38 Grad: Der kleine Unterschied

banner_neuWinter ade. Scheiden tut überhaupt nicht weh. Bei der Ankunft in Palma wird es laut Wetterbericht am Freitag 19 Grad haben. In Montreal auch. Zwischen 19 Plus und 19 Minus liegen 38 Grad. Wenn wir im Mai aus Mallorca zurück kommen, wird es auch in Kanada endlich nach Frühling riechen. Hoffentlich.

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Wetter in Palma

Wer mitten im kanadischen Winter für drei Monate in die Sonne geht, muss erst mal schwitzen und organisieren. Zum Beispiel das leidige Thema „Auslands-Krankenversicherung“. Allein die Kosten dafür hätten leicht für ein Upgrade in die 1. Klasse der Lufthansa gereicht.

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Wetter in Montreal

Hat eigentlich schon mal jemand die Krankenkassen wegen Altersrassismus verklagt? Bist du über 60, langen die Kassen richtig zu. Und wer glaubt, die „Rundumversicherung“ gelte tatsächlich rundum, irrt. Sollten sich bestehende Zipperlein dafür entscheiden, dich plötzlich im Ausland zu plagen: Pech gehabt. Dank einer „Ausschlussklausel“ sind die Kassen aus dem Schneider.

Aber all das ist gut zu ertragen, wenn die Alternative zu Schnee und Eis heißt: Palmen, Sonne, Mittelmeer. Durch die Gnade des Internets haben wir auch auf Mallorca die Möglichkeit, ganz normal unseren diversen Jobs nachzugehen. Nur dadurch wird so ein Tapetenwechsel überhaupt möglich. Auch fremdsprachlich sind wir diesmal besser gerüstet als in den vergangenen fünf Jahren. Dank eines wirklich empfehlenswerten Online-Sprachkurses werde ich hoffentlich nie mehr den Fehler begehen, eine mit Wurst belegte Ensaïmada zu bestellen, wo ich doch gerne die gezuckerte Version gehabt hätte.

Paradies? Schon. Und trotzdem werde ich die Stadt meines Herzens vermissen: Die Montrealer Markthallen, meinen Lieblings-Thailänder, die tollen Kinos, die Freunde, Spaziergänge im Schnee. Obwohl: Tolle Märkte gibt es auch in Palma. Und statt eines Spaziergangs im Schnee tut’s zur Not auch eine Strandwanderung.

Palma, wir kommen!

Das ganze Leben ein Dilemma

Wer lange genug im Ausland gelebt hat, kennt das schon: Fliege ich zur Hochzeit des Freundes? Bin ich beim runden Geburtstag des Bruders dabei? Werde ich bei der „Goldenen“ der Schwester mit an der Festtafel sitzen können? Trauerkarte oder Flugticket, um nach dem Ableben von lieben Menschen sein Mitgefühl auszudrücken?

Kommen oder bleiben – die Entscheidung, die immer wieder aufs Neue gefällt werden muss, ist eigentlich nie eine Herzensangelegenheit, denn das ist ohnehin klar: Man wäre immer lieber dabei. Sie hat fast immer mit Logistik, Aufwand und Terminen zu tun. Und irgendwo auch mit Jetlag und Geld.

Das Herz wohnt seit 30 Jahren in Kanada, hüpft aber noch immer, wenn es Feste in Deutschland zu feiern gibt. Leider bereitet das hüpfende Herz seinem Besitzer dadurch regelmäßig erhebliche Kopfschmerzen.

Das Dilemma: Ich würde gerne, aber …

Klar wäre ich am Wochenende am liebsten bei der Hochzeit eines der engsten Freunde in Köln dabei gewesen. Natürlich möchte ich demnächst mit der Schwester und dem Schwager im Allgäu darauf anstoßen, dass sie es 50 Jahre miteinander ausgehalten haben. Und, ja, auch am Begräbnis des langjährigen lieben Bekannten, der jetzt plötzlich das Zeitliche gesegnet hat, hätte ich vorige Woche selbstverständlich teilgenommen, wenn ich in Köln und nicht in Kanada wohnen würde. Aber weil oft der Wohnort die Umstände bestimmt und nicht das Herz, schiebt sich der Konjunktiv immer häufiger in die Mitte meines Lebens. Ich würde gerne, aber …

Aber was? … aber ich kann nicht Ende August nach Köln und Mitte September schon wieder ins Allgäu reisen, um wenig später – beruflich – ohnehin wieder in Deutschland zu sein. Das Leben als Vielflieger ist nicht nur ziemlich uncool, weil es die Umwelt mit Co2 versaut. Es ist auch sündhaft teuer geworden. Ein Rückflugticket Montréal-Frankfurt ist zurzeit unter 1 500 Dollar kaum zu haben. Und da beim Einsatz von Gratis-Flugmeilen der Staat die Hand mit aufhält, bleiben allein für Steuern, Umwelt-, Sicherheits- und sonstige Abgaben noch 600 Dollar am Besitzer des „miles&more„-Kontos hängen. Dafür opfert man dann 65 000 Flugmeilen. Fair ist anders.

Das Herz hüpft, die Seele möchte feiern

Dazu kommt noch der Störfaktor „Präzedenzfall“. Heute feiert die Schwester goldene Hochzeit, in einem Jahr wird der Bruder siebzig. Unmöglich, bei der einen zu kommen, beim anderen zu bleiben, wo man doch beide gleich lieb hat. Und irgendwo ist da noch der Freund, der im reifen Alter nochmal Vater wird. Wenn das kein Grund zur Freude ist. Und zum Feiern. Und damit zum Kommen. Sorry, geht leider nicht.

Die Seele, freilich, interessiert sich für Gehirnakrobatik wie diese nicht die Bohne. Sie will lediglich dabei sein. Mitfeiern, mitessen, mittrinken, mittrauern. Mitmachen eben.

Kompromisse, wo es keine Lösung gibt

Und weil man niemanden, wirklich niemanden, vor den Kopf stoßen möchte, müssen gelegentlich Kompromisslösungen her. So wie jetzt: Zur Hochzeit des Freundes, der gleichzeitig Patenonkel des Sohnes ist, wurde das Patenkind nebst Freundin in den Flieger nach Deutschland gesetzt. Zur „Goldenen“ reist die Frau an meiner Seite in zwei Wochen ausnahmsweise alleine nach Deutschland. Und erfüllt sich damit gleich noch einen anderen Herzenswunsch: Dabei sein, wenn der Grundschuljahrgang ein rundes Jubiläum feiert.

Frau lebt schließlich nur einmal.

Reporter-Einsatz in Afrika

Manchmal genügen eine kleine Geste, eine kurze Mail, um an seine Anfänge erinnert zu werden. Mein Kumpel Klaus meldet sich eben aus Hammamet in Tunesien. Osterurlaub mit Frau und Kids. Weg vom Berliner Winter, der sich Frühling schimpft. Was Klaus nicht wissen kann: Meine allererste Auslandsreise als Journalist führte mich ebenfalls nach Hammamet. Das war 1969.

„Geh da hin!“, hatte Chefredakteur Richard Retter entschieden. Wer 20 ist und sich seine Sporen als Journalist erst noch verdienen muss, lässt sich nicht zweimal bitten, nach Afrika zu reisen. Auch wenn es nur Nordafrika ist, klang es ungemein exotisch, fern und fremd: Tu-ne-si-en! „Warum Tunesien?“, will ich vom Chef wissen. „Die bauen dort unten ein Hotel nach dem anderen und hoffen auf den großen Durchbruch im Tourismus“.

Aber was hatte ein Lokalredakteur ausgerechnet in Tunesien zu suchen? Die Wahrheit ist: Nichts. Aber der beste Chef, den ich je hatte, war nicht nur ein glänzender Journalist. Er war auch Stratege durch und durch. Mit Gesten wie diesen verstand es Richard Retter, Nachwuchsjournalisten bei Laune zu halten. So war die Afrikareise ein Ausgleich für viele, oft gähnend langweilige Stadtratssitzungen und andere Abendtermine, die so ein Jungredakteur über sich ergehen lassen muss.

Du bist jung und du willst reisen

Was der alte Fuchs eher nebenbei erwähnte, mich aber nicht weiter störte: Die Auslandsreise kostete den Verlag keinen Pfennig. Ein Reiseveranstalter hatte eine Handvoll Journalisten eingeladen, die Werbetrommel zu rühren. Heute ein höchst verwerfliches Unterfangen, weil Kommerz und objektiver Journalismus nicht zusammen passen. Aber du bist jung und hast kein Geld. Und du willst reisen. Wo ist das Problem?

Die Trip von Stuttgart nach Hammamet war meine erste Flugreise überhaupt. Aber ich würde einen Teufel tun, meine Flieger-Premiere durch unsicheres Jungspund-Verhalten an die große Glocke zu hängen. Cool sein galt auch damals schon als cool. Nur hieß es damals noch „modern“, oder „fortschrittlich“. Cool im Sinne von cool war noch weit weg. Ich hatte übrigens nicht den Eindruck, dass die anderen Mitreisenden in dieser fliegenden Sardinenbüchse schon mal geflogen waren. Aber auch sie beherrschten die Spielregeln des Weltbürgers vom Lande perfekt. Fliegen? Pah! Jede Woche. Mindestens. Ach was, täglich!

Am Strand von Hammamet 1968 © Bopp

An die Ankunft in Hammamet erinnere ich mich aus zweierlei Gründen noch sehr genau. Zum einen war es heißer als ich es je zuvor erlebt hatte. So heiß, dass selbst das tunesische Begrüßungskommitee unter den schneeweißen Kaftans schwitzte. In besonders schöner Erinnerung geblieben ist mir jedoch der Song, der zur Begrüßung der Tourismus-Pioniere aus dem Schwabenländle gespielt wurde. Eine Band, für die am Flughafen eigens eine kleine Tribüne aufgebaut worden war, spielte „In The Summertime“ von Mungo Jerry. Einen cooleren Sommerhit hatte ich bis dahin nie gehört. Und möglicherweise auch danach nicht.

Zur Begrüßung: Jasminsträuße und Mungo Jerry

Alles passte. Auch die tunesischen Mädchen, die Touristen und Journalisten mit Jasmin-Sträußchen begrüßten. Und die Jungs, die, als würde Mungo Jerry alleine seiner Aufgabe nicht gerecht, unentwegt ihre Bongos traktierten. (Von denen ich später, natürlich, ein Exemplar als Souvenir mit nach Hause nehmen würde).

Das erste Hotel, das es zu testen galt, war eine Ansammlung von kleinen Bungalows, unweit vom Strand. Theoretisch hätte man bei klarer Sicht bis nach Sizilien sehen müssen. Aber was ist schon Sizilien/Europa gegen Hammamet/Afrika. Das zweite Hotel war ein für damalige Verhältnisse ziemlich ungehobeltes Stück Architektur, ein Klotz von einem Betonbau, wie sie später noch zigtausendfach an jedem Strand der Welt aus dem Boden gestampft wurden.

Im Hotel Nummer eins unterschied sich das Essen nur in Details von dem, was ich bis dahin kannte. Es wurden zwar weder Spätzle noch Maultaschen serviert, aber Spaghetti, Steak und allerlei Hirse- und Gemüsesorten. Kein Kartoffelsalat. Im zweiten Hotel gab es jeden Tag drei Speisen zur Auswahl: Lamm mit Reis, Lamm mit Couscous und gegrilltes Lamm. Dabei war Ostern längst vorbei.

Mit dem Landrover in Richtung Libyen

An irgendeinem dieser glühend heißen Wüstentage stand ein verbeulter und auch sonst arg geschundener Landrover vor dem Hotel. Der Reiseveranstalter hatte den 4Wheeler einigen Journalisten zur Verfügung gestellt. Zusammen mit ein paar Kollegen ging es durch die Wüste, nach Nabeul, und weiter in Richtung Libyen. Irgendwann fing die Wüste an zu leben. Am Rand der staubigen Schotterstraße tauchten Kamele auf, eine ganze Herde davon. Armin, an diesen Namen erinnere ich mich noch genau, Armin aus Nürnberg stand auf die Bremse. Keiner von uns hatte je zuvor Kamele in der freien Wildbahn gesehen.

Wir ließen den Landrover am Straßenrand stehen und machten uns zu Fuß in Richtung Savanne auf, wo die braunen Riesen gemächlich Wasser zu sich nahmen. Gänsehaut! Das Gefühl, das mich beim Anblick dieser Kolosse beschlich, ist noch am ehesten vergleichbar mit dem erregten Schaudern, das viele Jahre später der erste Grizzlybär im Yukon bei mir auslöste.

Schlachtruf der Wüstenkinder: „Chiclets! Chiclets!“

So fasziniert waren wir von diesen Wüstenschiffen, dass keiner von uns den Jeep im Auge behalten hatte, der uns wieder nach Hammamet zurück bringen sollte. Hatten wir uns wenige Minuten zuvor noch mitten in der Wüste wie die einzigen Erdbewohner gefühlt, so wurden wir jetzt Zeuge eines kleinen Menschenauflaufs: Ein Dutzend Kinder oder mehr hatten sich Zugang zum offenen Landrover geschaffen. „Chiclets! Chiclets!“, tönte es jetzt wie ein Schlachtruf aus dem Mund der Kinder. Kaugummi wollten sie haben. Als hätte jeder Weiße eine Tasche voll Pfefferminzgummi in petto.

Den Chiclets-Chor habe ich nie vergessen. Noch heute stecke ich mir ein paar Packungen Kaugummi in die Tasche, wenn ich in abgelegenen Gegenden unterwegs bin. Und als Schlachtruf habe ich „Chiclets! Chiclets!“ zum letzten Mal vor einigen Jahren in Kuba wieder gehört. Aber kein Kamel weit und breit.

Von Freunden und „Friends“

Ein Leben im Ausland ist ein Leben voller Kompromisse. Das gilt auch für Freundschaften. Wenn einer geht und der andere bleibt, kannst du Freundschaften nur bedingt in dein neues Leben hinüber retten. „Friends“ habe ich in Kanada jede Menge gefunden. Aber was ist schon ein „Friend“ im Vergleich zu einem Freund!

Es gibt sie noch, die „Freunde fürs Leben”. Drei, vier davon sind mir in Deutschland nach meiner Auswanderung geblieben. Dabei hatte ich mir damals fest vorgenommen, mit allen Menschen, die mir etwas bedeuten, für immer und ewig Kontakt zu halten. Doch dann schlüpfen sie dir irgendwann durch das Fischnetz des Lebens. Nicht, weil sie dir nichts mehr bedeutet hätten. Sondern, weil Freundschaften zu verwalten irgendwann zu einem Job wird. Und das kann es ja nicht gewesen sein.

Richtig dicke Freundschaften sind organisch mit dir gewachsen

Mit den richtig guten Freunden ist das anders. Wir mailen uns und skypen und telefonieren und freuen uns, wenn wir uns sehen. An solchen Freundschaften musst du arbeiten, sonst entgleiten sie dir. Richtig dicke Freundschaften sind organisch mit dir gewachsen. Manche Menschen, von denen du als Freund gegangen bist, werden im Laufe der Jahre zu Bekannten. Oder bleiben dir einfach als nette Kollegen im Gedächtnis. Auch sehr schön. Aber Freunde?

Wohl kaum ein anderes Wort der englischen Sprache ist in der direkten Übersetzung so irreführend wie „Friends“. „Friends“ habe ich in Kanada jede Menge. Und auch ein paar richtig gute Freunde. Ein Freund ist einer, dem ich nicht nur die Höhe meines Blutdrucks anvertrauen möchte. Er ist vor allem einer, der sich auch dafür interessiert. Einem „Friend“ erzähle ich gerade noch vom neuesten eBook, das ich zurzeit lese.

Mitleid kriegst du umsonst. Neid musst du dir verdienen.

Ein „Freund“ meldet sich bei mir nicht nur, wenn er gerade eine Telefonnummer braucht. Oder plant, demnächst ein paar nette Tage in Montréal zu verbringen. Er ist immer an deinem Leben interessiert. Und du an seinem. Umgekehrt zuckt ein „Friend“ schon mal innerlich zusammen, wenn ich ihm oder ihr erzähle, dass wir den kanadischen Winter dick haben und deshalb zeitweise nach Mallorca ziehen. So ist das halt mal: Mitleid kriegst du umsonst. Neid musst du dir verdienen.

Jeder meiner kanadischen „Friends“ hat viele andere „Friends“. Meine deutschen Freunde haben dagegen, ähnlich wie ich, nur zwei, drei Freunde. In Kanada hast du einen „Friend“ für den Sport, einen für die Musik, einen weiteren fürs Kino. Und wenn’s hoch kommt noch einen, mit dem du gerne essen gehst, weil er den Unterschied zwischen Ingwer und Zitronengras kennt. Und natürlich kenne ich jede Menge „Friends“, die sich gegenseitig bei Facebook adden.

Und sich irgendwann wundern, dass sie beim Umzug alleine vor gepackten Kisten stehen.