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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Liebeserklärung an mein Hotel

My Hotel is my Castle. Zumindest, wenn ich auf Geschäftsreise bin. Das Hotel, das mir mein Auftraggeber nun schon seit zehn Jahren immer dann bucht, wenn ich in Köln zu tun habe, ist nicht das erste Hotel am Platze. Aber es hat einen besonderen Platz in meinem Herzen. Der Empfangschef kennt meinen Namen. Und wenn mir die Nase läuft, stellt mir die Frühstückskellnerin einen Obstteller ins Zimmer.

In diesem Hotel habe ich schon viele Monate vebracht, rechnet man alle Aufenthalte zusammen. Dass die Wasserspülung gelegentlich hängt und der Heizkörper Klopfgeräusche von sich gibt, stört mich nur ein bisschen. Das Foyer meines Hotels ist vollbehängt mit Fotos aus vergangenen Zeiten. Peter Kraus und Conny Froböss waren schon hier. Auch Bill Ramsay und Peter Frankenfeld haben ihr handsigniertes Konterfei hinterlassen. Sogar der große Kulenkampff ist hier schon abgestiegen. Und selbst Roy Black muss sich irgendwann mal ins weisse Hotelbett gelegt haben. Aber das ist lange her. Schlafe ich heute Nacht in einem Bett, in dem sich schon Caterina Valente geräkelt hat?

Teller voll? Einer geht immer noch drauf!

Ich liebe also mein kleines Hotel. Was mich dagegen tierisch nervt, sind Gäste, die ihre Teller beim Frühstücksbüffet mit solchen Bergen Schinken und Rührei beladen, dass regelmäßig Wursträdchen auf den Teppich fallen. Wenn dann noch mehrere Scheiben Brot und eine halbe Gallone frisch gepresster Orangensaft auf dem Tisch zurück bleiben, macht mich das rasend und auch ein wenig traurig. Oft verhalten sich ja gerade solche Gäste so rücksichtslos, die aus Regionen kommen, wo nicht gerade die Reichsten leben.

Was mir dagegen gut gefällt an meinem Hotel, ist die Lage. Es liegt mitten im Zentrum von Köln, mittiger geht’s nicht. Rechts der Dom, links die Funk- und Fernsehstadt WDR. Dazwischen Köln, wie es leibt und lebt. Nur zweimal habe ich mein Hotel verflucht. Einmal während der Fußball-Europameisterschaft und dann noch während des Karnevals. „Kannst du bitte das Fenster zumachen, solange du mit mir telefonierst? Ich versteh ja kein Wort!“, hatte mich Lore während eines Telefonats aus Kanada gebeten. Ich musste meine Frau enttäuschen: Die Fenster meines Hotelzimmers waren zu. Und den Höllenlärm, der morgens um zwei noch draußen herrschte, konnte man nur schwer auszuhalten.

Berühmt – aber leider kennt sie niemand

Toll finde ich, dass ich in meinem Stammhotel andere Stammgäste treffe. Einen Dirigenten aus Wien, zum Beispiel, der gelegentlich das WDR-Symphonieorchester leitet. Oder einen „Tatort“-Pathologen, den jeder an seiner Vollglatze erkennt. Oder einen Fernsehmoderator, den jeder schon gesehen hat, aber dessen Namen sich keiner merken kann. Und dann die Sprecherin, die immer die Presseschau im Radio vorliest. Herrlich, wie sie ihre Stimmbänder morgens mit Lindenblütentee und Honig ölt. Sie zelebriert die Stimmpflege so unübersehbar öffentlich, dass Jeder weiß: Diese Frau ist stimmlich in wichtiger Mission unterwegs. Und bestimmt ist sie total berühmt.

Schon doof, wenn man als eitler Mensch beim Radio arbeitet, wo die Stimme kein Gesicht hat.

TV-Nachrichten splitternackt

Wenn ich auf Reisen bin, kann ich leider nicht täglich bloggen. Deshalb der Griff ins Archiv. Hier finden Sie von Zeit zu Zeit die Textversion meiner Hörfunk-Reportagen. Die Manuskripte wurden nicht aktualisiert!

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TORONTO / ONTARIO

Diane ist von Beruf Sprechstundenhilfe und liebt Katzen. Carmen verdiente bis vor kurzem noch als Modefotografin ihren Lebensunterhalt. Holly ist Jazz-Tänzerin mit einem Faible für Bücher. Victoria unterrichtet Yoga. Eines haben die vier Frauen gemeinsam: Sie sind jung, sie sind schön – und sie können gut reden. Mehr noch: Sie können gut reden während sie sich splitternackt ausziehen.

Denn Multi-Tasking ist Grund-Voraussetzung beim Internet-Service Naked-News. Die Moderatorinnen entblättern sich, während sie die Nachrichten verlesen – gelegentlich ein bisschen holprig.

Beim Erdbeben greift sich die Dame an die Bluse, bei der Arbeitslosenquote löst sich der BH und just als die Tierliebhaberin Diane über den Rinderwahnsinn in Deutschland plaudert, fällt auch das Höschen.

Produziert wird Naked-TV in Toronto von einer Dot.com-Firma, die sich E-Galaxy nennt. Mit angeblich über fünf Millionen Stamm-Besuchern verbucht der Service sensationelle Mausklick-Raten. Die täglich wechselnden Nachrichten sind, das muss man den Producern lassen, seriös gemacht und journalistisch in Ordnung. Bei der Präsentation sprechen die Internet-Anbieter eine Zielgruppe von Männern um die vierzig an. Eine gewisse Perversion gehört dazu, wenn man sich von einer Splitternackten erzählen lässt, dass es beim U-Boot-Manöver vor Hawaii Tote gegeben hat.

Bisher waren im Naked-News-Kanal nur Frauen zu sehen. Das soll bald anders werden: Per Zeitungsanzeige sucht die Produktionsfirma jetzt auch männliche Strip-Models. Zum Vorstell-Termin soll der Kandidat doch bitteschön die Badehose mitbringen, heißt es auf der telefonischen Band-Ansage.

Wie es mit der Bezahlung der News-Models aussieht, bleibt das Geheimnis der Kandidaten. Gemunkelt wird, dass sich das Honorar der Nacktrichten-Sprecherinnen an den Quoten  orientiert. Die werden nicht zuletzt daran gemessen, wie viele E-Mails während der Nachrichten-Übertragung an die jeweiligen Moderatorinnen eingehen.

(Sendung vom 21-2-2001)

Die Untergrund-City von Montréal

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MONTRÈAL / QUÈBEC

Der U-Bahnhof “McGill-Station” ist mehr als nur irgendeine Haltestelle. Wer hier aussteigt, befindet sich in den Eingeweiden einer ungewöhnlichen Stadt unter der Stadt: Es ist die Montrealer Underground-City, die „Ville Souterraine”, wie die Frankokanadier sagen.

Hier unten, fünfzehn Meter unter der Erde, herrscht das ganze Jahr über eine fünfte Jahreszeit, die es eigentlich gar nicht gibt: Unter den Wolkenkratzern der Dreieinhalb-Millionenstadt verläuft ein künstliches Wegnetz von rund 30 Kilometer Länge. Es ist ein gigantisches Zivilisations-Biotop in wetterfester Umgebung.

Zunächst waren es nur Verbindungs-Korridore zwischen den U-Bahnhöfen und den Bürogebäuden der City. Nach und nach entwickelte sich eine eigenständige Stadt unter der Stadt. Es gibt Montrealer, die tagelang keine Frischluft genießen. Vom Apartment aus bringt sie der Fahrstuhl zur U-Bahnhaltestelle. Von dort aus geht’s ins Buero, ins Kino oder in die Kneipe.

Sie gehen unterirdisch einkaufen,  zum Friseur und in die Videothek. Konzertsäle und Kinos, Discos und Krankenstationen – alles liegt in Montreal unter der Erde. Sieben Hotels mit über viertausend Zimmern sind mit der “Ville Souterraine” vernetzt.

Selbst der liebe Gott ist vom Keller aus zu erreichen. Ein Teil der “Christ Church Cathedral” ist mit der Underground-City verbunden. Jeden Mittag spielt dort ein Organist.

In der “Tunnel-Bar” treffen sich die Maulwürfe zum Bier. Anna, die Barfrau, verbringt sechs Tage in der Woche im Keller.  In der Tiki-Boutique gegenüber verkauft Sascha das ganze Jahr über Sommerkleidung. Am gemütlichsten, sagt Sascha, sei es in der Underground-City mitten im Winter. Wenn das Thermometer draußen auf minus 30 Grad sinkt, kann man hier unten Sommer spielen.                         (Sendung vom 17-5-2001)

Der Trucker-Pastor vom Highway 1

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WINNIPEG / MANITOBA

Trans-Canada-Highway-Number-One, irgendwo zwischen Kenora/Ontario und Winnipeg/Manitoba: Der Trucker Phil Cooder, 52, lädt seine Brummie-Kollegen über Walkie-Talkie zum Gottesdienst ein.

“Will irgendjemand von Euch da draußen über Jesus Christus reden? Bitte antwortet mir!”, krächzt es auf der Neunzehner-Frequenz in Hunderten von Lastwagen gleichzeitig. Oft finden sich dann drei, vier Lkw-Fahrer zum Gespräch über Funk. Stundenlang wird dann über Gott geredet, werden Hymnen gesungen, während der Laster mit hundert Stundenkilometern über den nächtlichen Highway braust.

Phil Cooder schippert Stahlseile durch Nordamerika – und das schon seit 30 Jahren. Dass er bei seinen Reisen quer über den Kontinent irgendwann zu Gott gefunden hat, wundert den ehemaligen “Bad Boy” selbst am meisten:

Phil Cooder ist Trucker und Seelsorger in einem – oft nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Der gebürtige Neufundländer gehört einer religiösen Bewegung an, die schon vor 50 Jahren in Kanada gegründet wurde, dann aber für lange Zeit in Vergessenheit geriet. Erst seit kurzem erlebt die Organisation “Transport for Christ” so etwas wie ein Comeback. Überall auf den Autobahnhaltestellen entlang der kanadischen Highways werden über Funk angekündigte Freilichtgottesdienste veranstaltet:

Pastor Paul Legere ist hauptberuflicher Trucker-Seelsorger. Er sitzt an diesem Morgen in einem Wohnmobil an der Autobahnraststätte Thunder Bay bei Toronto. Das Fahrzeug ist eine fahrende Kirche. Nur vereinzelt klopfen die Trucker zögernd bei ihm an.

Sie wollen reden: über ihre Familien, ihre Geldsorgen, über Gott und die Welt eben. Pastor Legere kennt das Leben der Trucker. Er war selbst einer, ehe er Pastor wurde.

Die Versuchungen werden nicht weniger sondern mehr. Die Anforderungen an den Trucker ebenso. Da hilft der Glaube, sagt der fahrende Pastor. “Transport for Christ” eben.

(Sendung vom 19-5-2001)

Zu Fuß allein zum Nordpol

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NORDPOL / KANADA

Meterhohes Packeis und Schneestürme bei minus 45 Grad. Frostbeulen an Händen und Füssen. Und dann noch ein abgebrochener Zahn: Nichts, auch nicht die Gefahr, von Eisbären angegriffen zu werden, konnte Pen Hadow davon abhalten, seinen Traum auszuleben: Als erster Mensch wollte er den Nordpol im Alleingang und ohne moderne Hilfsmittel erreichen. 

Er hat es geschafft. Nach 64 Tagen ist der 41-jährige Engländer am Pol angekommen. Schon wenige Minuten später telefonierte er mit seiner Frau Mary im heimischen Dartmoore.

In England nennen sie ihn „the human ice breaker“, den menschlichen Eisbrecher. Mitte März war der Mann vom nördlichsten Punkt Kanadas aus losgezogen: Mit einem paar Skiern, Trockennahrung für zwei Monate, einem Satellitentelefon und einem drei Zentner schweren Schlitten. Der Schlitten diente ihm beim Durchschwimmen von offenen Wasserstellen vorübergehend auch als Lastkahn.

Drei Wochen nach dem Start ein herber Rückschlag: Einer der Skier verschwand im Wasser. Von jetzt an stapfte Pen Hadow zu Fuss durch Eis und Schnee. Ende April dann eine weitere Panne: die Batterien des Satellitentelefons wurden immer schwächer. Den letzten Anruf sparte er sich für ein Gespräch mit seiner Frau auf. Die organisierte von England aus dann die Rückholaktion vom Pol per Flugzeug.

Gesponsert wurde der Treck durchs Eis von mehreren Airlines, einem Outfitter, einem Lebensmittelkonzern und einer Londoner Zeitung. Ein  Jahr hatte sich Pen Hadow auf das größte Abenteuer seines Lebens vorbereitet. Im englischen Fernsehen erläuterte er kurz vor dem Start seine Reiseroute.

Dass er ein Besessener sei, habe sie spätestens gewusst, nachdem er sein Trainingsprogramm aufgenommen hatte, sagte seine Frau Mary in einem Telefoninterview.

Mit dem Solomarsch zum Pol ist dem Vater von zwei kleinen Kindern etwas gelungen, was vor ihm noch keiner geschafft hat. Zwei Abenteurer hatten den Versuch Anfang der 80er-Jahre kurz hintereinander gewagt – ohne Erfolg: Ein Rettungstrupp holte die Wanderer per Flugzeug ab.

Die Liste der missglückten Nordpol-Expeditionen ist lang. Den wohl schrillsten Versuch unternahm 1983 ein junger Italiener. Er wollte mit dem Motorrad zum Nordpol. Lenkstange und Rahmen hatte er mit Trockennahrung ausgestopft. Pech für den Abenteurer: Bereits nach einer Woche ging ihm der Sprit aus.                             (Sendung vom 21-5-2003)