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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Tod eines Abenteurers

Faszinierende Geschichte in „eines tages“, der heutigen Ausgabe von SPIEGEL-Online: Es ist die Geschichte von Christopher McCandless. Ein Trapper hatte die Leiche des 24jährigen Aussteigers vor genau 20 Jahren im Busch von Alaska entdeckt  – in einem ausrangierten Stadtbus der Verkehrsbetriebe von Fairbanks.

Unmittelbar nachdem McCandless tot in Alaska aufgefunden worden war, ging ich als Reporter für den „Playboy“ auf eine mehrwöchige Spurensuche durch die USA. Es wurde eine der faszinierendsten Reisen meines Lebens. Eine Art „making of“ gab’s vor einigen Monaten in diesem Blogeintrag.

Jahre später schrieb Jon Krakauer ein Buch über Leben und Tod des Amerikaners, der sich „Alex“ (nach seinem Vorbild Alexander des Großen) nannte. Mit „Into The Wild“ ist Sean Penn  2007 ein großartiger Film gelungen.

Bloggen aus dem Blockhaus

„Tethering“ ist eine feine Sache. Du sitzt irgendwo im Café, am Strand oder, wie ich im Moment, in der Blockhütte am Lac Dufresne und kommunizierst per Internet mit der Welt da draußen. Beim Tethering (to tether = anbinden) wird der Laptop ans Handy angeschlossen. Das Mobiltelefon übernimmt dann – drahtlos per Bluetooth, oder aber über eine Kabelverbindung – die Funktion des Modems.

Voraussetzung ist natürlich, dass das Handysignal kräftig genug ist, um auch Daten übermitteln zu können. Und dass das Smartphone in der Lage ist, die Brückenfunktion zwischen Handy und Rechner zu übernehmen.

Aber, Achtung: Wer keinen vernünftigen Datenplan hat, sollte vom Tethering lieber die Finger lassen. Das Surfen im Netz könnte sonst zum finanziellen Fiasko werden.

Vorsicht bei Audios und Videos!

Was ist ein vernünftiges Datenkontigent? Wer lediglich ein paar schlanke Mails schreibt oder Seiten im Internet abruft, die nicht mit Videos und Audios vollgepflastert sind, kommt mit 100 Megabytes pro Woche aus. Wer aber auch im Busch auf Skype nicht verzichten möchte oder glaubt, ohne YouTube nicht überleben zu können, sollte schon einige Gigabytes zur Verfügung haben. Bei mir sind es beispielsweise sechs GB. Damit komme ich für unter 80 Dollar im Monat, Handynutzung inklusive, wunderbar klar.

Datenpakete zum Surfen im Netz werden, zumindest hier in Kanada, meistens in Verbindung mit der Handynutzung zum Telefonieren angeboten. In Deutschland dürfte das nicht anders sein. Das heißt, als Nutzer sollte man nicht davon ausgehen, dass der Mobilfunkprovider nur das Beste im Sinn hat und dem User auch den bestmöglichen Datendeal eingerichtet hat. Mit einem Anruf beim Anbieter vor dem ersten Tethering sollte auf jeden Fall die Preisfrage geklärt werden.

Endloses Surfen kann zum finanziellen Fiasko werden

Aber selbst bei einem großzügig eingerichteten Datenplan sollte man beim Tethering nicht unbegrenzt online bleiben. Auch dann nicht, wenn gerade nicht gesurft oder keine Mails geschrieben werden. Da sich die meisten Internetseiten von Zeit zu Zeit automatisch aktualisieren, entsteht jedes Mal ein Datenverschleiß. Und der kann bei Dutzenden von Aktualisierungen am Tag kostspielig werden. Dies trifft vor allem auf tagesaktuelle Nachrichtenportale wie Spiegel-Online, tagesschau.de oder sonstige Anbieter zu.

Wer vernünftig mit seinem Datenplan umgeht und seine Surfwut im Griff hat, für den kann Tethering eine echte Bereicherung sein. Wer aber glaubt, er müsse auch auf dem Campinglatz, im Auto oder von mir aus auch im Busch ans Netz, sollte sich zügeln. Oder sich aber auf eine richtig fette Rechnung gefasst machen.

Bloggen ohne Reue – fast für lau

Nur mal so: Sämtliche Texte und Bilder, die ich im Laufe des letzten Jahres in meinen Blog eingestellt habe, machen zusammen gerade mal 60 Megabytes aus. Das heißt, um mein monatliches Datenkontingent von sechs Gigabytes auszuschöpfen, könnte ich jeden Monat 100 Blogs – nicht Artikel, ganze Blogs! – ins Netz stellen.

Aber warum sollte ich? Es ist doch alles gesagt. Zumindest für heute.

Nie wieder Salatbesteck!

Man müsste öfter umziehen. Nicht alle 24 Jahre, wie wir das gemacht haben. Jedes Jahr einmal. Ach was, jeden Monat. Mindestens. Es besuchen dich plötzlich Menschen, die Prosecco und Blumen mitbringen und du bekommst liebevolle Mails mit gedachtem Salz und Brot. Und dann all die Essens-Einladungen!

Die erste kommt vom Sohn. Der will, dass wir uns in unserem neuen – und seinem alten – Viertel wohlfühlen und lädt uns deshalb zum Italiener in St. Henri ein. Wir waren schon mal vorkosten. Die Pasta schmeckt himmlisch, der Wein göttlich. Es lohnt sich, dort hinzugehen. Die Einladung lösen wir irgendwann mal ein, wenn uns der Schweiß nicht mehr in die Suppe tropft und die Touristen die besseren Plätze wieder den Einheimischen überlassen. Uns Einheimischen!

Die zweite Essenseinladung kam vom Makler. Der hat unser Haus so professionell beworben, dass eine junge Familie gar nicht anders konnte als die Immobilie schließlich zu kaufen. Zu einem Preis, der nicht nur uns glücklich stimmte, sondern ganz offensichtlich auch den Makler. Man denke nur an seine Provision.

Kleine Portion, großer Preis: Das Restaurant mit dem accent ague

Der Häusermakler ließ sich nicht lumpen. Der Essensgutschein, den er uns geschenkt hat, ist für ein Restaurant mit einem accent ague, in dem die Portionen so klein sind, dass du sie mit der Lesebrille suchen musst. Dafür sind die Preise so hoch, dass Leute für ein Abendessen glatt ihre Lebensversicherung beleihen.

Dafür gibt’s dann aber auch gehobelte und in Himbeerwasser marinierte Trüffelchen mit Wasabischaum, das Ganze auf einem Bett von exotischen Kräutern, deren Namen ich nicht aussprechen kann. Aber man ist ja für alles offen.

Tipp vom Insider: Fritten vor der Hauptmahlzeit

Das mit den Miniportionen weiss ich übrigens von Freunden, die dort diniert haben. Hinterher haben sie bereut, dass sie sich auf dem Weg zum Restaurant nicht kurz bei Burger King Fritten auf die Hand gekauft haben. Wo kämen wir denn da hin, wenn wir in so einem Food Tempel auch noch satt werden wollten.

Das Vorkosten haben wir uns übrigens angesichts des Preis-Speisungsverhältnisses geschenkt.

Und jetzt noch Post aus Winnipeg. Eine gute Freundin aus meinen Manitoba-Tagen beschenkt uns mit feinen Gedanken zum neuen Zuhause und wünscht guten Appetit im Steakhouse, Essensgutschein inklusive. Vorkosten nicht nötig, wir kennen den Laden. Passt.

Steak statt Spätzle für den Schwabokanadier

Wie sich die Zeiten doch ändern: Als ich in den 70er-Jahren als junger Reporter nach Kanada kam, war es genau diese Frau, die mich mit Flädlessuppe, Maultaschen und Kässpätzle hochpäppelte, wenn mal wieder das Heimweh nagte. Und jetzt anstelle der schwabokanadischen Variante eben Steak statt Spätzle. Damit lässt es sich wunderbar leben.

Dankenswerterweise denken unsere Freunde mit, wenn es ums Beschenken geht. Keiner hat bisher etwas zur Inneneinrichtung im neuen Loft beigetragen. Keine Bilder, kein Tranchiermesser, nicht einmal Salz- und Pfefferstreuer. Das ist uns geschmackstechnisch sehr recht, denn Schöner Wohnen ist ja schon etwas sehr Individuelles. Abgesehen davon könnte uns jetzt ein neues Salatbesteck vor ein echtes Raumproblem stellen. Von einer Blumenvase ganz zu schweigen.

Wie sinnvoll sind angesichts solcher Bedenken doch Geschenke, die sich in nichts auflösen. Oder so ähnlich.

Kanada und seine Einwanderer

Es gibt vieles, das ich an Kanada nicht mag: Das harte Winterklima. Die sozialfeindlichen Entfernungen. Die miserablen Straßenverhältnisse. Das marode Gesundheitssystem. Doch in einem Punkt lasse ich über mein Gastland nichts kommen: Wenn es um den Umgang mit Menschen mit Migrationshintergrund geht, macht Kanada so ziemlich alles richtig.

Jeder fünfte Bewohner Kanadas ist nicht hier geboren. Außer dem Mutterland Großbritannien kommen die meisten von ihnen von den Philippinen, aus Indien und China. Jedes Jahr heißt Kanada 250 000 Neueinwanderer willkommen. Wobei „willkommen heißen“ in diesem Fall keine Worthülse ist. Haben die Immigranten die oft frustrierende, immer langwierige und manchmal teure Einwanderungsprozedur erst einmal hinter sich gebracht, können die allermeisten von ihnen sicher sein, im Gastland „willkommen“ zu sein. Turban hin, Burka her – jetzt sind sie Kanadier. Ohne ihre Vergangenheit leugnen zu müssen.

In mehr als 30 Jahren Kanada ist es mir nicht ein einziges Mal passiert, dass ich mich wegen meiner deutschen Herkunft diskriminiert gefühlt hätte. Im Gegenteil: Wenn ich mich als „German“ oute, werden mir fast immer Respekt und Toleranz entgegengebracht. Wenn dann erst einmal die deutschen Kernthemen Autobahn, Neuschwanstein, Bratwurst und Rammstein abgehakt sind, kann es schon mal passieren, dass ich danach gefragt werde, wie denn heute das Verhältnis der Deutschen zu einem gewissen Adolf H. sei. Aber da der Kanadier von Natur aus politische Diskussionen eher scheut, wird auch daraus kein abendfüllendes Programm.

Dass Kanada seine Einwanderer schätzt, entnehme ich regelmäßig Blogs und Kommentarseiten, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen. Das kann eine sehr erfrischende Erfahrung sein. Neueinwanderer werden dort oft gelobt für ihren Fleiß und ihre Küche und auch für ihre Bereitschaft, eine der beiden kanadischen Landessprachen zu sprechen, manchmal sogar Englisch UND Französisch.

Wie deprimierend ist es da oft, hetzerische und ketzerische Postings in einigen deutschsprachigen Internet-Gästebüchern lesen zu müssen. Manche von ihnen triefen nur so von Ausländerhass. Da bekommen manche Kommentarschreiber schon Schnappatmung, wenn sie nur das „I“ von Islam hören.

Die meisten der Menschen, die nach Kanada kommen, hatten es in ihren Herkunftsländern nicht leicht. Ihre Auswanderung ist oft aus der Not heraus geboren, im eigenen Land keine sichere Zukunft zu haben. Die wenigsten Immigranten kommen nach Kanada, weil die Berge hier so schön sind und die Seen klar. Ungefragt werden oft ganze Familien entwurzelt, die keine touristischen Hintergedanken haben, wenn sie ihre Heimat verlassen.

Die Bewohner dieses Landes waren und sind gut zu mir als „Ausländer“. Ich kann nur hoffen, die Millionen Menschen mit Immigrationshintergrund, die in Deutschland leben, können dies auch von sich behaupten.

Unser Smart im Leichenhaus

Da beginnt dein Tag wie jeder Tag und plötzlich steht er vor dir: Der Mann, der dir seither nicht mehr aus dem Kopf gehen will. Nein, nicht was Sie denken. Der Mann ist, so weit ich weiss, glücklich verheiratet. Ich bin’s, so weit ich weiss, auch. Und trotzdem lässt mich dieser Mensch nicht mehr los.

Angefangen hatte alles mit einer Kleinanzeige im Internetportal Craigslist. Unser Smart-Cabrio hat seine Schuldigkeit getan. Ein Garagenstellplatz für zwei Autos ist zu wenig. Zweimal Steuer, Versicherung und Reparaturen sind zu viel. Also muss der Kleine gehen, der Große bleibt. Sorry, Baby. Du warst gut zu uns. Aber jetzt trennen sich unsere Wege.

Alain und unser Kleiner: Liebe auf den ersten Blick

Sie trennen sich an dem Tag, an dem Alain in meinem Leben auftaucht. Alain meldet sich schon am frühen Morgen auf die Anzeige bei Craigslist. Kommt, legt einen Packen Scheine auf den Tisch und sagt, jetzt würde er den Kleinen gern mal anschauen. Es war, wie könnte es anders sein, Liebe auf den ersten Blick. Alain ist jetzt Besitzer des besten Autos, das ich je hatte.

Alain ist Anfang fünfzig und „vom Bau“, wie er schon am Telefon sagte. Viel Zeit habe er nicht, meint er. Viel Geld auch nicht. Damit sind die Fronten schon mal geklärt. Den Smart wolle er kaufen, weil er die Schnauze voll habe von der verlogenen Politik, von der Verschandlung der Umwelt, von den Ölkonzernen und von der Abzocke an den Tankstellen generell. Alain will downsizen, so wie wir. Nur ging bei uns die Verkleinerungs-OP vom großen Haus zur kleinen Wohnung. Bei Alain geht sie vom Truck zum Smart.

Auf dem Weg zur Zulassungsstelle erzählt mir Alain ein bisschen von seiner Gegenwart („grün wählen, alles andere taugt nichts“) und viel von seiner Vergangenheit. Vater Uni-Professor, Mutter Lehrerin. Aufgewachsen im feinen Viertel Outremont. Er wird Anthropologe mit abgeschlossenem Studium an einer Montrealer Vorzeige-Uni. Weit gereist, gut im Text, weltgewandt, klug, gebildet.

Erst Anthropologe, dann auf dem Bau

Und jetzt also auf dem Bau. Warum?, will ich wissen. „Karrierewechsel tut gut, sollte Jeder mal tun“, grinst er. Der Mann schafft es, mich am frühen Morgen ins Grübeln zu bringen. Vielleicht hätte ich doch Zauberer werden sollen. Noch ist es nicht zu spät.

Wir reden über Greenpeace und unseren Landsmann, den Öko-Aktivisten Paul Watson („wenigstens einer, der noch genügend Eier in der Hose hat“), über Olympia und die Eurokrise. Über sauren Regen und süße Verlockungen und auch über Frau Merkel und „Mister Schäubl“. Wir reden über Gott und die Wellt. Und würde ich von Allah mehr verstehen, hätten wir auch den mit einbezogen. Alain, der Kerl vom Bau, bringt mich an meine Grenzen.

Stinkefinger für die Ölkonzerne

Wir sitzen jetzt in der Zulassungsstelle in Laval und warten, bis unsere Nummer ausgerufen wird. Alain erzählt derweil von ägyptischen Grabstätten und kyrillischen Schriften, macht einen Schwenk zu Brecht und Vonnegut und freut sich diebisch, dass er jetzt Besitzer eines sechs Jahre alten Sparautos ist und künftig den Ölkonzernen den Mittelfinger zeigen kann. Anschließend verklickert er mir an der Tankstelle noch kurz den chemischen Unterschied zwischen Benzin, Super und Diesel. Und dass man sich von den Oktanzahlen nicht blenden lassen dürfe.

„Wo arbeitest du zurzeit?“, will ich von meinem neuen Bekannten wissen. „In einem Fastfood-Schuppen am Highway 15“. Neue Dunstabzugshaube. Fenster, Fliesen, Heizung, neue Klos. Ordentlicher Job für ordentliche Bezahlung. Bau eben. Alain, die Vielzweckwaffe.

Keine Limonade für Selbstmord-Attentäter

Es ist heiß an diesem Morgen und Alain ist nach Limonade zumute. Aber nicht die Kalorienbomben aus dem Supermarkt. „Die sind für Selbstmord-Attentäter“. Wir fahren zu ihm nach Hause, in die Vorstadt. Die Häuser werden kleiner, die Bäume größer. Irgendwann eine Kirche, einer dieser alten Protzbauten, die aus einer Zeit stammen, als sich die Katholische Kirche nicht schämte, den armen Gläubigen ihre schwer verdienten Kröten aus der Tasche zu ziehen, um sich ein Schlösschen zu bauen. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Alain wohnt im Bestattungsunternehmen

Neben dem Gotteshaus das Leichenhaus. Alains Haus. „Du wohnst im Leichenhaus?“ „War ein guter Deal, damals“. „Ist das nicht ein bisschen spooky, im Leichenhaus zu leben?“ „Nö, gar nicht. Vor Lebenden habe ich mehr Angst als vor Toten“. Und außerdem: Es sei ja seit zwölf Jahren kein Leichenhaus mehr. Alain hat das Bestattungsunternehmen umgebaut zu einem schmucken, wenn auch etwas unproportionierten Vorstadthaus. Die Tiefgarage ist nicht auf Kleinstautos ausgerichtet. Hier wohnten bis vor ein paar Jahren noch schwarze Cadillacs mit Gold-Ornamenten auf dem Kühler und Vorhängen mit feierlichen Blumenmustern vor den dunklen Scheiben. Leichenwagen. Jetzt wohnt dort unser Smart.

Von der Garage in den Wohnbereich führt ein Lastenaufzug. Groß genug für einen Sarg. Das Haus erschlägt dich, so bald du die Tür aufmachst. Riesige Räume, durch Holzstufen voneinander getrennt. Rauf und runter, runter und wieder rauf. Es hört einfach nicht auf. Hier also wurden Trauerreden gehalten und Choräle gesungen. Hier wurde gelobt und gelogen und manchmal kommt nach dem Tod auch die Wahrheit auf den Tisch. Bestimmt wurde in diesen Räumen viel geweint, gejammert, geschmunzelt und manchmal auch gestritten. Im Angesicht des Todes spielt das richtige Leben.

„5212 Tote waren hier im Laufe der Jahre aufgebahrt“, sagt mein Leichenhausführer. Er habe sich vor dem Hauskauf genauestens erkundigt. „Hier wurden sie gewaschen.“ Hier? Ja, hier. Wo jetzt Alains Esszimmer ist und wir hausgemachte Limonade trinken. Und, nein, ich rieche nichts.

Das Haus ist voll mit Memorabilien eines gelebten, gereisten, gelernten Lebens. Kerzenleuchter aus dem Yemen, eine Schatztruhe aus Syrien. Krimskrams aus Peru und Nepal. Der Mann vom Bau scheint sich in der Welt auszukennen.

Engel in allen Erkern und Ecken

„Was ist mit den Engeln?“, will ich wissen. Lebensgroße Engel in jeder Ecke, von jeder Decke. Engel mit Flöten aus Gips und Metall. Marmorengel und Engel mit Pausbacken aus Kupfer oder von mir aus auch Gold. „Die gehören Louise“, sagt der Mann vom Bau. Seiner Frau. Promovierte Literaturwissenschaftlerin mit klugen Gedanken und wenig Zeit.

Louise lässt sich entschuldigen, schickt aus irgend einem Erker ein knappes „Bonjour!“ in die Leichenwaschanstalt.“ Übermorgen ist die Deadline für ihr neues Buch.“ „Deine Frau ist Schriftstellerin?“, fragt der Smart-Verkäufer den neuen Besitzer. „Unter anderem“, sagt der Mann vom Bau, der jetzt dein Auto fährt. „Hauptsächlich unterrichtet sie an der Uni“.

Drei Katzen schleichen sich, wie gerufen, gleichzeitig an. Keine sieht aus wie andere Katzen, die ich kenne. Die Klimaanlage schnurrt. Anders als andere Klimaanlagen, die ich kenne. Sieht aus wie ein Hightech-Gadget, frisch von der Erfindermesse in Las Vegas. „Hab ich mitentwickelt“, sagt der Mann, der anders ist als alle anderen Männer, die ich kenne. Also auch noch Klimaanlagen-Erfinder. Warum bin ich da nicht gleich draufgekommen?

Zwei Stunden später, wieder daheim, boingt es mitten in mein stinknormales Leben. Mail von Alain. „Klasse Auto! Danke für den schönen Tag.“

Wie sagte Forrest Gump nochmal im Film? „Life is like a box of chocolates. You never know what you’re gonna get.“ Das Leben als Wundertüte eben. Und mittendrin ein Mann vom Bau.