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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Smalltalk morgens um halb vier

Der Wecker klingelt pünktlich um 03:30 Uhr: „Wollte nur fragen, ob Ihre Bankverbindung noch stimmt“, tönt es fröhlich durch die Leitung. „Unsere Honorarabteilung ist gerade dabei, die Kontonummern zu aktualisieren“. Prima. Morgens um halb vier. Das passiert, wenn Anrufer vergessen, dass der Angerufene in einer anderen Zeitzone lebt.

Gestern auch wieder. Mitten in der Nacht klingelt das Telefon. Erst Festnetz, dann Handy. Meine deutsche Bank. „Bitte den Token schnellst möglich per Chipkarte mit dem TAN-Generator synchronisieren und die neuen Zugangsdaten durch Eingabe ins TAN-Fenster bestätigen“. Ähm, wie bitte? Token? TAN? Fenster? Chip? Hallo? Es ist noch dunkel bei mir.

Ein ganz besonderes Talent im Zeitzonen überschreitenden Telefonieren war mein Vater. „Wollte nur fragen, ob ihr schon wach seid“, lautete regelmäßig seine Einstiegsfrage. Ja, Papa, sind wir. Ist ja auch schon viertel vor drei.

In unserem Haushalt galten schon immer eigene zeitliche Gesetze. Über meinem Schreibtisch hängen zwei Uhren. Eine zeigt die kanadische Zeit, die andere die deutsche. Wer beruflich und privat so eng mit Deutschland verbunden ist, muss wissen, wer wo wann tickt. Vor allem, als der Hörfunk-Korrespondent noch fast täglich live auf Sendung war.

Am schlimmsten ist es immer nach der Zeitumstellung. Kanadier stellen ihre Uhr nicht zeitgleich um wie Mitteleuropäer. Manchmal dauert es eine Woche, manchmal auch einen ganzen Monat, bis wir wieder synchron sind. War bisher ein Anruf morgens um acht noch ganz nett, ist er nicht mehr so willkommen, wenn es jetzt plötzlich eine Stunde früher klingelt. Smalltalk morgens um sieben ist einfach nicht in Ordnung.

Überhaupt finde ich Zeitzonen ziemlich überflüssig. Der Jetlag nervt mit zunehmendem Alter immer mehr. Du wachst nach der Rückkehr aus Europa morgens um halb drei auf, willst nur noch duschen und hast einen Bärenhunger. Schließlich ist es in deiner Magenuhr noch immer halb neun und damit Frühstückszeit. Umgekehrt willst du bei Deutschland-Besuchen nachmittags um vier nur noch ins Bett und Spätnachrichten kucken. Ist ja auch schon 22 Uhr in Kanada.

In der Regel geht die Zeitrechnung so: Zwischen Montréal und Ummendorf liegen sechs Stunden. Wir hängen hier natürlich, wie immer, hinterher. Und Ummendorf ist, wie immer, seiner Zeit voraus.

Man gewöhnt sich an allem …

Ein „elk“ ist kein Elch sondern ein Hirsch. Ein „townhouse“ ist kein Stadthaus, sondern ein Reihenhaus. Und „you are welcome“ sagt der Kanadier nicht etwa, wenn er dich willkommen heißen möchte. Es heißt schlicht und einfach „bitte“. Die englische Sprache ist voller Tücken. Und das Französisch der Québecer kann einen ganz schön in Verlegenheit bringen.

Manchmal geht man zum Lachen in den Keller. Schauplatz der ersten Verwechslungskomödie nach meiner Ankunft in Kanada: Die Hausmeisterin des Apartmentgebäudes, in das ich gerade eingezogen war, verklickert mir den Umgang mit Waschmaschine und Trockner. „Thank-you!“, sage ich. Sie: „You are welcome!“ Ich: „Thank-you, very nice of you“. Sie: „Oh, Thank-you. You are welcome“. Dass sie mich mit ihrem ständigen „You are welcome“ nicht etwa herzlich willkommen in Kanada hieß, sondern mit „bitte“ auf mein „danke“ antwortete, kam mir erst viel später.

Eine (deutsche) Freundin erzählte mir am Wochenende, wie sie von ihrem damaligen Freund und späteren (kanadischen) Ehemann in Montréal empfangen wurde. „Let’s drive to my townhouse“, sagte Bob auf dem Flughafen. Wow, dachte sich Ute. Wenn er ein Stadthaus hat, dann gibt’s sicher auch irgendwo ein Landhaus. Kleines Jagdschlösschen vielleicht? Pech für Ute: Mit „townhouse“ meinte Bob schlicht das Reihenhaus, in dem er lebte. Lustig, aber nicht weiter schlimm.

Für Verwirrung sorgt bei Kanadiern gelegentlich auch mein Nachname. Das geht dann so: „What’s your name?“ – „Herbert Bopp“ – „Nice to meet you Bob, what’s your last name?“

Für eine Schrecksekunde sorgte beim ersten Mal auch dieser Dialog mit einem Québecer Frankokanadier. Er: „Comment vastu?“ – Ich: „Ça va bien, merci“. – Er: „Et comment elle va, ta blonde?“ – Ich habe keine Blondine! Wieder was gelernt: Beim Québecer ist jede Frau an deiner Seite „une blonde“, eine Blondine.

Kompliziert? Nicht wirklich, sagt mein Kumpel Bernie schon seit Jahren. „Man gewöhnt sich an allem, nur nicht an dem Dativ“.

Kanadas Indianer in Not

Kanadas Ureinwohner sind arme Schweine. Ich schreibe das jetzt einfach mal so pauschal, weil ich in diesem Blog nicht als Journalist unterwegs bin, sondern als ganz gewöhnlicher Beobachter des kanadischen Alltags. Die Regierung in Ottawa sollte sich schämen, ein Volk ständig mit Millionen abzuspeisen und dann nicht den Arsch in der Hose zu haben und zu sagen: „Irgendetwas läuft hier total daneben. Wir sollten endlich aufhören mit dieser Almosen-Politik!“

Seitdem ich in Kanada bin, höre ich ständig: Indianer sind dumm und faul und saufen sich zu Tode. Mag sein, dass man zu diesem Schluss kommen kann, wenn man sich rein auf die Statistik stützt. Aber das richtige Leben spielt sich nicht in den Beamtenstuben ab, sondern in den Reservaten, in denen Kanadas Ureinwohner zum Teil unter erbärmlichen Bedingungen leben. Nicht weil sie dumm, faul und alkoholabhängig sind. Sondern weil Politiker noch immer glauben, mit Geld lasse sich jedes Problem lösen.

Leben in provisorischen Hütten und Plastikzelten

Jüngstes Beispiel: Attawapiskat. Das ist ein Indianerreservat im Norden von Ontario, ca. 800 Kilometer nordwestlich von Montréal. Die meisten der 2000 Omushkego James Bay Cree-Indianer leben dort unter erbärmlichen Bedingungen. Einem CBC-Bericht zufolge wohnen 90 Prozent der Ureinwohner in provisorischen Hütten oder gar Plastikzelten, die gar nicht oder nur unzureichend beheizt werden können. Ihre ursprünglichen Häuser waren vor zwei Jahren bei einer Umweltkatastrophe zerstört worden.

Viele der Kinder sind krank. Die meisten leiden unter chronischen Hautausschlägen. Ihr Schulhaus ist eine provisorische Baracke. Sie wurde nach dem Umweltunfall just an der Stelle errichtet, an der massenweise Dieselöl ausgelaufen war.

Unfassbar: Das Rote Kreuz hilft in Kanada

Jetzt sah sich das Rote Kreuz gezwungen, einzuschreiten. In Kanada. Einem der reichsten Länder der Welt. Unfassbar. Jetzt strömen sie plötzlich alle in den Norden: Politiker, Menschenrechtler, Mediziner. Und natürlich bringen sie körbeweise Geld mit. Vor allem die Politiker.

Money, money, money: 80 Millionen Dollar für 2000 Menschen

Es ist ja auch eine verdammt schwierige Geschichte. Seit 2006 hat der Staat 80 Millionen Dollar an die Attawapiskat-First Nations bezahlt. Für 2000 Menschen. Irgendetwas stimmt hier nicht. Der Chief des Reservats behauptet: Das Geld sei für das tägliche Leben draufgegangen. Für infrastrukturelle Maßnahmen blieb nichts übrig. Die Arbeitslosenquote dort oben beträgt fast 100 Prozent. Mit Geld kommt die Politik offensichtlich nicht weiter.

Indianer-Unerhkunft in Attawapiskat - Foto: CBC

Ich war als Reporter in einem Indianerreservat im Norden von Manitoba. Dort hatten Ureinwohner-Kids gerade ein fast neues Fertighaus kurz und klein geschlagen und daraus Feuerholz gemacht. Das Fertighaus war eines von Dutzenden, die von der Regierung finanziert und unter extrem schwierigen Umständen hin transportiert worden waren. Es gibt keine Zufahrtswege zu vielen Reservaten. Der Transport ist nur im Winter möglich. Über zugefrorene Flüsse und Seen, die als Eisstraßen dienen.

In einem Indianerreservat an der James Bay habe ich Tipis gesehen, an denen Satellitenschüsseln befestigt waren. Die Cree-Indianer konnten zwar Deutsche Welle sehen, wohnten aber in schlecht beheizten Zelten. Ein Teenager im Indianerreservat Waskaganish zeigte mir vor Jahren voller Stolz eine nagelneue Elektrogitarre. Dass er dazu einen Elektro-Verstärker brauchte, hatte ihm keiner gesagt. So spielte er Luftgitarre. Vielleicht auch besser so. Stromausfall gehörte zum Alltag.

Im Geld ausgeben waren unsere Politiker schon immer Weltmeister. Nur: Wenn solche Welten aufeinander prallen, ist Geld nicht mehr als ein lächerliches Pflaster auf eine Wunde, die einfach nicht heilen will.

Trostlos. Fassungslos. Ratlos.

>  CBC-Reportage aus dem Indianerreservat Attawapiskat <  (Sorry, mit Werbung)

Armer, reicher Herr zu Guttenberg

Irgendwie kann es Karl-Theodor zu Guttenberg zurzeit keinem Recht machen. Erst wird er mit Schimpf und Schande aus Deutschland verjagt. Dann verschwindet er in den Wäldern von Connecticut, wo er sich mit einem Drei-Millionen-Dollar-Domizil bescheiden muss.

Dabei hat er doch zu Hause ein veritables Schloss. Nicht genug der Schmach: Als ihn seine politische Wiederbelebungstour neulich nach Halifax führte, konnte er sich nicht einmal mehr Gel und Brille leisten.

Armer, reicher Freiherr. Vorerst gescheitert.

Und heute also der Buchstart. 80-tausend Exemplare sollen bereits verkauft oder zumindest vorbestellt sein. Ich frage mich, wie diese Zahl zustande kommt. Das sind ja mehr Bücher als mein Blog Klicks hat! Dabei musste KT im Gegensatz zu HB nicht einmal selber schreiben. Er ist ja lediglich Herrn di Lorenzo Rede und Antwort gestanden. Das nenne ich große Literatur.

Ich gönne Herrn zu Guttenberg seinen Erfolg. Er wird ihn brauchen, wenn er demnächst wieder in die deutsche Politik zurückkehrt. Herr Seehuber zittert ja jetzt schon in seinen Haflingern. So ein Comeback-Kid wie Karl-Theodor zu Guttenberg hat ihm gerade noch gefehlt.

Aber ehe Herr Guttenberg sich auf die Politbühne wagt, lotet der Freiherr seinen Fanclub erst einmal in der Bütt aus. Anfang kommenden Jahres will er bei der Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst in Aachen zum närrischen Volk sprechen. Die Rede, sagt er, habe er selber geschrieben. Ehrenwort.

Dieser Auftritt sei unerhört, sagen die Adligen-Jäger unter den deutschen Journalisten. Aber mal im Ernst: Was soll er denn sonst noch tun, um die Gnade der politischen Wiedergeburt erfahren zu dürfen? Etwa nach Kanada auswandern? Warum nicht, sagt Oliver Welke in der heute show. Wo der Freiherr doch schon mal hier war: „Kanada nicht bleiben?“

Ich finde: So viel Häme hat der Freiherr nicht verdient. Und Kanada erst recht nicht.

Weihnachts-Zug mit 4400 PS

Irgendwie müssen die sich abgesprochen haben: Im Norden Deutschlands ketten sich Castor-Gegner an Bahnschienen. Im Süden stimmen wackere Schwaben für den Bau eines neuen Hauptbahnhofs. Derweil rollt in Kanada ein festlich beleuchteter Weihnachts-Sonderzug durchs Land. Gestern Abend legte der Canadian Pacific Holiday Train ganz bei uns in der Nähe einen Stopp ein.

Saint Clet ist ein Bauerndorf mit 1725 Einwohnern. Außer Ackerbau und Viehzucht herrscht da tote Hose. Nur einmal im Jahr geht die Post ab: Der Weihnachtszug der traditionsreichen kanadischen Eisenbahnlinie Canadian Pacific hält am Güterbahnhof. Da verdoppelt sich dann die Einwohnerzahl des Dorfes kurzfristig.

Stürmische Begrüßung in Saint Clet

So richtig Weihnachtsstimmung will auf dem Schotterplatz rund um den kleinen Güterbahnhof allerdings nicht aufkommen. Auf einem Lkw-Anhänger tanzt eine Lady in Leggins zu Gaga und Perry. Sponsored by your local Tanzschule. Neben der Bühne stehen Leute für Suppe und Glühwein Schlange. Sponsored by your local Feuerwehr. Das Wichtigste spielt sich etwas abseits vom Geschehen ab. In einem Lkw stapeln sich kistenweise Lebensmittel. Gespendet von Besuchern, die wegen des Weihnachtszuges gekommen waren. Mehr als 1200 Tonnen Lebensmittel kamen so in den letzten zwölf Jahren zusammen. Viele kanadische Suppenküchen und Tafelläden verlassen sich inzwischen auf den Segen, der von der Eisenbahn kommt.

Zugmusik: Boygroup und Valdy

Der Zug selbst? Ein schöner Zug, Marke GE. Er sieht einfach hinreißend aus und ist total liebevoll geschmückt. Eine Diesellok mit 4400 PS zieht 14 Waggons hinter sich her. Hunderttausend Lampen (ich habe sie gezählt!) blinken. Die Glühbirnen werden von vier Dieselgeneratoren befeuert. Einer der Wagen hat eine ausfahrbare Bühne. Auf der spielt eine Boyband fetzige Weihnachtslieder. Dann tritt ein im Westen Kanadas ziemlicher bekannter Folksänger auf. Dem dürren Applaus zufolge scheinen den hier in der frankokanadischen Ecke des Landes allerdings nur wenige zu kennen. Schade eigentlich. Valdy war nämlich echt gut. Viereinhalbtausend Kilometer Entfernung machen den kulturellen Unterschied.

Den größten Beifall erntete aber der Bürgermeister von Saint Clet. Seinen glamourösen Auftritt auf der Bahn-Bühne verband er mit einem Versprechen: Weiterhin milde Temperaturen und einen schneearmen Winter. Allerdings unter einer Bedingung: „Ihr müsst mehr spenden, Leute!“

Der „Canadian Pacific Holiday Train“ in voller Länge (1:34)