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Schlagwort-Archive: Herbert Bopp
Winter: Wer bietet weniger?
Telefonate mit Freunden und Verwandten aus Deutschland verliefen noch bis vor ein paar Tagen ziemlich einsilbig. Das lag am Wetter. Meistens lautete die Einstiegsfrage: „Und? Wie kalt isses bei euch in Kanada?“ Wenn ich dann wahrheitsgemäß antwortete: „So um die minus 20 Grad“, nahm der Klima-Wettbewerb seinen Lauf. Plötzlich habe ich das Gefühl, ich muss den kanadischen Winter in den Boxring schicken, um den deutschen auszustechen.
Das Sparring verläuft immer ähnlich. Deutschland: „Wir hatten vergangene Nacht minus 22.“ Störsender im Hintergrund: „Minus 24!“ Kanada: „Im Wind isses bei uns auch so kalt“. Deutschland: „Bei uns aber ohne Wind.“ Irgendwann ist Schluss mit dem Wetterbericht. Das letzte Wort hat immer der, der am meisten friert. Und das scheinen zurzeit meine Freunde in Deutschland zu sein. Motto: Wäre doch gelacht, wenn wir dem kanadischen Warmduscher nicht Paroli bieten könnten.
Übers Wetter zu reden, galt in Deutschland immer als ziemlich uncool. Nicht einmal die Bahn wollte darüber ein Wort verlieren. „Alle reden vom Wetter. Wir nicht“, hieß jahrelang ein arg strapazierter Slogan.
Alle reden vom Wetter. Wir auch.
Hier ist das anders. Alle reden übers Wetter. Immer und überall. Entweder es ist zu kalt oder zu heiß. Zu viel Schnee oder zu wenig. Nur in einem sind sich alle Kanadier einig: Eisregen geht gar nicht. Nur lästig. Ein Nachbar, dem ich bei minus 30 Grad im Schneegestöber begegne, murmelt unter seinem gefrorenen Vollbart hervor: „Wenigstens keine Moskitos heute.“
Gestern im Radio. Am liebsten hätte ich den Anrufer einer Talkshow aus der Leitung gezogen. „Wo ist denn nur unser schöner kanadischer Winter geblieben?“, textete der Mann den Moderator zu. „Früher hatten wir wenigstens noch anständig Schnee!“ Stimmt: Früher war auch mehr Lametta.
Mir fällt es immer schwerer, der Eiszeit positive Seiten abzugewinnen. Die anfängliche Exotik des Winters ist futsch und das Erzählpotenzial hält sich in Grenzen. Dieses Jahr erst recht. Minus 20 haben sie in Deutschland selber.
Dschungelcamp für Eisbären
Auch die Wahl der Kleidung ist keine echte Herausforderung mehr. Bei minus 30 Grad sehen sowieso alle aus, als wären sie gerade dem Dschungelcamp für Eisbären entwichen. Nix mit italienischen Stiefelchen oder Boss-Mäntelchen. Es geht ums blanke Überleben.
Eine nicht ganz neidfreie Anspielung auf unseren bevorstehenden Mallorca-Urlaub höre ich in diesen Tagen immer öfter: „In Palma hat es übrigens auch nur 15 Grad“.
Stimmt. Genau 35 Grad mehr als hier.
Beten für die Eisheiligen
Zwei Dinge, so will ein Radiosender ermittelt haben, bringen die Montréaler mehr in Wallung als alles andere. Eins davon ist Hockey. So hoch reicht die Verehrung der Götter auf Skates, dass die katholische Kirche jetzt einen Werbefeldzug gestartet hat: Um die „Montréal Canadiens“ in die Playoff-Runde zu bringen, helfe nur noch beten. Entsprechende Anzeigen wurden in allen großen Zeitungen der Dreieinhalb-Millionen-Stadt geschaltet.

Goalie Carey Price ©hockeyindependent
Die Aussichten der Montréal Canadiens auf einen Playoff-Spot sind schlecht. Nur die ersten acht NHL-Teams aus den East- und West-Konferenzen der Liga haben eine Chance, ins Endspiel zu kommen. Die restlichen 14 Teams gehen leer aus. Die Montréal Canadiens liegen zurzeit an 12. Stelle. Und weil der sportliche Einsatz allein die Hockey-Cracks nicht so richtig weiter bringt, musste eben der liebe Gott her. „Prions!“, heißt es in der Anzeige an der Stelle, an der eigentlich der Achtplatzierte der Eastern Conference stehen müsste. „Lasset uns beten!“. Ob der Appell in einem Teil Kanadas hilft, in dem nicht einmal zehn Prozent der Bevölkerung zur Kirche gehen, ist fraglich. Aber einen Versuch sei es wert, sagt Lucie Martineau, die PR-Frau der katholischen Kirche in Québec. Gute Werbung für Gott ist es allemal.
Die Sache mit den Eisheiligen hat in Québec Tradition. Als der Torhüter der „Canucks“, wie das Team liebevoll genannt wird, noch Patrick Roy hieß und nicht Carey Price, tauften die Fans den Star-Goalie in „St. Patrick“ um. Auch die Radio- und TV-Kommentatoren setzten dem Jungen den Heiligenschein auf, indem sie ihn bei Pressekonferenzen schon mal mit „Saint“ anredeten. Und das Hockey-Jersey der Montréal Canadiens wird von Fans und Presseleuten noch heute gottesfürchtig “La sainte flanelle” genannt, das Heilige Trikot.

Ein Jahr ohne Tor: Scott Gomez ©CBC
Trotzdem: Die Zeiten, da Gott den Verein in die Endrunde führte, scheinen vorbei. Der Rekord-Klub, der bislang 24 mal den Stanley Cup holte, dümpelt vor sich hin. Da half auch ein Trainerwechsel nichts. Im Gegenteil: Dass der neue Coach kein Französisch spricht, nahmen frankokanadische Fans dem Besitzer des Vereins so übel, dass der um sein Kerngeschäft fürchten musste. Die „Canadiens“ gehören der schwerreichen Familie Molson. Die wiederum braut Bier. Als Geoff Molson das Schicksal der Montréal Canadiens dem englischsprachigen Coach Randy Cunneyworth anvertraute, liefen franko-nationalistische Fans massenweise Sturm. Und tranken fortan das Bier der Konkurrenz.
Doch es gibt auch gute Nachrichten aus dem Hockeylager: Scott Gomez hat vor ein paar Tagen ein Tor geschossen. Das wäre nicht weiter erwähnenswert für einen der bestbezahlten Hockeyspieler der Welt. Aber es war sein erstes Tor seit mehr als einem Jahr.
Kanada: Natur ohne Pfad

Kanada mag das zweitgrößte Land der Welt sein. Aber wer die Natur nutzen möchte, kommt schnell an seine Grenzen. Wandern verboten! Betreten verboten! Skifahren verboten! Schwimmen, reiten, campen, radfahren verboten! Ist dann der Spaß wirklich mal erlaubt, lässt sich der Besitzer den Zutritt teuer bezahlen. Und der Besitzer ist meistens der Staat.
Wir wohnen mitten in einem Waldgebiet. Paradiesische Verhältnisse für Gassi gehen, Mountainbiken, Skilanglauf und Spaziergänge. Denkt man. Das Gegenteil ist der Fall: Der einzig begehbare Waldweg ist in Privatbesitz. Jede Menge Verbotsschilder lehren dich das Fürchten. Dann eben nicht.

Oka-Park: $ 10.87 pro Person.
Wir wohnen in der Nähe des Lake of Two Mountains. Paradiesische Verhältnisse für Spaziergänge am Ufer des Sees. Denkt man. Das Gegenteil ist der Fall: Der einzig begehbare Uferstreifen gehört zu einem beliebten Ausflugs-Restaurant. Wer nicht im „Willow Inn“ einkehrt, hat dort nichts zu suchen. Also, dann eben auf die andere Seeseite, nach Oka. Schade: Die hübsche Strandpromenade ist restlos zugebaut. Mehr als 50 Meter ans Ufer kommt keiner ran, dem nicht eines der Seegrundstücke gehört. Das heißt, doch: Wer zuvor einen kleinen Nationalpark durchquert, darf auch ans Wasser. Doof nur: Der Tagespass für den Park kostet $ 10.87 pro Person. Langlaufskifahren im Winter? Nicht, wenn die Zehnerkarte $ 86.98 kostet. Pro Person.
Blick auf den Lac Dufresne: Die frohe Aussicht kostet Geld
In der Nähe unserer Blockhütte lädt ein Berg zum Besteigen ein. Nicht sehr hoch, aber hübsch, mit einer richtig schönen Aussicht von oben. Schade: Wer die frohe Aussicht genießen möchte, muss erst mal richtig tief ins Portemonnaie greifen.
Ich könnte Dutzende von Beispielen dieser Art aufzählen, allein in unserem Umkreis. Wenn es um Wanderwege, Rastplätze und Skiloipen oder überhaupt Freizeitmöglichkeiten geht, ist es ganz schnell vorbei mit der viel gepriesenen kanadischen Freiheit. Eine Ausnahme sind dabei die National- und Provinzparks. Aber die kosten – siehe oben – Eintritt. Ein Glück, dass wenigstens die Stadt Montréal ein Netz von tollen Spazierwegen hat. Aber mal im Ernst: Zum Wandern in die Stadt? Was ist das denn?

Lac Dufresne: Kohle für Blick.
Und weil der Staat so gerne den Riegel vorschiebt, wenn es um Freizeitspaß geht, weichen Viele, die gerne mal eine Runde in der frischen Luft drehen, auf Privatgrundstücke um. Zum Beispiel auf Angell Woods, nicht weit von hier. 80 Hektar Land. Spaziergänge, Gassi gehen, Radfahren. Toll. Jahrelang ging alles gut. Die Besitzer ließen Besucher ihres Privatgrundstücks einfach gewähren. Das war nett von ihnen.
Ohrfeige für den Sicherheitspolizisten: Ich will mehr Land!
Als jedoch die Stadtverwaltung jetzt damit anfing, sich mit den riesigen Parkanlagen zu brüsten und Besucher sogar offiziell einzuladen, sich dort zu erholen, platzte den Landbesitzern der Kragen. Sie riegelten das Gebiet ab, stellten Warnschilder auf und lassen das Gelände neuerdings von Sicherheitspersonal bewachen. Jetzt kam es zum Eklat. Eine Frau, frustriert über den Verlust ihres Stammwäldchens, verpasste einem der security guards eine Ohrfeige.
Körperverletzung wegen Landmangels. Im zweitgrößten Flächenstaat der Welt.
Schlange stehen für den Hausarzt

Das Foto oben zeigt eine Menschenschlange vor einer Arztpraxis in der Gemeinde St. Lazare, ganz bei mir in der Nähe. Viele der Männer und Frauen stehen schon seit vier Uhr morgens an. Mitten im kanadischen Winter, der deutsche Temperaturen wie T-Shirt-Wetter dastehen lässt.
Diese Menschen haben nicht etwa einen Termin beim Arzt. Sie warten darauf, wenigstens in die Kartei des Arztes aufgenommen zu werden, der sich vor ein paar Tagen hier niedergelassen hat. Der Ärztemangel in der Provinz Québec wird immer dramatischer. Einen Hausarzt zu haben, ist fast wie ein Sechser im Lotto.
3000 Anrufe habe sie in der Woche vor der Praxiseröffnung erhalten, erzählt die Sprechstundenhilfe des Arztes Dr. Harrison, die gleichzeitig seine Frau ist. Und alle baten sie, in die Kartei aufgenommen zu werden. Sie haben keinen Hausarzt. Manche hatten in ihrem ganzen Leben noch keinen. Andere haben ihren „family physician“ verloren. Altersbedingt, durch Wegzug, wegen Krankheit. Auch durch Burnout. Die meisten Ärzte sind hoffnungslos überlastet. Auf einen Mediziner kommen hier 2068 Einwohner. Das ginge ja noch. Aber Dr. Harrison kann und darf nur 500 neue Patienten annehmen. Der Rest der Patienten wird auch weiterhin in die Notaufnahmestationen der Krankenhäuser gehen müssen, um dort stundenlang zu warten. Für ein Grippemittel, wegen einer Bänderzerrung oder Magenschmerzen.
Wir haben – wieder – eine Hausärztin. Trotzdem beträgt die Wartezeit zum nächsten Termin sechs Wochen. Schlimm? Auf einen als „dringend“ eingestuften Termin beim Facharzt habe ich sieben Monate gewartet.
Wartezeit in der Notaufnahme: 20 Stunden
In den Notaufnahmestationen der Montréaler Krankenhäuser beträgt die Wartezeit durchschnittlich 20 Stunden. Als neulich der Gesundheitsminister versprach, die Wartezeiten bis zum Jahr 2015 auf zwölf Stunden zu reduzieren, gab es Applaus von allen Seiten. Mir kommt das vor wie ein Hohn. Den meisten meiner kanadischen Freunde nicht. Sie sind stolz auf ihr System.
Der Mangel an Ärzten und Krankenhäusern ist auf ein Versagen der Politik zurück zu führen. Die stets nach innen gerichtete Nabelschau der Québecer Nationalisten stellt sich langfristig gesehen als Katastrophe heraus. Hausärzte verdienen hier einen Bruchteil dessen, was ihre amerikanischen KollegInnen berechnen dürfen. Bei Fachärzten ist der Unterschied noch dramatischer.
Ohne Französisch wenig Chancen
Erschwerend kommt in der Provinz Québec dazu, dass von Ärzten neben englischen auch französische Sprachkenntnisse verlangt werden. Bewerber aus dem nicht-französischen Sprachraum haben wenig Chancen, die Gnade des Gesundheitsministers zu finden. Also bleiben viele der in Kanada ausgebildeten Mediziner gleich gar nicht in Québec, sondern wandern nach dem Studium in die USA oder andere Teile Kanadas ab, noch ehe sie überhaupt Fuß gefasst haben in ihrem Beruf.
Ein Skandal. Und irgendwo auch menschenverachtend.
