Trapperbrot aus dem Blog-Haus

Zeit für ein kanadisches Brot-Rezept: Holen Sie schon mal ein wenig Mehl, ein bisschen Wasser und ein Tütchen Backpulver aus dem Schrank. Zwei Prisen Salz werden ja auch auf die Schnelle irgendwo aufzutreiben sein. Und los geht’s. Wir backen Bannock. Bannock ist eine Art Fladenbrot, das frisch himmlisch schmeckt und sich nach ein paar Tagen immer noch besser als jedes Brötchen isst, das Sie beim Bäcker bekommen. So viel ist unbestritten. Gezankt wird ein bisschen über die Herkunft dieser Köstlichkeit. Dabei kämpfen Wikipedianer gegen Indianer. Ich behaupte, es steht eins zu null für die Ureinwohner.

Indianer gegen Wikipedianer: 1:0 für die Ureinwohner

Kanadische Ureinwohner. Foto: S.H.B.P.

Wenn ein kanadischer Ureinwohner im Internet lesen würde, dass Bannock ursprünglich von den schottischen Highlands kommen soll, dann würde er möglicherweise die Friedenspfeife in den Fluss werfen und auf dem Pferd davonreiten, um Krieg gegen Schottland zu führen. Oder auch gegen das Internet. Jede Indianerin, die ich kenne, jeder Indianer, wird Stein und Bein schwören, dass Bannock ein Urgebäck der Ureinwohner ist, was ich übrigens aufs Wort glaube. Ich habe schon so viele Cree-, Mohawk-, Blackfoot- und Ojibwe-Indianer exzellentes Bannock backen sehen, dass ich einfach nicht glauben mag, dass in Schottland ähnliche kulinarische Meisterleistungen möglich sind.

Eine Delikatesse nicht nur für Fallensteller

Vergessen Sie also ausnahmsweise mal das Internet und glauben Sie’s mir: Bannock ist das Brot der Indianer und damit der Trapper. Denn es gab Zeiten, da lebten die meisten Indianer noch vom Jagen und Fischen. Und während sie tagelang ihren „Traplines“ entlang gewandert sind, um erlegte Tiere aus den Fallen zu befreien, ernährten sie sich von Bannock.

Es ist schon eine Weile her, da war ich für >> DIE ZEIT  << in der Subarktis unterwegs, wo es weit und breit keinen Bäcker gab, nicht einmal einen Tante-Emma-Laden. Aber es gab Lydia, eine zahnlose ältere Cree-Indianerin, die während meines Aufenthalts an der James Bay für mein kulinarisches Wohlergehen verantwortlich war. So hatte es Häuptling Billy Diamond bestimmt. Lydia backte das beste Bannock, das ich je gegessen habe. Außen knusprig braun, innen gerade richtig. Fester als ein Brötchenteig, aber nicht so fest wie eine Scheibe Schwarzbrot. Gegessen wird Bannock entweder zu einem Stück Wurst oder Käse. Es schmeckt aber auch wunderbar mit Butter und Marmelade. Oder einfach so, plain and simple.

Aus der Bratpfanne oder „Bannock on the stick“

Bei uns im Blog-Haus gibt es Bannock, das in der Pfanne gebacken wird. Ich kenne Indianer, die das Brot an einem Holzstock backen und es wie eine Grillwurst so lange überm offenen Feuer bewegen, bis es knusprig-braun ist. Diese Variante setzt allerdings voraus, dass die Konsistenz des Teiges stimmt. Ist er zu wässrig, löst er sich vom Stock und landet im Feuer.

Mitten im Allgäu: Trapperbrot für Kneipenbesucher

Besucher aus Deutschland lieben unser Banock. Meinen größten Bannock-Auftritt hatte ich denn auch vor einigen Jahren in einer stadtbekannten Kneipe in Leutkirch im Allgäu. Lange nach Mitternacht gewährte mir Manni, der Chefkoch des Etablissements, den Zugang in sein Allerheiligstes und ließ mich in der Kneipenküche Bannock backen. So nachhaltig muss der kulinarische Genuss gewesen sein, dass der damalige Lokalchef der Schwäbischen Zeitung, mein Uralt-Kumpel Michael, den Bannock-Abend wunderbar in einer Glosse verbriet.

Hier also das Rezept – einfacher geht’s nicht:

Zutaten: 2 Tassen Mehl. 1 Tasse Wasser. 1 Tütchen Backpulver. 2 Prisen Salz. Das ganze flott in einer Schüssel verrühren, am besten mit dem Kochlöffel und nicht mit dem Handmixer. Wir machen hier kein Feingebäck sondern eher grobes Brot. Wichtig ist die Konsistenz. Der Teig sollte dicker als ein Pfannkuchenteig sein, aber flüssiger als Kuchenteig. Schließlich alles in eine Pfanne mit heißem Öl kippen, evtl. einen Löffel Butter dazu. Auf jeder Seite bei mittlerer Hitze ca. 8 Minuten backen. Fertig!

Übrigens: Soweit ich weiß, gibt es in den meisten Indianersprachen keine Übersetzung für „Guten Appetit“. Ureinwohner mögen diese Floskeln nicht. Wie Bannock eben. Plain and simple. Deshalb: Haut rein!

„Liebe ist besser als Wut“

Eben habe ich das erste Herbstblatt im Wald vor unserem Haus gefunden. Es ist noch etwas blässlich in der Rötung. Aber der Indian Summer kommt noch früh genug. Für mich ist dieses Ahornblatt ein Symbol der Vergänglichkeit und damit passend zum Tod des kanadischen Oppositionsführers Jack Layton, über den ich gestern an dieser Stelle geblogged hatte.

„Smiling Jacks“ Abschiedsbrief kurz vor seinem Tod

„Smiling Jack“, ein aufrechter Sozialdemokrat des linken Flügels, war der ganz große Hoffnungsträger der kanadischen Politik. Er wurde nur 61 Jahre alt. Weniger als 48 Stunden vor seinem Tod schrieb er einen Abschiedsbrief an alle Kanadier. Hier die Übersetzung: „Liebe ist besser als Wut. Hoffnung ist besser als Angst. Zuversicht ist besser als Verzweiflung. Lasst uns deshalb stets liebevoll, hoffnungsvoll und zuversichtlich sein – und wir verändern die Welt.“

Tot mit 61: Jack Layton

Eine andere Passage aus dem Abschiedsbrief des an Krebs gestorbenen Ausnahme-Politikers möchte ich Ihnen auch nicht vorenthalten. Diejenigen, die davon betroffen sind, wissen, wovon ich spreche: „To other Canadians who are on journeys to defeat cancer and to live their lives, I say this: please don’t be discouraged that my own journey hasn’t gone as well as I had hoped. You must not lose your own hope.Treatments and therapies have never been better in the face of this disease. You have every reason to be optimistic, determined, and focused on the future. My only other advice is to cherish every moment with those you love at every stage of your journey, as I have done this summer.“

An alle Krebspatienten: Gebt die Hoffnung nicht auf!

Übersetzung: „Anderen Kanadiern, die mit einer Krebserkrankung leben, möchte ich sagen: Verzagt nicht und lasst euch nicht entmutigen! Auch wenn meine eigene Reise nicht so günstig verlaufen ist wie ich gehofft hatte: Gebt die Hoffnung nicht auf! Krebstherapien waren nie erfolgreicher als zurzeit. Ihr habt allen Grund, optimistisch, zielgerichtet und fokussiert in die Zukunft zu blicken. Ich möchte Euch raten, auf Eurer Reise jeden Moment mit Euren Lieben zu genießen, so wie ich es diesen Sommer getan habe.“

In diesem Sinne: Genießen Sie den Sommer, egal wo Sie sind.

Smiling Jack ist tot

Warum müssen eigentlich die Guten immer so früh gehen? Da hatte Kanada endlich mal einen Politiker am Start, der die Schnarchnasenpolitik der Konservativen Regierung aufmischen konnte – und jetzt ist er tot. Mitten in den Sommerferien. Mit gerade mal 61.

Jack Layton: Tot mit 61 – Foto: CP

Scheißkrebs. Jack Layton war für viele von uns der ganz große Hoffnungsträger für die etwas andere Bundespolitik in Kanada. Er kämpfte gegen Asbest und für die Rechte der Indianer. Die dreckschleudrigen Teersandfelder in Alberta waren ihm ein Gräuel. Mehr Kontrastprogramm zur Politik des blässlichen konservativen Regierungsschefs Stephen Harper geht nicht.

Lieber Chinatown als Villa

Jack Laytons NDP hatte es im Mai zum ersten Mal in der Geschichte der Partei geschafft, die Rolle der offiziellen Opposition zu übernehmen. Doch statt in der prunkvollen Residenz des Oppositionsführers zu domizilieren, behielten Jack und seine aus China stammende Frau Olivia Chow lieber ihr Häusle in der Torontoer Chinatown. Solche Männer braucht das Land.

Foto: CP

Welcome … und Goodbye – Foto: CP

Ein Hardcore-Sozialdemokrat des linken Flügels war er. Aufrecht, umsichtig, einfühlsam, „caring„, wie es heute in fast allen Nachrufen heißt. Noch vor drei Wochen hatte ein spindeldürrer und vom Krebs gezeichneter Smiling Jack im Fernsehen verkündet, er werde rechtzeitig zur neuen Legislaturperiode im September wieder in Ottawa sein. Das hat er nicht geschafft – was für ein Jammer. Jack Layton gehörte der Neuen Demokratischen Partei (NDP) an und sorgte sich wie kaum ein Politiker vor ihm um dieses Land mit all seinen schwierigen Facetten.

So kannten wir ihn: „Just call me Jack“

Ich bin diesem wunderbar optimistischen Menschen drei Mal in meinem Leben begegnet. Einmal als Journalist, vor dem Bundesparlament in Ottawa. Das zweite Mal im vorletzten Wahlkampf, mitten im Winter. Da fror sich der arme Kerl bei minus 25 Grad in seiner Strickweste einen ab, während wir uns im Parka versteckten. Mister Layton – „just call me Jack“ wie er immer sagte – Jack Layton hatte unbedingt darauf bestanden, eine Rede im Freien zu halten, damit möglichst viele Menschen ihn in der Mittagspause hören konnten.

Unsere Freundin Marjolaine hat Jack viel zu verdanken

Foto: CP

Marjo im Parlament – Foto: CP

Das letzte Mal sah ich Jack Anfang Mai 2011. Marjolaine, eine gute Freundin von uns, hatte für die NDP kandidiert (und später einen Sitz im Bundesparlament gewonnen). Marjo hatte sich anstecken lassen vom Charisma dieses Mannes. „Endlich ein Politiker, dem man über den Weg trauen kann“, sagte sie damals. So hatten viele gedacht, die in Jack Layton den neuen Stern am Polithimmel sahen – mit Recht, wie sich herausstellte. Allein in der Provinz Québec brachte er es fertig, die Anzahl der NDP-Sitze von gerade mal einem auf 58 zu erhöhen – das hatte es in Kanada noch nie gegeben. Ab sofort war Jack Layton selbst bei den sonst so anglo-kritischen Québeckern „Le Bon Jack„. Sie liebten ihn. Als die Wahlkampagne sich dem Ende zuneigte, rief Marjolaine uns an und bat darum, ihr ein wenig Schützenhilfe zu geben und bei einer für sie sehr wichtigen Veranstaltung dabei zu sein.

Tränen der Rührung – und schließlich ein Lächeln

Da stand sie nun, strahlte und hatte Tränen der Rührung in den Augen, als sie all ihre Freunde im Saal sah. Marjos Tränen müssen Jack an diesem Nachmittag ein Lächeln ins Gesicht gezaubert haben. Er war sichtlich stolz, als er in der Montréaler Oststadt sein Team vorstellte. Darunter so eine aufrechte, engagierte und, wie sich später herausstellte, auch erfolgreiche Wahlkämpferin wie unsere Freundin Marjolaine Boutin-Sweet.

Jetzt ist er tot und ich, wir, das Land – wir alle werden ihn schrecklich vermissen. Dass Jack Layton in Hudson aufgewachsen ist, dem Dorf, in dem ich lebe, mindert auch nicht meinen Schmerz.

Farewell Jack! Keep on smiling.

Wildwassersurfer und Papayasalat

Kajaker auf dem Lachine-Kanal

Wenn man seit fast 30 Jahren in derselben Stadt lebt, muss man sich schon etwas überlegen, um nicht in eine touristische Routine zu verfallen. Die Fahrt über den Mont Royal bietet sich immer an. Von dort aus hat man einen begnadeten Blick über die Innenstadt, bis hinter die amerikanische Grenze nach Vermont und New York. Und natürlich gibt es den Botanischen Garten, das Olympiastadion,  die historische Altstadt und das Planetarium. Nicht zu vergessen „Schwartz„, den besten Smoked Meat-Diner im ganzen Land. Wer aber das etwas andere Montréal erleben möchte, das schräge, schrille und, ja, auch das manchmal etwas abgefuckte Montréal, sollte die ausgetretenen Pfade verlassen und sich auf eine Wanderung begeben, die in keinem Reiseführer steht. Kommen Sie einfach mit.

Trendy: Das Quartier St. Henri

Schwenkbrücke und Skyline von Montréal

Wir fangen an im Stadtteil St. Henri, dem ehemals ärmsten der amen Arbeiterviertel von Montréal. Heute gehört St. Henri zu den trendigsten „Quartiers“ der Stadt. Die Mischung aus stillgelegten Fabrikanlagen und Lagerhäusern,  Stripschuppen und ehemaligen Boxkneipen, Tante-Emma-Läden, Szenenbars und schicken Lofts hat St. Henri den Ruf als das Montréaler In-Viertel schlechthin eingebracht. Das Herz von St. Henri ist der Atwater Market, eine Markthalle nach Pariser Vorbild. Sie liegt ganz in der Nähe des Lachine-Kanals, der in den St.-Lorenz-Strom führt. Noch bis 1970 verkehrten hier Frachtkähne, die Kohle, Erz, Getreide und Metall in die Großen Seen beförderten, oder sogar bis nach Europa. Heute hat der „Canal Lachine“ keine wirtschaftliche Bedeutung mehr. Dafür tummeln sich jetzt Kanus, Kajaks, Motor- und Tretboote im nicht sehr appetitlichen Wasser.

Lecker: Papayasalat und Braised Pork

Wie sehr uns der Ausgangspunkt unserer Wanderung, der Atwater Market, immer wieder fasziniert, zeigt ein Blick auf den Entfernungs-App im iphone. Wir sind gerade mal 830 Meter gewandert, aber schon eineinhalb Stunden unterwegs. Schuld daran sind die offenen Sommerküchen vor der riesigen Markthalle. Eine davon interessiert uns ganz besonders. Die drei „Satay Brothers“ sind asiatische Jungs aus St. Henri. Sie betreiben die Brutzelstube zusammen mit ihrer Mutter. Für sechs Dollar gibt’s einen wunderbaren Papaya-Salat mit Erdnüssen und frischem Koriander. Etwa gleich wenig kostet das „Braised Pork Sandwich“ mit Kohlsalat und einer Chilisauce – lecker. Noch ein Teilchen vom besten Bäcker der Stadt – und die Wanderung kann erst so richtig losgehen.

 Exquisit: Die Wohnwaben von „Habitat 67“

Habitat 67: Schöner Wohnen in der Wabe

Vorbei an ausgemusterten Fabrikhallen und Lagerhäusern, unter Schwenkbrücken hindurch, deren Mechanismus seit 30 Jahren eingerostet ist, geht es ca. 5 Kilometer dem Lachine-Kanal entlang. Links das unerhört tolle Panorama der Innenstadt, hinter die sich massig der Hausberg von Montréal türmt, der Mont Royal. Vorbei auch an der Malzfabrik und der „Five Roses„-Mühle mit den riesigen Getreidesilos. Ein Stück geht’s noch am Hafen entlang, bis rechts die Wohnanlage „Habitat 67“ auftaucht. Dieses wabenförmige Bauwerk ist architektonisch einmalig. Der damals erst 26jährige Architekturstudent Moshe Safdie aus Haifa hatte den Koloss aus Glas und Beton 1967 für die Weltausstellung „Man and his World“ entworfen. Obwohl Wind und Wetter dem faszinierenden Wohnkomplex heftig zugesetzt haben, gehören die exquisiten Wohnwaben auch heute noch zu den ungewöhnlichsten Bauwerken der Neuzeit.

Wildwasser-Surfen auf dem St. Lorenz-Strom

Unmittelbar hinter dem spektakulären Bau verläuft der St-Lorenz-Strom. Dort, wo der bis zu vier Kilometer breite Fluss am wildesten ist, geht so richtig die Post ab. Die reißende Strömung ist an dieser Stelle von der Straße aus so gut wie nicht zu sehen und schon deshalb ein absoluter Geheimtipp für Surfer und Wildwasser-Kajakfahrer. Wenn da nicht ab und zu Sehleute wie wir vorbei kämen.

Wahnsinn: Eine Insel aus 15 Millionen Tonnen Erdaushub

Weiter geht’s über die Casino-Brücke auf die Île Notre-Dame, eine künstliche Insel im St-Lorenz-Strom. Sie war in den 60er-Jahren entstanden, nachdem die Stadt beim Bau der Montréaler U-Bahn nicht mehr wusste, wohin mit 15 Millionen Tonnen Erdaushub. In zehn Monaten war die Insel fertig. Heute beherbergt sie den Circuit Gilles Villeneuve, bekannt als die Formel-Eins-Rennstrecke, auf der jeden Sommer der Große Preis von Kanada ausgetragen wird.

Blick von der Brücke: Skyline von Montréal

Einen Besuch im Casino, unmittelbar an der Rennstrecke, ersparen wir uns. Dafür geht’s schnurstracks und immer noch zu Fuß weiter am St.-Lorenz-Strom entlang, bis zur Île Sainte-Hélène. Der Weg führt durch einen kleinen Märchenwald mit einer grottenartigen Wasserlandschaft, vorbei am größten Schwimmbad der Stadt bis hin zu La Poudrière. Das ist ein ehemaliger Pulverturm; in den 50er-Jahren wurde dort das semiprofessionelle Deutsche Theater Montréal gegründet. Den Vergnügungspark La Ronde können wir getrost links liegen lassen. Der Kick, der uns jetzt bevorsteht, bietet mehr Thrill als jede Achterbahn.

Brücken-Thrill: Besser als jede Achterbahnfahrt

Die Jacques-Cartier-Brücke

Wir überqueren den St.-Lorenz-Strom über die Jacques-Cartier-Brücke. Diese monströse Metallkonstruktion, benannt nach dem Entdecker Kanadas, ist mehr als 2.6 Kilometer lang und erreicht in der Mitte die Höhe des Ummendorfer Kirchturms, schwindelerregende 66 Meter. Wir haben Glück: Von der höchsten Stelle aus sehen wir direkt auf ein bulliges Frachtschiff die Brücke passieren. Leider kein Smutje, der Kartoffeln schält und auch von einem Gitarre spielenden Matrosen keine Spur. Seefahrer-Romantik geht anders. Dass Fußgänger und Radfahrer einen oben offenen, fast kavernenartigen Eisenkäfig passieren müssen, um ans andere Brückenende zu gelangen, hat einen eher tragischen Hintergrund: Bis zum Bau des Sicherheitsgeländers hatten sich jedes Jahr bis zu zehn Menschen durch einen Sturz von der Brücke das Leben genommen.

Langsam und auch ein bisschen träge bewegen wir uns jetzt in Richtung Innenstadt. Im Stadtteil Hochelaga (politisch inkorrekt: Gay Village) setzen wir uns zum people-watching den Drugstore, eine Kneipe, die eigentlich aus zwei Kneipen besteht: Links die Getränke, rechts die Speisen. Jeweils ein Kellner kommt an unseren Tisch, der eine bringt den Wein, der andere die Fritten. Auch abgerechnet wird hinterher getrennt. „Zahlen bitte!“ im Doppelpack.

Grafitto auf der Rue Ontario

Sechzehn Kilometer zeigt der Streckenmesser inzwischen an. Es sind gut fünf Stunden vergangen seit unserem Auftaktsbesuch in der Markthalle. Die letzten vier Kilometer schleppen wir uns bei immer noch 28 Grad durch die Innenstadt, deren Skyline wir noch kurz zuvor stundenlang vom anderen Flussufer aus gesehen hatten. Die rush hour hat begonnen. Nichts wie weg hier, zurück nach St. Henri. Dorthin, wo unser Auto steht und die alten Fabriken vor sich hin schlummern und die Satay-Brothers gerade den nächsten Papaya-Salat servieren.

>>>   Bildergalerie: Schräge Stadtwanderung durch Montréal  <<<

Welche kanadische Freiheit?

Vor einem gefühlten Jahrhundert, als ich zwischendurch wieder für einige Jahre in Deutschland lebte, ließ sich der kanadische Fremdenverkehrsverband eine hübsche Anzeigenkampagne einfallen. Ich fand sie damals sehr frisch und sympathisch, „cool“ würde man heute wohl sagen. Vor allem der Slogan: „In Kanada ist die Freiheit noch nicht ausverkauft!“ hatte es mir angetan.

Die Anzeigen zeigten fitte Mädels und Jungs mit Sommersprossen, die in knallroten Kanus saßen und über Gewässer paddelten, die bestimmt „Indian Lake“ oder „Gold Rush River“ hießen. (In Wirklichkeit hatten sie vermutlich im Studio ein Schwimmbecken aufgebaut, in dessen lauwarmer Brühe die gestressten Models stundenlang posieren mussten). Manchmal war in den Inseraten auch ein Wasserflugzeug abgebildet, das ein Buschpilot steuerte, der aussah wie der Marlboromann. „Freiheit“, dachte ich mir schon damals, „ist echt was Tolles.“ Nach 30 Jahren Kanada nun die Ergänzung: „… wenn man richtig damit umgeht.“.

Seitdem ich hier auf dem Land wohne, denke ich über die kanadische Freiheit ein bisschen anders. Eigentlich kann ich gar nicht mehr so richtig nachvollziehen, welche Freiheit damals in der Anzeigenkampagne gemeint war. Ich denke aber, es muss sich auf die Freiheit in der Natur bezogen haben. Die Freiheit, die sich hier manche Menschen herausnehmen, hätte in einer PR-Kampagne für Kanada jedenfalls nichts zu suchen. Umgekehrt gehört ja zum Thema Freiheit auch das Thema Verbote. Und davon gibt es in Kanada mehr als genug. Oder auch zu wenig, wie man es nimmt.

Sonntäglicher Höllenlärm zum Frühstück

Nehmen wir den heutigen Sonntag. Es ist gerade mal halb neun, der frisch gedeckte Frühstückstisch auf der Terrasse wartet auf unsere Hausgäste. Ein warmer Sommerregen tröpfelt aufs Sonnendach – der Tag kann beginnen. Das dachte sich mein Nachbar Jean vermutlich auch und holte just in dem Moment seinen Rasenmähertraktor aus der Garage, als ich mir den ersten Kaffee einschenken wollte. Vermutlich will Jean heute, da es endlich geregnet hat, aus seiner Wiese ein Stück Wimbledon machen.

Das Wort „Traktor“, schiesst es mir gerade durch den Kopf, kommt bestimmt von „traktieren“. Denn der Höllenlärm, den Jean mit seinem Vorstadtpanzer verursacht, ist kaum auszuhalten. Jean ist mit seiner Traktiererei nicht allein. Auch der Nachbar zu unserer Linken, Marc, liebt nichts mehr, als am Sonntag morgen seinen kleinen Roten anzuschmeissen, um dem Gras den Krieg zu erklären. Wenn er besonders angriffslustig ist, holt Marc dann auch noch die Motorsäge aus dem Schopf, um seine mickerigen Bäume zu stutzen.

Wenn der letzte Baum gefällt, der letzte Fluss vergiftet und der letzte Fisch gefangen ist, dann werdet ihr vielleicht einsehen, dass man Geld nicht essen kann. (Indianische Weisheit)

Ganz schlimm war jedoch Yvon, ein Südfranzose, der es hier im Dorf gerade mal so lange aushielt, bis er von sich behaupten konnte: „Mission accomplished“, oder vielmehr „mission accomplie!“. Yvons Mission bestand darin, gut zwei Dutzend Bäume auf seinem Grundstück niederzumetzeln, weil sie ihm angeblich die Sonne nahmen, die er von der Côte d’azur her gewohnt war. Wobei sich bei mir oft die Frage gestellt hat, warum er dann nicht gleich im Süden Frankreichs geblieben ist. Einmal stellte ich Yvon zur Rede und fragte ihn, warum er um Himmels Willen denn die ganzen Bäume abholze?. Seine Antwort ist bei uns zum geflügelten Wort geworden: „Because it keeps me busy.“ Noch Fragen? Als Yvon mit seiner ewigen Sägerei schließlich sämtliche Nachbarn vergrault hatte, verkaufte er sein Haus wieder und zog in den Norden Kanadas. Dort wird er jetzt vermutlich Wälder roden oder auch Flüsse begradigen, vielleicht auch einen See trocken legen. Egal.

Übrigens war es Yvon, der so lange nach der Polizei und Feuerwehr rief, wenn der Nachbarhund bellte oder der andere Nachbar ein Lagerfeuer machte, bis die Polizei irgendwann tatsächlich ausrückte. Allerdings ging der Schuss nach hinten los und Yvon wurde verwarnt. Werde er noch einmal grundlos die Feuerwehr rufen, müsse er von jetzt an jedes Mal für den Einsatz der Spritzenmänner bezahlen. Dann war Ruhe.

Auto abschließen, sonst droht Strafe

Ganz offensichtlich gibt es eben doch Gesetze in Kanada. Aber meistens trifft es die Falschen. Ich hatte hier im Blog neulich schon mal von einem Verbotsschild berichtet, das bei uns den Ortseingang ziert und davor warnt, den Rasen zu wässern oder Blumen zu gießen. Dieses Schild ist übrigens vor zwei Tagen mit einem weiteren Schild ergänzt worden. Jetzt dürfen immerhin die Blumen gegossen werden, der Rasen aber nicht gesprenkelt.

Schwer nachvollziehen, was sich die Gesetzesmacher hier so alles ausdenken. Die Nummer neulich mit dem Strafzettel nach dem Kino passt ja auch voll in dieses Muster. 52 Dollar für eine Autotür, die nicht abgeschlossen war! Dabei werde ich immer wieder auf den Film von Michael Moore angesprochen, der behauptet hatte, in Kanada würden die Menschen nicht einmal ihre Haustür abschließen. Dream on, Mike!

In den Krallen der Québecker Sprachenpolizei

Ganz schräg sind in der Provinz Québec die Sprachengesetze. Weil vor allem die Politiker panische Angst davor haben, die französische Sprache könnte im Meer der englischen Sünde verloren gehen, hatten sie 1977 ein Gesetz eingeführt, das im Grunde genommen lachhaft ist. Die „Bill 101“ schreibt beispielsweise vor, dass auf Stoppschildern nicht STOP stehen darf, sondern ARRÊT. Verkäufer in Québecker Geschäften sind verpflichtet, ihre Kunden zuerst mit einem „Bonjour“ und dann erst mit „Good Morning“ zu begrüßen.

Auch vor den Auszeichnungen der Handelswaren in den Läden macht das Gesetz nicht halt. Die englischsprachige Beschriftung darf höchstens halb so groß sein wie die französische, sonst greift die Sprachenpolizei ein. Die gibt es hier wirklich. Sie nennt sich zwar offiziell „l‘Office québécois de la langue française“, hat aber de facto längst Polizeifunktion übernommen. So wurde vor Jahren einem Schweizer Konditormeister mit hohen Geldstrafen, notfalls auch Gefängnis, gedroht, falls er seine englischsprachigen Verkaufsschilder nicht abändert. Der Mann hatte daraufhin die Faxen dicke und verkaufte seinen Laden.

Der wahre Spruch des Alten Fritz

So viel also zum Thema „In Kanada ist die Freiheit noch nicht ausverkauft“. Dabei fällt mir eben der etwas krude Spruch meines leider verstorbenen Freundes Fritz ein. Er war als Dichter, Maler und Buchautor noch im hohen Alter wagemutig genug gewesen, von Deutschland nach Kanada auszuwandern. Von ihm stammt das Zitat: „Arschlöcher gibt es überall auf der Welt. In Kanada wohnen sie nur ein bisschen weiter auseinander.“

Hmmm. So weit auseinander dann auch wieder nicht.