3. Mythos: Kanada ist grün

Nicht wirklich. Obwohl Greenpeace 1971 an der kanadischen Westküste gegründet wurde, gibt es bis heute keine Fraktion der Grünen im Bundesparlament. Erst seit Mai 2011 sitzt die Grünen-Politikerin Elizabeth May im Unterhaus – lediglich als einfache Abgeordnete, ohne eine Fraktion im Rücken zu haben. Dafür reichten die notwendigen Stimmen nicht aus. Kanada wird seit 2006 von den Konservativen regiert, mit dem erzkonservativen Premierminister Stephen Harper an der Spitze. Er meint übrigens bis heute, Asbest sei unschädlich und müsse nicht verboten werden. Kein Wunder, dass er gerne in dem Ort Asbestos auftaucht und sich dort von den Bewohnern beklatschen lässt. Schließlich leben die meisten Einwohner der Gemeinde nicht schlecht vom Export dieses Teufelszeugs. Wie es in Kanada mit dem Umweltschutz tatsächlich aussieht, habe ich kurz vor den Wahlen in einem Artikel für SPIEGEL-Online beschrieben.

2. Mythos: Alle Kanadier sind freundlich

Ich kann es nicht mehr hören: „Kanada hat das beste Gesundheitssystem der Welt“. Das beste Schulsystem. Die saubersten Seen. Die gesündesten Wälder. Die freundlichsten Menschen. Wirklich? Von Zeit zu Zeit würde ich gerne ein paar dieser Klischees auf den Grund gehen. Am besten fangen wir mit den Menschen an. Sind Kanadier denn wirklich so freundlich wie es immer heisst?

Ja. Absolut. Zumindest die meisten, die ich kenne. In meinen mehr als 30 Jahren in diesem Land sind mir nur wenige Menschen über den Weg gelaufen, die ich nicht als freundlich, hilfsbereit und vor allem als tolerant bezeichnen würde.

Im Westen Kanadas, wo ich insgesamt fünf Jahre gelebt habe, war mir diese Freundlichkeit anfangs geradezu unheimlich. Hier in Montréal herrscht ein etwas spröderer Charme als in Manitoba, Alberta oder Saskatchewan. Überhaupt ist der Unterschied zwischen Québec und dem Rest des Landes enorm. Das fängt bei der Sprache an und hört beim Essen auf.

Die Rivalität der beiden Metropolen Montréal und Toronto steht der Haassliebe um nichts nach, die Düsseldorf und Köln für einander empfinden. Nach Montréal, so sagen meine frankokanadischen Freunde, kommen die Leute, die in Toronto ihr Geld verdient haben und endlich mal Spass haben wollen. Umgekehrt ziehen viele Montréaler nach Toronto, weil sie endlich richtig Kohle scheffeln wollen.

Wahr ist, dass Montréal als Stadt für mich schwer zu toppen ist. Die Mischung zwischen französischem savoir vivre und dem American way of life dürfte einzigartig in der Welt sein. Baguette und Brie werden bei einer Party in Montréal mit jener Hingabe kredenzt, die im Westen Kanadas Hotdogs und Hamburgern gilt.

„To each his own“, sagt der Anglo. „Chacun à son goût“ der Franko. Man könnte auch sagen: „Jedem das Seine“

1. Mythos: Super Gesundheitssystem!

Leider nein. Das kanadische Gesundheitssystem ist krank. Es fehlen Ärzte, Krankenhäuser, Krankenhauspersonal. Ganz besonders bekommen dies die Bewohner der Provinz Québec zu spüren. Weil viele Absolventen der medizinischen Fakultäten nicht, wie vorgeschrieben, fließend zweisprachig englisch und französisch sind, bleibt immer mehr jungen Ärztinnen und Ärzten nichts anderes übrig als in anderen kanadischen Provinzen zu praktizieren. Oder, noch besser: In den USA. Dort mag zwar das Gesundheits-Versicherungssystem kranken, nicht aber die medizinische Versorgung. In Kanada ist es umgekehrt: Jeder Bewohner des Landes hat Anspruch auf kostenlose medizinische Versorgung. Nur: Was nützt es, wie in meinem Fall, wenn ich wegen einer schmerzhaften Bänderzerrung am Knie keinen Arzt zu Gesicht bekomme? Meine Hausärztin ist vor kurzem in den Ruhestand gegangen. Einen neuen Hausarzt zu finden, ist so gut wie unmöglich. Das Boot ist voll, die Ärzte sind überlastet. Es fehlt – siehe oben – an Nachwuchs. Was also tun, wenn medizinische Versorgung dringend notwendig ist? Blieben zwei Möglichkeiten: Sogenannte „Walk-in-Clinics“ (WIC) oder die Notaufnahme in den Krankenhäusern. WIC’s operieren nicht rund um die Uhr und sind oft hoffnungslos überfüllt. Bliebe die Notaufnahme im Krankenhaus. Wirklich? Als ich neulich wegen meines Knies zur Emergency ging und nach sechs Stunden Wartezeit immer noch keinen Arzt zu Gesicht bekam, ging ich unverrichteter Dinge nach Hause. Gegen Mitternacht, nach SECHSSTÜNDIGEM Warten, kam eine freundliche Sekretärin und beschied den etwa 50 Frauen, Männern und Kindern im Saal, es könne noch weitere vier bis sechs Stunden dauern, bis wir an der Reihe sind. Der einzige diensthabende Notarzt sei mit Unfallpatienten beschäftigt. Ein gesundes Gesundheitssystem sieht anders aus