Von Freunden und „Friends“

Ein Leben im Ausland ist ein Leben voller Kompromisse. Das gilt auch für Freundschaften. Wenn einer geht und der andere bleibt, kannst du Freundschaften nur bedingt in dein neues Leben hinüber retten. „Friends“ habe ich in Kanada jede Menge gefunden. Aber was ist schon ein „Friend“ im Vergleich zu einem Freund!

Es gibt sie noch, die „Freunde fürs Leben”. Drei, vier davon sind mir in Deutschland nach meiner Auswanderung geblieben. Dabei hatte ich mir damals fest vorgenommen, mit allen Menschen, die mir etwas bedeuten, für immer und ewig Kontakt zu halten. Doch dann schlüpfen sie dir irgendwann durch das Fischnetz des Lebens. Nicht, weil sie dir nichts mehr bedeutet hätten. Sondern, weil Freundschaften zu verwalten irgendwann zu einem Job wird. Und das kann es ja nicht gewesen sein.

Richtig dicke Freundschaften sind organisch mit dir gewachsen

Mit den richtig guten Freunden ist das anders. Wir mailen uns und skypen und telefonieren und freuen uns, wenn wir uns sehen. An solchen Freundschaften musst du arbeiten, sonst entgleiten sie dir. Richtig dicke Freundschaften sind organisch mit dir gewachsen. Manche Menschen, von denen du als Freund gegangen bist, werden im Laufe der Jahre zu Bekannten. Oder bleiben dir einfach als nette Kollegen im Gedächtnis. Auch sehr schön. Aber Freunde?

Wohl kaum ein anderes Wort der englischen Sprache ist in der direkten Übersetzung so irreführend wie „Friends“. „Friends“ habe ich in Kanada jede Menge. Und auch ein paar richtig gute Freunde. Ein Freund ist einer, dem ich nicht nur die Höhe meines Blutdrucks anvertrauen möchte. Er ist vor allem einer, der sich auch dafür interessiert. Einem „Friend“ erzähle ich gerade noch vom neuesten eBook, das ich zurzeit lese.

Mitleid kriegst du umsonst. Neid musst du dir verdienen.

Ein „Freund“ meldet sich bei mir nicht nur, wenn er gerade eine Telefonnummer braucht. Oder plant, demnächst ein paar nette Tage in Montréal zu verbringen. Er ist immer an deinem Leben interessiert. Und du an seinem. Umgekehrt zuckt ein „Friend“ schon mal innerlich zusammen, wenn ich ihm oder ihr erzähle, dass wir den kanadischen Winter dick haben und deshalb zeitweise nach Mallorca ziehen. So ist das halt mal: Mitleid kriegst du umsonst. Neid musst du dir verdienen.

Jeder meiner kanadischen „Friends“ hat viele andere „Friends“. Meine deutschen Freunde haben dagegen, ähnlich wie ich, nur zwei, drei Freunde. In Kanada hast du einen „Friend“ für den Sport, einen für die Musik, einen weiteren fürs Kino. Und wenn’s hoch kommt noch einen, mit dem du gerne essen gehst, weil er den Unterschied zwischen Ingwer und Zitronengras kennt. Und natürlich kenne ich jede Menge „Friends“, die sich gegenseitig bei Facebook adden.

Und sich irgendwann wundern, dass sie beim Umzug alleine vor gepackten Kisten stehen.

Sprach-Killer unter uns!

Jetzt weiß man also, wer die „Döner-Morde“ auf dem Kerbholz hat. Und der „Pizza-Killer“ von Aschaffenburg hat auch lebenslänglich bekommen. Auch der „Mafia-Mörder“ von Duisburg sitzt hinter Schloss und Riegel. Fragt sich nur, wann endlich der „Sauerkraut-Killer“ geschnappt wird.

Etikette wie diese müssen Menschen mit Migrationshintergrund wehtun. Im kanadischen Journalismus sind solche Diskriminierungen undenkbar. Gut so!

So ein Titel? Undenkbar in Kanada!

Eine Kollegin, die an einem meiner Seminare teilgenommen hat, verfasste neulich einen treffenden Kommentar: Warum eigentlich Döner-Morde?“, schreibt Pinar Abut in der „Welt“-Kompakt. „Nur zwei der zehn  Opfer wurden in ihren Döner-Buden niedergeschossen. Das reicht dennoch nicht aus, diese Morde mit der Bezeichnung Döner-Morde ins Lächerliche zu ziehen.“

Dass die Autorin selbst türkischer Herkunft ist, tut hier nichts zur Sache. Oder sollte nichts zur Sache tun.

Bezeichnungen, die dazu dienen, ein ganzes Volk zu diskriminieren, oder zumindest durch den Kakao zu ziehen, gibt es natürlich auch in Kanada. Aber nur umgangssprachlich und so gut wie nie in der Presse. So wird ein Deutscher in geselliger Runde schon mal als „Kraut“ bezeichnet, oder ein Ukrainer als „Borscht“. Als „Paki“ gilt im Proll-Englisch ein Kanadier pakistanischer Herkunft. Als „Frogs“ werden in Kanada noch immer Franzosen tituliert, weil sie angeblich ihre Froschschenkel so lieben.

Pepsi-Werbung in Québec

Umgekehrt müssen sich meine frankokanadischen Freunde öfter mal anhören, sie seien alle „Pepsis“. Die Schimpfe kommt vor allem aus englischsprachigem Mund – Folge einer Marketing-Kampagne in den 60er-Jahren. Die richtete sich speziell an die als knausrig geltenden Québecer. Der Slogan: „Pepsi-Cola hits the spot. Twelve full ounces, that’s a lot“ (Anm.: Coke-Flaschen beinhalteten nicht 12, sondern nur 7 Unzen) „Twice as much for a nickel, too. Pepsi is the drink for you“. Manche behaupten, Französisch-Kanada habe den „Pepsi“-Titel auch abgekriegt, weil die Québecer lediglich eine Kopie des „real thing“ (in diesem Fall Frankreich) seien.

Afghanen = Kümmel-Mörder? Nicht in Kanada.

In Kingston (Ontario) wird zurzeit gegen eine kanadische Familie verhandelt, die vier Frauen ertränkt haben soll. Immer mal wieder weist die Presse darauf hin, dass die Angeklagten aus Afghanistan stammen. Das ist auch richtig so, vor allem wegen eines möglichen Tatmotivs, das auf „Ehrenmorde“ hinauslaufen könnte. Aber damit ist dann auch schon gut.

Ein Journalist, der die Angeklagten als Kümmel-Mörder bezeichnen würde, hätte seine berufliche Zukunft vermutlich hinter sich.

Schön, als Kraut in so einem Land zu leben.

 

„Outlaws“: Rocker ohne Motorrad

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Ich bin 1949 in Ummendorf geboren, in der Tiefe Oberschwabens. Ich könnte nicht behaupten, dass hier die Post abging. Eine tolle Kindheit hatte ich trotzdem. Hier poste ich ab und zu Erinnerungen an meine Bengel-Zeit.

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Ein Biberacher namens Werner war in den 60er-Jahre Leadsänger bei „The Outlaws“. „Vinzenz“, wie er sich damals nannte, singt noch heute in einer Mundart-Gruppe. „Die alte Zeit“ hat er den „Outlaws“ gewidmet. In dem Song (bitte YouTube-Video anklicken!) ist unter anderem auch von „Hebo“ die Rede. Das bin ich (hinten rechts).  Danke, Vinzenz!

Die Geschichte der Rockband „The Outlaws“ (3): Hardrocker ohne Motorrad

Die Idee für “The Outlaws” stammte nicht von mir, sondern von Goggo. Sein Vater war Arzt, so wie später auch er. Goggos Vater hatte seine Praxis einen Steinwurf vom Gymnasium entfernt. Das war sehr praktisch. Wurde einem von Goggos Freunden mal schlecht, dann konnte es sein, dass Dr. Goggo senior ohne Voranmeldung kurz das Stethoskop ansetzte.

Zuerst hießen wir „Sir Henry and The Outlaws“. Henry, nicht etwa wegen der sechs Frauen, mit denen der spätere König von Irland verheiratet war. Henry hieß eigentlich Heinrich und war unser Leadsänger. Und mein bester Freund. Noch bevor unser kleines Katastrophen-Orchester eine richtige Band war, reisten Henry und ich per Anhalter nach Paris. Auf dem Montmartre und der Place Pigalle traten wir als Straßenmusiker auf. Henry spielte Banjo, ich Gitarre. Wir waren fünfzehn. Oh when the Saints go marching in.

Irgendwann verließ uns Henry und wechselte zur Konkurrenz. Mich machte sein Abschied zwar traurig. Aber irgendwie konnte ich seine Entscheidung verstehen. Ganz ehrlich? Er war einfach zu gut für uns. Seine Gitarrenkünste waren für eine Panikband wie die unsere zu ausgefeilt, fast schon professionell. Er brauchte eine andere Plattform. Die bekam er dann auch bei den „Shouters“. Dass Henry später Musiklehrer wurde und ein gefragter Solo-Violinist war, wunderte mich nicht.

 Zurück blieben also „The Outlaws“. Brave Kleinstadt-Buben mit einem Hang zur Gesetzeslosigkeit. Die ging jedoch nie über die eine oder andere Trunkenheitsfahrt mit dem Moped hinaus. Mehr als eine Narbe am Kinn nach einem Sturz von der DKW konnte ich aus dieser Zeit nicht ins spätere Leben hinüber retten.

Eine Band muss ständig proben. Neue Songs. Neue Texte. Neue Technik. Neue Beats. Unser Übungskeller lag tief in den Eingeweiden eines mittelalterlichen Hauses am Weberberg in Biberach. Eine Kaverne, die manchmal so verraucht war, dass man die Hand nicht mehr vor dem Gesicht sah. „Dr Källr“, wie unser Übungslokal in Biberacher Jungspundkreisen genannt wurde, war Kult. Die Mittwochparties gehörten eine Zeitlang zum Biberacher Sozialleben wie das Schützenfest und der Martinimarkt.

Aber so richtig haben wir den Bogen nie gekriegt. Wir waren die New Kids in der Nachbarschaft – und das blieben wir auch bis zur Auflösung ein paar Jahre später. Die etablierten Biberacher Bands, „The Shouters“, „The Surfers“ und „Les Vedettes“, hatten die richtig guten Gigs. Wir mussten uns mit den Engagements zufrieden geben, die den Großen zu klein waren. Oder die die anderen aus Termingründen nicht wahrnehmen konnten. So ist das halt, wenn man nicht früh genug aufsteht.

Aber wir hatten Fans. Einer von ihnen hieß Uli. Er war es auch, der im Haus seiner Eltern die „GröPaZ“ für uns organisierte, die GrößtePartyallerZeiten. Wie groß? So groß, dass Ulis alter Herr, Jahrgang 1920, noch heute seinem Sohn vorwirft, wir hätten damals ums Haar sein Haus zum Einsturz gebracht.

Unser Repertoire war beachtlich. Wir spielten „Mr. Tambourine Man“, „Poor Boy“, „The House of the Rising Sun“, „Hang on Sloopy“ und „Barbara Ann“ und fast jeden Beatles-Song der damaligen Zeit. Wir spielten nicht nur Beatles, wir atmeten sie auch. Nichts war größer, besser, cooler als John, Paul, Ringo und George. Nächtelang feilten wir an einem Akkordlauf wie bei „Norwegian Wood“. Oder suhlten uns in der Melancholie von „Yesterday“. Und mit jedem Auftritt glichen unsere Frisuren mehr und mehr den Pilzköpfen, durch die „The Beatles“ berühmt geworden sind.

Dass ich George Harisson viele Jahre später persönlich begegnet bin, gehört zu den herrlichen Überraschungen dieser Wundertüte, die sich Leben nennt. Es war bei einem Formel-Eins-Rennen in Montréal. Ich war als Reporter dort. Nach dem Qualifying am Samstag vor dem Renntag saß ich noch mit einem ARD-Kollegen im Ferrari-Bistro an den Boxen. Rennställe schmücken sich gerne mit großen Namen. Jack Nicholson ist mir einmal an der Rennstrecke begegnet und auch Ozzy Osbourne. Auch Tom Cruise ließ sich mal sehen. B-Prominenz im Vergleich zum großen George Harrison.

Der Beatle betrat das Bistrozelt eher unauffällig und ganz allein. Dass er das Renn-Wochenende in Montréal verbringen würde, hatte bereits die Runde gemacht. Würde er sich an unseren Tisch setzen? Und wenn ja:“Wie spricht man denn einen Beatle an?“, fragte ich den Kollegen. „Sag ihm doch“, meinte der ARD-Reporter dann, „dass du auch Gitarre spielst“. Toll. So fängt man also eine Konversation mit einer Legende an? Ein richtiges Tischgespräch wurde nicht aus dieser Begegnung. Aber ein geschichtsträchtiger Moment war es trotzdem: Keine sechs Monate später war George Harrison tot. Scheißkrebs.

Bei den „Outlaws“ wurde nicht nur gesungen. Auch Instrumentals waren Teil unseres Repertoires. „Quartermaster’s Store“ von den Shadows. Oder „Amapola“ von den Spotnicks“. Und auch ein paar Eigenkompositionen. Wir traten im Scotch-Club am ‚Weissen Bild‘ auf, in der Turnhalle von Schweinhausen und in der Tankstellenkneipe in Birkendorf. Manchmal auch in Fischbach, Warthausen, Eberhardzell, Rindenmoos und Bergerhausen. Immer nach dem Motto: Heute gehört uns Ochsenhausen, morgen die ganze Welt!

Einen unserer ersten Auftritte hatten wir in Berkheim im Dorfgasthaus. So jedenfalls war’s geplant. Aber wir spielten vor leeren Reihen. Kein Mensch war gekommen, uns zu hören, nicht eine einzige Person. Erst viel später erfuhren wir: Der Pfarrer hatte der Dorfjugend untersagt, die Veranstaltung zu besuchen. Ein größeres Kompliment für eine Kleinstadt-Band ist kaum möglich.

Die Jahre mit den „Outlaws“ gehören zu den schönsten meines Lebens. Wir waren frei und doch aufgehoben. Gefordert, aber nie überfordert. Vor allem aber waren wir ein bisschen crazy. Der Zeitgeist der sechziger Jahre bestimmte nicht nur unsere Musik, sondern auch unseren Lebensrhythmus.

Rocker ohne Motorrad waren wir. Dafür mit Schlagzeug, Bass, Vocals und zwei Gitarren. Unsere heißen Öfen hießen Framus, Höfner und Echolette. In die Stratocaster-Liga der Edel-Gitarristen schafften wir es nie. Dafür waren wir zu kurz zusammen. Wahrscheinlich fehlte uns dazu auch das nötige Talent. Wir waren eine Spassband, keine Profis.

Irgendwann trennten sich unsere Wege. Der eine studierte, der andere fand einen Job in einer anderen Stadt. Auch mich zog es bald weit weg von Biberach, in die Stuttgarter Gegend, nach Waiblingen. Plötzlich waren die „Outlaws“ Yesterday.

Und weil es zum Star-Status nie gereicht hat, bastelten wir uns eben unsere eigene Legende zusammen. Schließlich waren wir „Outlaws“. Und in den sechziger Jahren die härtesten Rocker östlich von Liverpool. Zumindest aber von Ummendorf.

>>>  Unser Repertoire: Von den Spotnicks bis zu den Stones  <<<    (Danke, Uli!)

Unterricht beim Gitarren-Gott

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Ich bin 1949 in Ummendorf geboren, in der Tiefe Oberschwabens. Ich könnte nicht behaupten, dass hier die Post abging. Eine tolle Kindheit hatte ich trotzdem. Hier poste ich ab und zu Erinnerungen an meine Bengel-Zeit.

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Ein Biberacher namens Werner (links) war in den 60er-Jahre Leadsänger bei „The Outlaws“. „Vinzenz“, wie er sich damals nannte, singt noch heute in einer Mundart-Gruppe. „Die alte Zeit“ hat er den „Outlaws“ gewidmet. In dem Song (bitte YouTube-Video anklicken!) ist unter anderem auch von „Hebo“ die Rede. Das bin ich.  Danke, Vinzenz!

Die Geschichte der Rockband „The Outlaws“ (2): Unterricht beim Gitarren-Gott

Freundschaften kann man nicht forcieren. Man kann sie auch nicht erkaufen. Aber man kann sie, wenn man die Schwachstellen des anderen kennt, begünstigen. Zabrini war der Held meiner Jugend. Ich wollte in seinen Dunstkreis vordringen. Und ich kannte Zabrinis Schwachstelle: Rennräder. Er schmückte sich mit Rennrädern wie andere mit Silberkettchen oder Sonnenbrillen. Mal war es ein zehngängiges Rad, auf dem er mit wehendem Bundeswehr-Parka vorbeiraste, mal ein fünfzehngängiges.

Woher er all die verschiedenen Räder hatte, war mir lange Zeit ein Rätsel. Bis ich ihm auf die Schliche kam: Der große, schnelle Zabrini fand immer jemanden in seiner großen Fangemeinde, der ihm ein Rennrad auslieh. Für einen Tag oder auch mal ein ganzes Wochenende.

Mittelmäßigkeit war nicht Zabrinis Ding. Um in den Dunstkreis dieses außergewöhnlichen Menschen zu gelangen, bedurfte es eines besonderen Planes. Den hatte ich.

Was ich nicht hatte, war ein eigenes Rennrad. Aber ich kannte einen Jungen in meiner Parallelklasse, der das coolste, schönste, schnellste Rennrad besaß, das ich bis dahin gesehen hatte. Fred war, anders als Zabrini, eher unglamourös und bodenständig. Sein Ding war der Sport. Sein ganzer Stolz: Ein nagelneues, blütenweißes Rennrad. Mit 24 Gängen! Das musste selbst Zabrini beeindrucken.

Der Deal, um an dieses Wunderwerk der Fahrradtechnik zu gelangen, war schnell eingefädelt. Ich schenkte Fred die vier Hefte des Gitarren-Fernkurses. Dafür lieh er mir für ein Wochenende sein Rennrad aus. Dass mein erster Weg mit dem Superbike gleich zu Zabrini führen würde, hatte ich Fred natürlich nicht erzählt.

Zabrini werkelte an der Soundanlage in der Garage, die seiner Band als Übungsraum diente. „Schickes Radl“, grinst er mich an. „Kann ich mal?“ Ohne mit der Wimper zu zucken, händige ich Zabrini das Rennrad aus. Als er nach einer Proberunde durch die Altstadt zurückkommt, ist er hellauf begeistert. „Leih ich dir. Aber nur fürs Wochenende.“ Zabrini war ein Mann von Klasse. „Was willste dafür haben?“, will er von mir wissen. „Ein paar Barrégriffe auf der Gitarre. Zeigste mir die?“

Zabrini war von dem Deal nicht weniger begeistert als ich. Wir setzen uns hin, tranken Coca Cola, rauchten Gauloise und jammten einfach drauf los. Nach einer Stunde konnte ich „The House of the Rising Sun“ spielen. Nach einer weiteren „When I’m sixty-four“. Wahnsinn! Und zu allen Songs schrieb mir Zabrini die Akkorde auf. Und die Texte. Ich war wie im Delirium. Endlich hatte ich einen, der mir das Gitarrespiel beibrachte. Dazuhin noch so einen coolen Typen wie den großen Zabrini!

Am Ende unserer ersten Jam-Session drückte er mir eine Elektrogitarre in die Hand. Eine Fender! Mehr geht nicht, wenn deine bisherige Gitarre eine Wanderklampfe ist, zu der du für die höheren Tonlagen einen Schraubstock brauchst, so hart ist sie im Griff.

„Morgen muss ich sie wieder haben, sonst landet dein Bike auf dem Müll“, scherzte Zabrini mit diesem Grinsen im Gesicht, das die Biberacher Mädels so mochten. „Wir haben abends einen Gig im Scotchclub“. Sorgfältig packte er die wertvolle Fender in einen Gitarrenkoffer mit vielen Aufklebern drauf, von Städten und Ländern, die ich höchstens mal mit dem Finger auf der Landkarte berührt hatte. Einen kleinen Verstärker klemmte ich mir unter den Arm. Und während ich auf den Bus wartete, der mich nach Hause bringen sollte, flitze Zabrini an mir vorbei. Sein Bundeswehrparka wehte im Fahrtwind. Das weiße Rennrad stand ihm gut, fand ich.

Der große Zabrini wurde später mein Privatlehrer. Bezahlen lassen wollte er sich den Gitarrenunterricht nie von mir. Aber irgend ein schickes Rennrad war immer mal wieder aufzutreiben.

Aus nichts ist mehr Kapital zu schlagen als aus Wissen. Auch wenn dieses Wissen aus zweiter und dritter Hand kommt, gehört es jetzt dir. Und du kannst damit tun und lassen, was du möchtest. Ich wollte das Wissen, das mir Zabrini vermittelt hatte, zu Kapital machen. So wurde ich zum Gitarrenlehrer. Mein Ziel: So viel Geld verdienen, dass ich mir meine eigene Elektrogitarre kaufen kann. Würde ich die erst einmal haben, stünde einer Band nichts mehr im Wege.

Meine erste Schülerin war Gigs. Sie war erst vor kurzem mit ihrer Familie von Bayern nach Ummendorf gezogen. Gigs hatte meinen Zettel am schwarzen Brett im Rathauseingang gelesen. „Gitarrenunterricht jetzt auch in Ummendorf!“ Bei den Gitarregriffen ist es nicht geblieben. Gigs und ich wurden ein Paar. Später zog sie sogar mit mir nach Kanada, kam aber irgendwann nach einer wilden Odyssee über Mexiko wieder nach Deutschland zurück.

Gut zehn Schülerinnen und Schüler meldeten sich nach und nach zum Gitarrenunterricht bei mir an. So richtig viel konnte ich ihnen nicht beibringen. Es gibt vermutlich wenig Instrumente, mit denen du mit relativ wenig Talent mehr Effekt erzielen kannst als mit der Gitarre. Langsam füllte sich meine Kasse. Irgendwann war es soweit: Ich konnte mir meine eigene Elektrogitarre kaufen. Keine Fender, aber immerhin eine Framus. Aus Dankbarkeit für all die früheren Nettigkeiten kaufte ich dieses wunderbare Instrument im Musikladen Engel.

Jetzt musste nur noch eine Band her.

Mein Held, der Große Zabrini

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Ich bin 1949 in Ummendorf geboren, in der Tiefe Oberschwabens. Ich könnte nicht behaupten, dass hier die Post abging. Eine tolle Kindheit hatte ich trotzdem. Hier poste ich ab und zu Erinnerungen an meine Bengel-Zeit.

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Ein Biberacher namens Werner (2.v.l.) war in den 60er-Jahre Leadsänger bei „The Outlaws“. „Vinzenz“, wie er sich damals nannte, singt noch heute in einer Mundart-Gruppe. „Die alte Zeit“ hat er den „Outlaws“ gewidmet. In dem Song (bitte YouTube-Video anklicken!) ist unter anderem auch von „Hebo“ die Rede. Das bin ich (2.v.r.).  Danke, Vinzenz!

Die Geschichte der Rockband „The Outlaws“ (1): Mein Held, der Große Zabrini

In einem kleinen Zimmer im Keller unseres Hauses, dort wo die Mustertapeten-Bücher lagerten, hing seitdem ich denken kann eine Wandergitarre an der Wand. Sie war hellbraun und sah ziemlich verhauen aus, aber die Zargen und das Schallloch in der Mitte waren mit feinen Intarsien verziert. Der Sattel und die Bundstäbchen waren aus Elfenbein, die Buttons dazwischen aus Perlmutt.

Aber was nützt die schönste Gitarre, wenn man nicht spielen kann? Das Geld zum Gitarrenunterricht hatte ich nicht. Und irgendwo auch keine Lust, mich mit einem älteren Mann in einen fensterlosen Raum zu setzen, um stundenlang ein paar Akkorde zu üben. Dieser fensterlose Raum war mir nämlich jedes Mal ein Gräuel, wenn ich am Biberacher Musikhaus Engel vorbeiging.

Durchs Schaufenster, wo all die Gitarren wie Serano-Schinken von der Decke hingen, sah man Herrn Engel oft mit ernstem Gesicht auf einem unbequemen Stuhl sitzen. Der Schüler oder die Schülerin, die ihm gegenüber auf einem nicht weniger bequemen Holzstuhl saß, blickte noch ernster drein als der Lehrer. Dabei war Herr Engel ein richtig netter Mann, wie ich bei gelegentlichen Besuchen seines kleinen Ladens feststellen konnte. Nur Gitarrenunterricht wollte ich bei ihm nicht nehmen. Und konnte es auch nicht, weil mir dazu das Geld fehlte.

Also brachte ich mir die ersten Griffe selbst bei. Erst klimperte ich nur zaghaft auf Vaters Wandergitarre herum und freute mich tierisch, als ich zum ersten Mal „Junge, komm bald wieder“ nachspielen könnte. Nachspielen deshalb, weil ich mir bei einem von Freddy Quinns Fernsehauftritten ganz genau die Positionierung seiner Finger auf dem Griffbrett gemerkt hatte. Nur die alles entscheidende Akkordfolge D-D7-G beim „… bleib nicht so lange fort“, wollte mir einfach nicht gelingen.

Irgendwann fasste ich mir ein Herz und betrat, ohne etwas kaufen zu wollen, den Musikladen von Herrn Engel und fragte den Besitzer, ob er mir vielleicht die fehlenden Akkorde zeigen konnte. Er war einfach großartig, dieser Mann! Nicht nur, dass er mir die Griffe beibrachte. Er schenkte mir auch eine Tabelle mit allen Akkorden, die ich für Freddy-Quinn-Songs benötigte.

Schon bald konnte ich wie Freddy Quinn spielen. Dann wie Peter Kraus. Caterina Valente und Vico Torriani waren auch ganz weit oben auf meiner kleinen Hitparade. Als ich endlich bei „Ein Loch ist im Eimer, oh Henry, oh Henry“ angekommen war, wusste ich: Es wird Zeit, richtig Gitarre spielen zu lernen. Per Fernkurs.

Diese Art zu lernen war damals ziemlich neu und hat sich nie richtig durchgesetzt. Ich glaube, ich weiß auch warum. Es macht einfach keinen Spaß, gegen ein bedrucktes Blatt Papier anzuspielen. Keine menschliche Stimme, die dir sagt, ob du’s richtig gemacht hast oder falsch. Keine musikalischen Vorgaben, die als Korrektiv dienen könnten. Alles in allem eine sehr anonyme Veranstaltung, so ein Fernkurs. Deshalb bestellte ich die Lieferung nach vier Heften wieder ab. Zu viel mehr hätte mein Taschengeld ohnehin nicht gereicht.

Als dann die braunen DIN-A-4-Umschläge nicht mehr regelmäßig mit der Post ins Haus flatterten, fehlten sie mir doch sehr. Bei Freddy Quinn oder dem Medium-Terzett wollte ich auf keinen Fall stehen bleiben. Was ich brauchte, war ein Lehrer.

Zabrini war vier Jahre älter als ich. Ein verwegener Typ, den in Biberach fast jeder kannte. Erstens, weil er so einen exotischen Nachnamen hatte. Und zweitens, weil er es verstand, sich immer so anzuziehen, dass nicht nur ihm selbst die Haare zu Berge standen, sondern auch allen Erwachsenen im Ort. Seine Frisur war Zabrinis Markenzeichen. „Ich möchte nicht, dass du wie Zabrini rumläufst“, hieß es bei uns zu Hause schon mal. Oder: „Du siehst ja schlimmer aus als Zabrini“.

Dabei war Zabrini, dessen Vornamen nur wenige kannten, ein wunderbarer Kerl. Dass er sommers wie winters einen Bundeswehr-Parka trug, störte mich nicht im geringsten. Im Gegenteil, allein schon dieses unorthodoxe Kleidungsstück unterstrich die Coolness dieses schrägen Vogels.

Konventionen schienen den großen Zabrini nicht zu interessieren. In der großen Pause, als unsereins darauf bedacht war, beim Klassenlehrer durch gutes Benehmen aufzufallen (oder noch wichtiger: beim Hausmeister!), hielt Zabrini ungeniert Hof und philosophierte lautstark, wenn auch nicht immer schlüssig, über Dinge, die in diesem Moment jeder wichtig finden musste, aber wohl keiner so richtig verstand. Am wenigsten Zabrini selbst.

Und immer hatte dieser Zabrini ein Lächeln auf den Lippen. Schlechte Laune schien er nicht zu kennen. Unter seiner Mähne blitzten freundliche Augen hervor, die es vielen Biberacher Mädels angetan hatten. Das weiß ich deshalb so genau, weil ich später schmerzlich erfahren musste, wie Zabrini mir ein Mädel ausgespannt hatte, ehe ich es überhaupt richtig eingespannt hatte. Er war schnell, dieser Zabrini. Nicht nur bei den Frauen, sondern auch, wenn er Gitarre spielte.

Zusammen mit ein paar anderen Jungs hatte er in Biberach eine Band gegründet, die jeder kannte. „The Surfers“ spielten viele Instrumentals, Gesang war eher Nebensache. Zabrini beherrschte die sechs Saiten seiner Gitarre wie kaum ein anderer. Für Zabrini fing die Kunst des Gitarrespiels nicht bei Freddy Quinn oder Peter Kraus an. Er spielte und rockte für Erwachsene: Searchers, Spotnicks, Beatles, Stones, Moody Blues. Zabrini war mein Hero. Mein Leben hätte ich dafür gegeben, wenn mich dieser Gitarrengott in seinen Inner Circle aufgenommen hätte. Aber dafür bedurfte es eines Masterplans.

Und den hatte ich.