Erst die Geschichte, jetzt auch noch die Fotos dazu: Stefan liefert den Beweis dafür, dass im Westen Kanadas die Natur erfunden sein muss.
„Wir haben ca. 8-10 Schwarzbären gesehen, Bergziegen, Wapitihirsch, Coyote, Mücken, Buckelwale – keine Elefanten. Ich bin ziemlich sicher, dass die Natur in Kanada erfunden wurde. Das war wirklich sehr schön, sehr sehr schön. Aber: ich glaube, mir gefällt das nur im Sommer…“
Mein befreundeter Kollege Stefan hat mich mit dieser Mail ins Grübeln gebracht und auch ein wenig traurig gemacht. Eben aus seinem Urlaub in British Columbia zurück, muss ich mir ausgerechnet von einem Greenhorn aus Grevenbroich in den Blog diktieren lassen, was einem so alles über den Weg läuft, wenn man durch Kanada reist und nur die Augen aufmacht. Mein Freund Frank aus Köln streut noch zusätzlich Salz in meine Wunde. Auch er hat gerade drei Wochen Westkanada hinter sich und kündigte bereits an: „Ich werde dir da auch noch ein paar Geschichten dazu erzählen…“
Im Angesicht des Bären einfach totstellen
Wie kommt’s? Stefan und Frank waren, unabhängig voneinander, lediglich für ein paar Wochen in Kanada und haben vermutlich mehr Bären gesehen als ich in den letzten 30 Jahren. Dabei muss ich gestehen, dass ich eine regelrechte Bären-Obsession habe.
Ich liebe den Anblick eines so mächtigen Tieres und musste einem kanadischen Freund versprechen, vor meinem ersten Campingtrip in Manitoba sogar einen Crashkurs im Umgang mit Bären zu absolvieren. Wichtigstes Gebot: „Bei einsamen Wanderungen unbedingt Krach machen!“ Aber die Blechdose, die ich daraufhin hinter mir herzog, kam bei meinen Wanderfreunden nicht immer gut an. Deshalb habe ich mich aufs Pfeifen verlegt – etwas, das Lore heute noch zur Weißglut bringt. „Du musst hier im Haus keine Bären vertreiben“, sagt sie dann schon mal, wenn ich sie zu sehr damit nerve. Noch eine Lektion aus dem Bären-Crashkurs von Manitoba: „Beim Anblick eines Bären ja nicht mehr bewegen. Am besten totstellen“. Doch so weit ist es nie gekommen. Heute würde ich mich ja schon totstellen, wenn ich damit einen Bären ANLOCKEN könnte, geschweige denn vertreiben.
Wenn die Mutter der Tochter Honig ums Maul schmiert
Dabei fällt mir eine Geschichte ein, die damals in allen Zeitungen stand: Eine Amerikanerin, die mit ihrer kleinen Tochter durch die kanadischen Rockies reiste, wollte um jeden Preis ein Bärenfoto als Souvenir. Also schmierte sie dem Mädchen buchstäblich Honig ums Maul und ließ die Kleine an einer Stelle posieren, wo kurz zuvor ein Bär gesichtet worden war. Die Rabenmutter stellte sich mit gezückter Kamera daneben und wartete auf den Bär. Zu der unheilvollen Begegnung kam es gottseidank nicht. Ein Parkranger war Zeuge dieses obskuren Fotoshootings geworden und alarmierte die Polizei.
Mögen Geschichten wie diese auch noch so exotisch klingen, meinem Ruf als Grizzly Adams aus den Bergen nützen sie wenig. Die Frage, die mir bei meinen Besuchen in Deutschland mit am häufigsten gestellt wird, lautet nach wie vor: „Hast du denn schon mal Bären gesehen?“ Und immer muss ich etwas verlegen, aber wahrheitsgemäß antworten: „Ja, schon. Aber das ist schon eine Weile her.“ Ist es auch. Den letzten Bären habe ich vor genau sieben Jahren am Rande des Alaska-Highway gesehen. Aber es war ein ausgewachsener Grizzly mit einem Bärenjungen und diese Kombination allein zählt schon mindestens dreimal. Und weil ich aus Prinzip nicht in den Zoo gehe, wo wilde Tiere im Gehege eingesperrt sind, habe ich seither keinen einzigen Bären mehr zu Gesicht bekommen. Waschbären schon, aber eben keine Schwarzbären und gleich gar keine Grizzlies.
Die Geschichte vom Bär und dem Vogelhäuschen
Dabei gibt es Schwarzbären auch hier im Osten Kanadas, jede Menge sogar. Das hat uns Monsieur Bertrand, unser Seenachbar, vor ein paar Tagen auch bestätigt. Neulich habe sich ein ausgewachsener Bär an seinem Vogelhäuschen zu schaffen gemacht und dabei die Stange, auf der das Häuschen sitzt, fast zum Knicken gebracht. Um schlimmeres zu verhindern hat Monsieur Bertrand dann seine Schrotflinte aus dem Keller geholt und ein paar Warnschüsse in die Luft abgegeben. Daraufhin ist der Bär in den Wald verschwunden. In der Nacht kam er dann aber zurück und nahm sich das Vogelhäuschen noch einmal vor, diesmal aber richtig. Und zum Trotz pflügte der große Schwarze dann noch mit seinen Bärenpfoten den Rasen um.
Bei mir? Außer hier und da mal ein paar Haufen Bärendreck im Wald: Fehlanzeige. Vielleicht sollten Frank aus Köln oder Stefan aus Grevenbroich uns Kanadiern mal Bärspäh-Nachhilfenterricht erteilen.
Ganz ehrlich? Die zahlreichen Reaktionen auf meinen kleinen Kanada-Blog („My little dog-and-pony-show“, würde David Letterman sagen) haben mich total überrascht und auch ein bisschen berührt. So viel Anteilnahme an unserem Leben in Kanada hätte ich nicht erwartet.
Nach gerade mal sieben Posts war meine Mailbox bereits heute früh zum Bersten voll – wie schön! Es freut mich, dass offensichtlich so vielen von euch meine kleinen Schmankerln aus dem ganz normalen kanadischen Wahnsinnsalltag gefallen. Nach so vielen Jahren in Hörfunkstudios und Seminarsälen hatte ich schon fast vergessen, wie viel Spaß das Schreiben machen kann. Jetzt habe ich den schönsten Beruf der Welt eben ins Internet verlegt.
Das beste daran: Ich kann endlich ohne Zeitdruck schreiben, muss keine Themenvorgabe beachten und auch keine journalistischen Grundsätze einhalten. Auf meiner eigenen Plattform darf ich (hoffentlich!) ungestraft Information und Meinung vermischen, Spekulationen anstellen und bei den Fotos sogar auf die im Onlinejournalismus vorgeschriebenen ALT-Tags verzichten. (SeminarteilnehmerInnen: bitte weghören!) Nur einem journalistischen Prinzip werde ich auch auf dieser Spielwiese treu bleiben: Was wahr ist, muss wahr bleiben.
Mein Uralt-Kumpel Börnie sorgt sich um mich von seiner Allgäu-Ranch aus: „das willst du jetzt täglich machen? immer eine neue geschichte? wäre mir zuviel arbeit. aber vielleicht ist täglich ja auch nicht nötig. ich habe deinen dienst jedenfalls jetzt mal abonniert und werde ihn immer mal wieder überfliegen. das meiste aus deiner privatsphäre kenne ich ja sowieso schon, außer wenn du in neuen filmen warst.“
Na bitte. Jetzt weiß Börnie eben auch so weltbewegende Dinge, wie oft ich im Kino war und ob es sich gelohnt hat, $ 5.99 für einen eher peinlichen Chick-Flick hinzulegen. Ob der Blog täglich, wöchentlich oder alle drei Tage erscheint – das wird sich zeigen. Schließlich peile ich damit kein Geschäftsmodell an. Auch das empfinde ich als einen Luxus, den ich nie hatte: Ich gönne mir künftig die Freiheit, den Erscheinungsrhythmus selber zu bestimmen.
Ahhh … die Gnade des Alterns.
Wir lieben Kino! Im Winter kann es passieren, dass wir uns zweimal pro Woche einen Film ansehen. Im Sommer bleibt es meistens bei einem Kino-Abend. Manchmal lassen wir auch eine Woche ausfallen, aber das kommt eher selten vor. Am liebsten sehen Lore und ich Québecker Filme. Es sind meistens keine schönen, ästhetisch wertvollen Filme. Dafür sind sie schräg und kommen aus dem prallen Leben. „Bon Cop. Bad Cop“ ist so ein Film. Er erzählt die Geschichte einer, in Deutschland würde man sagen, „multikulturellen“ Polizistenbesetzung. Weil die Leiche just an der Grenze zwischen den Provinzen Québec und Ontario gefunden wurde, können sich die Cops nicht darauf einigen, in wessen Hoheitsgebiet nun die Ermittlungen fallen. Also machen sich zwei Beamte aus je einer Provinz gemeinsam an den Fall. Der eine Bulle kommt aus Québec, der andere aus der Nachbarprovinz Ontario. Québec und Ontario haben ein sehr spezielles Verhältnis zueinander, das macht die Ermittlungen nicht einfacher. In Québec regiert die Lebenslust, in Ontario das Geld. Es macht einfach mehr Spaß, in einem Montréaler Straßencafé ein gepflegtes Glas Weißwein zu trinken als irgend einen Schlonzdrink in Hawkesbury aus dem Pappbecher. Egal.
Dienstag ist bei uns „Cheapy Tuesday Movie Night„. Kinobesuche kosten dienstags nur $ 5.99 $ statt $ 12.25. Mehr Unterhaltung für weniger Geld geht nicht. Da geht dann auch nicht gleich die Welt zugrunde, wenn der Film nicht immer ganz großes Kino ist. „Not even a rental„, sagt unser Freund Doug zu solchen Schinken, die man am besten schnell wieder vergisst.. Es lohnt sich nicht einmal, sie im Videostore auszuleihen. Gestern war wieder „Cheapy Tuesday„, Zeit für Lore und mich, uns auf den Weg ins „Colisée Kirkland“ zu machen. Das ist ein Vorstadtkino, das auf den ersten Blick tatsächlich etwas von einem Amphitheater hat. Eine riesige Beton-Auster mit zwölf prächtig ausgestatteten Kinosälen und einem großen Spielbereich. Hier wird geflippert und geballert, es werden virtuelle Autorennen gewonnen und verloren. Vor allem aber wird viel Geld ausgegeben. Und weil die Preise dienstags erschwinglich sind, stapeln sich entsprechend viele Teenager vor dem Kino, im Spielbereich, an den Fastfood-Kiosken und natürlich in den Kinosälen selbst.
„THE HELP“: Schluchzen erlaubt
Gestern haben wir „The Help“ gesehen. Es ist ein brandneuer Film mit Emma Stone in der Hauptrolle. Der Film spielt in den sechziger Jahren im super rassistischen Mississippi, dauert zweieinhalb Stunden und hat wunderschöne Momente. Aber er bringt inhaltlich nichts, das man nicht schon irgendwo anders gesehen hätte. Eine Mischung aus „Vom Winde verweht“ und „Driving Miss Daisy“. Schwarz-Weiß in Farbe, alles wunderbar gedreht und mit einer tollen Besetzung. Aber von der Story her nichts Atemberaubendes. Ein schöner „Tearjerker„, bei dem viel geschluchzt wurde. Ist ja auch klar, wenn unmittelbar vor einem auf der Leinwand solche Ungerechtigkeiten passieren. Aber bei einem Eintrittspreis von $ 5.99 kann man sich schließlich auch noch ein paar Tempotaschentücher zum Popcorn leisten. Gestern hat es sich also auf jeden Fall gelohnt, den Film zu sehen. Vor etwa drei Wochen dagegen überhaupt nicht. Da haben wir uns „Bad teacher“ angesehen. Bad? Bader geht’s gar nicht. Nicht nur dass Cameron Diaz eine Katastrophe war. Nach dem Ende des Films hat der eigentliche Ärger erst richtig begonnen.
Achtung! Vorstadt-Detektive im Einsatz
Ohnehin schon mächtig enttäuscht von diesem unnötigen Hollywoodschinken, entdeckten wir nach der Rückkehr zum Auto einen Strafzettel. Der klebte nicht etwa an der Windschutzscheibe unseres kleinen Smart-Cabrios, sondern lag IM Auto, AUF dem Fahrersitz. Irgendwelche Vorstadtbullen hatten an diesem Abend wohl nichts Besseres zu tun, als sich an die Türen der Autos auf dem Kinoparkplatz zu machen. War eine Tür versehentlich nicht abgeschlossen, wie bei uns, gab’s ein Ticket. Angeblich will man damit potenziellen Autodieben den Wind aus den Segeln nehmen. Ich empfinde die Art und Weise, wie und vor allem wo der Strafzettel deponiert wurde – in meinen vier Autowänden! – als eine ungeheuerliche Verletzung meiner Privatsphäre. Und erst richtig in Rage sind wir gekommen, als wir den Betrag auf dem Strafzettel lasen: 52 Dollar. Das sind mehr als acht Cheapy-Tuesday-Kinobesuche. HELP!!
Lassen Sie uns doch mal kurz übers Wetter reden. Oder noch besser: über den Sommer.

Schnee im Oktober
Wie ist er denn so bei Ihnen? Frisch, sagen Sie? Verregnet? Achwas, das tut mir aber leid. Heizen mussten Sie auch schon, erzählt mir meine Schwester im Allgäu. Ist ja nicht möglich! Es ist doch erst Mitte August. So ein Gespräch wäre mit vielen Kanadiern geradezu lachhaft. Hier gehen die Menschen einfach davon aus, dass es meistens arschkalt und das Wetter lausig ist. Und wenn dann mal eine Hitzewelle eintritt wie in den letzten Wochen, dann ist das schlicht ein Irrtum der Natur, ein Intermezzo, das natürlich jeder gerne hinnimmt.
Ein kanadischer Nachbar vom See: „We are Winter People“
Aber im Grunde genommen sind die meisten Kanadier „Winter People“, wie unser Hüttennachbar am See immer sagt. Einmal sei er im Winter in Florida gewesen, erzählte uns Monsieur Bertrand vor ein paar Tagen. „Das war ganz schrecklich„. Ein richtiger Kanadier steht zu seinem Wetter und bucht bereits im Hochsommer die Trainingszeiten für die Eishockey-Saison im Winter. Ich kenne Leute, die stellen den Wecker auf drei Uhr morgens und treffen sich eine Stunde später in irgend einer gottverlassenen Eishockeyhalle, in die mich keine zehn Pferde hinbringen würden. Nicht einmal im Sommer. Ich konnte nie verstehen, dass ein Chansonnier wie der Québecker Gilles Vigneault ungestraft ein Lied singen durfte, dessen Titel mich schon frieren lässt: „Mon pays, ce n’est pas un pays, c’est l’hiver„. Sein Land sei eigentlich gar kein Land, sondern der Winter. Auch nach mehr als 30 Jahren Kanada tickt meine innere Uhr immer noch süddeutsch. Im Dezember erwarte ich warme Weihnachten mit Glühwein auf der Terrasse. Im Februar Schneeglöckchen, im März ein geöffnetes Straßencafé. Schneien darf es gerne im Januar. Frühestens. Und auch bitte nicht so viel. Denn sonst schaffen es ja die Schneeglöckchen nicht bis zum Februar. Träumen darf man ja wohl. Vor allem wenn es in der Nacht wieder einen Meter Neuschnee hingeworfen hat und das Thermometer minus 30 Grad zeigt. Celsius!
Ein Tag ohne Handschuhe ist ein guter Tag
Temperaturen wie diese sind unanständig und ein Anschlag auf meinen ganz persönlichen Thermostat. Doof nur, dass ich für so einen rigiden Wetterrhythmus im falschen Land lebe. Doof auch, dass uns die Drohung eines bevorstehenden gnadenlosen Winters jedes Jahr aufs Neue in einen regelrechten Freizeitstress versetzt. Dabei sind wir schon echt bescheiden geworden. Jeder Tag ohne Parka, Handschuhe und Schneestiefel ist ein guter Tag. Okay, ganz so schlimm ist es nicht. Aber Sie wissen, was ich meine. Der Sommer läuft hier in Montréal in zeitlich vorbestimmten Bahnen ab, im Festivaltakt gewissermaßen. Dem Formel-Eins-Rennen im Juni folgen: das Jazzfestival, das Fringefestival, das französische Komikerfestival, das englische Komikerfestival, das Lichterfestival, das Kochfestival, das karibische Festival, das Bierfestival, die afrikanischen Nächte … undsoweiter. Ende August kündigt sich in Montréal noch das Weltfilmfestival an. Dann kommt das Tote-Hosen-Festival: der Winter. Zwar kann es während des Indian Summer im September und Oktober noch wunderschöne, warme Tage geben. Aber der Canadian Summer verabschiedet sich Ende August.
Jedes Jahr dasselbe: Ja nichts verpassen!
Die Hektik, die der Wettlauf mit den Jahreszeiten mit sich bringt – ja nichts verpassen! – kann vermutlich nur jemand nachvollziehen, der schon mehrere kanadische Winter erlebt, erbibbert, ereist hat. Kein Open-Air-Festival mehr, keine überfüllten Straßencafés, keine Mädels mehr in knappen Röcken, keine Jungs mit Sixpacks. Zum Feiern geht der Kanadier jetzt in den Keller, in seinen „family room„. Dort lässt sich die Eiszeit am besten mit Freunden und Familie aushalten. Anzeichen dafür, dass viele Kanadier den Winter gar nicht erwarten können, begegnen mir jetzt immer häufiger an Autos, Fahrrädern und sogar Motorbooten. Es sind die Wimpel der Eishockeymannschaft, die es auch in der neuen Saison wieder anzufeuern gilt („Go Habs, Go!“). Übrigens: Im Moment ist es noch herrlich warm hier und durchs offene Bürofenster weht der wunderbare Geruch von frisch gemähtem Gras. Die Sonne scheint, der Himmel ist strahlend blau, die Nachbarkinder planschen im Swimmingpool. Morgen soll es wieder 30 Grad geben. Wie war das nochmal mit Ihrem Sommer? Sie heizen schon? Kleiner Tipp: Wie wär’s mit Kanada?