieben diesen Markt. Und wer sich in unserem Haus umsieht, wird schon bald merken, dass sich, wenn schon nicht die Trödler selbst, dann zumindest ihre Möbel und auch ein wenig Schnickschnack, nach und nach bei uns eingenistet haben. Esszimmertische und Kneipenstühle, feine Dessertschalen und Eierbecher. Sogar Zauberutensilien. Auch eine Mandoline mit schönen Intarsien und ein Banjo, das irgendwann mal sechssaitig gewesen sein muss, habe ich bei Finnegan’s erstanden – alles sehr preisgünstig und meist in exzellentem Zustand. Trödler, die bei Finnegan’s verkaufen, halten etwas auf sich und können es sich schon von daher gar nicht leisten, Schund für gutes Geld anzubieten. Nur einmal habe ich in all den Jahren eine schlechte Erfahrung mit einem Händler gemacht. Ausgerechnet ein deutschkanadischer Schlawiner hat mir einen Strohhut angedreht, der schon wenige Tage später buchstäblich in der Hand zerbröselte.

Manche der Verkäufer stehen schon seit 25 Jahren hinter ihren Ständen – so lange leben wir schon in Hudson. Ich weiß das deshalb so genau, weil in unserem Haus genau 25 Lockenten aus Holz stehen. Lore hat sich jedes Jahr eine neue gekauft, sie nennt sie „unsere Jahresenten“. Lockenten sind etwas sehr Kanadisches. Sie sind meist aus sehr leichtem, schwimmfähigen Holz, oft recht ungestüm zurecht geschnitzt, aber von der Größe her durchaus einer richtigen Ente ähnelnd. Die schwimmenden Pseudo-Enten dienten früher dazu, auf Seen echte Enten anzulocken, damit Jäger diese dann abballern konnten. Aber diesen mörderischen Exkurs vergessen wir jetzt einfach mal, sonst verlieren wir noch den Spaß an unseren schönen Lockenten.

Bauerntruhe für den Kapitän – Kamera für den Moderator

… und ER hier.

Besucher, vor allem solche aus Deutschland, lieben diesen Flohmarkt mindestens genauso wie wir. Ein mit uns befreundeter Flugkapitän hat sich vor Jahren so sehr in eine alte Bauerntruhe verliebt, dass er für den Rücktransport in dem von ihm gesteuerten Airbus irgendwo Platz schaffen musste, um das sperrige Möbelstück mit nach Hause nehmen zu können. Und ein anderer Freund, ein Radiomoderator, musste unbedingt eine antike Kamera haben. Ob er sie jemals benutzt hat, bezweifle ich. Aber allein der Gedanke daran, dass in Köln jetzt irgendwo ein Fotoapparat in der Wohnung steht, den unser Freund in Hudson erstanden hat, zaubert mir in diesem Moment, da ich das schreibe, ein Lächeln ins Gesicht.

Heute war also wieder Flohmarkt, und weil es der Neverending Summer of 011 immer noch so gut mit uns meint und wir übers Wochenende lieben Besuch aus der Stadt haben, machten wir uns natürlich wieder in Richtung Finnegan’s. Diesmal allerdings nicht mit dem Auto, das heißt: nicht nur mit dem Auto.

Über Eisenbahnschienen Im Gänsemarsch zur jährlichen Ente

Das letzte Stück, etwa einen Kilometer, hoppelten wir im Gänsemarsch auf einem stillgelegten Eisenbahngleis über Schwellen und Schienen, bis hin zur alten Farm. Allein der Spaziergang über die von Unkraut übersäten Schienen war ein Samstagsvergnügen der ganz besonderen Art. Zu wissen, dass hier mehr als 100 Jahre lang ein Personenzug verkehrt ist, der vor knapp einem Jahr aus Kostengründen eingemottet wurde, hat fast schon etwas Erhebendes.

Der Flohmarkt war auch heute wieder voll von Schnickschnack, den man so gar nicht braucht und doch am liebsten, Kuckucksuhr für Kuckucksuhr, kaufen möchte. Jede Menge Bücher in allen möglichen Sprachen, Schallplatten und alte Videokassetten. Möbel, Melkschemel, Flugzeugzubehör, filigrane Porzellanfingerhütchen und Schneeschuhe mit handgeflochtenen Trittflächen. Und: Elvis was here! In Form von kunstvoll-kitschigen Figurinen, als Buchtitel und auf Vinyl-Schallplatten. Ein paar Stände nebenan kitschte Vladimir Putin mit Herrn Presley um die Wette, als eher freudlose Bemalung einer russischen Matrjoschka. Diverse Päpste habe ich auch begrüsst und sogar Gott persönlich. Herrlich!

Kaum weniger bekannt als der Markt selbst sind die frisch gebratenen Hamburger und Hotdogs, die Familienmitglieder der Airds servieren. Angerichtet und garniert werden sie nach allen Regeln der Fastfood Haute Cuisine an einem Tresen von den Käufern selbst. Unsere Jahresente haben wir zum Glück bereits im Frühling gekauft. Lockenten werden nicht nur von Jahr zu Jahr teurer, sondern auch immer seltener. Gut, dass wir uns schon rechtzeitig eine geangelt haben.

>>> Hier gibt’s mehr Fotos vom Flohmarkt <<<

Achtung, Stinktier-Alarm!

Die Geschichte vom Haushund, der vom Stinktier bepinkelt wird, war eine der ersten Anekdoten, die ich nach meiner Auswanderung nach Kanada zu Ohren bekam. Meine neuen deutschkanadischen Freunde in Winnipeg erzählten mir sehr eindrucksvoll, wie sie nach einer Skunk-Attacke den Hund mit Gummihandschuhen in eine Decke hüllten und in die Badewanne verfrachteten.

Während er den armen Kerl festhielt, schamponierte sie das Tier mit Tomatensaft. Obwohl dieser Vorgang mindestens fünf Mal wiederholt worden sei, blieben danach wochenlang die Besucher fern. Da nützte es auch nichts, dass Decke und Gummihandschuhe verbrannt wurden und die Beiden ein stundenlanges Handbad nahmen, um den Stinktiergestank loszuwerden. Dass schließlich auch noch die Badewanne ausgewechselt werden musste, sei hier nur am Rande erwähnt. Ich kann nur darüber spekulieren, warum meine Freunde ihr Haus, das sie noch gar nicht sehr lange hatten, wenig später schon wieder verkauften.

 Die Nummer mit dem Tomatensaft

Geschichten von Stinktieren, die Hunde, Katzen und Menschen anpinkelten und manchen dabei in den Wahnsinn trieben, sind mir im Laufe der Jahre dutzendfach erzählt worden. Dabei war der Brüller stets die Nummer mit dem Tomatensaft. So sehr hatten mich diese Skunk-Stories anfangs beeindruckt und auch verunsichert, dass ich mir für den Rest meines Kanada-Lebens vorgenommen hatte: Ein Stinktier kommt dir nicht in die Nähe.

Ein paar Skunks habe ich zwar hin und wieder schon davon schleichen sehen. Und als Roadkill sind mir diese Viecher schon häufig in Pfannkuchenversion auf der Fahrbahn begegnet. Nur: Einen Skunk im, neben oder unterm Haus – das war noch nie da.

 Jetzt auch bei uns – aber wo kommt der Gestank nur her?

Jetzt ist es aber doch so weit. Zumindest glauben wir das, denn der Gestank, der sich schon seit Tagen unmittelbar vor unserem Hauseingang breit macht, ist hundertprozentig einer Stinktiertdrüse entfleucht, so viel steht fest. Nur weiß ich leider nicht, wo sich a) der Stinker aufhält und b) warum sich der Gestank trotz Wind, Sonne und Regen bisher nicht verflüchtigt hat.

Bleibt als letzte Rettung nur noch der partielle Hausabriss?

In einem kanadischen Bauernkalender habe ich gelesen, dass Stinktiere ihre Drüsen in jede erdenkliche Stellung bringen und das übel riechende Sekret bis zu sieben Meter weit schießen können. Das könnte theoretisch bedeuten, dass sich so ein Skunk unter dem Fundament unseres Wintergartens verkrochen hat. Das wäre fatal, denn eine genaue Inspektion des Verstecks wäre nur nach einem partiellen Hausabriss möglich.

 Der Duft der kleinen, weiten Welt

Der Duft ist übrigens schwer zu beschreiben. Faule Eier spielen dabei eine Rolle, auch Schwefel und irgendwo auch Fäkalien. Jedenfalls würde ich den Duft keinem meiner Freunde antun wollen, nicht einmal im Spaß. Bei meinen Feinden bin ich mir da nicht so sicher. Wenn ich da so an meinen Ex-Nachbarn Yvon denke, den Südfranzosen, der im Nachbargrundstück den Kahlschlag geprobt hat?

This just in: Rezept aus der Dorf-Apotheke

Dazu druckfrisch aus unserem „Local Journal“ ein Rezept, das den guten, alten Tomatensaft zur Hundereinigung ersetzen soll. Die Tinktur hatte der Dorf-Apotheker von Hudson für eine verzweifelte Frau zusammengebraut, deren Hund von einem Skunk besprüht worden war: Eine Viertel Tasse Backpulver. Vier Tassen Wasserstoffperoxid und zwei Esslöffel Geschirrspülmittel. Das Ganze gut vermischen und damit den Hund einseifen. Viel Glück!

3. Mythos: Kanada ist grün

Nicht wirklich. Obwohl Greenpeace 1971 an der kanadischen Westküste gegründet wurde, gibt es bis heute keine Fraktion der Grünen im Bundesparlament. Erst seit Mai 2011 sitzt die Grünen-Politikerin Elizabeth May im Unterhaus – lediglich als einfache Abgeordnete, ohne eine Fraktion im Rücken zu haben. Dafür reichten die notwendigen Stimmen nicht aus. Kanada wird seit 2006 von den Konservativen regiert, mit dem erzkonservativen Premierminister Stephen Harper an der Spitze. Er meint übrigens bis heute, Asbest sei unschädlich und müsse nicht verboten werden. Kein Wunder, dass er gerne in dem Ort Asbestos auftaucht und sich dort von den Bewohnern beklatschen lässt. Schließlich leben die meisten Einwohner der Gemeinde nicht schlecht vom Export dieses Teufelszeugs. Wie es in Kanada mit dem Umweltschutz tatsächlich aussieht, habe ich kurz vor den Wahlen in einem Artikel für SPIEGEL-Online beschrieben.

2. Mythos: Alle Kanadier sind freundlich

Ich kann es nicht mehr hören: „Kanada hat das beste Gesundheitssystem der Welt“. Das beste Schulsystem. Die saubersten Seen. Die gesündesten Wälder. Die freundlichsten Menschen. Wirklich? Von Zeit zu Zeit würde ich gerne ein paar dieser Klischees auf den Grund gehen. Am besten fangen wir mit den Menschen an. Sind Kanadier denn wirklich so freundlich wie es immer heisst?

Ja. Absolut. Zumindest die meisten, die ich kenne. In meinen mehr als 30 Jahren in diesem Land sind mir nur wenige Menschen über den Weg gelaufen, die ich nicht als freundlich, hilfsbereit und vor allem als tolerant bezeichnen würde.

Im Westen Kanadas, wo ich insgesamt fünf Jahre gelebt habe, war mir diese Freundlichkeit anfangs geradezu unheimlich. Hier in Montréal herrscht ein etwas spröderer Charme als in Manitoba, Alberta oder Saskatchewan. Überhaupt ist der Unterschied zwischen Québec und dem Rest des Landes enorm. Das fängt bei der Sprache an und hört beim Essen auf.

Die Rivalität der beiden Metropolen Montréal und Toronto steht der Haassliebe um nichts nach, die Düsseldorf und Köln für einander empfinden. Nach Montréal, so sagen meine frankokanadischen Freunde, kommen die Leute, die in Toronto ihr Geld verdient haben und endlich mal Spass haben wollen. Umgekehrt ziehen viele Montréaler nach Toronto, weil sie endlich richtig Kohle scheffeln wollen.

Wahr ist, dass Montréal als Stadt für mich schwer zu toppen ist. Die Mischung zwischen französischem savoir vivre und dem American way of life dürfte einzigartig in der Welt sein. Baguette und Brie werden bei einer Party in Montréal mit jener Hingabe kredenzt, die im Westen Kanadas Hotdogs und Hamburgern gilt.

„To each his own“, sagt der Anglo. „Chacun à son goût“ der Franko. Man könnte auch sagen: „Jedem das Seine“