Besucher waren bei uns schon immer ein Thema für sich. Wer in einer Stadt wie Montréal lebt, muss sich über mangelnde Gäste nie beklagen. Manchmal wird es den Gastgebern zu viel. Es gab Zeiten, da musste das „Hotel Bopp“ wegen Überfüllung geschlossen werden. Jetzt hatten wir wieder einen Besucher. Den hätten wir gerne adoptiert.
„Besucher sind wie Fische“, sagte mein Freund Michael manchmal, als er noch in München wohnte. „Nach drei Tagen fangen sie an zu stinken“. Michael muss es wissen. Er ist Fischer. In seinem Haus in München türmten sich ständig die Gäste. Aber nach faulem Fisch hat es nie gerochen. Vermutlich ist keiner länger als drei Tage geblieben.
„Hotel Bopp“ bis auf weiteres geschlossen
Es gab ein Jahr, da hatten wir zwischen April und Oktober eine Woche lang KEINEN Besuch. Der Rest war belegt. Inzwischen bin ich vorsichtiger geworden, ehe ich Einladungen ausspreche. Schließlich leben wir nicht nur in diesem Haus. Wir arbeiten auch hier. Essen, trinken, arbeiten und Gäste bewirten – ein schwer verdaulicher Partymix.

Kleines Gepäck - große Freude
Seitdem wir mit Einladungen selektiver vorgehen, genießen wir Besucher wieder mehr. Eben war mein Neffe aus Wien für drei Tage hier. Auf dem Rückweg von einer Geschäftsbesprechung in Chikago machte er noch einen kleinen Abstecher beim Onkel in Kanada. Solche Besucher liebe ich: Er erwartet kein ausgedrucktes Besucherprogramm, besorgt sich die Biermarke seines Herzens selbst und ist ein aufmerksamer, liebevoller Gast. Interessant und interessiert. Er muss das Gute-Gäste-Einmaleins von der großen Schwester abgeschaut haben. Auch sie beherscht es aus dem Effeff und hatte, nebst Anhang, den Besucher-Sommer 2011 mit großem Erfolg eingeläutet.
Plözlich lernst du deine Stadt neu kennen
Das schönste an solchen Besuchern: Du lernst die Stadt, in der du lebst, aus einer völlig neuen Sichtweise kennen. Plötzlich findest du die Kellnerinnen nicht mehr ganz so unaufmerksam und die Montréaler Hinterhöfe nicht mehr gar so schmuddelig. Wenn du einen Gast hast, der viel in der Welt unterwegs ist, relativiert sich selbst der letzte Dreck.
Am schlimmsten sind die „been-there-done-that„-Besucher. Du zeigst ihnen die Stadt, die du liebst, schleifst sie in deine Stammkneipe und bist stolz wie Oskar, so eine Metropole wie Montréal vorführen zu dürfen. Wenn du dich dann aber bei jedem Spaziergang gegen Vergleiche mit anderen Urlaubszielen wappnen musst („Den Hafen von Barcelona, DEN solltest du mal sehen!“ – „Wolkenkratzer? Dubai! Ich sage nur Dubai!“), ist das nicht nur anstrengend, sondern auch richtig nervig. Und irgendwo auch ein bisschen traurig. Das hat meine Stadt nicht verdient.
Und wenn dein Besucher dann, Blick nach unten gerichtet, völlig unenthusiastisch hinter dir her trottet, nachdem du ihm gerade den höchsten Wolkenkratzer deiner Stadt vorgeführt hast, dann reicht’s irgendwann.
Am härtesten brachte es ein Besucher vom Bodensee. Kurz vor dem Höhepunkt der mehrstündigen Bopp’schen Sightseeing-Tour durch Montréal meinte der Gast aus Schwaben: „Asphalt trätta kanne dohoim au.“ Bei so einem Kommentar würdest du ihm gerne die Visitenkarte des Hotels an der Ecke in die Hand drücken – und dann mal tschüss. Bei unserem jüngsten Besuch aus Wien war das alles andere. Er kennt die schönsten Metropolen der Welt, isst gerne fein und gut. Und findet Montréal immer noch klasse.
Danke, mein Neffe! Können wir dich adoptieren?

Mit vierzehn rief ich bei der Sendung „BeatClub“ an und bat den Moderator, einer Mitschülerin meine Liebeserklärung ins Mikrofon zu säuseln. Eigentlich eine überschaubare Herausforderung. Trotzdem machte er seine Sache nicht besonders gut. Eine Antwort kam nie. Schlimmer noch: Am nächsten Tag sah ich Carla händchenhaltend mit Otto im Biberacher Stadtgarten.
Beim ersten Mal noch scheu und mit nassen Händen. Beim zweiten Mal bereits mit beherzter Stimme. Beim dritten Live-Gespräch ging es dann auch schon richtig zur Sache. Sehr gut gefiel mir beim Radio immer die Absage des Moderators: „Live aus Kanada unser Korrespondent Herbert Bopp“. Hoffentlich hört Vater zu. Oder das Mädel vom Biberacher Stadtgarten. Am besten beide.
Brücken, die zerbröseln. Unterführungen, von denen tonnenschwere Betonbrocken auf die Autobahn fallen. Schlaglöcher, die einen Omnibus verschlucken können. Und dazu noch ein Verkehrsministerium, das angeblich von der Mafia geschmiert wird. Manchmal frage ich mich, warum ich es schon so lange in dieser lebensgefährlichen Stadt aushalte.




Doch Veränderungen können anstrengend sein. Unser Haus wird seit zweieinhalb Monaten von einem Makler gelistet. Das Interesse ist groß. Aber, wie das so ist in Kanada: Es kommen viele Sehleute, die immer schon gerne gewusst hätten, wie der Korrespondent und seine Künstlergattin so leben. Das ist die Stunde der Schaulustigen. Und weil wir nicht gerne Zeuge dieser „showings“ sind und zu jedem Riss im Fensterkitt eine Erklärung abgeben möchten, verlassen wir eben unser Haus, wie es hier so üblich ist, wenn der Makler mal wieder mit Interessenten an der Tür steht. Aber: wohin nur? Meine Kreditkarte glüht. Im Kino reden Sie mich beim Vornamen an und unser Lieblings-Thailänder möchte uns gerne adoptieren. Das sind so die Dinge, mit denen wir uns in letzter Zeit herumschlagen.
Richtige Probleme sehen anders aus. Aber es gibt sie: Wohin mit den Möbeln aus einem Haus, wenn die künftige Bleibe aus einem großen Raum mit einem Badezimmer-Würfel in der Mitte besteht? Was nehmen wir mit, was geht zur Heilsarmee, was kommt in die Blockhütte? Und überhaupt: Was ist mit dem Klavier? Interessenten gibt es jede Menge dafür. Nur: Ich will nicht jedes Mal wehmütig an Musikabende denken müssen, wenn ich künftig Freunde besuche.
Neulich habe ich gelesen, dass Immobilienmakler jetzt immer häufiger Psychologiekurse belegen. Ich weiß jetzt warum. Offensichtlich sind wir nicht allein, wenn uns die Emotionen manchmal überwältigen. So ein Hausverkauf kann einem ganz schön die Seele durch den Fleischwolf drehen. Und trotzdem steht die Entscheidung fest: Raus aus dem Grünen, rein in die Großstadt. Das Laub, das sich im Herbst kniehoch auf unserem Grundstück stapelt, sollen künftig andere wegräumen. Und auch der Schneepflug, der die Einfahrt freischaufelt, geht schon bald nicht mehr auf unsere Rechnung. An Bewegung wird es mir hoffentlich trotzdem nicht mangeln: Mein Fitnessbedarf wird künftig im Pool der Dachterrasse abgedeckt, der zum Fabrikloft gehört, oder, wenn’s dann schon sein muss, auch in der Muckibude, gleich neben dem Yoga-Raum.
Dass er mit drei Muttersprachen aufwächst: toll. Uni-Abschluss: super. Dass er, wenn’s sein muss, wunderbar schwäbelt: prima. Doch jetzt kennt der Elternstolz keine Grenzen mehr: Unser Sohn kocht auch noch schwäbisch! Seine ersten handgeschabten Spätzle müssten eigentlich ins Museum. Doch dafür sind sie viel zu schade.

