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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Québec: Sieg der Separatisten

Sie sind wieder wer: Nach neun Jahren Opposition wird die nationalistisch ausgerichtete Parti Québecois die Geschicke der zweitgrößten Provinz Kanadas leiten. Für die meisten von uns, die wir hier nicht geboren und aufgewachsen sind, ist der Wahlsieg der vergangenen Nacht eine eher traurige Nachricht.

Die Separatisten wollen sich von dem Land, das wir uns zum Leben und Arbeiten ausgesucht haben, loslösen und einen eigenen Staat Québec gründen. Kanada ist für sie nicht mehr als eine Melkkuh, die man anzapft, wenn die Kohle knapp wird.

So bitter für uns der Sieg der Parti Québecois ist, so sehr freue ich mich persönlich über vier Dinge:

  • Zum ersten Mal in der Geschichte der Provinz Québec wird eine Frau – Pauline Marois – Ministerpräsidentin.
  • Der amtierende – liberale – Ministerpräsident Jean Charest ist abgestraft worden für seine Arroganz, seine politische Flickschusterei und seine korrupte Regierungsweise. Monsieur Charest hat selbst seinen eigenen Sitz in der Stadt Sherbrooke nicht mehr halten können. Das geschieht ihm recht.
  • Was immer die Separatisten sonst noch im Schilde führen – eins muss man ihnen zugute halten: Sie haben versprochen, der Asbest-Industrie in Québec den Hahn abzudrehen. Endlich wird dieses tödliche Teufelszeug nicht mehr von hier aus in die Welt, vor allem die dritte Welt, exportiert.
  • Der Wahlsieg der Separatisten reichte für eine absolute Mehrheit nicht aus. Madame Marois wird mit einer Minderheitsregierung an den Start gehen. Das ist, unter den Umständen, das Beste, das uns passieren konnte. So gibt es immer noch zwei gemäßigte Parteien in der Opposition, die die frankokanadischen Leithammel notfalls im Zaum halten werden.

Wie die Parti Québecois tickt und was wir von der künftigen Regierung erwarten können, ist im vorletzten Blogeintrag nachzulesen.

Blitzlichtgewitter in St. Henri

Schön ist es hier oben. Ein Gemeinschafts-Penthouse mit Billardtisch, Fernsehzimmer und einem Kamin für den kalten kanadischen Winter. Für den Sommer ein Schwimmbad mit coolen Liegestühlen, die einem die Sicht über downtown Montreal freigeben. Daneben Oleander, Hibiskus und andere exotische Blumen – die perfekte location für einen Photoshoot. Deshalb gewittert es manchmal auf unserer Dachterrasse.

Die Akteure dieses Blitzlichtgewitters sind: Eine Fotografin, ein Beleuchter, ein Schirmträger, eine Kabelschlepperin, eine junge Frau, die ziemlich wichtig zu sein scheint und eine ältere Frau, die möglicherweise weniger wichtig ist als sie tut. Irgendjemanden vergessen? Ach ja, die Models.

Das Model, das im Moment das Blitzlichtgewitter verursacht, ist blond, lächelt ziemlich hektisch, trägt einen Bikini von der Größe einer Babyserviette und bewegt sich vor der Kamera wie ein scheues Rehlein.

Während ich mich aus der für einen über Sechzigjährigen gebührenden Distanz an der neuen Bademode und deren Trägerinnen erfreue, fällt mir ein, dass ich irgendwann in meinem ersten Leben auch schon Model war.

Der Polizeireporter als Model für Bürostühle

In der Halle gegenüber der Waiblinger Kreiszeitung hatte sich eine kleine, aber feine Werbeagentur niedergelassen. Als einmal ein Schnellschuss für ein Büromöbel-Shooting anstand, rief der creative director in der Redaktion an. Sie bräuchten mal kurz einen gut gewachsenen Kerl, der nicht gerade aussieht wie der Glöckner von Notre-Dame. „Ich schick‘ euch unseren Polizeireporter“, höre ich Richard, den Chefredakteur, noch sagen. Und schon bin ich auf dem Weg ins Studio gegenüber.

Da sitze ich nun und werde gepudert und gekämmt, irgendjemand legt mir eine Krawatte an und zupft an meinem Hemdkragen. Vor mir ein wichtiger Leitz-Ordner und ein Fläschchen Apollinaris mit Glas. „Nicht trinken, nippen!“ warnt mich ein Mensch, den man vermutlich damals wie heute als Stylisten bezeichnet.

Der Bürostuhl, auf dem ich sitze und den es zu fotografieren gilt, mag hip sein, bequem ist er nicht. Das wiederum soll der Kunde später dem Foto im Prospekt freilich nicht ansehen. „Ganz locker, Junge“, weist der Stylist mich etwas entnervt an. „Entspann dich doch mal!“.

Du dich auch, denke ich nur. Aber was macht man nicht alles für 50 Mark.

Löcher in den Sohlen: Kein guter Start für eine Modelkarriere

Zurück in der Redaktion würde ich mich jetzt gerne für meine Modelpremiere feiern lassen. Doch der Anruf des Stylisten aus der Dunkelkammer holt mich schnell von Wolke sieben. „Deine Schuhe“, sagt der Chefredakteur, „sind nicht sehr fotogen“.

Die Jungs von der Redaktion brüllen jetzt vor Lachen und auch die gestrenge Sekretärin ringt sich ein „großartig!“ ab. Die Kamera lügt nicht: Zwei münzgroße Löcher in meinen Sohlen geben den Blick frei ins Eingemachte des Schuhbetts. Wir befinden uns in der vordigitalen Steinzeit. Photoshop kommt erst 35 Jahre später. Der Shoot muss wiederholt werden. Kein guter Start für meine Modelkarriere.

Und dann war da noch das Photoshooting für eine der ersten Ausgaben des deutschen Playboy-Magazins. Die Illustrierte „Quick“ hatte mich als Gewinner eines nicht besonders bedeutenden Journalistenpreises nach München eingeladen, um Zeuge dieses historischen Events zu werden.

Photoshooting beim „Playboy“

Wer das Model war, das sich vor meinen und mindestens 20 weiteren Augen nackt vor der Kamera räkelte, habe ich vergessen. Nicht so die Szene, wie eine Stylistin dem Covergirl den Bauchnabel schminkte und die Schamhaarfrisur toupierte. Und mittendrin der Bub aus Ummendorf.

Das alles geht mir in dem Moment durch den Kopf, als ich Zeuge des Fototermins auf unserer Gemeinschafts-Dachterrasse werde. Und während ich gedanklich noch irgendwo zwischen München und Waiblingen, zwischen Playboy und Büromöbeln schwelge, packt die Model-Karawane zusammen, das Blitzlichtgewitter zieht weiter. Zurück bleibt ein Gefühl von Schöner Wohnen in St. Henri.

Ist Québec noch zu retten?

Was ist los mit meinen Landsleuten? Werden sie wirklich, wie bisher alle Meinungsumfragen vermuten lassen, am kommenden Dienstag eine separatistische Regierung wählen? Wenn es so wäre, stünden uns, die wir hier nicht geboren und aufgewachsen sind, harte Zeiten bevor.

Fangen wir mit der Sprache an: Französisch ist in Quebec die Amtssprache – wunderbar! Französisch ist eine tolle Sprache, die Herzen höher schlagen lässt. Wenn aber eine Sprache zum politischen Powertool instrumentalisiert wird, habe ich damit ein Problem. Und genau das ist in Quebec der Fall. Schon jetzt, da wir noch eine Liberale Regierung haben. Erst recht, falls die separatistische Parti Quebecois an die Macht kommen sollte.

So soll künftig Studenten der Zugang zu englischsprachigen Colleges erschwert werden. Im Grundschulbereich ist das ohnehin schon der Fall. Ein Gesetzesrelikt aus alten Zeiten schreibt vor: Eltern, die hier geboren sind, müssen (mit wenigen Ausnahmen) ihre Kinder auf französische public schools schicken. Und die, dies nur nebenbei, haben nicht gerade den besten Ruf.

Geografische Nabelschau: Wo liegt Deutschland?

Das fängt bei der geografischen Nabelschau an und hört beim Sprachenrassismus auf. So kennen Absolventen von Quebecer Grundschulen zwar jeden Hügel zwischen Vaudreuil und Tadoussac. Wo der Kilimandjaro liegt oder gar die Zugspitze, können sie allenfalls googeln. Und wozu Englisch lernen? Ici, on parle français! Die Englischkenntnisse, mit denen Quebecer Schulabgänger ins Leben geschickt werden, sind nicht einmal im Ansatz dafür geeignet, sich später auf internationalem Parkett zu bewegen.

Das politische Québec schottet sich bewusst vom Rest Nordamerikas ab. Es versteht sich mit seinen sieben Millionen Einwohnern als letzte französischsprachige Bastion im Meer der englischen Sünde.

Und jetzt soll also genau jene Partei, denen wir die Sprachenpolizei zu verdanken haben, an die Regierung kommen. Schon hat Madame Marois, so würde die künftige Ministerpräsidentin heißen, angekündigt, das Budget des Office québécois de la langue française aufzustocken. Könnte ja sein, dass die Bediensteten der Sprachenpolizei neue Maßbänder benötigen, um sicher zu sein, dass die französische Beschriftung in den Läden auch wirklich doppelt so groß ist wie die englische. Das ist kein Witz, das ist die Wirklichkeit. Das ist Gesetz.

Es fehlt an politischen Alternativen

Warum trotzdem so viele Quebecer in Scharen zu dieser nationalistisch geprägten Partei überlaufen, ist angesichts der nach rückwärts gerichteten Parteiplattform schwer nachzuvollziehen. Und dann wieder doch: Es fehlt an Alternativen.

Die derzeit regierende Liberale Partei ist unter ihrem Premier Jean Charest träge, dick und fett geworden. Und ideenlos. Wer glaubt, im Jahre 2012 mit Millionensubventionen die Asbestindustrie wieder auf Vordermann bringen zu müssen, gehört in den Kerker und nicht auf die Regierungsbank. Die Liberale Partei hat durch Korruption, Arroganz und Inkompetenz viele Wähler vergrault. Die dritte Partei im Bunde, die brandneue Coalition Avenir Québec, outet sich langsam aber sicher als eine weitere Partei, die Québec vom kanadischen Staatenbund loslösen möchte. Separatisten im Schafspelz, also. Andere politische Organisationen haben es in den meisten Wahlbezirken nicht auf die Stimmzettel geschafft, sieht man einmal von Québec solidaire ab, eine weitere Gruppierung von Leuten, die glauben, es gehe auch ohne Englisch in Kanadas zweitgrößter Provinz.

Was passiert, falls die Separatisten an die Macht kommen?

Was also würde eine separatistische Regierung bedeuten? Einen Vorgeschmack dessen, was auf uns zukommt, haben wir bereits in den 80er und 90er-Jahren erlebt. Auch damals regierte jahrelang die Parti Québecois.

Anglokanadier und Allophone, also Menschen, deren Muttersprache weder Englisch noch Französisch ist, würden sich zurecht gegängelt fühlen. Die Folge: Viele – auch viele Unternehmen – würden sich in anderen Provinzen Kanadas niederlassen, wo Englisch nicht als Makel angesehen wird, sondern als das, was es ist: eine Weltsprache. Der Exodus aus Québec würde wiederum bedeuten, dass hier Arbeitsplaetze vernichtet und die Immobilienpreise an Wert verlieren würden.

Der Keil zwischen Anglo- und Frankokanadiern

Vor allem aber würde eine separatistische Regierung bedeuten, dass das harmonische Zusammenleben zwischen Anglo- und Frankokanadiern fürs Erste nicht mehr gewährleistet wäre. Das, so finde ich, wäre das eigentliche Drama.

Aber vielleicht geschieht ja bis zum 4. September noch ein Wunder. Manchmal täuschen sich ja Demoskopen auch. Oft aber auch nicht.

Eine brillante Analyse des politischen Geschehens in Quebec hat der Journalist Terence McKenna fuer die Internetseite der Canadian Broadcasting Corporation (CBC) verfasst. Den englischen Text finden Sie hier.

Das ganze Leben ein Dilemma

Wer lange genug im Ausland gelebt hat, kennt das schon: Fliege ich zur Hochzeit des Freundes? Bin ich beim runden Geburtstag des Bruders dabei? Werde ich bei der „Goldenen“ der Schwester mit an der Festtafel sitzen können? Trauerkarte oder Flugticket, um nach dem Ableben von lieben Menschen sein Mitgefühl auszudrücken?

Kommen oder bleiben – die Entscheidung, die immer wieder aufs Neue gefällt werden muss, ist eigentlich nie eine Herzensangelegenheit, denn das ist ohnehin klar: Man wäre immer lieber dabei. Sie hat fast immer mit Logistik, Aufwand und Terminen zu tun. Und irgendwo auch mit Jetlag und Geld.

Das Herz wohnt seit 30 Jahren in Kanada, hüpft aber noch immer, wenn es Feste in Deutschland zu feiern gibt. Leider bereitet das hüpfende Herz seinem Besitzer dadurch regelmäßig erhebliche Kopfschmerzen.

Das Dilemma: Ich würde gerne, aber …

Klar wäre ich am Wochenende am liebsten bei der Hochzeit eines der engsten Freunde in Köln dabei gewesen. Natürlich möchte ich demnächst mit der Schwester und dem Schwager im Allgäu darauf anstoßen, dass sie es 50 Jahre miteinander ausgehalten haben. Und, ja, auch am Begräbnis des langjährigen lieben Bekannten, der jetzt plötzlich das Zeitliche gesegnet hat, hätte ich vorige Woche selbstverständlich teilgenommen, wenn ich in Köln und nicht in Kanada wohnen würde. Aber weil oft der Wohnort die Umstände bestimmt und nicht das Herz, schiebt sich der Konjunktiv immer häufiger in die Mitte meines Lebens. Ich würde gerne, aber …

Aber was? … aber ich kann nicht Ende August nach Köln und Mitte September schon wieder ins Allgäu reisen, um wenig später – beruflich – ohnehin wieder in Deutschland zu sein. Das Leben als Vielflieger ist nicht nur ziemlich uncool, weil es die Umwelt mit Co2 versaut. Es ist auch sündhaft teuer geworden. Ein Rückflugticket Montréal-Frankfurt ist zurzeit unter 1 500 Dollar kaum zu haben. Und da beim Einsatz von Gratis-Flugmeilen der Staat die Hand mit aufhält, bleiben allein für Steuern, Umwelt-, Sicherheits- und sonstige Abgaben noch 600 Dollar am Besitzer des „miles&more„-Kontos hängen. Dafür opfert man dann 65 000 Flugmeilen. Fair ist anders.

Das Herz hüpft, die Seele möchte feiern

Dazu kommt noch der Störfaktor „Präzedenzfall“. Heute feiert die Schwester goldene Hochzeit, in einem Jahr wird der Bruder siebzig. Unmöglich, bei der einen zu kommen, beim anderen zu bleiben, wo man doch beide gleich lieb hat. Und irgendwo ist da noch der Freund, der im reifen Alter nochmal Vater wird. Wenn das kein Grund zur Freude ist. Und zum Feiern. Und damit zum Kommen. Sorry, geht leider nicht.

Die Seele, freilich, interessiert sich für Gehirnakrobatik wie diese nicht die Bohne. Sie will lediglich dabei sein. Mitfeiern, mitessen, mittrinken, mittrauern. Mitmachen eben.

Kompromisse, wo es keine Lösung gibt

Und weil man niemanden, wirklich niemanden, vor den Kopf stoßen möchte, müssen gelegentlich Kompromisslösungen her. So wie jetzt: Zur Hochzeit des Freundes, der gleichzeitig Patenonkel des Sohnes ist, wurde das Patenkind nebst Freundin in den Flieger nach Deutschland gesetzt. Zur „Goldenen“ reist die Frau an meiner Seite in zwei Wochen ausnahmsweise alleine nach Deutschland. Und erfüllt sich damit gleich noch einen anderen Herzenswunsch: Dabei sein, wenn der Grundschuljahrgang ein rundes Jubiläum feiert.

Frau lebt schließlich nur einmal.

Einmal um die Welt – und jetzt?

Was macht eigentlich ein Mensch, der elf Jahre seines Jahres damit verbracht hat, einmal um die Erde zu wandern und dann wieder zu Frau, Freunden und Familie in seine Heimatstadt zurückkehrt? Der Insekten verspeist und Raubüberfälle überlebt und dabei 54 Paar Schuhe verschleißt? Er schreibt an einem Buch, hält Vorträge. Und geht jeden Tag joggen.

Als hier im Blog von dem Marsch des Montrealers Jean Beliveau die Rede war, gingen die Klickzahlen in die Höhe wie schon lange nicht mehr. Jetzt, zehn Monate nach Beliveaus Rückkehr, bringt seine Frau alle, die sich für das Leben des Weltwanderers interessieren, auf den neuesten Stand.

Es geht ihm gut. Die Integration in sein Leben, 2. Teil, sei gelungen. Aus Angst vor Platznot habe man das kleine Apartment in der Montrealer Innenstadt verkauft und ein Haus im Grünen erworben. Geld verdient der Weltreisende offensichtlich auch. Er wird zu Vorträgen eingeladen, besucht Firmen und Schulen, tritt in Talkshows auf, darunter auch in einer französischen. Und er schreibt an einem Buch, das Anfang 2013 auf den Markt kommen soll.

Seine bisher größte Herausforderung, schreibt Beliveaus Frau Lucie, sei ein Vortrag für ein großes Unternehmen gewesen, den er ausschließlich in Englisch gehalten habe. Das sei deshalb erwähnenswert, weil Jean mit seiner zweiten Landessprache immer noch Probleme habe.

Fernweh? Nicht wirklich, sagt Lucie über Jean. Es sei ja nicht so, dass er gar nicht mehr auf Achse sei. Neulich seien sie in Quebec-City gewesen und in den Laurentians, nördlich von Montreal. Nicht schlecht, aber eben nicht die Anden und auch nicht die Chinesische Mauer und gleich gar nicht der Eifelturm.

Ein tolles Video über den Streckenverlauf finden Sie hier.

(Diese Infos stammen übrigens von meinem befreundeten Kollegen Gerd in Ottawa. Der steht mit Lucie und Jean in Mailkontakt. Danke!)