Die (Film-)Rolle meines Lebens

So fühlt es sich also an, wenn man mit 63 die erste Filmrolle seines Lebens bekommt und demnächst vor der Kamera steht. Gleich kommt der Fahrer. Dann geht es in die Berge, nördlich von Montreal. Dort wird bereits seit einer Woche gedreht. Mein Charakter kommt erst ab Montag im Film vor. Vier Tage diese Woche, drei in der darauffolgenden – so sieht der Drehplan aus. Und ich bin nervös wie ein Teenager vor dem ersten Date.

„Kein Grund zur Nervosität“, beschwichtigt mich Sterling am Telefon. Er ist der Regisseur von „Belle“.  Sterling muss es wissen. Er hat schon einige Indie-Produktionen hinter sich. Ein richtiger Kassenhit war nicht darunter, aber schöne, ästhetische Filme über die unterschiedlichsten Themen sind unter seiner Regie entstanden, von Ruanda bis zum Rappermovie. Einer seiner Kunstfilme wurde im New-Yorker Guggenheim-Museum gezeigt.

„Belle“ ist ein Film im Film

herbert„Belle“ ist nichts von alledem. Es ist ein Film im Film. Ein Kinofilm, der die Geschichte eines älteren Mannes (Theodore) erzählt, der sich bei Dreharbeiten in eine blutjunge Schauspielerin verliebt und dabei an den Folgen von so etwas wie Altersrassismus zu leiden hat. Vor allem ein Kollege am Set macht sich gerne lustig über den älteren Herrn, für den das Leben seit der Begegnung mit der jungen Schauspielerin „Mae“ erst richtig anzufangen scheint. Und das mit 62 Jahren.

Ursprünglich war ich für die Rolle des Theodore gecastet worden. Aber der Regisseur hatte Erbarmen mit dem neugierigen, aber Film-unerfahrenen Journalisten, der zwar hinter der Kamera gearbeitet hat, niemals aber davor. Jetzt ist die Rolle mit einem routinierten Schauspieler besetzt. Und das ist gut so.

Manchmal haut Waldemar auf den Tisch

Es wurde neu gecastet. Meine Rolle ist jetzt die des Regisseurs des Films im Film. Waldemar, ein deutscher Filmemacher mit europäischem Akzent, älter, erfahren, cool, aber dennoch freundlich, das Ganze mit dem Touch des Bohemiens. Waldemar hat das Wort am Set. Aber er ist mehr als ein Regisseur. Er vermittelt, strahlt Ruhe aus. Und wenn es mal zu sehr knistert zwischen der jungen Mae und dem alten Theodore, haut Waldemar auch mal auf den Tisch.

Es ist viel Text, den ich zu lernen hatte, zu viel eigentlich für Einen, der als Hörfunkkorrespondent ein Leben lang frei von der Leber sprechen durfte. Das Script, sagt Sterling, sei nur die Vorlage. Ich solle mir die Dialoge „mundgerecht“ machen. Wegen der Authentizität. Das werde ich gerne tun. Wer sagt denn schon „would it be a bother“ wenn „would you mind“ viel flüssiger klingt?

Leben und arbeiten in der Lodge

Schauspieler, Regisseur und Crew wohnen dort, wo gedreht wird: In einer wunderschönen Lodge an einem See in der bergigen Landschaft der Laurentiden. Der Indian Summer ist dort vorbei. Vor ein paar Tagen fiel der erste Schnee. Es gibt Szenen am Kamin, im Wald und auch in einem Ruderboot im See. Und, ja, es gibt auch erotische Szenen in „Belle“. Aber es ist in erster Linie ein vertrackter Beziehungsfilm mit ein bisschen verbotener Liebe und schönen Bildern.

Während der Dreharbeiten darf nicht fotografiert werden. Aber ich werde versuchen, hier im Blog ab und zu meine Eindrücke niederzuschreiben.

Dann also bis demnächst in diesem Theater.

Sasquatch: Wilder Mann im Wald

Zwei-Meter-siebzig hoch, fünf Zentner schwer, Schuhgröße 18 –  so soll er aussehen, der „Sasquatch“, das kanadische Gegenstück zum schottischen „Loch Ness“. Doch anders als das britische Monster versteckt sich das kanadische Ungeheuer nicht im Wasser, sondern im Wald. Daher hat das Kuriosum auch seinen Namen: „Sasquatch“ ist das indianische Wort für „Wilder Mann im Wald“.

Jetzt wollen ihn zwei Frauen beim Beerenpflücken in Nunavik gesehen haben. So jedenfalls berichtet es der Radio- und Fernsehsender CBC auf seiner Webseite. „Er kam uns nicht bösartig vor“, beschreibt Maggie Cruikshank Qingalik die Begegnung mit dem haarigen Riesen im Norden von Québec. Trotzdem sei sie sofort ins Dorf zurück gefahren, um die Bevölkerung vor dem Ungeheuer zu warnen.

Gut fünfzigmal soll der behaarte Riese in den letzten hundert Jahren gesichtet worden sein. Einmal ist er, wenn er es ist, sogar im Schnappschuss festgehalten worden. Aber damit hat es sich dann auch schon. Dreihundert Sasquatch-Forscher wollten es vor einigen Jahren genau wissen: In Vancouver trafen sie sich zum Internationalen Sasquatch-Symposium. Einziges Thema: das Monster – „das Ding“, wie es der Ölbohrer Miles Jacks nennt – einer von denen, die Bein und Stein schwören, dem „Sasquatch“ begegnet zu sein.

Ernsthafter als der Augenzeuge aus dem kanadischen Busch haben sich Wissenschaftler wie David Markotic mit dem Mysterium beschäftigt. Der Archäologie-Professor aus Calgary ist dem Waldmenschen schon seit Jahren auf der Spur. Fazit des Forschers: „Der Sasquatch ist eine undefinierbare Spezies nach Art des Neandertalers – ein Vegetarier, der menschliche Lebewesen meidet, sie aber nicht fürchtet.“Ein ungefährlicher Zeitgenosse“, resümiert Professor Markotic.

Eine Reporterin der Tageszeitung „Vancouver Province“, hatte sich vorgenommen, durch gründliche Recherche dem „Sasquatch-Spuk“ ein Ende zu bereiten. Gründlich recherchiert habe sie in der Tat, hörten die Kongress-Teilnehmer in Vancouver, nur: Die Zweifel ausräumen konnte auch die Journalistin nicht. Im Gegenteil: Genau an der Stelle, wo auch zwei Waldarbeiter den langhaarigen Riesen gesichtet haben wollen, fand die Reporterin Fuß-Spuren vor: Sechzig Zentimeter lang, Größe 18 – genau so hatte auch Professor Markotic den Waldmenschen beschrieben.

Kein Ende der Legende also – das Monster lebt – und sei es nur beim Sasquatch-Kongress.

Kanada – Ein Länderportät

Es kommt ganz selten vor, dass ich ein Kanada-Buch guten Gewissens empfehlen kann. Das Buch, das vor einigen Tagen druckfrisch aus Berlin angeflattert kam, bildet da eine rühmliche Ausnahme. „Kanada – Ein Länderporträt“ ist ein kleines Juwel. Der Autor Marcus Funck versteht es, mit Charme und Esprit die Befindlichkeiten dieses Landes zu beschreiben. Dabei wartet er sachkundig mit Details auf, die Respekt verdienen.

Bücher über Kanada zu lesen, gehört zum Alltag des Korrespondenten. Nicht immer ist es eine Freude, aus anderer Leute Feder lesen zu müssen, in was für ein grottiges Land es mich da verschlagen hat. Oder wie „unendlich“ die Wälder seien, die „das zweitgrößte Land der Erde“ von „Küste zu Küste“ zu bieten hat.

Dr. Marcus Funck, der hier sieben Jahre gelebt und gearbeitet hat, beschreibt diese Klischees zwar alle auch. Aber er tut das auf eine sympathisch-authentische Art, der man beim Lesen anmerkt, dass er für die Fakten-Recherche nicht Wikipedia zum Glühen gebracht, sondern diese Fakten weitgehend selbst eruiert und zusammengetragen hat.

Mit dem „Porträt“ hat sich der Autor eine journalistische Stilform ausgesucht, die ihm literarisch alle Freiräume der Welt lässt. So gesehen passt diese Stilform hervorragend zu Kanada. Endlich ein Länderporträt, das mehr ist als ein Reiseführer. Es ist ein farbig geschriebenes, lesefreundliches Faktenbuch, randvoll mit Informationen über Kanada, bei dessen Lektüre es endlich mal nicht staubt wie bei einem Ritt durch die Prärie.

Kanada – Ein Länderporträt

Marcus Funck

Ch. Links Verlag, Berlin

ISBN 978-3-86153-690-1

Das Blut des „Großen Bären“

“Wenn der himmlische Jäger den Großen Bären erlegt hat, bedeckt sein Blut die Wälder“. So erklären die Indianer das Naturschauspiel, das sich zurzeit wieder in Québec und anderen Teilen Kanadas bietet.

Hier oben am Lac Dufresne, eineinhalb Autostunden nördlich von Montréal, hat der Indian Summer an diesem langen Thanksgiving-Wochenende seinen Höhepunkt erreicht. Sie, die Besucher meines Blogs, sollen auch dieses Jahr wieder einen Logenplatz bekommen. Klicken Sie sich einfach durch die Bildergalerie oben.

Wenn Sie vom „Wald in Flammen“ gar nicht genug bekommen können, besuchen Sie doch die Fotoserie vom letzten Jahr. Übrigens: Das Panoramafoto am Kopf der Seite wird Sie von jetzt an bis in den Winter begleiten. Cassian hat es vor einer Woche aufgenommen. Es zeigt den Blick von unserem Blockhaus auf den Lac Dufresne.

Oktoberfest mit Bier im Becher

Es gehört schon ein wenig Chuzpe dazu, mit einem umgehängten Oktoberfestherz in den Airport-Shuttle von Dorval nach Downtown Montreal zu steigen – und das in nüchternem Zustand. Aber was tut man nicht alles aus Freude über ein Gastgeschenk, das die Frau an deiner Seite aus München mitgebracht hat. Zum ersten Mal in ihrem Leben war Lore mit Freunden über die Wiesn geschlendert. Das Herz als Mitbringsel musste sein.

Ochsen am Grill und Bierkrüge so groß wie Gießkannen sind nicht jedermanns Sache. Man muss das Oktoberfest auch nicht mögen, aber man sollte es einmal erlebt haben. Als Kinder waren wir häufig auf der Wiesn. Aber das letzte Mal, dass ich ein Herz-am-Bandl um den Hals hängen hatte, ist fast 50 Jahre her. Und jetzt kommt also Lore aus Deutschland angereist und bringt mir wieder eins. Wie schön!

In Kitchener tanzt der Bär

Oktoberfeste gibt es auch in Kanada, das größte davon in Kitchener/Ontario, nicht weit von Toronto. Ich war, um ehrlich zu sein, nie dort, habe mir aber sagen lassen, dass dort der Bär tanzt. Was immer das in Kanada heißen mag. Früher hieß Kitchener übrigens wegen seiner stark vertretenen deutschen Bevölkerung „Berlin“. Es gab jedoch, wie wir wissen, in der Geschichte eine Phase, als deutsche Bezeichnungen keine so richtig gute Idee mehr waren. Also einigte man sich wieder auf Kitchener.

Auch zu meiner Zeit in Winnipeg/Manitoba wurde jedes Jahr Oktoberfest gefeiert. Ich glaube mich erinnern zu können, dass aus Marburg jahrelang ein freundlicher Herr in Sepplhosen eingeflogen wurde. Der zog dann eine Woche lang als „Mister Oktoberfest“ ein Bühnenprogramm ab und fiel vor allem durch seinen drolligen deutschen Akzent auf. Irgendwann verschwand der Pseudo-Bayer dann wieder und lebte ein vermutlich beschauliches Leben an der Lahn.

Statt Bierzelt eine Eishockey-Arena

So richtig erwärmen konnte ich mich für diese Festivitäten nie. Vielleicht liegt es daran, dass das Oktoberfest nicht in Zelten stattgefunden hat wie in München, sondern in einer überdachten Eishockeyarena. Ein anderer Grund für meine Abneigung gegen Volksfest-Kopien dieser Art sind die Plastikbecher, aus denen Bier, Schnapps und Wein getrunken werden.

Dass es für die Veranstalter durchaus Sinn macht, Plastik statt Glas- oder Steinkrüge zu servieren, leuchtet ein. Keine Schlägereien, bei denen das Opfer einen Bierkrug aufs Haupt kriegt und auch sonst keine Scherben. Trotzdem: Bier gehört nicht in den Plastikbecher und Wein noch weniger. Andererseits erinnere ich mit Schrecken an eine Szene während des Kölner Karnevals. Nach einer der närrischen Nächte verwandelte sich der „Alte Markt“ in eine Müllkippe mit Tausenden von zerdepperten Bier- und Weinflaschen. Lustig ist anders.

Das mit den Festivitäten ist in Kanada so eine Sache. Klar, es ist schön, wenn man  ohne Scherben im Kopf auch nach einer feuchtfröhlichen Nacht noch den Heimweg antreten kann. Aber muss es denn immer gleich sooo gesittet zugehen? Bei den meisten Open-Air-Festivals, die ich hier besucht habe, war es streng verboten, Alkohol hinter die Eingangsschranken zu schmuggeln. Das Sicherheitspersonal durchsucht Taschen und Rucksäcke nach Bier und Schnapps – kein einladender Auftakt für ein fröhliches Fest.

Dabei können auch Kanadier ganz gut feiern. Vor allem die Frankokanadier hier in Québec sind für ihre Parties bekannt. Aber so richtig in Stimmung kommt man nur schwer, wenn die Verbotsschilder („No Smoking!“ „No alcohol, No drugs!“) prominenter sind als die Bühnendekoration.

Kanadagänse? Alles Kacke!

Überhaupt mag der Kanadier seine „Don’t-do-list„.  An einem Teich habe ich neulich Schilder gesehen, auf denen vor dem Füttern von Kanadagänsen gewarnt wird. Dass Tiere in der freien Wildbahn nicht gefüttert werden sollen, liest man ja auch in Deutschland öfter. Bizarr fand ich jedoch die Begründung für das kanadische Fütterungsverbot: Jede Gans hinterlässt angeblich pro Sitzung 100 Gramm Kacke. Diese Menge, so hieß es auf den Verbotsschildern, sei völlig unakzeptabel und stelle einen Verstoß gegen die Umweltbestimmungen dar. Ganz ehrlich? Ich finde eher, so ein Fütterungsverbot ist ein Verstoß gegen den Tierschutz.

Wobei wir zwar nicht wieder beim Oktoberfest wären, aber trotzdem: Prost!