
Wenn es Politikern zu wohl wird, lachen sie uns aus. Den kanadischen Außenminister schüttelte ein Lachkrampf, als er von der Opposition wegen seiner Farbwahl gerügt wurde. Ist ja auch total witzig: John Baird hatte darauf bestanden, seinen Namen auf der Visitenkarte in Goldrelief gedruckt zu sehen.
Selten so gelacht im kanadischen Parlament: John Baird, ohnehin nicht gerade die große Leuchte der konservativen Regierung, kriegte sich nicht mehr vor Lachen. Ein Oppositionspolitiker hatte sich doch tatsächlich erdreistet, die Luxusvariante seiner Visitenkarte zu kritisieren. Was mich auf die Palme bringt, sind nicht die paar hundert Dollar mehr, die so eine Goldrelief-Version kostet. Es ist diese Selbstbedienungs-Attitüde, die viele Politiker so unglaubwürdig macht.
Nicht immer geht es um Geld. Meistens aber um Macht. Und damit auch irgendwo wieder um Geld. Beispiel: Bei den letzten Wahlen im Mai schafften ein paar Dutzend linke No-Names aus der Provinz Québec den Einzug ins Bundesparlament in Ottawa. Eine Sensation. Endlich frischer Wind in Ottawa! Dachte ich. Viel Wind schon. Aber kein frischer. Inzwischen streiten sich die Genossinnen und Genossen der New Democratic Party fast nur noch.
Und natürlich geht es wieder um Macht. Es geht um die Nachfolge des Parteivorsitzenden Jack Layton, der im Sommer an Krebs verstorben war. Ich hielt „Smiling Jack“ für einen der größten Politiker, den Kanada je hervorgebracht hat. Die Grabenkämpfe, die seit seinem Tod innerhalb seiner Partei ausgetragen werden, sind des Andenkens dieses Mannes nicht würdig.

Verkehrschaos Montréal. Foto: Gazette
Noch einmal Dampf ablassen: Wenn es um den Schutz der Umwelt geht, hat Kanada den Schuss immer noch nicht gehört. Statt endlich den öffentlichen Nahverkehr auszubauen und die Vorstädte rund um Montréal an die City anzubinden, kippen die Verantwortlichen die Pläne für die dringend notwendige Ausweitung der U-Bahn wieder. Motto: Jetzt, da so viel Geld in Verbesserungen der Infrastruktur investiert wird, müssten die Straßen und Brücken schließlich auch genutzt werden. Und weil die Kohle für die – angeblich – verbesserten Autofahrer-Bedingungen ja von irgendwo her kommen muss, lassen sich Politiker diesmal etwas sehr Originelles einfallen: Eine deftige Preiserhöhung für die armen Pendler, die von den ohnehin schon lächerlich wenigen Möglichkeiten des öffentlichen Nahverkehrs Gebrauch machen.
Immerhin gab es bei den Fahrpreiserhöhungen heftigen Gegenverkehr. Die betroffenen Pendler wollten die Entscheidung des zuständigen Kommunalverbandes nicht ohne weiteres schlucken. Eine Krisensitzung wurde einberufen. Schade: Der wichtigste Mann fehlte. Ausgerechnet der Bürgermeister der Vorstadtgemeinde, die das größte Interesse an einem reibungslosen Nahverkehr haben müsste, ließ sich entschuldigen. Die Gazette meldete später: Statt der Krisensitzung nahm der Spitzenpolitiker an einem Golfturnier teil.
Grünes Kanada? Lachhaft. Ich könnte rot werden vor Zorn.
Wenn unser Freundeskreis zusammentrifft, wird das Wohnzimmer zur UNO-Vollversammlung. Und die Küche zum internationalen 5-Sterne-Restaurant. Dolmetscher? Nicht nötig. Irgendwie verstehen sich alle. Außer Deutsch, Englisch und Französisch gibt es ja noch die Sprache, die durch den Magen geht.
Ute stammt aus Mainz. Den Truthahn bereitet sie typisch kanadisch zu. Mit einer Cranberry Sauce die hier bei keinem Turkey-Dinner fehlen darf. Diana bringt Süßigkeiten aus dem Libanon. Wenn sie von Beirut erzählt, schwingt auch heute noch ein Hauch von Wehmut mit. Linda aus Newcastle bringt die schräge Liebenswürdigkeit der Briten mit an den Tisch. Ihr Mann Claude den herben Charme des Québecker Bonvivant. Dann wäre da noch Sue aus Santa Barbara. Als kalifornisches Beach Girl verbringt sie manchmal viele Wochen am Stück bei den Inuit in der kanadischen Arktis. Liegt ja auch nahe, dass man sich zu den Eskimos hingezogen fühlt, wenn man am Pazfikstrand aufgewachsen ist.



John F. Kennedy hatte gut reden: „Ask not what your country can do for you – ask what you can do for your country“. Genau: Ich frage mich dauernd, was ich für mein Land tun kann. Für zwei Länder sogar. Als Mensch mit einem deutschen und einem kanadischen Pass fühle ich mich beiden Ländern gegenüber verpflichtet, mein Scherflein beizutragen. In Deutschland habe ich damit kein Problem. Ich finde, auch wenn die Meckerer Schlange stehen: Das deutsche Gesundheitssystem funktioniert im Großen und Ganzen wunderbar.
In den Notfallstationen der Montréaler Krankenhäuser beträgt die Wartezeit durchschnittlich 20 Stunden. Als neulich der Gesundheitsminister versprach, die Wartezeiten bis zum Jahr 2015 auf zwölf Stunden zu reduzieren, gab es Applaus von allen Seiten. Mir kommt das vor wie ein Hohn. Den meisten meiner kanadischen Freunde nicht. Sie sind stolz auf ihr System.