Silvester-Randale in Chinatown

So etwas haben Sie noch nie gesehen: Was mit einem Handgemenge begonnen hatte, endete im Chaos. Zwei rivalisierende Gruppen randalierten in der Silvesternacht in einem durchaus respektablen Restaurant in der Montréaler Chinatown. 

Weniger als drei Minuten später hatten die meist jugendlichen Afro-Amerikaner und Asiaten das „Dynasty Restaurant“ kurz und klein geschlagen. Stühle flogen, Teller, Schüsseln, Teekannen und Besteck. Der angerichtete Schaden beläuft sich auf 20 000 Dollar.

Und weil wir im Internet-Zeitalter leben, hat es das Handy-Video natürlich auf YouTube geschafft. Die Klickzahlen steigen im Sekundenrhythmus.

Warum die Silvesterparty eskalierte? Keine Ahnung. Auch die Polizei steht vor einem Rätsel. Anzeige wurde nicht erstattet. Man wolle den guten Ruf des Restaurants nicht aufs Spiel setzen, sagte ein Kellner im Fernsehen.

Hoffentlich ist es dafür nicht schon zu spät.

Der Traum vom großen Abenteuer

Hand aufs Herz: Bestimmt haben Sie auch schon mal davon geträumt, alles stehen und liegen zu lassen und einen Neuanfang zu wagen: Neue Stadt. Neue Wohnung. Neuer Job. Neues Land. Träume sollte man sich erfüllen, ehe es zu spät ist. Genau das hat der Montréaler Jean Beliveau getan. In elf Jahren hat er 64 Länder durchwandert und dabei 75 000 Kilometer zurückgelegt.

Dass der Blogpost vom 18. Oktober 2011 von all meinen Geschichten bisher am häufigsten angeklickt wurde, ist kein Zufall. An diesem Tag war hier von Jean Beliveau die Rede. Von einem Mann, der sich einen Traum erfüllt hat.

Träume sind relativ. Ein befreundeter Kollege, dem ich von unserem Mallorca-im-Februar-Traum erzählt hatte, mailt mir eben zurück: „Palma klingt reizvoll … aber im Winter?“ Er  hat auch gleich die Antwort auf seine Frage: „Na gut, ich weiß nur zu genau, wie verschieden Interessen und Vorlieben sind!“ Der Kollege weiß es wirklich. Er stammt aus Nürnberg und lebt seit vielen Jahren auf Gomera. Diesen Traum hat er sich irgendwann erfüllt. Was er nicht weiß, ist, wie sich Kanada im Winter anfühlt. Dagegen ist Februar in Palma wie Hochsommer. Für uns ein Traum.

Auch in Honolulu gibt es Alltag

Der eine träumt davon, als 65-Jähriger mit Rockerbraut und Harley durchzustarten. Die andere wünscht sich nach einem hektischen Stadtleben endlich Ruhe und Geborgenheit auf dem Bauernhof. Mein eigener Traum war es schon immer, als Reporter im Ausland zu arbeiten, zu reisen und Abenteuer zu erleben. Diesen Traum habe ich mir vor 30 Jahren erfüllt. Und bin damit glücklich. Hätte ich den Sprung nicht gewagt, müsste ich womöglich das Schicksal Vieler teilen und einer verpassten Gelegenheit nachtrauern. Und trotzdem: Irgendwann holt einen der Alltag wieder ein. Auch in Honolulu, Timbuktu oder Montréal.

Der Steuerberater tingelt als Stepptänzer um die Welt

Vor Jahren habe ich in einer Kneipe in San Francisco einen nicht mehr ganz jungen Schweden kennengelernt. Er hatte sich auf seine Art einen Traum erfüllt. Er reiste gerne, mochte Musik und liebte es, unter Menschen zu sein. Also bastelte er sich ein Holzbrett, kaum großer als ein Quadratmeter, ließ seine Stiefel mit Schuheisen behämmern und zog als Stepptänzer von einer Kneipe zur anderen, von einem Land ins andere, von einem Kontinent zum nächsten. Ehe er vor vielen Jahren auf Tour ging, sagte er mir, sei er Steuerberater gewesen.

Menschen, die ein Leben lang ihren Träumen nachhängen, schieben als Entschuldigung oft familiäre Umstände vor. Zu Unrecht, wie ich finde. Bei entsprechender Planung ist vieles auch als Familie möglich.

Exotik mit Eigenheim und Kindern

Deutsche Freunde von uns leben in Alaska. Auf den ersten Blick ganz bürgerlich. Mann: Ingenieur. Frau: Uni-Professorin. Zwei Kinder, Eigenheim. Und doch kenne ich kaum Menschen, die – in meinen Augen – ein exotischeres Leben führen als Silke, Felix und die Kleinen. Sind sie nicht in Alaska, segeln sie um die halbe Welt. Oder wohnen monatelang bei kubanischen Familien und helfen in der Landwirtschaft mit. Oder bauen in der Tundra Blockhütten als erschwingliche Behausungen für Wohnungssuchende. Auf mich machen sie einen überaus glücklichen Eindruck. Ich bin fast sicher, sie leben ihren Traum.

Und Sie?

Mit 50 Millionen ins neue Jahr

Foto: OttawaCitizenGonczol
Manchmal trifft es ja doch die Richtigen: Ein kanadisches Ehepaar hat 50 Millionen Dollar im Lotto gewonnen. Jo-Ann and Gaétan Champagne aus dem Städtchen Hawkesbury, ganz bei uns in der Nähe, waren auf dem Weg ins Vorstadt-Casino, als sie noch kurz im Drogeriemarkt anhielten, um ihren Lottoschein zu checken. Bingo: Ein Rekordgewinn!

Bis vor kurzem betrieben Jo-Ann und Gaétan noch einen Dépanneur. So heissen hier Tante-Emma-Läden, die von sehr früh bis sehr spät geöffnet sind. Doch vor ein paar Monaten haben sie den Laden verkauft. Die Arbeit sei ihnen einfach zu viel geworden, sagte Gaétan (51) jetzt im Fernsehen. Sieben Tage in der Woche, 15 Stunden am Tag – das hält auf Dauer keiner aus. Also eröffneten sie in der 30-tausend-Einwohner-Stadt kurz vor Jahresende einen kleinen Spielzeugladen. Reich wird man dabei zwar nicht, aber es reicht zum Leben. Und vor allem: Endlich mal geregelte Öffnungszeiten.

"Lotto Max"-Ticket

Mit dem Besuch im nahe gelegenen Spielcasino wollten sich Jo-Ann und Gaétan kurz vor Jahresende noch etwas Besonderes gönnen. Hie und da hatten sie beim einarmigen Banditen schon den einen oder anderen Hunderter gewonnen. Oder auch verloren. Auf dem Weg ins Casino noch ein kurzer Zwischenstopp im Drugstore. Ein paar Kleinigkeiten für Neujahr besorgen und Lotto-Max-Ticket im Automat checken. „Ich sah plötzlich eine Fünf und jede Menge Nullen“, sagt Jo-Ann. „50 000 Dollar – wow! Endlich kann ich mein Badezimmer renovieren lassen“, habe sie sich noch gedacht. Doch als Gaétan den Lottoschein noch einmal checkte, ging es erst richtig zur Sache: Drei Nullen mehr als angenommen. Macht 50 Millionen kanadische Dollar. Gut 36 Millionen Euro.

Der Geldsegen bereitet den Beiden kein Kopfzerbrechen. Ein Großteil des Gewinns soll an Sozialstationen, Suppenküchen und an das lokale Krankenhaus gehen, das dringend renoviert werden muss. Der Rest an Freunde und Familie, darunter auch die beiden erwachsenen Söhne. „Jeder, der gut zu uns war, bekommt etwas ab“, sagt Jo-Ann. Und gut seien im Städtchen viele zu ihnen gewesen.

Ihren Winterurlaub in der Dominikanischen Republik werden die Champagnes jetzt erst recht genießen. Es wird der erste sein seit zehn Jahren. Und ihren „Toys for Boys“-Laden wollen sie auf jeden Fall weiterführen. Sagen sie.

„Snowbirds“: Karibik statt Kälte

Im Januar wird der Kanadier zum Zugvogel. Er reist nach Florida und Mexiko, in die Dominikanische Republik, nach Kuba, Costa Rica oder auch Hawaii. Scharen von Rentnern verbringen den ganzen Winter im Süden. Normalsterbliche, die noch in Arbeit und Brot stehen, bleiben eine Woche oder auch zwei. Selten mehr, denn die meisten Kanadier müssen sich mit zwei bis drei Wochen Jahresurlaub begnügen.

Der Winter in Kanada, sieht man einmal von der Pazifikprovinz British Columbia ab, bedient jedes Klischee: Er ist lang, dunkel, kalt und teuer. Bei minus 25 Grad macht selbst eingefleischten Wintersportlern das Skifahren keinen Spaß. Wer kann, packt deshalb die Koffer und zieht den Singvögeln nach. „Snowbirds“ werden die Kanadier genannt, die das kalte Klima dick haben und lieber Sandburgen statt Iglus bauen.

Winter in Kanada ...

Unser früheres Vermieter-Ehepaar, ältere Leute, die nach dem Krieg von Thüringen nach Kanada ausgewandert waren, packte jedes Jahr pünktlich zu Weihnachten ihre Koffer. Im Auto legten sie dann die zweieinhalbtausend Kilometer von Montréal nach Miami zurück. Wir als Untermieter hatten dann jeweils das zweifelhafte Vergnügen, die steinerne Nofretete in unserer Wohnung aufzubewahren, Blumen zu gießen und Post nach Florida nachzuschicken. Zweimal haben wir unsere Vermieter in Miami besucht. Und waren erstaunt, mit wie wenig Komfort diese Menschen zufrieden waren, nur um dem kanadischen Winter entfliehen zu können.

Dafür aber hatten sie es immer herrlich warm. Sie konnten mit Dollars bezahlen wie zu Hause. Konnten ihre Geldgeschäfte in kanadischen Banken abwickeln und vertraute Lebensmittel im Supermarkt kaufen. Sie konnten ihre Sprache sprechen und kanadische Tageszeitungen druckfrisch lesen. Und wenn es dann unbedingt sein musste, fand sich immer ein Restaurant, das die Québecer Nationalspeisen „Poutine“ oder „Smoked Meat“ serviert – ganz wie daheim in Montréal. Ein bisschen ist North Miami Beach für viele Québecer wie Mallorca für Deutsche. Nur ohne Ballermann. Wobei auch der im Winter kein wirkliches Thema ist.

... und in Havanna

Auch wir haben viele Winter im Süden verbracht. Mit die schönsten Erinnerungen habe ich an Kuba. Wer nicht des Essens wegen in Urlaub geht, wird begeistert sein. Die kubanischen Strände in der Gegend von Varadero sind zauberhaft. Wem das Beachbum-Dasein zu eintönig wird, setzt sich in den Bus oder mietet ein Privattaxi, um sich nach Havanna kutschieren zu lassen. Der morbide Charme dieser Stadt fesselt jeden, der sich nach Exotik sehnt.

Von Québec aus sind die meisten karibischen Inseln so einfach zu erreichen wie die Kanaren von deutschen Flughäfen aus. Keine Frage: Die Karibik ist ein wunderbares Reiseziel, um Schneestürme, Eisregen und bitterkalte Kanada-Tage hinter sich zu lassen. Aber für uns, die wir seit 30 Jahren hier leben, hat die Faszination der Karibik gelitten. Vieles ist wie in Kanada. Nur mit Palmen. Wir haben uns deshalb neu verliebt. In Europa. Mallorca, wir kommen!

Picture Perfect ins neue Jahr

Das Zeitalter der Digitalfotografie hat bei mir am 13. September 2001 begonnen. Ich weiß das so genau, weil ich zwei Tage nach 9/11 von Montréal nach New York gefahren bin, um über die Terroranschläge zu berichten. Kurz zuvor hatte ich mir im Future Shop noch eine Digicam geholt, von der ich keine Ahnung hatte. Die Bedienungsanleitung habe ich im Zug studiert. Inzwischen befinden sich auf diversen Rechnern gut 50 000 Fotos und Videos.

Mit der ersten Digicam ist es wie mit der ersten Liebe: Sie macht einen total verrückt. Aber man bleibt dann meistens doch nicht bei ihr. Aus meiner ersten Digi-Liebe sind inzwischen vier oder fünf Nachfolgerinnen geworden. Und auch ein paar Nebenbuhlerinnen. Jede Kamera hatte ihre Vor- und Nachteile. Aber alle hatten sie eines gemeinsam: Man fotografiert viel zu viel. Und viel zu viel Unnützes. Und schickt viel zu viele Fotos an Menschen, denen die Bilder viel weniger bedeuten als man denkt.

Hätte ich die Bilder, die ich in den letzten zehn Jahren digital in meinen Rechner eingespeist habe, großformatig ausdrucken und die Filme entwickeln lassen, könnte ich vermutlich sämtliche Schlaglöcher in unserer Straße damit stopfen. Auf jeden Fall hätte der Papierverschleiß den kanadischen Waldbestand ernsthaft gefährdet.

Nur: Bei Printfotos gab es ja diese Inflation von Bildern gleich gar nicht. Da waren noch Entscheidungen gefragt: Hundi mit Mütze geht an Ute. Die liebt Hundis mit Mützen. Das große Fressen ist für Michael. Der weiß Würste zu schätzen. Foto vom neuen Kaschmirschal? Muss ich unbedingt Marie-Anne in die Schweiz schicken. Per Brief. Doch Postamt war gestern. Heute? „Digimonster schickt Ihnen ein Webalbum. Ein Klick auf diesen Link genügt“. Fotoversand als digitale Postwurfsendung.

Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob diese digitale Revolution so eine gute Idee war. Man trennt sich ja auch total ungern von irgendwas, erst recht von Fotos. Sonnenuntergang mit einem Wölkchen, mit zwei, mit gar keinem. Schneetreiben von links nach rechts, von West nach Ost und von oben nach unten. Und überhaupt finde ich diese Massenablichtung ziemlich anstrengend. Wenn ich nur daran denke, wieviel Kraft es mich jedesmal kostet, den Bauch einzuziehen, bis es dann endlich Klick gemacht hat.

Und dann: Man kuckt ja schon auch mal gerne in den Spiegel von früher. Und fand sich damals richtig doof. Oder auch richtig gut. Doof, weil Outfit, Frisur und Brille einfach nur lächerlich aussahen. Gut, weil man damals figürlich noch im Federschritt dahergekommen ist, irgendwie jugendlicher. Und überhaupt: Herr, wo ist dein Haupthaar geblieben?

Bilder sind Dokumente der Zeitgeschichte. Gute und schlechte. Als solche schätze und liebe ich meine Fotos. Jedes von ihnen. Und pflege sie und archiviere sie und freue mich über jedes neue Bild in meiner Mailbox. Vorausgesetzt es ist nicht 16 MB fett und bringt meinen Rechner zum Kochen.