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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Blog-Schock am Morgen

Ganz ehrlich? Die zahlreichen Reaktionen auf meinen kleinen Kanada-Blog („My little dog-and-pony-show“, würde David Letterman sagen) haben mich total überrascht und auch ein bisschen berührt. So viel Anteilnahme an unserem Leben in Kanada hätte ich nicht erwartet. Nach gerade mal sieben Posts war meine Mailbox bereits heute früh zum Bersten voll – wie schön! Es freut mich, dass offensichtlich so vielen von euch meine kleinen Schmankerln aus dem ganz normalen kanadischen Wahnsinnsalltag gefallen. Nach so vielen Jahren in Hörfunkstudios und Seminarsälen hatte ich schon fast vergessen, wie viel Spaß das Schreiben machen kann. Jetzt habe ich den schönsten Beruf der Welt eben ins Internet verlegt.

Das beste daran: Ich kann endlich ohne Zeitdruck schreiben, muss keine Themenvorgabe beachten und auch keine journalistischen Grundsätze einhalten. Auf meiner eigenen Plattform darf ich (hoffentlich!) ungestraft Information und Meinung vermischen, Spekulationen anstellen und bei den Fotos sogar auf die im Onlinejournalismus vorgeschriebenen ALT-Tags verzichten. (SeminarteilnehmerInnen: bitte weghören!) Nur einem journalistischen Prinzip werde ich auch auf dieser Spielwiese treu bleiben: Was wahr ist, muss wahr bleiben.

Mein Uralt-Kumpel Börnie sorgt sich um mich von seiner Allgäu-Ranch aus: das willst du jetzt täglich machen? immer eine neue geschichte? wäre mir zuviel arbeit. aber vielleicht ist täglich ja auch nicht nötig. ich habe deinen dienst jedenfalls jetzt mal abonniert und werde ihn immer mal wieder überfliegen. das meiste aus deiner privatsphäre kenne ich ja sowieso schon, außer wenn du in neuen filmen warst.“

Na bitte. Jetzt weiß Börnie eben auch so weltbewegende Dinge, wie oft ich im Kino war und ob es sich gelohnt hat, $ 5.99 für einen eher peinlichen Chick-Flick hinzulegen. Ob der Blog täglich, wöchentlich oder alle drei Tage erscheint – das wird sich zeigen. Schließlich peile ich damit kein Geschäftsmodell an. Auch das empfinde ich als einen Luxus, den ich nie hatte: Ich gönne mir künftig die Freiheit, den Erscheinungsrhythmus selber zu bestimmen.

Ahhh … die Gnade des Alterns.

„Cheapy Tuesday“ im Vorstadt-Kino

Wir lieben Kino! Im Winter kann es passieren, dass wir uns zweimal pro Woche einen Film ansehen. Im Sommer bleibt es meistens bei einem Kino-Abend. Manchmal lassen wir auch eine Woche ausfallen, aber das kommt eher selten vor. Am liebsten sehen Lore und ich Québecker Filme. Es sind meistens keine schönen, ästhetisch wertvollen Filme. Dafür sind sie schräg und kommen aus dem prallen Leben. „Bon Cop. Bad Cop“ ist so ein Film. Er erzählt die Geschichte einer, in Deutschland würde man sagen, „multikulturellen“ Polizistenbesetzung. Weil die Leiche just an der Grenze zwischen den Provinzen Québec und Ontario gefunden wurde, können sich die Cops nicht darauf einigen, in wessen Hoheitsgebiet nun die Ermittlungen fallen. Also machen sich zwei Beamte aus je einer Provinz gemeinsam an den Fall. Der eine Bulle kommt aus Québec, der andere aus der Nachbarprovinz Ontario. Québec und Ontario haben ein sehr spezielles Verhältnis zueinander, das macht die Ermittlungen nicht einfacher. In Québec regiert die Lebenslust, in Ontario das Geld. Es macht einfach mehr Spaß, in einem Montréaler Straßencafé ein gepflegtes Glas Weißwein zu trinken als irgend einen Schlonzdrink in Hawkesbury aus dem Pappbecher. Egal.

Dienstag ist bei uns „Cheapy Tuesday Movie Night„. Kinobesuche kosten dienstags nur $ 5.99 $ statt $ 12.25. Mehr Unterhaltung für weniger Geld geht nicht. Da geht dann auch nicht gleich die Welt zugrunde, wenn der Film nicht immer ganz großes Kino ist. „Not even a rental„, sagt unser Freund Doug zu solchen Schinken, die man am besten schnell wieder vergisst.. Es lohnt sich nicht einmal, sie im Videostore auszuleihen. Gestern war wieder „Cheapy Tuesday„, Zeit für Lore und mich, uns auf den Weg ins „Colisée Kirkland“ zu machen. Das ist ein Vorstadtkino, das auf den ersten Blick tatsächlich etwas von einem Amphitheater hat. Eine riesige Beton-Auster mit zwölf prächtig ausgestatteten Kinosälen und einem großen Spielbereich. Hier wird geflippert und geballert, es werden virtuelle Autorennen gewonnen und verloren. Vor allem aber wird viel Geld ausgegeben. Und weil die Preise dienstags erschwinglich sind, stapeln sich entsprechend viele Teenager vor dem Kino, im Spielbereich, an den Fastfood-Kiosken und natürlich in den Kinosälen selbst.

„THE HELP“: Schluchzen erlaubt

Gestern haben wir „The Help“ gesehen. Es ist ein brandneuer Film mit Emma Stone in der Hauptrolle. Der Film spielt in den sechziger Jahren im super rassistischen Mississippi, dauert zweieinhalb Stunden und hat wunderschöne Momente. Aber er bringt inhaltlich nichts, das man nicht schon irgendwo anders gesehen hätte. Eine Mischung aus „Vom Winde verweht“ und „Driving Miss Daisy“. Schwarz-Weiß in Farbe, alles wunderbar gedreht und mit einer tollen Besetzung. Aber von der Story her nichts Atemberaubendes. Ein schöner „Tearjerker„, bei dem viel geschluchzt wurde. Ist ja auch klar, wenn unmittelbar vor einem auf der Leinwand solche Ungerechtigkeiten passieren. Aber bei einem Eintrittspreis von $ 5.99 kann man sich schließlich auch noch ein paar Tempotaschentücher zum Popcorn leisten. Gestern hat es sich also auf jeden Fall gelohnt, den Film zu sehen. Vor etwa drei Wochen dagegen überhaupt nicht. Da haben wir uns „Bad teacher“ angesehen. Bad? Bader geht’s gar nicht. Nicht nur dass Cameron Diaz eine Katastrophe war. Nach dem Ende des Films hat der eigentliche Ärger erst richtig begonnen.

Achtung! Vorstadt-Detektive im Einsatz

Ohnehin schon mächtig enttäuscht von diesem unnötigen Hollywoodschinken, entdeckten wir nach der Rückkehr zum Auto einen Strafzettel. Der klebte nicht etwa an der Windschutzscheibe unseres kleinen Smart-Cabrios, sondern lag IM Auto, AUF dem Fahrersitz. Irgendwelche Vorstadtbullen hatten an diesem Abend wohl nichts Besseres zu tun, als sich an die Türen der Autos auf dem Kinoparkplatz zu machen. War eine Tür versehentlich nicht abgeschlossen, wie bei uns, gab’s ein Ticket. Angeblich will man damit potenziellen Autodieben den Wind aus den Segeln nehmen. Ich empfinde die Art und Weise, wie und vor allem wo der Strafzettel deponiert wurde – in meinen vier Autowänden! – als eine ungeheuerliche Verletzung meiner Privatsphäre. Und erst richtig in Rage sind wir gekommen, als wir den Betrag auf dem Strafzettel lasen: 52 Dollar. Das sind mehr als acht Cheapy-Tuesday-Kinobesuche. HELP!!

Immer dieser Freizeitstress!

Lassen Sie uns doch mal kurz übers Wetter reden. Oder noch besser: über den Sommer.

Schnee im Oktober

Wie ist er denn so bei Ihnen? Frisch, sagen Sie? Verregnet? Achwas, das tut mir aber leid. Heizen mussten Sie auch schon, erzählt mir meine Schwester im Allgäu. Ist ja nicht möglich! Es ist doch erst Mitte August. So ein Gespräch wäre mit vielen Kanadiern geradezu lachhaft. Hier gehen die Menschen einfach davon aus, dass es meistens arschkalt und das Wetter lausig ist. Und wenn dann mal eine Hitzewelle eintritt wie in den letzten Wochen, dann ist das schlicht ein Irrtum der Natur, ein Intermezzo, das natürlich jeder gerne hinnimmt.

Ein kanadischer Nachbar vom See: „We are Winter People“

Aber im Grunde genommen sind die meisten Kanadier „Winter People“, wie unser Hüttennachbar am See immer sagt. Einmal sei er im Winter in Florida gewesen, erzählte uns Monsieur Bertrand vor ein paar Tagen. „Das war ganz schrecklich„. Ein richtiger Kanadier steht zu seinem Wetter und bucht bereits im Hochsommer die Trainingszeiten für die Eishockey-Saison im Winter. Ich kenne Leute, die stellen den Wecker auf drei Uhr morgens und treffen sich eine Stunde später in irgend einer gottverlassenen Eishockeyhalle, in die mich keine zehn Pferde hinbringen würden. Nicht einmal im Sommer. Ich konnte nie verstehen, dass ein Chansonnier wie der Québecker Gilles Vigneault ungestraft ein Lied singen durfte, dessen Titel mich schon frieren lässt: „Mon pays, ce n’est pas un pays, c’est l’hiver. Sein Land sei eigentlich gar kein Land, sondern der Winter. Auch nach mehr als 30 Jahren Kanada tickt meine innere Uhr immer noch süddeutsch. Im Dezember erwarte ich warme Weihnachten mit Glühwein auf der Terrasse. Im Februar Schneeglöckchen, im März ein geöffnetes Straßencafé. Schneien darf es gerne im Januar. Frühestens. Und auch bitte nicht so viel. Denn sonst schaffen es ja die Schneeglöckchen nicht bis zum Februar. Träumen darf man ja wohl. Vor allem wenn es in der Nacht wieder einen Meter Neuschnee hingeworfen hat und das Thermometer minus 30 Grad zeigt. Celsius!

Ein Tag ohne Handschuhe ist ein guter Tag

Temperaturen wie diese sind unanständig und ein Anschlag auf meinen ganz persönlichen Thermostat. Doof nur, dass ich für so einen rigiden Wetterrhythmus im falschen Land lebe. Doof auch, dass uns die Drohung eines bevorstehenden gnadenlosen Winters jedes Jahr aufs Neue in einen regelrechten Freizeitstress versetzt. Dabei sind wir schon echt bescheiden geworden. Jeder Tag ohne Parka, Handschuhe und Schneestiefel ist ein guter Tag. Okay, ganz so schlimm ist es nicht. Aber Sie wissen, was ich meine. Der Sommer läuft hier in Montréal in zeitlich vorbestimmten Bahnen ab, im Festivaltakt gewissermaßen. Dem Formel-Eins-Rennen im Juni folgen: das Jazzfestival, das Fringefestival, das französische Komikerfestival, das englische Komikerfestival, das Lichterfestival, das Kochfestival, das karibische Festival, das Bierfestival, die afrikanischen Nächte … undsoweiter. Ende August kündigt sich in Montréal noch das Weltfilmfestival an. Dann kommt das Tote-Hosen-Festival: der Winter. Zwar kann es während des Indian Summer im September und Oktober noch wunderschöne, warme Tage geben. Aber der Canadian Summer verabschiedet sich Ende August.

Jedes Jahr dasselbe: Ja nichts verpassen!

Die Hektik, die der Wettlauf mit den Jahreszeiten mit sich bringt – ja nichts verpassen! – kann vermutlich nur jemand nachvollziehen, der schon mehrere kanadische Winter erlebt, erbibbert, ereist hat. Kein Open-Air-Festival mehr, keine überfüllten Straßencafés, keine Mädels mehr in knappen Röcken, keine Jungs mit Sixpacks. Zum Feiern geht der Kanadier jetzt in den Keller, in seinen „family room„. Dort lässt sich die Eiszeit am besten mit Freunden und Familie aushalten. Anzeichen dafür, dass viele Kanadier den Winter gar nicht erwarten können, begegnen mir jetzt immer häufiger an Autos, Fahrrädern und sogar Motorbooten. Es sind die Wimpel der Eishockeymannschaft, die es auch in der neuen Saison wieder anzufeuern gilt („Go Habs, Go!“). Übrigens: Im Moment ist es noch herrlich warm hier und durchs offene Bürofenster weht der wunderbare Geruch von frisch gemähtem Gras. Die Sonne scheint, der Himmel ist strahlend blau, die Nachbarkinder planschen im Swimmingpool. Morgen soll es wieder 30 Grad geben. Wie war das nochmal mit Ihrem Sommer? Sie heizen schon? Kleiner Tipp: Wie wär’s mit Kanada?

Wassernot: Willkommen in der Wüste!

Verbotsschild: Nicht schießen!

Schon in der Schule habe ich gelernt: Kanada hat die größten Süßwasservorräte der Welt. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Mit fast 23tausend Kubikmetern Wasservolumen enthalten allein schon die Großen Seen am kanadisch-amerikanischen Grenzgebiet gut 22 Prozent des Frischwasserbestandes der Welt. Umso mehr überrascht es, dass hier dauernd von „Wasserknappheit“ die Rede ist. Ich vermute mal, das hat weniger mit den Ressourcen zu tun und mehr mit der Verwaltung und Verteilung des Wassers. Mit der Administration also. Das erste, das Besucher zurzeit sehen, wenn sie auf unseren kleinen Ort in der Nähe von Montréal zufahren, ist ein mannshohes Schild: „Gießen bis auf weiteres verboten!“ Es sieht gefährlich aus und zeigt eine Hand am Drücker. Bei Strafandrohung dürfen also Rasenflächen nicht mehr gewässert und Blumen nicht mehr gegossen werden. Zumindest nicht, wenn das Wasser aus dem Schlauch und nicht aus der Kanne kommt. Für uns ist das echt doof. Ausgerechnet jetzt, da unser Haus zum Verkauf steht und immer wieder Interessenten vorbeikommen, um sich das gute Stück anzusehen, sieht unser sonst so gepflegter Wimbledon-Rasen aus, als hätte eine Horde von Wildschweinen darauf Rugby gespielt. Braun und voller Löcher. Das Gras schreit förmlich nach Wasser. Nur: Die Gemeindeverwaltung hat uns den Hahn abgedreht. Dass die Swimmingpools in der Nachbarschaft trotzdem immer bis zum Anschlag gefüllt sind und das Wasserverbot für sie offensichtlich nicht gilt, sei hier fast neidfrei und lediglich am Rande erwähnt. GRRRRHHHHH! Es gibt hier übrigens keine Wasseruhren. Das heißt, der Wasserverbauch wird nicht individuell abgelesen, sondern als Fixtarif mit der Haussteuer abgerechnet. Noch Fragen?

Sandstürme und Schlaglöcher so groß wie Liechtenstein

Unsere Dorfstraße: Kein Wasser, viel Staub.

Überhaupt kommen mir kanadische Bürokraten manchmal vor wie Regisseure von einem anderen Stern. Die Straße, die zu unserem Haus führt, ist nicht geteert, eine unbefestigte Dorfstraße also. Das wäre nicht weiter schlimm, denn wir wussten ja beim Hauskauf, worauf wir uns einlassen (auch wenn uns schon seit 20 Jahren versprochen wird, die Straße zu teeren). Was mich wirklich zur Weißglut bringt, ist der Zustand dieser unbefestigten Straße. Man wird ja bescheiden mit der Zeit. Aber Schlaglöcher so groß wie Liechtenstein gehören verboten. Sie machen nicht nur die Stoßdämpfer an unserem armen Smart kaputt, sondern auch meine Nerven. Und sind es nicht das Bewässerungsverbot und die Schlaglöcher, dann ist es der Staub, der uns die Sicht vernebelt.

Danke, Gemeindeverwaltung!

Ganz besonders schlimm wurde es nach der Trockenperiode der letzten Wochen. Jedes Mal, wenn ein Auto durch unser Wohngebiet fährt, sieht es aus wie nach einem Sandsturm in der Sahara. Anrufe, Mails, Briefe, persönliche Gespräche – all das beeindruckt die Gemeindeverwaltung nicht wirklich. Warum auch? Das Rathaus liegt an einer fein geteerten Straße. Und die Blumenrabatte davor kommen mir immer frisch gewässert vor.

Blockhüttenzauber am Lac Dufresne

Wer in den vergangenen drei Tagen versucht hat, uns anzurufen, anzumailen oder gar in unserem Haus zu besuchen, hat Pech gehabt. Wir waren im Busch. Vor 15 Jahren haben wir uns einen Uralt-Kanadatraum erfüllt: Ein eigenes Blockhaus, direkt am See. Es liegt ca. zwei Autostunden nördlich von Montréal, in den Bergen der Laurentians.

Genau genommen ist es kein richtiges Blockhaus. „Log cabins“ sind mit vollständigen, runden Stämmen gemacht. Unser Häuschen gilt bei Kanadiern als „Half log„, das heißt, es sind zum Bau nur jeweils die oberen und unteren Bretter eines Stammes verwendet worden. Das Häuschen hat eine Küche, zwei Schlafzimmer, ein Wohnzimmer und eine Art überdachte Terrasse, die den Blick direkt auf den Lac Dufresne freigibt. Hier verbringen wir viele Wochenenden, aber auch ganze Wochen, wenn es die Zeit erlaubt.

Das Leben in der Hütte unterschiedet sich in vielen Dingen von dem zu Hause. Es gibt keine Autozufahrt zur cabin. Die letzte Strecke vom Auto zum Haus legen wir zu Fuß durch einen steilen und felsigen Bergwald zurück. Freunde von uns, die auf der anderen Seeseite eine Hütte haben, wählen den etwas bequemeren Weg. Sie stellen ihren Wagen am Ufer ab und paddeln mit dem Kanu über den See. Unser Blockhaus verfügt zwar über Strom. Aber es gibt kein fließendes Wasser, kein Telefon, kein Fernsehen und auch kein Internet. (UPDATE: Das hat sich inzwischen geändert. Neuerdings geht’s übers Handy ans Netz). Für einen Webjunkie nicht ganz einfach. Natürlich gibt es keine Dusche und auch kein WC. Dafür ein schnuckeliges „Outhouse„, ein Plumpsklo also.

Hier werden Sitzungen abgehalten

Motorboote werden von den Anwohnern nicht gerne gesehen. Die meisten Hüttenbewohner verzichten deshalb darauf und bewegen sich im Kanu, im Ruder- oder im Tretboot voran. Immer häufiger sind jetzt auch umweltfreundliche und absolut geräuschlose Elektromotoren zu sehen. Ein Hüttenbewohner strampelt manchmal mit einem Wasserfahrrad über den See. Es sieht aus wie ein herkömmliches Rad, hat aber zwei pontonartige Kufen, auf denen dieses seltsam anmutende Gerät schwimmt. Wenn ich daran denke, dass ein gewisser Mr. Geary die Hütte damals mit eigenen Händen gebaut hat, wird mein Respekt für diesen Kanadier grenzenlos. Jede Schraube, jeden Nagel, jedes Kilo Teer musste dieser inzwischen leider verstorbene Mann über den See rudern. Wir haben die Cottage damals von Mr. Gearys Familie gekauft, weil ihnen der Weg dorthin zu beschwerlich geworden war. Außerdem hatten die Geary-Kinder einfach kein Interesse mehr an der Hütte, weil sie in den Westen Kanadas gezogen sind.

August im Norden Kanadas: Es riecht nach Herbst

Der nächste Tante-Emma-Laden ist zwölf Kilometer entfernt. Lebensmittel und Trinkwasser bringen wir mit. Kochwasser entnehmen wir dem See. Brot wird selbst gebacken. Den Müll schleppen wir im Rucksack wieder zum Auto zurück. Alles sehr anstrengend, aber auch sehr befriedigend. Um diese Jahreszeit sind die Nächte im Norden schon ganz schön kühl. Tagsüber steigt das Thermometer aber noch bis in die 20er-Zone. An einem Abend kamen kanadische Freunde vom anderen Seeufer im Kanu angepaddelt. Wir haben zusammen gegessen und getrunken. Und weil plötzlich ein frischer Wind aufzog, haben wir zum ersten Mal seit dem vorigen Winter den Holzofen angemacht. Ein Glück, dass ich nachmittags schon Holz gehackt hatte – übrigens eine herrliche Art, sich körperlich zu betätigen. So schön dies alles klingen mag, so traurig ist es auch. Old Man Winter droht uns auf Schritt und Tritt mit seinem baldigen Besuch.

Kolibris: Tropische Vögel in der kanadischen Wildnis

Ein Seenachbar, der ständig am Lac Dufresne wohnt, erzählte uns, er habe noch nie so viele Bären gesehen wie in diesem Jahr. Das hat kurioserweise damit zu tun, dass es so viele Beeren gibt wie schon lange nicht mehr. Bären lieben Beeren. Und wenn der Bär hungrig ist und langsam schon mal für den Winterschlaf vorfuttert, verliert er seine Scheu und kommt, wenn es sein muss, auch ganz nahe an die bewohnten Hütten heran. Wir haben bisher noch keinen Bären zu Gesicht bekommen, dafür aber ein aufgeregtes, wildes Huhn, ein Häschen, eine Entenfamilie, einen Nerz, jede Menge Fische (die wir aber nicht fangen) und drei „Loons“. Das sind kanadische Seetaucher, deren unvergleichlichen Lock- und Angstruf jeder kennt, der schon mal in der kanadischen Wildnis unterwegs war. Dass es bei uns sogar Kolibris gibt – siehe Video weiter unten -, fasziniert mich jedes Jahr aufs Neue. Ich dachte immer, diese Vögel seien nur in den Tropen anzutreffen.

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