Die Cowboys vom Umlach-Valley

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Ich bin 1949 in Ummendorf geboren, in der Tiefe Oberschwabens. Ich könnte nicht behaupten, dass hier die Post abging. Eine tolle Kindheit hatte ich trotzdem. Hier poste ich ab und zu Erinnerungen an meine Bengel-Zeit.

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Die Cowboys vom Umlach-Valley

Es war die Zeit als „Fury“ über Schwarzweiß-Bildschirme galoppierte und „Lassie“ Leben rettete. Als Wyatt Earp für Recht und Ordnung sorgte und Joey Cartwright auf der „Bonanza“-Ranch so breit wurde, dass mancher um seinen Schwarzweißfernseher fürchten musste. Meine Helden hießen Jimmy, Billy und Casey. Und alle durften sie schießen, nur ich nicht. Sie schwangen sich auf ihr Pferd und ritten über die Prärie. Ich schwang mich auf mein Fahrrad und fuhr den Riedweg entlang in Richtung Kiesgrube. Meine Prärie war das Umlach-Tal. An der Biegung des Baches lieferte ich mir wilde Gefechte mit Joey, Jimmy, Bill und Casey. Weit und breit kein Wyatt Earp.

Wenn der Riedweg nur mir gehörte und mich keiner sah, formte ich meine Hand zu einem Revolver und schoss auf alles, was sich bewegte. Mehrfach kaltblütig erschossen habe ich Herrn Fessler von gegenüber. Er hatte es nämlich für notwendig gefunden, meine Eltern darüber in Kenntnis zu setzen, dass er mich auf frischer Tat mit dem Moped meines Bruders ertappt hatte. Dafür musste Herr Fessler jetzt büßen.

Auch Frau Scheible starb im Kugelhagel. Leider, aber ich konnte nicht anders. Sie hatte mich verpetzt, nachdem ich in ihrem Lädele einen Kaugummi eingesackt hatte. Ich vermeide bewusst das Wort stehlen, denn zu einem Diebstahl gehört unrechtes Handeln. Ich habe vielleicht falsch gedacht, aber richtig gehandelt. Am Tag zuvor hatte mir Frau Scheible nämlich einen zweiten Kaugummi vorenthalten, obwohl auf der Verpackung des Ersten ganz klar stand: „Bei Endziffer 7 gewinnt der Käufer einen Kaugummi.“ Die Endziffer war bei mir dummerweise unleserlich. Aber ich bin bis heute davon überzeugt, dass es eine 7 war. So gesehen stand mir auch der zweite Kaufgummi zu. Und weil mir Frau Scheible diesen verweigerte, besorgte ich mir ihn eben anderweitig. Und wurde dabei ertappt.

Meine Eltern waren trotz der Scheible-Schelte nicht weiter beunruhigt. Sie wussten, dass sie keinen Dieb großgezogen hatten.

Mit der Zeit wurden die Schießereien auf dem Fahrrad langweilig. Aber der Gedanke, auf dem Rücken eines Pferdes über Wiesen und Felder zu reiten, ließ mich nicht los. Manchmal machte ich nach der Schule einen kleinen Umweg und stattete dem Hufschmied einen Besuch ab. Wenn er die glühenden Eisen auf den Huf brannte, zischte es und das Pferd tat mir leid. „Stell dich nicht so an“, sagte der Schmied dann, „der Gaul spürt doch gar nix!“

Wenn der Schmied guter Dinge war, setzte er mich auf den Pferderücken, nahm den Gaul an die Leine und ließ ihn auf dem staubigen Hof eine Runde mit mir drehen.

Ein Pferd, das wär’s gewesen. Aber eine Kuh tut’s auch.

Kühe gab es in meinem Dorf jede Menge. Die kleinen Bauern hielten sich nur zwei oder drei für die eigene Milchproduktion. Große Landwirte wie der Schanzenbauer hatten bis zu 50 Kühe.

Den ganzen Sommer über mussten die Kühe morgens auf die Weide geführt und abends, rechtzeitig zum Melken, wieder ins Tal getrieben werden. Und weil sich die Bauern oft die Kosten für teure Elektrozäune an den Hängen sparen wollten, heuerten sie Schulbuben an, die während der großen Ferien ihre Viehherde bewachten. So kam es, dass ich Cowboy wurde.

Je größer der Bauer, je höher fiel der Hirtenlohn aus. Wer am Ende eines Sommers 50 Mark bekam, war reich. Manche Jungs aus der Schule wurden zum Dank für ihre Dienste im Herbst von der Bäuerin zum Erntedankessen eingeladen. Es gab selbst gebackenes Brot und Honig aus der eigenen Imkerei. Wer Glück hatte, durfte nach dem Essen ein Stück Käse und einen Laib Bauernbrot mit nach Hause nehmen, manchmal auch eine luftgetrocknete Blutwurst oder ein Stück Schinken aus der Räucherkammer. Oft gab es ein Stück Butter dazu, das die Magd im Fass angerührt hatte.

Ich hatte Glück. Mein Bauer war zwar nicht der größte im Dorf, aber derjenige mit dem größten Herz. Wenn es plötzlich kalt wurde und in Strömen regnete, kam er oft mit dem Traktor auf der Weide angetuckert und brachte eine Milchkanne voll heißer Suppe. Die löffelte er dann mit mir zusammen unter einem Sonnenschirm aus, den er gegen den Regen mitgebracht hatte.

Das Leben des Cowboys im oberschwäbischen Voralpengebiet kann einsam sein. Die Kühe waren in der Regel so faul oder auch diszipliniert, dass ein Eingreifen nur selten nötig wurde. Meist kamen sie nach einem kurzen Ausreißversuch von ganz alleine wieder zu ihrer Herde zurück. Der Auf- und Abtrieb morgens und abends war Routine. Ganz so aufregend wie das Leben auf der „Bonanza“-Ranch war mein Leben beim Fesslinger-Bauer nicht.

Zum Glück gab es in der Nähe meiner Weide das Jordanbad. Das ist ein Sanatorium, in dem knochenlahme Städter ihre Glieder nach dem Vorbild des bayerischen Priesters Sebastian Kneipp so lange in Wassertröge eintauchen, bis Wochen später der Schmerz nachlässt oder der Kurgast gar als geheilt entlassen werden kann.

Die Sanatoriums-Besucher aus allen Teilen Deutschlands waren bei den meisten Ummendorfern gerne gesehen. Sie kehrten in den lokalen Wirtschaften ein, ließen üppig Trinkgeld liegen und waren meist guter Dinge. Schließlich waren sie ja im Urlaub. Hin und wieder war von einem „Kurschatten“ die Rede, den sich vor allem männliche Kurgäste zulegten, wenn sie Langeweile hatten. Darüber schwieg man in Ummendorf oder erzählte sich davon höchstens hinter der hohlen Hand.

Die meisten der knochenlahmen Kurgäste, die ihre Heilung im Jordanbad suchten, kamen aus dem Ruhrgebiet und sprachen nach der Schrift, was auf Ummendorferisch so viel heißt wie: sie können Hochdeutsch. Dies wiederum ist den meisten Ummendorfern schon deshalb suspekt, weil sie es selber nicht können. Für den gemächlichen Oberschwaben, für den ein „Sodele“ oder „Jetzetle“ schon als abendfüllendes Programm gilt, klingt ein schneidiges „Wattdenn-wattdenn“ nicht nur fremd, sondern geradezu aufschneiderisch. Und aufschneiden – das geht gar nicht im Laugenbrezelland.

Ich liebte die Zugereisten. Ihrem – für meine Ohren – gepflegten Hochdeutsch zuzuhören, wenn sie an meiner Herde vorbeizogen, war jedes Mal wie ein kleiner Urlaub nach Neukirchen-Vluyn, Duisburg oder Recklinghausen. Und wie schnell die alle reden konnten! Ich fragte mich oft, wie träge sich in deren Ohren wohl mein Spätzlesschwäbisch anhören musste.

„He, Kurzer, stell dich mal neben die Kuh!“, rief mir einer der Schnellsprecher irgendwann zu und zückte auch schon die Kamera. Der Mann trug kurze Hosen, braune Socken und Sandalen. Ich hatte wie immer meine kurze Lederhose an, aber keinen Tirolerhut, wie es der Fotograf gerne gehabt hätte. „Neben die Kuh? Mach ich gern“, sagte ich, „aber nur für ein Zehnerle.“ Das war’s: Zehn Pfennig für ein Foto mit Kuh und Kind – eine Geschäftsidee war geboren. Warum ich darauf nicht schon viel früher gekommen bin, ist mir bis heute ein Rätsel. Schließlich brauchte ich dringend Geld für ein neues Fahrrad.

Das Geschäft florierte. Meistens gab es statt einem Zehnerle 50 Pfennig. Und als ich dann auch noch anbot, mich nicht nur stehend neben einer Kuh, sondern in gewagter Pose sogar auf dem Rücken des Tieres fotografieren zu lassen, rollte der Rubel erst recht. Für eine Mark war jeder dabei, der später dem Kumpel in Grevenbroich oder Mettmann Urlaubsfotos von einem schwäbischen Cowboy vorführen wollte. Elsa war die einzige Kuh, die das mit sich machen ließ. Sie war etwas fußlahm und sehr geduldig.

Die Idee mit dem Hirtenbub, der sich für ein Honorar fotografieren ließ, hatte sich in Ummendorfer Cowboykreisen schnell herumgesprochen. Und wie das so ist mit Geschäftsideen: Sie werden gerne kopiert. Ein Hirtenjunge nach dem anderen stellte jetzt ein Schild auf die Wiese: „Roland reitet für eins fünfzig!“ oder auch „Otto und Elsa für nur zwei Mark!“ Auch ich bot meine Dienste nicht unbescheiden an. „Cowboy Herby für eine Handvoll Dollars“.

Hochmut kommt vor dem Fall.

Es war ein Sonntag und in der Ferne klingelten die Kirchturmglocken. Die Kurgäste vom Jordanbad kamen in Scharen und strahlten heute noch zufriedener als sonst. Elsa ließ sich wie immer geduldig von mir reiten. Weil ich von Papa wusste, dass man investieren muss, um am Ball zu bleiben, versuchte ich mein Geschäftsmodell ständig zu verbessern. Inzwischen hatte ich mir aus einem Strick und aus den beiden Holzgriffen der Tragtaschen, die das Modehaus Kolesch seinen Kunden mitgab, ein Paar selbstgemachte Steigbügel zugelegt. Alles deutete auf einen perfekten Tag hin. Bis plötzlich Papa und Mama vor mir standen.

Auf ihrem Sonntagsspaziergang hatten sie einen kleinen Abstecher zu mir gemacht. Sie waren fassungslos. Von meiner Modelling-Karriere hatten sie bis zu diesem Tag keinen Schimmer gehabt. Es wäre mir peinlich gewesen, ihnen zu erzählen, dass ich mich gegen Geld auf dem Rücken einer fußlahmen Kuh von fußlahmen Ruhrpottlern abfotografieren lasse. Sowas macht man nicht in Ummendorf. Erst recht nicht, wenn man der Sohn des Malermeisters ist, der es in der Handwerker-Innung zu etwas gebracht hatte und allein schon deshalb von seiner Kundschaft sehr genau beobachtet wird.

Papa sprach bei meinem Anblick von „einer Schande“ und davon, dass die Leute ja denken könnten, wir hätten es nötig, unser Kind zum Betteln zu schicken. Mama tat vor allem die Kuh leid. Und für mich ging der lukrativste Sommer meiner kurzen Cowboy-Karriere zu Ende.

Und was machen Sie so?

BILD hat wieder einmal die Antwort: Journalisten knapp nach den Lehrern auf Platz 8

Das war knapp: Deutsche Journalisten stehen bei den „Männerberufen mit Sex-Appeal“ an achter Stelle und damit gerade noch in den Top Ten. Und natürlich sind uns die Lehrer mal wieder voraus: Platz sechs. Typisch Deutsch, so eine Umfrage. In Kanada definieren sich Menschen viel weniger über ihren Beruf als in Deutschland.

In unserer Blockhütte am Lac Dufresne wurde den Sommer über heftig renoviert. Morsche Bretter wurden ersetzt und auch das Dach auf dem Nebengebäude ist neu. Das Plumpsklo im Wald war bei einem Sturm zusammengefallen. Es musste erst geleert und dann ein neues gebaut werden.

Plumpsklo vom Richter

Der Richter als Plumpsklo-Bauer

Eine Drecksarbeit also. Für den Job konnten wir einen Nachbarn am See gewinnen. Vor ein paar Jahren ließ er sich vorzeitig pensionieren und lebt seitdem sehr einsam, aber auch sehr glücklich in einem Häuschen am See. Im Winter schippt er Schnee. Im Sommer hackt er Feuerholz. Dazwischen baut er schon mal ein Klohäuschen für Freunde. Bis vor kurzem war Monsieur B. noch Richter in Montréal. Von Dünkel keine Spur. Québecer Bescheidenheit.

Herr Doktor backt exzellenten Mohnkuchen

Gestern habe ich mich mit meinem Freund Peter zum Kaffee in einem Montréaler Buchladen getroffen. Früher war er Dozent an der Uni. Dann haben sie seine Fakultät geschlossen. Seither hat er alles Mögliche gemacht: Nachrichtensprecher beim Rundfunk. Bedienungsanleitungen übersetzt. Werbefilme gesprochen. Vorträge über Pharaonen gehalten. Und dazwischen immer wieder exzellente Mohnkuchen und Marzipantorten gebacken. Irgendwann hat er mir eher beiläufig von seiner Dissertation erzählt. Die Frage: „Echt? Du hast einen Doktor?“, hört Peter vor allem häufig in Deutschland. „Ja“, sagt Peter dann fast verschämt, „aber der interessiert in Kanada ohnehin keinen“. Canadian Understatement.

Der Software-Manager repariert Motorsägen

Mein Nachbar von gegenüber war bis vor ein paar Jahren eine ziemlich große Nummer in einem Software-Unternehmen. Seine weltweiten Dienstreisen brachten ihm auf seinem Punktekonto genug Flugmeilen ein, dass er davon bis zum Lebensende in Luxusherbergen absteigen kann. Irgendwann wurde sein Job gestrichen. Und weil er ohnehin etwas reise- und karrieremüde geworden war, fing er an, als „Handyman“ zu arbeiten. Jetzt mäht er bei uns im Sommer den Rasen, pflegt bei ein paar Leuten die Swimmingpools, baut Küchen ein und repariert Motorsägen. Zwischendurch grillt er für sich und andere die besten T-Bone-Steaks zwischen Texas und Tuktoyaktuk. Karriereknick? Schon. Aber er trägt ihn mit Würde.

Flugkapitän mit Hang zum Hamburger

In meinem Französischkurs ging es neulich um das beste Essen, das wir je hatten. Der Eine berichtete von einem opulenten Mahl in einem Pariser Sternehotel, die Andere von einem Dinner in einem italienischen Schloss. John erzählte uns, das Beste, das er je gegessen habe, sei ein Cheeseburger im Flughafen von Atlanta gewesen. Armer Tropf, dachten wohl einige von uns und blickten fast bedauernd auf den Kerl, dessen kulinarischer Höhepunkt ein Burger im Fastfood-Restaurant war. Dass John von Beruf Airbus-Kapitän bei Air Canada ist und damit mehr von der Welt gesehen hat als wir alle zusammen, erwähnte er eher nebenbei. Wir: „Wahnsinn!“. Er: „It’s just a job“.

„Welcher Beruf hat den meisten Sex-Appeal?“

So viel zum Thema heiteres Beruferaten. Und jetzt noch die Liste der angeblich „sexiesten Berufe“ in Deutschland. Die Partnerbörse Parship und die Universität Bremen haben hierfür 23 000 Menschen befragt.

FRAUEN:

1. Juristin – 2. Flugbegleiterin – 3. Ärztin – 4. Geschäftsführerin – 5. Wissenschaftliche Mitarbeiterin – 6. Architektin – 7. Fremdsprachen-Korrespondentin – 8. Ingenieurin – 9. Lehrerin – 10. Mediengestalterin

MÄNNER:

1. Arzt – 2. Architekt – 3. Psychologe/Therapeut – 4. Wissenschaftler Mitarbeiter – 5. Polizist – 6. Lehrer – 7. Jurist – 8. Journalist – 9. Unternehmensberater – 10. Ingenieur

Und wo, bitte, stehen die Blogger?

Das Internet kennt keine Gnade

© handysektor.de

Ich will Ihnen ja keine Angst machen. Aber überlegen Sie sich gut, was Sie mir ins Gästebuch schreiben. Das Internet ist wie ein hungriger Elefant, der nichts vergisst. Nehmen wir einfach mal den früheren Formel-Eins-Boss Max Mosley. Er ist reich und berühmt. Aber dank des Internets ist er ein gehetzter, armer Wicht. Im Netz werden nämlich wie verrückt Bilder angeklickt, die Mr. Mosley bei einer Sex-Orgie zeigen.

Dabei wäre es für Google & Co. ein Leichtes, die peinlichen Treffer zu löschen. Aber die Suchnasen weigern sich, Herrn Mosley von seiner Scham zu erlösen. Angeblich, weil sie „nicht Internet-Polizei spielen“ wollen. Selbst wenn sich die Suchmaschinen-Betreiber doch zur Tilgung entschließen könnten, wären garantiert noch irgendwo Restbestände im WWW zu finden, die nicht mehr einzufangen sind.

So manchen holt die digitale Vergangenheit wieder ein

Anderes Beispiel: Bei einem Reportereinsatz nach den 9/11-Anschlägen in New York hatte ich in Manhattan einen jungen Deutschen interviewt, der dabei war, als die Türme fielen. Dieser Mensch hatte mir einige Beschimpfungen in den Block diktiert, auf die er hinterher nicht mehr stolz war. George Bush habe Blut an den Händen. Seine Politik sei Kriegstreiberei. Dinge, die einem in der damaligen Hektik schon mal durch den Kopf gehen konnten. Die man aber, anstatt sie einem Onlinejournalisten zu erzählen, vielleicht doch lieber für sich behalten sollte. Die Zitate standen hinterher auf der Internetseite eines öffentlich-rechtlichen Onlineportals.

© ZDF

Letzte Rettung digitaler Radiergummi. © ZDF

Jahre später wurde mein Gesprächspartner von seiner Vergangenheit eingeholt. Aus dem Heißsporn von damals war ein Politik-Reisender geworden. Klar, dass er sich jetzt nicht gerne mit Beschimpfungen gegen die damalige US-Regierung googeln lassen möchte, eher er vielleicht auf amerikanischem Boden eine Rede hält. Seine 9/11-Zitate wurden zwar auf Bitten des Mannes hin gelöscht. Aber vermutlich sind noch immer Datenbrösel davon im Netz zu finden.

Selbst wenn es gelingt, Grenzwertiges aus dem Internet zu nehmen, ist die Gefahr groß, dass die Inhalte nicht lückenlos entfernt werden konnten. Der Google-Zwischenspeicher – „Cache“ genannt – grabscht sich oft die erste Version einer Seite ab. Die schlummert dann unter Umständen für die digitale Ewigkeit im Nirvana des Internets.

Der „digitale Radiergummi“ funktioniert nur bedingt

Für manche ist das gute Gedächtnis des Internets jedoch ein Glücksfall geworden. Es gibt Firmen, die sich auf die Löschung von Internet-Inhalten spezialisiert haben. Mit guten, aber nicht immer herausragenden Ergebnissen, wie ich beim Selbstversuch im Auftrag eines Kumpels festgestellt habe. Offensichtlich gibt es den perfekten digitalen Radiergummi eben immer noch nicht.

Und überhaupt: Facebook? Viel Glück, wenn Sie dort mit 800 Millionen anderen unterwegs sind! Ich bin’s nicht. Mein Feuersessel ist der Blog. Auch nicht ganz ungefährlich, aber überschaubar.

Über Ihren Kommentar zu diesem und anderen Themen freue ich mich sehr. Jetzt erst recht.

Am Nordpol geht die Post ab

Lieber Santa Claus,

Ich weiß, Du hast zurzeit ziemlich viel an der Backe. Aber ich muss heute unbedingt mal den Kids in Deutschland von Dir erzählen. Ich will denen nämlich sagen, dass Du alle, und ich meine ALLE Briefe beantwortest, die sie an Deine Adresse am Nordpol schicken. Nur eins dürfen sie nicht vergessen: Ausreichend Briefmarken drauf und einen Rück-Umschlag mit ihrer deutschen Postanschrift beilegen. Sonst wissen Deine kleinen Helfer ja nicht, wohin sie die ganzen Briefe zurückschicken sollen.

Irgendwo habe ich gelesen, dass Dir 9000 Elfen beim Verschicken der Briefe helfen. Alles Freiwillige. Toll!

Fällt mir gerade ein: Was sind das eigentlich, „Elfen“? Bei uns in Deutschland gibt es zwar das Sandmännchen und Zwerge und Wichtelmänner. Aber Elfen, die Briefe schreiben, die kennen wir hier nicht.

Vielleicht sollte ich den Kids in Germany überhaupt erst einmal erzählen, wer Du bist. „Santa Claus“ kennen die nämlich nur vom Kino und aus der Coca-Cola-Werbung. Wir kennen hier nur den Nikolaus, der am 6. Dezember mit seinem Knecht Ruprecht auftaucht. Und das Christkind, das am 24. Dezember kommt. Und Du? Du bist einfach Santa, der Weihnachtsmann, und brummst immer „HoHoHo“ vor Dich hin. Witzig: HoHoHo heißt ja auch deine kanadische Postleitzahl.

Ton an! Klicken und kucken.

So, jetzt aber die Adresse, an die Dir alle Kinder schreiben können. Sie sollten sich aber beeilen, denn bald ist Schluss mit der Autogrammstunde. Dann sattelst Du deinen Rentierschlitten – und schwupps bist Du im Weihnachtswunderland unterwegs:

SANTA CLAUS

NORTH POLE

H0H 0H0

CANADA

PS: Wundere Dich nicht, wenn Dir jetzt plötzlich Millionen Kinder aus Germany schreiben. Die haben alle in Herberts Blog von Dir gelesen!

Typisch Montréal: Smoked Meat

Wer in Montréal war, ohne bei „Schwartz’s“ gegessen zu haben, hat das vielleicht wichtigste Küchen-Kapitel verpasst. Und das will etwas heißen bei mehr als 5000 Restaurants. Die Spezialität in dem jüdischen Delikatessen-Diner heißt „Smoked Meat“. Und ist, rein kulinarisch, vom schwäbischen Rauchfleisch etwa so weit entfernt wie Münsingen von Montréal.

Bücher wurden über den Diner am Boulevard Saint-Laurent geschrieben und auch in Filmen kommen Frank und seine Truppe vor. Und jetzt noch: „Schwartz’s, The Musical“. Uraufgeführt im ältesten Montréaler Schauspielhaus, dem Centaur Theatre. Nach keinem Restaurant werde ich in Montréal häufiger gefragt als nach „Schwartz’s“. Dabei ist der Diner am Boulevard Saint-Laurent schwer zu übersehen. Vor der Tür warten bei Tag und Nacht lange Menschenschlangen geduldig auf Einlass. Reservierungen? Wo kämen wir denn da hin!

Ein paar Tische, eine Theke. Foto: Ben_Ross

Eigentlich ist „Schwartz’s“ ja gar kein richtiges Restaurant, sondern ein Loch in der Wand mit ein paar Tischen und einer Sitztheke, hinter der sich manchmal verschwitzte, aber fast immer gut gelaunte „Meatcutter“ eine Scheibe nach der anderen abschneiden. Serviert wird das berühmte Sandwich in Roggenbrot. Als Beilagen gibt’s hausgemachte Pommes, eine Salzgurke, Krautsalat oder eingelegte Paprika. Und viel Senf. Typisches Getränk: Cherry Coke. Cola mit Kirschgeschmack. Bärenhunger um Mitternacht? Kein Problem: Schwartz’s ist täglich von 8 bis 00:30 Uhr geöffnet. Samstags sogar bis 02:30 Uhr.

Superstar-Diner als Musical

„Smoked Meat“ ist gepökeltes Rindfleisch und wird nach einem Verfahren hergestellt, aus dem seit der Ankunft der jüdischen Schwartz-Family vor 80 Jahren ein Staatsgeheimnis gemacht wird. Die Coca Cola-Rezeptur ist ein offenes Buch dagegen. Da nützt auch meine Seilschaft mit Frank, dem Manager, nichts. (Frank ist übrigens der gestrenge Herr im Bannerfoto). Obwohl wir uns seit 30 Jahren kennen, hat er mir das Rezept bis heute nicht verraten.

Es wird gemunkelt, das Fleisch werde zuerst geräuchert und anschließend 10 bis 20 Tage und Nächte gepökelt, eingelegt in eben jene mysteriöse Mixtur aus Flüssigkeiten und Gewürzen. Ein bisschen wie Pastrami, aber … naja, Smoked Meat eben. Oder Viande Fumée, wie der Montréaler sagt.

Schwartz’s-Junkies sind leicht von den Touristen zu unterscheiden. Sie wählen bei der Bestellung zielsicher zwischen den drei Varianten: mager, halbfett und fett. Ganz Verrückte bestellen auch mal extrafett. Bei so viel kulinarischer Abenteuerlust empfiehlt es sich jedoch, vorsichtshalber gleich den Notarzt mit einzuladen.

Menschenschlangen bei Wind und Wetter

Das Ambiente bei Schwartz’s ist nichts für schwache Gemüter. Ausschließlich männliche Kellner servieren an Tischen, zwischen die gerade noch das Telefonbuch von Montréal passt. Tischdecke? Würde gerade noch fehlen! Wozu gibt’s denn Papieruntersetzer mit aufgedruckter Speisekarte. Auf den Steinfliesen geht es zu wie im kanadischen Winter. Achtung, Rutschgefahr! Das kommt von den vielen „Extrafett“-Bestellungen. Die Wand ist vollgepflastert mit Zeitungsclips: Rockmusiker und Hollywoodstars, Bestsellerautoren und Politiker – sie alle kucken dir beim Essen zu.

Eine Restaurant-Kritik an der Wand habe ich bisher allerdings nicht entdeckt.