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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Indian Summer: Wald in Flammen

Der Indian Summer ist hier! Und es ist, als würden die Wälder in Flammen aufgehen. Blutrot und purpur, orange, knallgelb und dazwischen ein Hauch von lindgrün. Die Indianer haben ihre eigene Erklärung für dieses Naturschauspiel: „Wenn der himmlische Jäger den Großen Bären erlegt hat, bedeckt das Blut die Wälder.”

Die Erklärung der Biologen ist weniger romantisch als der Mythos der Ureinwohner: Mit Beginn der kühleren Jahreszeit wird die Zuckerproduktion in den Bäumen gedrosselt. Nach den ersten kalten Nächten zerfällt der grüne Farbstoff Chlorophyll. Danach dominieren knallbunte Farben.

Von seiner schönsten Seite zeigt sich der Indianersommer hier, in der Provinz Québec. Ferienorte wie Mont Tremblant, St. Jovite oder Morin Heights veranstalten jedes Jahr um diese Zeit „Indian Summer“-Festivals.

In den Bergen der Laurentians, zwei Stunden nördlich von Montrėal, geht es während des Indian Summers nicht nur farblich hoch her. Auch kulinarisch werden sämtliche Register gezogen. Zum Apfelmost werden die neuesten Käsesorten der Québecer Fromagerien gereicht. Dazu gibt es gibt Flammkuchen oder Kürbissuppe.

Wer den Blutrausch erleben möchte, den der himmlische Jäger angerichtet hat, muss sich beeilen. Nur zwei, drei Tage bleiben die Bäume in voller Blüte. Dann fängt das Laub an zu schwächeln und die Bäume bekommen Schüttelfrost. Old Man Winter klopft an die Tür.

Zu den Fotos: Die Bilder sind in Hudson, am Lac Dufresne, in Montréal, in Rigaud und während eines Helikopterflugs mit meinem befreundeten Kollegen Gerd im Norden der Provinz Ontario entstanden.

Mein Steve Jobs hieß Georges


Dass ich 1983 meinen ersten Computer hatte, liegt nicht an Steve Jobs. Ein Belgier namens Georges ist schuld. Er nahm mich mit in einen „Radio Shack“-Laden und zeigte mir, was ein Notebook ist. Wenig später konnte ich meine erste Email schreiben. Doof, dass ich nur noch einen anderen Menschen mit einer Email-Adresse kannte.

Dieser Mann hieß Armin und war Amerika-Korrespondent für die ARD mit Sitz in Los Angeles. Mein Notebook war ein TRS-80 Model 100 und hatte 32 Kilobyte RAM. Der 8-Bit-Intel-Prozessor schlug mit 2.4 Megahertz alle Rekorde. Dass der Radio Shack-Rechner nur mit einem 300-Baud-Modem kam, störte mich nicht im geringsten. Zum Mailverkehr mit Armin reichte es allemal. Andere Email-Empfänger kannte ich nicht.

Blinkende Kugelschreiber, Radiowecker mit Bärengebrüll …

Der Mann, der mich in die Welt der Computer einführte, war Georges, ein liebenswerter Bonvivant aus Belgien. Als Programmchef bei Radio Canada International in Montréal war er für alle Sendungen verantwortlich, die via Kurzwelle nach Westeuropa übertragen wurden. Georges und ich hatten etwas gemeinsam: Wir liebten Gadgets. Kugelschreiber mit Blinklichtern, Radiowecker mit Bärengebrüll, Weihnachtskugeln, die auf sanften Druck hin Jingle Bells von sich gaben. Und Computer, mit denen man eine Email an Armin schreiben konnte.

Das WorldWideWeb im heutigen Sinne gab es noch nicht. Zumindest nicht für Normalsterbliche, die nicht an irgendwelchen subversiven US-Militärleitungen hingen. Aber es gab die Möglichkeit, über ein Schneckenmodem ASCII-Codes zu versenden und zu entziffern. Damit konnte ich nicht nur Armins Emails lesen. Mit Georges Hilfe gelang es mir auch, mich von zu Hause aus in das Datennetz der Canadian Broadcasting Corporation einzuloggen. Damit hatte ich Zugang zu Nachrichtenagenturen – und damit zu dem, was später „Internet“ hieß.

Der Computer-Zugang zu Agence France Presse, Reuters und Canadian Press war kompliziert. Erst wenn man einen Rattenschwanz von Codes eingetippt hatte, meldete sich das CBC-Netzwerk und verlangte einen „Handshake„. Das war ein schrilles Geräusch, das einige Sekunden lang durch Mark und Bein ging. In meinen Ohren klang es wie Musik.

Plötzlich standen mir die größten Agenturen zur Verfügung. Für meine Arbeit als Korrespondent war dies von unermesslicher Bedeutung. Hatte ich bis dahin noch morgens um fünf am Zeitungskiosk gebibbert, bis die ersten Printausgaben zur Ausschlachtung angeliefert wurden, genügte jetzt ein Tastendruck. Der elektronische Handshake war zwar umständlich und, wie ich heute weiss, auch ein wenig illegal. Aber wen störte das damals schon? Mir gehörte jetzt die Welt und ich konnte sie sogar mit auf Reisen nehmen. In einem 1.4 Kilo schweren Plastikgehäuse.

Danke, Geroges! Danke, Armin! Danke, Steve!

Die große Pumpkin-Parade

Mein Lieblingsmarkt trumpft auf: Kürbisse gehören zu Kanada wie Ahornblätter, Biber oder Grizzlybären. Pumpkins in allen Variationen habe ich gestern auf dem Atwater Market im Stadtteil St. Henri gesehen. Einige der Kürbis-Sorten dienen lediglich zur Dekoration. Dass Pumpkins, Squash, Gourt und andere Gewächse aus der Familie der Cucurbita in diesen Tagen so hoch im Kurs stehen, hat mit zwei bevorstehenden Ereignissen zu tun: Am kommenden Montag wird in Kanada Thanksgiving gefeiert. Drei Wochen später Halloween. Der Händler auf meinem Lieblingsmarkt hat beide Events miteinander verknüpft. Was daraus entstanden ist, erfahren Sie, wenn Sie die Bildergalerie durchklicken.

Demnächst: Deutschland ruft!

Ahhhh – Deutschland! Demnächst werde ich wieder für zehn Tage dort sein. Es gab Zeiten, da bin ich jeden zweiten Monat nach Köln, Hamburg oder Berlin gereist. Heute sind es vielleicht noch zwei bis drei Deutschland-Besuche pro Jahr. Und noch immer beschleicht mich diese Achterbahn der Gefühle.

So weit: Yukon-Territorium (Kanada)

Wenn ich in Frankfurt lande, regnet es meistens. Natürlich reiner Zufall. Trotzdem habe ich immer das Gefühl, Deutschland mag sich mir nicht mehr von der Schokoladenseite zeigen, wenn ich dort bin. So, als sollte ich um Himmels Willen ja nie mehr auf die Idee kommen, nach Deutschland zurückziehen zu wollen. Dabei trage ich diesen Gedanken ständig mit mir herum. Ein Bekannter von mir hat fünf Jahre in Neuseeland gelebt. Als ich ihn neulich im Allgäu traf, fragte er mich, wie es um meine Rückkehrpläne nach Deutschland bestellt sei. Ich sagte ihm, dass bei uns kein Tag vergehe, ohne darüber nachzudenken, wie es wäre, wieder in Deutschland zu leben. Der Bekannte meinte: „Da hast du aber Glück gehabt. Bei mir vergeht keine Stunde, ohne dass ich über eine Rückkehr denke.“ Er meinte die Rückkehr nach Neuseeland.

Da wären wir wieder bei den beiden Herzen, die in einer Brust schlagen.

So nah: Wangen (Allgäu)

Wer einmal im Ausland gelebt hat, verliert den Boden unter den Füßen. Ich kenne keinen Deutschkanadier, der nicht irgendwann ernsthaft darüber nachgedacht hätte, wieder zurück zu gehen. Umgekehrt kennen wir alle die Rückkehrer, die eine erneute Auswanderung ins vermeintliche Land ihrer Träume nicht ausschließen wollen. Die Faszination Kanada ist immer noch da: Die Weite, die Natur, die freundlichen Menschen. Aber auch die Faszination Deutschland ist stets präsent: Die Nähe, die herrliche Natur, die gründlichen Menschen. Widersprüche machen wahnsinnig.

Der Erinnerungs-Optimismus holt mich immer wieder ein

Im Rückspiegel der Zeit beschleicht mich immer häufiger eine Art Erinnerungs-Optimismus, den ich nicht ausblenden kann. War es wirklich so gemütlich damals im heimischen Oberschwaben? Waren die Winzer, die ich im Remstal und im Badischen kennen gelernt habe, wirklich die schrägen Vögel, als die ich sie auf der Festplatte meines Deutschland-Lebens abgespeichert habe? Oder war einfach alles nur grau und spießig um mich herum?

Im Moment genieße ich noch den Luxus, mich zwischen zwei Kontinenten bewegen zu können. Und damit auch irgendwo zwischen zwei Heimaten. Was aber ist, wenn das Fliegen irgendwann keine Option mehr sein wird? Zu alt, zu teuer, zu sonstnochwas? Der Gedanke daran macht mich traurig.

Geht das überhaupt: Das Fernweh im Urlaub ausleben?

Lore, immer die Lebenskluge bei uns, hat ihre eigene Theorie zu diesem Thema. „Jeder sollte da bleiben, wo er aufgewachsen ist“, meint sie. Sein Fernweh könne man schließlich im Urlaub ausleben.

Passend zum Thema kommt in diesem Moment – und zwar wirklich in dieser Sekunde – eine Mail von Ingrid aus dem Allgäu hereingeschneit: „gestern waren wir an der argen beim wandern, mit besuch von schloß achberg. mei, hond mir’s scheee. wir wohnen wirklich begnadet. aber ich will dir nicht weiter das maul wässrig machen“. Hast du aber, Ingrid! Schon zu spät.

Vielleicht sollte ich es mal bei ebay versuchen: „Zu verkaufen: Eines von zwei Herzen in meiner Brust.“

Wir lachen uns hier noch kaputt

Lacht gerne: Kanadas Außenminister John Baird    Foto: CP

Wenn es Politikern zu wohl wird, lachen sie uns aus. Den kanadischen Außenminister schüttelte ein Lachkrampf, als er von der Opposition wegen seiner Farbwahl gerügt wurde. Ist ja auch total witzig: John Baird hatte darauf bestanden, seinen Namen auf der Visitenkarte in Goldrelief gedruckt zu sehen.

Selten so gelacht im kanadischen Parlament: John Baird, ohnehin nicht gerade die große Leuchte der konservativen Regierung, kriegte sich nicht mehr vor Lachen. Ein Oppositionspolitiker hatte sich doch tatsächlich erdreistet, die Luxusvariante seiner Visitenkarte zu kritisieren. Was mich auf die Palme bringt, sind nicht die paar hundert Dollar mehr, die so eine Goldrelief-Version kostet. Es ist diese Selbstbedienungs-Attitüde, die viele Politiker so unglaubwürdig macht.

Nicht immer geht es um Geld. Meistens aber um Macht. Und damit auch irgendwo wieder um Geld. Beispiel: Bei den letzten Wahlen im Mai schafften ein paar Dutzend linke No-Names aus der Provinz Québec den Einzug ins Bundesparlament in Ottawa. Eine Sensation. Endlich frischer Wind in Ottawa! Dachte ich. Viel Wind schon. Aber kein frischer. Inzwischen streiten sich die Genossinnen und Genossen der New Democratic Party fast nur noch.

Und natürlich geht es wieder um Macht. Es geht um die Nachfolge des Parteivorsitzenden Jack Layton, der im Sommer an Krebs verstorben war. Ich hielt „Smiling Jack“ für einen der größten Politiker, den Kanada je hervorgebracht hat. Die Grabenkämpfe, die seit seinem Tod innerhalb seiner Partei ausgetragen werden, sind des Andenkens dieses Mannes nicht würdig.

Verkehrschaos Montréal. Foto: Gazette

Noch einmal Dampf ablassen: Wenn es um den Schutz der Umwelt geht, hat Kanada den Schuss immer noch nicht gehört. Statt endlich den öffentlichen Nahverkehr auszubauen und die Vorstädte rund um Montréal an die City anzubinden, kippen die Verantwortlichen die Pläne für die dringend notwendige Ausweitung der U-Bahn wieder. Motto: Jetzt, da so viel Geld in Verbesserungen der Infrastruktur investiert wird, müssten die Straßen und Brücken schließlich auch genutzt werden. Und weil die Kohle für die  – angeblich – verbesserten Autofahrer-Bedingungen ja von irgendwo her kommen muss, lassen sich Politiker diesmal etwas sehr Originelles einfallen: Eine deftige Preiserhöhung für die armen Pendler, die von den ohnehin schon lächerlich wenigen Möglichkeiten des öffentlichen Nahverkehrs Gebrauch machen.

Immerhin gab es bei den Fahrpreiserhöhungen heftigen Gegenverkehr. Die betroffenen Pendler wollten die Entscheidung des zuständigen Kommunalverbandes nicht ohne weiteres schlucken. Eine Krisensitzung wurde einberufen. Schade: Der wichtigste Mann fehlte. Ausgerechnet der Bürgermeister der Vorstadtgemeinde, die das größte Interesse an einem reibungslosen Nahverkehr haben müsste, ließ sich entschuldigen. Die Gazette meldete später: Statt der Krisensitzung nahm der Spitzenpolitiker an einem Golfturnier teil.

Grünes Kanada? Lachhaft. Ich könnte rot werden vor Zorn.