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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Das war nicht nett, Frau Merkel!

Wie soll diese Frau den Euro retten, wenn sie nicht einmal meinen Flugplan auf die Reihe kriegt? Nein, Frau Merkel, das war nicht nett. Ich behaupte jetzt einfach mal: Die Kanzlerin war schuld, dass sich meine Ankunft in Frankfurt verzögert hat.

Da haue ich mir schon die ganze Nacht im Flieger um die Ohren. Dann kreist die Maschine aus Montreal auch noch ewig über Frankfurt, ehe sie endlich zur Landung ansetzt. Offiziell hieß es aus dem Cockpit: Starker Nebel verzögere unsere Ankunft. Inzwischen habe ich den Verdacht: Die Kanzlerin ließ Air Canada warten.

Angela Merkel hatte sich vorgenommen, ausgerechnet gestern in Frankfurt zu sein. Einen dooferen Termin für die Inbetriebnahme der Nordwest-Landebahn hätte sie sich nicht aussuchen können.

Diesmal kein Weisswurst-Frühstück

Als die Air Canada-Maschine endlich Boden unterm Hintern hatte, versperrten Bundespolizisten den direkten Weg zu den Gepäck-Karussells. Erst über einen abenteuerlichen Umweg durch das Airport-Labyrinth ging“s zu den Koffern. Den Anschlusszug nach Köln schaffte ich noch mit Müh und Not. Dabei buche ich den ICE immer so großzügig, dass ich vor der Weiterfahrt bequem ein Weißwurst-Frühstück beim Käfer einnehmen kann. Irgendjemand muss ja schliesslich all die herrlichen Deutschland-Klischees bedienen. Aber zum Weisswurst-Essen reichte diesmal die Zeit nicht aus.

Ohnehin stand der Flug von Montreal nach Frankfurt unter einem schlechten Stern. Der Start verzögerte sich um fast eine Stunde, weil der Catering-Service dreißig Essen zu wenig angeliefert hatte. Als die Jungs von der Küche endlich mit Pasta und Pute eintrudelten, setzte ein so heftiger Regensturm ein, dass die Maschine noch länger am Boden blieb.

Kein Film, keine Musik. Nicht einmal Leselampen

Das nächste Malheur ließ nicht lange auf sich warten: Der Videoserver im Flieger machte schlapp. Kein Film, keine Musik, nicht einmal ein virtueller Streckenplan auf dem Monitor. Leider blieben während des Transatlantik-Flugs nicht nur die Bildschirme dunkel. Auch die Leselampen funktionierten nicht. Mehr Langeweile geht nicht. Immerhin zeigt die Airline wegen all der Unannehmlichkeiten Reue: Am Ausgang gab’s einen Gutschein für Jeden: Fünf Prozent Preisnachlass beim nächsten Air Canada-Flug.

Wünschen wir Ihnen auch, Frau Merkel!

Der Satz, den die Bundeskanzlerin bei der Einweihung der neuen Landebahn sagte, klingt im Nachhinein wie Hohn: „Ich wünsche allen, die hier ankommen, eine gute und sichere Landung“.

Und eine pünktliche dazu, Frau Merkel. Eine pünktliche!

Im Gurkenfass über die Niagarafälle

Wenn ich auf Reisen bin, kann ich leider nicht täglich bloggen. Deshalb der Griff ins Archiv. Hier finden Sie von Zeit zu Zeit die Textversion meiner Hörfunk-Reportagen. Die Manuskripte wurden nicht aktualisiert!

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NIAGARA FALLS / ONTARIO

Zehn Sekunden – dann war alles vorbei. Dachten sich zumindest die Touristen, die ungläubig Zeugen eines der spektakulärsten Stunts der Geschichte wurden: Ein Mann, 40 Jahre alt, kletterte über eine Absperrung, verharrte kurz am Ufer und stürzte sich dann kopfüber in die schäumende Gischt der Niagarafälle. Zehn Sekunden später dann das Unfassbare: Der Mann hat den Fall in die Fälle überlebt.

”Ein Mensch mit dem Gesicht nach oben, den Kopf in beiden Händen – so ließ er sich die Fälle hinunterstürzen”, erinnert sich Johnny Vendolo, der das Spektakel von nächster Nähe aus beobachten konnte. – Inzwischen steht so gut wie fest: Bei dem Amerikaner Kirk Jones handelt es sich um keinen Lebensmüden. Der Mann aus Michigan suchte lediglich das Abenteuer.

Und was für ein Abenteuer: Ein 52 Meter tiefer Höllenritt in einem Hexengebräu, mitten durch eine felsige Schlucht, durch die pro Sekunde eine halbe Million Liter Wasser fließt. Keith Jones ist fassungslos über den Stunt, den sein Bruder Kirk da hingelegt hat. Er sagte später: Es hat ziemlich lange gedauert, bis ich unten war. Aber das Wasser war gar nicht mal so kalt. Ich würde mir da einen abfrieren!

Kirk Jones war nicht der Erste, der sich in die Niagarafälle stürzte. Aber er war der Erste, der den Sturz freiwillig getan und überlebt hat. Vor 43 Jahren war ein kleiner Junge versehentlich in die Fälle gestürzt. Er kam bei dem Unfall mit ein paar Schrammen davon.

Insgesamt haben seit 1901 mehr als zwei Dutzend Menschen versucht, die Fälle zu bezwingen: im Schlauchboot, im Metallkessel oder auch im Gurkenfass, wie der Amerikaner Steve Trotter. Nur jeder Zweite hat den Sturz überlebt. Einer von ihnen ist Steve Trotter aus Florida. Für die jüngste Aktion zeigt er kein Verständnis: Für ihn sei das kein Stunt, sagt der Mann im Gurkenfass, das sei für ihn schon eher ein selbstmörderischer Akt.

Suizidversuch oder Stunt: für die Polizei spielt es keine Rolle. Der Mann, der den Fälle-Fall wie ein Wunder überlebt hat, sitzt im Gefängnis. Er muss mit einer Geldstrafe von mindestens zehntausend Dollar rechnen.                     (Sendung vom 22-10-2003)

100 Mal Deutschland und zurück

Ich reise gern. Aber ich hasse fliegen. Der Weg ist längst nicht mehr mein Ziel. Seit meiner Auswanderung nach Kanada bin ich mehr als 100 Mal über den Atlantik geflogen. Und 100 Mal wieder zurück. Heute Abend werde ich wieder im Flieger sitzen. Bilanz nach gut 1.2 Millionen Flugkilometern: Die Sitze werden enger. Die Passagiere dicker. Das Essen schlechter.

75 Tage – zweieinhalb Monate meines Lebens habe ich allein in Flugzeugen zwischen Kanada und Deutschland vebracht. Dazu kommen Reisen nach Südamerika, Australien und andere Teile der Welt. Dabei herrschte nicht immer pure Langeweile.

Aufregung gab es auf einem Flug von Montréal nach Havanna. Die Broschüre mit den Sicherheitsbestimmungen der kubanischen Airline war von Hand geschrieben, der Text hektographiert. Wie die Einladungen, die mir mein Vater für Kindergeburtstage vervielfältigt hat. Alles nicht besonders vertrauenserweckend in einer Maschine, die aussah, als hätte sie schon Kampfeinsätze in Afghanistan hinter sich. Dafür waren die Cocktails umso schöner. Mojito mit Sonnenschirm. Irgendwann kam der Kapitän aus dem Cockpit und grüßte elegant ins Publikum. So sehen Sieger aus. Nachdem der Käpt’n mäßig stürmische Ovationen für gutes Fliegen entgegengenommen hatte, ließ sich auch noch der Co-Pilot von den Passagieren beklatschen. Zu diesem Zeitpunkt wäre ich gerne umgekehrt. Wer die Maschine eigentlich geflogen hat, weiß ich nicht. Ich vermute mal der Flugingenieur. Vielleicht auch der Autopilot. Oder der liebe Gott.

Auf dem Flug in den Norden: Wasser tropft von der Decke

Richtig ungemütlich wurde es auf einem Flug mit Air Creebec nach Waskaganish. Die Maschine war auf dem Weg zur Sub-Arktis fast ausschließlich mit Indianern und Inuit besetzt. Irgendwann verteilte die Stewardess – eine Cree-Indianerin – Küchenrollen. Dann bat sie alle Passagiere aufzustehen und mit den Papierhandtüchern das Wasser aufzufangen, das von der Flugzeugdecke tropfte. Es war weniger schlimm als es aussah: Die Feuchtigkeit war nicht durch die Flugzeugdecke gedrungen. Es handelte sich lediglich um Kondenswasser.

Und dann wäre da noch die Geschichte mit den Tauben: Auf dem Weg von Montréal nach Berlin legte ich einen neunstündigen Zwischenstopp in London ein. Alles passte: Ankunft Heathrow am Morgen. Weiterflug nach Berlin am soäten Abend. Dazwischen englische Freunde besuchen. Nach der Landung in Berlin erkannte ich meinen Koffer nicht wieder. Er war zubetoniert mit Vogelscheiße. Die Briten hatten mein Gepäckstück den ganzen Tag auf dem Rollfeld stehen lassen. Tauben und Möwen benützten meinen Koffer neun Stunden als ihr Privatklo. Noch in der Nacht gab’s eine geharnischte Mail an British Airways. Mit Fotos vom Kackkoffer. Die Airline ließ sich nicht lumpen: Rückflug Erster Klasse von Berlin über London nach Montréal. Lachs statt Tauben.

Zwei-Klassenausflug: Trüffel und Röschen aus der First Class

Richtig unangenehm finde ich es, wenn auf deinem Flieger noch jemand sitzt, den du kennst. Neulich entdeckte ich von der Holzklasse aus einen Bekannten in der First Class. Der Kollege fand den Zwei-Klassen-Ausflug ziemlich lustig und zeigte sich spendabel – auf Kosten der Airline. Er brachte mir Trüffel an meinen Platz, hinten in der Bronx. Lore bekam eine Rose.

In diesem Moment hätte ich dem Kollegen gerne das Fliegen beigebracht.

Tschüss, Tageszeitung!

Lesen Sie überhaupt noch Print? Oder wohnen Sie auch schon im Internet? Eben habe ich das Abo meiner Tageszeitung gekündigt. Nach mehr als 20 Jahren. Ich brauche die „Montreal Gazette“ nicht mehr in der Druckversion. Meine tagesaktuellen Nachrichten beziehe ich aus dem Netz. Und Hintergrund-Berichterstattung war ohnehin nie die Stärke meiner Lokalzeitung.

Dass meine Zeitung von heute auf morgen die Sonntagsausgabe eingestellt hat, trägt auch nicht gerade zu einer harmonischen Leser-Blatt-Beziehung bei. Gleich gar nicht, wenn kurze Zeit danach der Abo-Preis erhöht und nicht etwa gesenkt wird. Mehr Geld für weniger Leistung? Irgendwas stimmt da nicht.

Gestern schon gelesen: Die Nachricht von heute

Das Hauptproblem, das ich mit der Printausgabe meiner Zeitung hatte: 90 Prozent der Nachrichten kannte ich schon aus dem Internet. Entweder von den Webseiten der lokalen Fernseh- und Radiosender. Oder sogar von der Gazette-Plattform selbst.

Eben lese ich im Internet(!): Jeder dritte Montréaler (35 Prozent) denkt offensichtlich genauso. In Deutschland sind es der Zeitungs Marketing Gesellschaft (ZMG) zufolge nur 19 Prozent, die ihre Zeitung ausschließlich online lesen. Ich schätze mal, dieses digitale West-Ost-Gefälle hat damit zu tun, dass viele Blätter in Nordamerika schon sehr früh online an den Start gegangen sind. The Halifax Daily News war bereits 1994 als erste kanadische Tageszeitung mit einer Internet-Ausgabe präsent.

Der Blätterwald möge noch lange rascheln

Von einem überwiegenden Internet-Leseverhalten bei Zeitungen sind wir also noch weit entfernt – und das ist gut so. Ich liebe das Rascheln im Blätterwald noch immer. Und es wird hoffentlich noch lange weitergehen.

Aber es muss ja nicht unbedingt von meiner Gazette kommen.

In elf Jahren zu Fuß um die Welt

Ein Weltreisender ist zurück: Der Montréaler Jean Beliveau hat in elf Jahren 64 Länder durchwandert und dabei 75 000 Kilometer zurückgelegt. Zu Fuß. Frau und Kinder warteten derweil zu Hause geduldig auf den Globetrotter. Wanderer-Witwe Lucie besuchte ihren Mann einmal im Jahr irgendwo auf der Welt.

Der Marsch um den Globus fasziniert nicht nur viele Kanadier. Auch SPIEGEL-Online widmete Jean Beliveau und seinem Welten-Spaziergang jetzt einen langen Beitrag. Dabei erwähnt der Autor etwas, das ich in keiner kanadischen Zeitung gelesen, in keinem Radiobericht gehört und in keinem Fernsehbericht gesehen hatte: Es ging doch nicht alles ganz so glatt wie es die kanadischen Medien hinstellen.

In Algerien musste sich Jean Beliveau einer Prostata-Operation unterziehen. Krankenversichert war der Weltreisende zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr. Deshalb war er auf die Gnade eines algerischen Chirurgen angewiesen, der die OP vornahm. Umsonst.

WorldWideWanderung: Die Route

An Deutschland hat der Montréaler übrigens ganz besonders schöne Erinnerungen. Nicht etwa, weil er dort in einem Knast in Cloppenburg übernachten durfte. Beliveau traf dort nach mehreren Jahren erstmals seinen Sohn und seine Tochter wieder. Außerdem gab es in Hamburg zum ersten Mal eine Begegnung mit seiner Enkeltochter, die in der Zwischenzeit geboren wurde. Mit dem Enkelkind hatte er bis dahin nur via Skype oder am Telefon gesprochen.

Den Deutschland-Teil seiner Wanderung fasste Jean Beliveau damals SPIEGEL-Online gegenüber so zusammen: „In Cloppenburg übernachtete ich in einem Gefängnis – ich fragte die Polizei nach einem Schlafplatz, sie waren sehr freundlich und gaben mir eine Zelle, eine der sichersten Unterkünfte meiner gesamten Reise. Interessant finde ich in Deutschland, die Unterschiede zwischen Ost und West zu sehen – die Menschen im Osten winken und grüßen, im Westen sind sie reservierter. Doch gerade die Älteren im Osten können nicht so gut Englisch, das macht die Kommunikation schwierig.“

Wie sich dieser Fußmarsch durch die Welt auf seine Ehe ausgewirkt hat, warum er die Wanderung als einen Ausweg aus seiner Midlife-Crisis gesehen hat und dass er sich jetzt auf den Morgenkaffee mit seiner Frau freut, wird er in seinem Buch beschreiben.

Hier gibt es noch ein tolles Video über den Streckenverlauf.