Ich liebe meine Bananen(republik)

Bei „hart aber fair“ mit Frank Plasberg ging es neulich mal wieder um Griechenland. Eine ziemlich resolute Frau, die seit einigen Jahren in Athen lebt, berichtete aus ihrem ziemlich desolaten Alltag. Der hörte sich verdammt nach Quebec an.

Die Frau erzählte, wie in Athen irgendwann der Strom ausfällt und keiner weiss, wann er wieder zurück kommt. Wie Bettler im Müll nach Nahrung suchen. Wie Schmiergeld den Reichen hilft, nicht aber den Armen. Wie Jugendliche einer beruflich unsicheren Zukunft entgegen sehen. Wie die Infrastruktur bröckelt. Quebec eben.

Schmieren. Bestechen. Schieben. Morden.

Nur gibt es in der kanadischen Provinz, in der ich lebe, keinen Euro-Rettungsschirm, unter den man sich flüchten könnte. Dafür flüchtet man sich in Ausreden: Der extrem kalte Winter, die extrem starke Auslastung der Straßen, die extrem teuren Reparaturen. Nur manchmal fällt in politischen Diskussionen das wahre Extrem, das hinter der desaströsen Infrastruktur Quebecs steckt: Korruption. Baufirmen, viele von ihnen in der Hand der italienischen Mafia, schmieren, bestechen, bescheissen, verschieben. Manchmal lassen sie auch morden.

Die Kreuzung hängt am eisernen Faden

Kurz vor meinem Abflug von Kanada nach Köln musste eine der wichtigsten Kreuzungen in Montreal gesperrt werden. Ein zweieinhalb Meter tiefes Loch in der Straße hatte sich über einem Abfluss-System aufgetan, das aus dem Jahr 1876 stammt. Einfach so. Das war vor gut zwei Wochen. Das Loch ist immer noch nicht gestopft. Inzwischen hat sich ein paar hundert Meter von Loch 1) Loch 2) gebildet. Lediglich ein Stück Schiene halte die Straßendecke noch zusammen, lese ich eben im Netz. Die Schiene war mal eine Straßenbahnschiene. Die letzte Straßenbahn fuhr in Montreal 1959. Kein gutes Gefühl, sich auf ein Stück Metall zu verlassen, das 53 Jahre alt ist.

Immerhin: Für die Sprachenpolizei ist Kohle da

Dass Brücken bröckeln, Straßen sterben und Türme torkeln hat vor allem mit Geld zu tun. Dafür gibt es in der Provinz Quebec angeblich zu wenig. Schon klar: Der Wasserkopf, der sich Behörde nennt, muss ja irgendwie finanziert werden. Wieder so eine Parallele zu Griechenland: Auch dort arbeitet ein Großteil der Bevölkerung beim Staat. Nur eins gibt es vermutlich selbst in Griechenland nicht: eine Sprachenpolizei. Die klopft in Quebec jedem Geschäftsinhaber auf die Finger, der sich erdreistet, seine Waren nur auf Englisch, aber nicht auf Französisch auszuschildern. Eben lese ich: Die Daumenschraube soll wieder angezogen werden. Bei Vergehen gegen die Sprachengesetze drohen Geldstrafen von 25 000 Dollar oder mehr.

Und trotzdem: Ich liebe dieses verrückte Quebec!

Die Frau, die im ARD-Fernsehen so mutig über ihre adoptierte und doch so geliebte Heimat Griechenland redete, war verzweifelt. Es sei manchmal schwer auszuhalten, wie dort gewirtschaftet werde. Einer der Panelisten bei „hart aber fair“, der stellvertretende BILD-Chefredakteur Blome, nannte das Kind irgendwann beim Namen: „Entwicklungsland“. Zu Deutsch: Bananenrepublik.

Das würde ich von meinem geliebten Quebec nie behaupten, geschweige denn von Kanada. Schließlich wachsen hier weit und breit keine Bananen.

Befreier mit Pistolen-Logo

Der Sender, für den ich zurzeit arbeite, ist ein guter Sender. Er gehört zu den größten in Europa, sein Einfluss ist enorm. Politisch, kulturell, auch medienpolitisch. Wer für diesen Sender arbeiten darf, kann sich glücklich schätzen. Die Bedingungen sind hervorragend, die Lage ist beneidenswert. An klaren Tagen winkt ein 157 Meter hoher Dom in den Seminarsaal. So macht arbeiten Spaß. Wenn man nicht gerade im Aufzug steckt.

Manchmal gebärdet sich dieser Sender wie ein fetter, satter Elefant. Zum Beispiel bei technischen Problemen. „Der Technik-Support steht Ihnen jederzeit zur Verfügung“, sagt mein Chef beim Sender. Jederzeit. Nur nicht sonntags vor 13 Uhr. Diese Erfahrung musste ich neulich im Aufzug machen. Der steckte nämlich fest. Wie damals in New Orleans. Nur ist es diesmal morgens um zehn. An einem Sonntag. In einem ausgestorbenen Bürohochhaus.

Die Code-Karte, die mich zu Vorbereitungen in den Seminarsaal bringen soll, erkennt der Aufzugsleser also erst ab 13 Uhr an. Warum nicht früher? Weil offenbar bisher kein Seminarleiter auf die Idee gekommen war, den Sonntag-Vormittag mit Vorbereitungen im Lehrsaal zu verbringen.

Beim dritten Versuch, dem Lift meinen Wunsch nach einer Beförderung mitzuteilen, schließt sich sanft die Aufzugstür, der Deckenlautsprecher fängt an zu kreischen. „Achtung!“, knarrt es, „Sie befinden sich im Sicherheitsbereich eines großen deutschen Senders mit drei Buchstaben und einem Firmenlogo, das aussieht wie eine blaue Pistole!“ Oder so ähnlich. Ob man mich bitte aus dem Sicherheitsbereich retten könne, frage ich die Gegensprechanlage. „Das kann dauern“, bellt der Lautsprecher zurück, „heute ist Sonntag“. Danke, das wusste ich bereits.

Ich bin jetzt Gefangener eines der größten Kommunikationsunternehmens  Europas. Nur versteht mich leider niemand, keiner hilft mir. Eingesperrt. Verlassen im Verlies. Wie Julia Timoschenko. Ich könnte jetzt eigentlich einen Hungerstreik antreten. Aber es würde keinen interessieren. Außerdem würde es bei meiner Statur Monate dauern, bis es jemandem auffällt.

Im Aufzug kommen einem wichtige Erkenntnisse, wie: Ich hätte beim Frühstück weniger Kaffee trinken sollen. Oder: Irgendwann kaufe ich mir ein Handy, das auch im Aufzug funktioniert. Nach 15 Minuten oder 15 Stunden, ich weiß es nicht mehr genau: Schritte auf dem Flur. Ein kleiner Mann mit Sonnenbrille vor dem Immigrationshintergrund öffnet die Aufzugstür von außen. Einfach so. Ich möchte ihm um den Hals fallen. Aber er hat die Sonntagszeitung unter den Arm geklemmt und eine Sonnenbrille im gegeelten Haar. Ich darf ihm nicht nahe kommen, es würde ihn stören. Ich kenne diesen Typ Mann.

Nun beschimpft mich der gegeelte Hausmeister auch noch. Das machen Menschen gerne, die eine Unform, eine Sonnenbrille im Haar und ein Pistolenlogo mit Namensschild auf der Brust tragen. Ob ich nicht wüsste, dass der Kartenleser an Sonntagen erst ab 13 Uhr zu benützen sei?!

Jetzt weiß ich es. Necat hat es mir gesagt. Necat ist der Mann mit dem eingestickten Schriftzug seines schönen Namens auf seinem Arbeitsanzug, direkt unter dem Pistolenlogo. Necat ist der Mann des Tages, er ist mein Hero, mein Sonntagskind. Er hat mich aus der Gefangenschaft befreit.

Später erfahre ich: Wer Necat heißt, ist verdammt noch mal verpflichtet, Menschen in misslichen Situationen zu helfen. Necat, recherchiere ich im Namens-Wiki, heißt nämlich „die Befreiung“.

Geständnis kurz vor Amsterdam

Nach fünf Stunden Smalltalk kommt mein Sitznachbar endlich zur Sache. Man könnte auch sagen: Eine Stunde vor der Landung in Schiphol knickt er ein: Kanadische Umweltpolitik? Katastrophe! Wirtschaftspolitik? Schrecklich! Gesundheitswesen? Völlig überfordert! Schulpolitik: Hinterwäldlerisch. Gesamturteil: „Wir haben zurzeit die schlechteste Regierung der kanadischen Geschichte“. Stammtischparolen? Nicht wirklich. Der Mann ist Wirtschaftswissenschaftler und arbeitet für die Regierung in Ottawa.

Dass mein Nebensitzer im Flugzeug für diese desaströse Bestandsaufnahme seine (nicht mitreisende) Ehefrau als Zitatgeberin heranziehen musste, sei ihm verziehen: Der Herr am Fenster steht bei genau dieser Regierung, an der er kein gutes Haar lässt, in Lohn und Brot. Als Ökonom ist er Mitglied eines Thinktanks und für kanadische Förderprojekte in den Westprovinzen Manitoba, Saskatchewan, Alberta und British Columbia zuständig.

Wenn der Sitz im Flieger zum Beichtstuhl wird

Auf Langstreckenflügen geht es schon mal ins Eingemachte. Da werden Kinder über den grünen Klee gelobt („Also der Alex, der ist jetzt zum dritten Mal hintereinander Schulsprecher geworden, wohlgemerkt SCHULsprecher, nicht zu verwechseln mit dem Klassensprecher!“) Oder die Schwiegermutter wird der Flugangst bezichtigt („Sonst würde ich sie gerne mal auf Geschäftsreise mitnehmen“). Ab und zu passiert es, dass man sich mit Mitreisenden anfreundet. Oder dass über den Wolken politisiert wird auf Teufelkommraus.

So wie jetzt beim jüngsten Transatlantikflug. Mein Nebensitzer, gebildet, Doktortitel, weltgereist, patent, leise, ziert sich zunächst, auf meine Seitenhiebe gegen die Regierung in Ottawa einzugehen. Den Konservativen seien die Hände gebunden, sagt er, die hätten von der liberalen Vorgänger-Regierung ein riesiges Schuldenpaket übernommen. Und überhaupt: So einen schlechten Job mache Premierminister Harper, sein Chef also, nun auch wieder nicht.

Der Mann an meiner Seite ist ein schlechter Lügner

Irgendwann, nach fünf Stunden Schönwettergeplänkel, platzt es aus ihm heraus. Er dürfe seinen Arbeitgeber zwar nicht in die Pfanne hauen. Aber er sei sich mit seiner Frau eigentlich immer einig. Und die werde nicht müde zu sagen, was für eine jämmerliche Politik da zurzeit in Ottawa Politik gemacht. Der Ausstieg aus Kyoto habe Kanada umweltpolitisch um Lichtjahre zurückgeworfen. Unfassbar, wie ein Umweltminister diese Entscheidung treffen könne, der früher, als Fernsehjournalist, vor der sich damals schon abzeichnenden Erderwärmung warnte und mit dem Kyoto-Ausstieg dann genau das Falsche tat. Und dass Kanada, die Wiege von Greenpeace, gerade mal eine einzige grüne Abgeordnete im Parlament habe, sei ein Skandal.

Lehrer: Gut gemeint, schlecht motiviert

Nur: Wo anfangen mit der Bewusstseinsbildung bei den Leuten? In den Schulen natürlich. Leider arbeiten dort, so mein Sitznachbar, zwar engagierte, aber oft schlecht ausgebildete und entsprechend schwach motivierte Lehrer. Was wiederum an den finanziellen Möglichkeiten der Provinzen liege, die für das Schulwesen in Kanada zuständig sind.

Und jetzt noch Stephen Harpers zögernde Haltung zu Europa: Entwicklungshilfe sei für arme Länder. Reiche Staaten bräuchten kein Almosen, sagte er neulich in einem CBC-Interview. Illoyaler geht’s nicht.

Die Kinder fragen: „Warum bist du noch dabei?“

Seine Kinder, gestand mir mein Nebensitzer, würden ihn immer wieder fragen, warum er, der Wirtschaftswissenschaftler mit britischem Hochschulabschluss, angesichts dieser politischen Entscheidungen der Regierung Harper noch immer die Stange halte. Ja, warum eigentlich? „Weil mir der Job trotz allem Spaß macht“, sagt mein Mitflieger. Und weil er die Hoffnung noch immer nicht aufgegeben habe, er könne etwas bewegen und die Regierung in Ottawa werde doch noch zur Vernunft kommen.

Wenn schon nicht die Regierung, dann zumindest die Wähler. Die nächsten Wahlen sind erst in drei Jahren. Leider.

 

Der „Schlächter von Montréal“ und die deutsche Gründlichkeit

Traurig, aber so ist es: Ausgerechnet einer der scheußlichsten Kriminalfälle der kanadischen Geschichte hat Deutschland nach langer Zeit endlich mal wieder positive Schlagzeilen in Kanada beschert. Die Festnahme des „Schlächters von Montreal“ in einem Berliner Internetcafé wird hier als eine großartige Leistung der deutschen Polizei gewürdigt.

Es ist in den letzten Monaten und Jahren nicht allzu oft passiert, dass Deutschland in den kanadischen Medien richtig gut weg kam. Da ist das Euro-Fiasko, das viele Kanadier, vor allem solche griechischer Abstammung, den Deutschen gerne in die Schuhe schieben. Dann das jahrelange Auslieferungs-Spektakel um den Waffenhändler Karlheinz Schreiber. Und auch die Neverending Story von den bösen deutschen Tierschützern, die neufundländischen Robbenjägern den Garaus machen wollen, sitzt tief. Für viele Kanadier geht es bei der Jagd auf Seehunde nicht um animalische Grausamkeiten sondern ums blanke Überleben einer gebeutelten Zunft.

Und jetzt kommt ausgerechnet ein Scheusal namens Luka Rocca Magnotta (29) und bringt Deutschland in der öffentlichen Meinung nach vorn. Der Kanadier war am Montag in einem Internetcafé in Neukölln von beherzten Polizeischülern und einem Gruppenführer festgenommen worden, als er, ganz der Narziss, im Netz nach Stories über sich suchte.

Magnotta, ein Porno-Darsteller mit einer jämmerlichen Vergangenheit, hatte vor etwas mehr als einer Woche einen in Montréal lebenden chinesischen Studenten vor laufender Webcam mit einem Eispickel erstochen, zerstückelt und Körperteile per Postsendung an zwei politische Parteien in Ottawa verschickt. Seit gestern gilt als fast sicher, dass er eine abgetrennte Hand und einen Fuß auch an zwei Schulen in Vancouver versandt hat.

Ein halber Tag Schwarz-Rot-Gold für den deutschen Fahndungserfolg in Berlin

Von Montréal aus war Magnotta nach der Tat zunächst nach Paris geflüchtet und von dort mit dem Bus nach Berlin gefahren. Dort wähnte er sich sicher genug, um sich in ein Internetcafé zu begeben, um stundenlang zu surfen. Dem Café-Besitzer Kadir Anlayisli ist es zu verdanken, dass der mutmaßliche Mörder und Kannibale Magnotta geschnappt wurde. So groß ist die Verehrung vor den deutschen, speziell den Berliner Strafverfolgungsbehörden, dass der Fernsehsender CTV auf seiner Internetseite über dem Bericht zum Fahndungserfolg in Berlin einen halben Tag lang die deutsche Flagge wehen liess. Derweil wurde die Montréaler Polizei nicht müde, die Gründlichkeit der deutschen Kollegen zu würdigen.

In Talkshows und Internetforen wird seither die „German Efficiency“ gelobt. Die Präzision, mit der die Polizeikadetten bei der Festnahme vorgegangen seien, wird gerühmt. Dass der Fahndungserfolg im Grunde genommen nicht der Polizei, sondern der Wachsamkeit eines Mannes namens Kadir Anlayisli zu verdanken war, wird zwar auch gewürdigt. Aber die offizielle Version heisst: Deutschland hat mal wieder alles im Griff. Oder so ähnlich.

Nicht so gut schneiden bei diesem Trauerspiel übrigens die Franzosen ab. Die hatten den Killer zwar während seines Paris-Aufenthalts observiert, ihn dann aber wieder aus den Augen verloren.

So schön kann Liebe sein!

Nach diesem Video geraten Millionen Männer in aller Welt in Zugzwang. Wie ist so ein Heiratsantrag noch zu toppen? Isaak Lamb aus Portland/Oregon hat auf eine wohl einmalige Art um die Hand seiner Freundin Amy angehalten.

Vor ein paar Tagen hatte Isaak die Frau seiner Träume zum Haus seiner Eltern gebeten. Dort setzte Isaaks Bruder der ahnungslosen Freundin im offenen Kofferraum eines SUVs einen Kopfhörer auf. Zu dem Song „Marry You“ von Bruno Mars fährt das Auto langsam durch die Straße, während nach und nach Dutzende Freunde und Verwandte tanzend und singend zu der Straßenparade stoßen.

Es wurde ein Feelgood-Event der besonderen Art daraus. Sehen Sie selbst. Es lohnt sich. Mehr als zehn Millionen YouTube-User waren auch dieser Meinung.