Viele Wege führen nach Montréal. Einer der schönsten kommt von oben. Vom Gipfel des Mont Royal aus führen zivilisierte Spazierwege in die Stadt zurück. Wer das kleine Abenteuer liebt, kann auch abseits der bekannten Pfade in Richtung Innenstadt zurück wandern, durchs Gestrüpp oder über felsiges Gelände. Diese Variante haben wir diese Woche gewählt.
Pioniere waren wir leider nicht. Jacques Cartier war schon vor uns da. Der französische Entdecker Kanadas wagte die Wanderung über den Hausberg von Montréal bereits im Jahr 1535. Besonders hoch ist der Mont Royal übrigens nicht, gerade mal 201 Meter. Trotzdem lohnt es sich, über diesen erloschenen Vulkan zu spazieren.
Kleiner Touri-Tipp: Der Gipfel ist leicht mit dem Auto zu erreichen. Oder per Bus. Parkplätze gibt es jede Menge. Von der Stadt aus fährt der Bus wieder zurück zum Ausgangspunkt. Der Elfer fährt allerdings nur von der Rue Mont Royal aus ab, und auch das nur spärlich. Aber die Warterei ist nicht schlimm. Die „Mount Royal Street“ gehört zu den trendigsten in Montréal.
Der Berg ist Teil des Parc du Mont-Royal, der Grünen Lunge der Stadt. Angelegt worden ist er 1876 nach den Plänen von Frederick Law Olmsted. Klingt bekannt? Stimmt: Von Olmsted stammen auch die Pläne für den Central Park in New York.
Eines der Highlights der kleinen Wanderung über den Mont Royal kommt gleich zu Beginn: Die Aussichtsplattform mit einem prächtigen Pavillon. Von dort aus ist fast die gesamte Innenstadt zu sehen. Ein paar hundert Meter weiter links dann der zweite Höhepunkt: Ein 31.4 Meter hohes Kreuz, das sich von so ziemlich jedem Punkt des östlichen Montréals aus aufbäumt. Das stählerne Kreuz wurde vor 87 Jahren gebaut und ist nachts weiß beleuchtet. Meistens.
Alle paar Jahre, es können auch Jahrzehnte werden, kommt es vor, dass die Farben wechseln. Stirbt nämlich ein Papst, wird sofort auf Violett geschaltet. Aber nur so lange noch kein Nachfolger gewählt ist. Raucht’s im Vatikan und der neue Pontifex steht fest, wird auch in Montréal der Schalter wieder auf Weiß umgelegt. Bei der letzten Papstwahl gab’s allerdings eine kleine Panne. So viele der violetten Glühbirnen waren ausgebrannt, dass es mehrere Tage und Nächte dauerte, bis sie endlich ausgewechselt waren. dDaniel CDaniel Choinièrehoinière
Seitdem ich in Kanada lebe, spielen Tiere für mich eine große Rolle. Haustiere sowieso. Wilde Tiere erst recht. Hohe Tiere weniger. Was mich aber – pardon – tierisch nervt, ist der Umgang der hiesigen Medien mit Tieren, die in freier Wildbahn leben und das tun, was ihr gutes Recht ist: ihr Territorium verteidigen. Dann machen Journalisten regelrecht Hatz auf wilde Tiere. So auch jetzt wieder, nach einer Cougar-Attacke auf Vancouver Island.
Abgespielt hat sich Medienberichten zufolge der Zwischenfall so: Die Raubkatze hatte ein 18 Monate altes Kind bei einem Waldspaziergang mit seinen Eltern angefallen. Das Drama ereignete sich im Kennedy Lake Provincial Park, in der Nähe von Ucluelet. Einigen unseren Blog-Lesern dürfte die Gegend bekannt sein: Stefan aus Grevenbroich und Frank aus Köln hatten uns neulich mit herrlichen Naturfotos aus dieser Ecke beglückt.
Wer schützt uns vor wilden Tieren? Und die Tiere vor Menschen?
Der Bub wurde also vom Cougar gebissen. Dem Vater und Großvater des Jungen gelang es, die Wildkatze zu verscheuchen und Schlimmeres zu verhindern. Bleibende körperliche Schäden wird das Kind voraussichtlich nicht davontragen. Soweit die Fakten. Was folgt, ist ein Medienspektakel – so wie wir es in den vergangenen 30 Kanada-Jahren kennen und hassen gelernt haben: „Kind ums Haar von Cougar totgebissen“ – „Warum schützt uns der Staat nicht besser vor wilden Tieren?“ – „Wie konnte das passieren? Die Eltern haben alles richtig gemacht!“ Haut rein, ihr Journalisten! Nicht nur Sex sells. Auch Sensationen. Auch dann, wenn es im Grunde genommen gar keine sind.
Traurig, die Sache mit dem Jungen. Traurig wird aber auch der Fallout dieses Zwischenfalls sein. Es wird Hatz auf wilde Tiere gemacht. Vor allem in den Medien. Und weil der Staat die Zeitung liest, sind Parkranger von British Columbia angehalten, Jagd auf Cougars zu machen. Willfährige Journalisten helfen da gerne mit. Und jetzt? Parks, oder zumindest Teile davon, sind seit der Cougar-Attacke für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich. Und das zur schönsten Jahreszeit des Jahres. Gratuliere, Kolleginnen und Kollegen!
Dass Cougars Menschen anfallen, kommt vor. So wie Hunde Menschen anfallen oder Pferde nach Kindern treten, die doof rumstehen. Dass Cougars aber Menschen tödlich verletzen, passiert so gut wie nie. In den vergangenen 100 Jahren ist es in Kanada gerade mal fünf Mal passiert. Schrecklich für die Beteiligten. Aber statistisch gesehen nicht von hohem Nachrichtenwert. Fünf tödliche Cougar-Attacken in 100 Jahren, in einem Land, das 40 mal so groß ist wie Deutschland. Wie oft fallen Kampfunde nochmal Kinder an?
Tatort Cougar-Attacke
Ich will hier nichts beschönigen: Cougars sind gefürchtete Wildkatzen. Sie können, einschließlich Schwanz, bis zu zwei Meter lang und 75 Kilo schwer werden. Wenn sie angreifen, tun sie das meistens aus dem Hinterhalt. Dann stürzen sie sich fast immer zuerst auf den Kopf ihres Opfers.
Dass Cougar-Attacken in letzter Zeit zugenommen haben, hat vermutlich mit dem Gewohnheitsfaktor zu tun. In diesem Jahr ist die Anzahl der Touristen auf Vancouver Island besonders groß. Bei solchen Menschenmassen verlieren wilde Tiere eher die Scheu und gewöhnen sich an Menschen.
Es wird Zeit, dass wir Menschen uns langsam auch an Cougars gewöhnen. Und Wölfe. und Grizzlybären. Und Schlangen. Bei Kampfhunden bin ich mir da nicht so sicher. Vor allem bei deren Besitzern.
Die Sprachenpolizei der frankokanadischen Provinz Québec zieht mal wieder die Daumenschraube an. Rein englische Firmenbezeichnungen werden nicht länger geduldet. Die Befürchtung: Französisch als Amtssprache könnte im Meer der englischsprachigen Sünde aussterben.
Ich liebe Französisch. Und ich wünschte, ich würde es genau so fließend sprechen und schreiben wie Englisch oder Deutsch. Aber ich habe lange in einem rein englischsprachigen Umfeld gelebt und bin aus der Übung gekommen. Jetzt klingt mein Französisch zwar noch nicht ganz wie Polnisch rückwärts. Aber an der Sorbonne vermutet man mich jetzt auch nicht gerade. Es gibt also, rein sprachlich gesehen, Steigerungsmöglichkeiten. Vor allem nach oben.
Wir Schwabo-Kanadier können sogar Hochdeutsch
Sprachenpolizistin Marchant
In unserem Haus werden drei Sprachen gesprochen. Deutsch, wenn ich mit Lore und dem Sohnemann alleine bin. Englisch wenn auch nur eine Person im Raum ist, die der deutschen Sprache nicht mächtig ist. Französisch, zumindest so gut es geht, wenn wir Gäste haben, die weder Englisch noch Deutsch können. Lässt man Schwäbischschwätze auch noch als Fremdsprache durch, sind wir quadrilingual, Aber im Gegensatz zu den meisten Schwaben, können wir alles und noch Hochdeutsch dazu. Wer jedoch nur Koreanisch oder Finnisch spricht, hat bei uns Pech gehabt. Wir sind hier schließlich nicht das Goethe-Institut.
Sie merken, worauf ich hinaus möchte: Jeder trägt sein Scherflein dazu bei, es dem Anderen in diesem Sprachengewirr recht zu machen. Es gehört in Québec nun mal zum Alltag. Das ist nicht immer ganz einfach. Aber, wie mein Uraltkumpel Börnie von der Allgäu-Ranch immer sagt: „Man gewöhnt sich an allem, nur nicht an dem Dativ.“
Strafbar: Apostroph
Keine Gnade mit dem Apostroph
Ganz so lustig wie es klingt, ist dies alles nicht. Es gibt hier nämlich Gesetze, die den Gebrauch von Sprachen vorschreiben. Um die Einhaltung dieser Gesetze kümmert sich eine Behörde mit dem schönen Namen l‘Office québécois de la languefrançaise. Unter Anglokanadiern als „language police“ bekannt.
Statt „Hudson’s Bay Company“: „La Baie“
"La Baie" statt "The Bay"
Oberste Sprachenpolizistin ist eine sehr blonde und sehr unlustige Frau namens Louise Marchand. Madame beliebt nicht zu scherzen. Sie hat jetzt erneut an Firmenbetreiber in Québec appelliert, auf die Einhaltung der Sprachengesetze zu achten. Eine Verletzung stellt zum Beispiel ein Apostroph dar, den das traditionelle Kaufhaus Eaton’s überall im Land verwenden darf. Nur nicht in Québec. Hier heißt Eaton’s „Eaton“. Und die älteste Kaufhauskette Kanadas heißt von Küste zu Küste „The Hudson’s Bay Company„. Hier in Québec kurz: „La Baie„. Klingt nicht nach viel Geschichte. Nehmen wir also mal an, Sie sind Besitzer eines Optikerladens und nennen sich „New Look„. Nehmen wir weiterhin an, diese Bezeichnung hat sich im Laufe der Jahre bei Ihrer Kundschaft eingeprägt und Sie denken gar nicht daran, Ihr Firmenlogo zu verändern.
Erlaubt: Newlook mit "Lunetterie"
Eines Tages klopft ein gestrenger Herr vom „Büro zur Erhaltung der deutschen Sprache“ bei Ihnen an und verlangt, dass sie künftig auf Ihre Firmenbezeichnung verzichten. Sie lehnen ab. Er droht. Lenkt aber ein, als Sie gerade dabei sind, Ihren Anwalt anzurufen. Sie haben Glück: Der gestrenge Herr hat einen guten Tag und gibt sich milde. Er bietet Ihnen an, nicht ganz auf die Bezeichnung „New Look“ verzichten zu müssen. Aber er zwingt Sie per Gesetz, künftig das Wort „Augenoptiker“ davor zu setzen. Also heißt Ihre Firma jetzt „Augenoptiker New Look“. Etwas sperrig, was? Genau das passiert zurzeit in der Provinz, in der ich lebe. Die offizielle Amtssprache in Québec ist Französisch. 80 Prozent der Bevölkerung sind damit aufgewachsen. Aber die restlichen 20 Prozent – das sind immerhin knapp eineinhalb Millionen Einwohner – sprechen kein, oder nur sehr wenig Französisch. Und genau denen soll es jetzt verstärkt an den Kragen gehen. Oder vielmehr an die Sprache.
Farine statt Flour
Warum diese sonst so lässige Provinz Québec absolut humor-resistent wird, wenn es um ihre Landessprache geht, habe ich nie so richtig verstanden. Meine Québecker Freunde meinen, ich würde den Grund für die Obsession mit dem Französischen ohnehin nicht kapieren. „Das spielt sich bei uns in der Seele ab“, meinte Céline einmal. „Und die versteht ein anderer nicht.“ Nun gut. Ich glaube, es hat ein bißchen, aber nicht ausschließlich, mit Intoleranz zu tun. Schon eher mit Angst, man würde ihnen etwas wegnehmen. Die französische Sprache nämlich. Die wird auf dem amerikanischen Kontinent nur noch in Québec, in der Nachbarprovinz New Brunswick, ein bisschen in Louisiana und in einem Städtchen namens St. Boniface in Manitoba gesprochen. Je ein paar Frankokanadier leben noch in Alberta und Ontario. Das war’s dann schon. Irgendwo verständlich, dass Québec also fast militant seine Muttersprache verteidigt.
STOP ist verboten
Jährlich gehen bis zu 3000 Beschwerden bei der Sprachenpolizei ein. Da geht es dann um weltbewegende Dinge wie den Apostroph von „Eaton’s„. Oder auch um Verkehrsschilder. STOP geht gar nicht und wird bestraft. Korrekt ist – in Québec – ARRÊT. Übrigens liest man selbst in Paris, der Wiege des Franzöischen, STOP und nicht ARRÊT. – Die auf dem ganzen Kontinent bekannte Mehlfabrik „Five Roses“ hatte diesem schönen Namen bis vor ein paar Jahren noch das Wort „Flour“ (Mehl) vorgeschaltet. Bis die Sprachenpolizei kam. Jetzt wird in einem Kauderwelsch geworben: „Farine Five Roses„.
Manchen wird der Sprachenzirkus in Québec zu bunt: Sie packen zusammen
Aber nicht alle, lassen sich diesen Sprachen-Zirkus gefallen. Wie der Schweizer Konditor, der jahrelang seinen „Swiss Pastry Shop“ betrieben hatte. Bis die Polizei kam. Auf eine Namensänderung wollte sich der Besitzer nicht einlassen. Deshalb verkaufte er sein Geschäft. Ich vermute mal, der neue Besitzer ist Wiener. Der Laden heißt jetzt Patisserie Suisse Viennoise. So viel Süßes im Namen muss der Sprachenpolizei einfach gefallen.
Usain Bolt ist also bei der Leichtathletik-WM in Südkorea disqualifiziert worden. Auch Ben Johnson fiel damals tief in Südkorea. Und: Auch er war einmal der schnellste Mensch der Welt. Kurz nach der „Schande von Seoul“ päppelten wir ihn bei einem schwäbischen Vesper wieder auf. Flashback: Der Tag, als Ben Johnson bei uns zu Gast war.
Der wohl schillerndste Besucher, den wir je in unserem Haus empfingen, war kleinwüchsig und scheu, dafür aber ungemein muskulös. Vor allem aber war er blitzschnell, auch wenn ihm das später keiner mehr so richtig abnehmen wollte. Ben Johnson war bei den Olympischen Sommerspielen 1988 als die „Schande von Seoul“ in die Geschichte eingegangen, weil er, wie sich später im Labor herausstellte, gedopt gewesen war. Sein sensationeller Olympiarekord von 9.79 Sekunden auf 100 Meter wurde ihm aberkannt, ebenso sein Weltrekord. Und damit sein Geld und seine Ehre. Immerhin blieb dem Mann, der schon als Kind barfuß an den Armenstränden von Jamaika entlang gesprintet war, ein pechschwarzer Ferrari.
Die rennende Apotheke trifft auf Michael Schumacher
Die Liebe zu schnellen Autos war es, die Ben Johnson an einem Juni-Tag, Anfang der 90er-Jahre, zu uns führte.
RTL hatte aus Anlass des Formel-Eins-Rennens in Montréal eine glänzende Idee: In einem kurzen Einspielfilm sollte der schnellste Mann auf zwei Beinen zusammen mit dem schnellsten Mann auf vier Rädern porträtiert werden. Michael Schumacher für diesen Dreh zu gewinnen, war kein Problem. Er stand bei RTL unter Vertrag und konnte nicht anders. Wie aber bekommt man eine ehemalige Sprintersensation vor die Kamera, von der die Weltpresse nach dem Dopingskandal allenfalls noch als „rennende Apotheke“, „Anabolika-Mann“ oder „Betrüger-Ben“ Notiz nahm? Ganz einfach: Man lockt ihn mit Michael Schumacher. Das war mein Job, dafür wurde ich bezahlt.
10 000 Dollar für einen gefallenen Helden? Nein, Danke!
Zehntausend Dollar. So viel hatte Johnsons Manager bei unserem ersten Telefonat für ein Interview mit seinem Schützling verlangt. Immerhin, so die Begründung, sei Ben Johnson noch immer eine große Nummer in der Welt. Auf Hawaii zum Beispiel. Dort bringe Johnson den Insulanern Fitness bei. Oder in Libyen. Dort trainierte der einstige Superstar mit der einstigen Fußball-Nationalmannschaft des einstigen Gadaffi den schnellen Start. Fakt ist: Die Welt von Ben, der Rakete, ist klein geworden. Zehntausend Dollar für einen gefallenen Helden – nein danke.
Manchmal sind Spiele wichtiger als Brot. Keine drei Stunden nach dem gescheiterten Businessdeal klingelt mein Mobiltelefon. Das war zu jener Zeit noch eines jener unförmigen Geräte, die später als „Motorola-Knochen“ bekannt wurden.. „Ben hier.“ – „Hi!“ – „Angenommen ich würde zu euch nach Montréal kommen, könnte ich dann echt auch Michael Schumacher treffen?“ – „Klar. Und du kannst dir das Rennen von der Pressekabine aus anschauen.“ – „Super. Dann bis Samstag.“ So schön kann Fernsehen sein: Der große Ben Johnson trifft den großen Michael Schumacher. Und alles für lau.
Treffpunkt McDonald’s-Parkplatz in der Vorstadt
Es ist heiß an diesem Samstag vor dem Großen Preis von Kanada. Die Autofahrt von Toronto nach Montréal dauert genau sechs Stunden – ob mit Fiat, Ford oder Ferrari spielt keine Rolle. Auf kanadischen Highways gilt Tempolimit 100.
Als Treffpunkt war ein Luxushotel unweit der Rennstrecke vereinbart. Doch irgendwann zwischen Toronto und Montréal verließ den ehemaligen Sprinterkönig der Schneid. „Kannst du mich auf dem McDonald’s Parkplatz trefffen?“, klingt es kleinlaut aus dem Handyknochen – „Klar. Aber warum denn nicht im Hotel?“ Er spreche kein Französisch, sagt der Mann von Welt, und traue sich nicht allein in die große Stadt. Der Parkplatz vor McDonald’s gleicht einer Kirmes. Eine Traube von Menschen drängt sich um einen pechschwarzen Ferrari. Ein paar Mädels klopfen vergnügt an die Fensterscheiben, Teenager schütteln und rütteln an dem 200-tausend-Dollar-Flitzer als wäre es ein Spielzeugauto. Ein Junge lehnt sich frech über die Kühlerhaube und zeigt dem Fahrer mit beiden Händen das V-Zeichen. Hinterm Lenkrad: Ein Muskelpaket, das sich nicht aus seinem Fahrzeug traut. Dass es sich beim Fahrer um den Ben Johnson handelt, war für die Parkplatzhorde nicht schwer zu erraten. „Ben One“ steht auf dem amtlichen Kennzeichen. „Nix wie weg hier!“, zischt Johnson durch das inzwischen heruntergelassene Autofenster. „Kann ich hier noch irgendwo duschen, ehe ich Schumi im Hotel treffe?“ – „Kein Problem. Fahr hinter mir her, wir gehen zu mir.“
Schwäbisches Vesper für den Mann aus Jamaika
Laugenbrezeln für den Jamaikaner in Kanada
In der Straße, in der ich wohne, gilt ein Ferrari als ein Exote, der dem Genfer Autosalon entwichen sein muss. „Mehr von der Sorte – und die Immobilienpreise schnellen in die Höhe!“, ruft mein Nachbar Scott über den Zaun. Freunde, die an diesem Samstag zu Besuch bei uns waren, staunen nicht schlecht, als ein echter, wenn auch gefallener Held in ihre Richtung tänzelt. Sehr gesprächig ist Ben Johnson allerdings nicht. Dafür aber hungrig. Rauchfleisch, Radieschen, Laugenbrezeln – dem Mann aus Jamaika schmeckt das schwäbische Vesper bei Bopps. Kurze Dusche, ein Blick ins Korrespondenten-Archiv („Wow! Alles über mich?“) – und schon sind wir auf dem Weg nach Montréal. Die Szene mit Schumi ist schnell abgedreht. Johnson zieht sich in seine Suite zurück. Morgen wollen wir uns an der Rennstrecke treffen.
Der einstige Multimillionär hat kein Geld mehr zum Tanken
Dreißig Minuten vor dem Start zum Großen Preis von Kanada fehlt noch einer in der Pressekabine. Er habe es sich anders überlegt, sagt Johnson über Handy. Er werde nun doch nicht zum Rennen kommen und lieber direkt nach Toronto zurück fahren. Schade eigentlich. „Sonst noch was, Ben?“ – „Ja, ich muss noch tanken.“ – „Mach das mal und schick uns die Rechnung.“ – „Ich hab kein cash mehr.“ – „Kreditkarte?“ – „Geht nicht. Limit ist ausgeschöpft.“
Dem Mann kann geholfen werden. Ein Kurierfahrer wird engagiert. Er bringt wenige Minuten vor Beginn des Autorennens Bargeld ins Hotel, damit Ben Johnson seinen Ferrari auftanken kann.
Warnung an Usain Bolt: Sprinterhelden können tief fallen. Ben Johnson lebt übrigens noch immer in Toronto. Sein Geld verdient der inzwischen Vierzigjährige als Fitnesstrainer. In einem Zeitungsinterview Anfang Juli erwähnte er stolz die Namen seiner prominentesten Kunden: Diego Maradona und Usain Bolt.
Québec ist zwar – noch – keine eigene Nation. Aber ein Nationalgericht haben die Frankokandier schon mal auserkoren: Poutine. Wie Putin. Nur ohne Wladimir. Dafür mit Pommes, Käse und Schlabbersoße. Jeder kennt es hier. Angeblich soll es auch jeder lieben. Nur ich nicht. Ich hasse es. Seit gestern weiss ich, warum ich 30 Jahre gewartet habe, ehe ich mich zum Selbstversuch überwinden konnte.
Wie ein Schneeberg, auf den es Gülle geregnet hat
Soll süchtig machen: Poutine
Ich esse gerne. Jedem, der mich kennt, wird dieser Satz ein Grinsen ins Gesicht zaubern. Okay. Ich esse nicht nur gerne. Saugern sogar. 15 Kilo Hüftgold sind der Beweis. In Kanada nennt man die Welle um den Wanst übrigens „love handles“. Auch nett. Dass ich trotz meiner Genussfreude in all den Jahren nie die Leibspeise meiner Québecker Landsleute probiert habe, spricht Bände. Ich hatte einfach keinen Bock auf Poutine. Allein schon des Aussehens wegen. Über einen Berg von heißen Pommes legt sich eine weiße Schicht mit geschmolzenem Käsebruch. Damit es der heiße Schmelzkäse auf den heißen Pommes auch schön warm hat, wird über das Ganze eine heiße Bratensoße aus der Tüte gegossen. Jetzt sieht die Delikatesse aus wie ein Schneeberg, auf den es Gülle geregnet hat. Und – pardon, mes amis québecois! – so ähnlich schmeckt es auch.
Dass ich überhaupt auf die verwegene Idee gekommen bin, mir Poutine anzutun, geht auf das Konto von Julian. Er ist der Sohn meiner Cousine Margret im schwäbischen Ravensburg und hat als Zivi ein Jahr in Québec verbracht. Gestern nun diese Mail von ihm:
Jetzt auch in Deutschland: Geheimrezept vom Edeka
„Als ehemaliger Québecois auf Zeit ist mir nach anfänglichen Bedenken die Poutine doch sehr ans Herz gewachsen. Leider fehlte mir bisher zur Zubereitung dieser reichhaltigen Mahlzeit die richtige Käseart. Diesen Sommer hab ich nun endlich die temporäre Lösung entdeckt: Ein griechischer Grillkäse aus dem Edeka. Es schmeckt zwar nicht gleich, aber es schmeckt. Ça faitla job – wie der Québecois sagen würde.“ Und dann noch der Satz, der mir keine andere Wahl als den Selbstversuch ließ: „Thema Poutine ist bestimmt in absehbarer Zeit auch ein Thema für deinen Blog, oder?“ Klar doch, Julian. Schließlich lässt man die Verwandtschaft nicht im Stich.
Kreiert wurde Poutine angeblich in den fünfziger Jahren. Eine Gruppe von Holzarbeitern soll in einem Fastfood-Diner endlich nach „anständigem Essen mit vielen Kalorien“ verlangt haben. Ein gewisser Monsieur Ferdinand Lachance hatte Erbarmen mit den Jungs und servierte in seiner Kneipe den Pommes-Käse-Soßen-Mix. Dieser kulinarische Anschlag, fand der Koch, sei doch „poutine„, ein wildes Durcheinander also. Der Siegesmarsch der Québecker Leibspeise war schon bald nicht mehr aufzuhalten.
Schlimmer geht’s nimmer: Poutine mit heißer Schokoladensoße
Inzwischen ist Poutine längst salonfähig geworden. Ein Spezialitätenrestaurant in Montréal serviert mehr als ein Dutzend verschiedene Sorten. Unter anderem mit Blaubeersoße auf dem Käse. Oder Tomaten-Knoblauchsoße. Oder mit heißer Schokolade.
Poutine-Fress-WM in den USA: 750 Dollar für 5.8 Kilo Schlonze
Zum Leidwesen der Québecker wird Poutine längst auch in anderen Teilen des Landes und sogar in den USA serviert. Und, schlimmer geht nimmer: Ausgerechnet in den USA fand vor zwei Jahren die erste Weltmeisterschaft im Poutinefressen statt. Sieger wurde ein gewisser Pat „Deep Dish“ Bertoletti aus Chicago. Er verdrückte in der kürzesten Zeit 5.8 Kilo Poutine. Dafür gab’s eine Trophäe und 750 Dollar.
Kein Pardon vom kanadischen Premierminister
Vor zwei Jahren wurde Poutine sogar zum Politikum. Zu einer „Canada Day„-Party in der kanadischen Botschaft in Washington hatten Witzbolde ein Poster mit Samuel de Champlain, einem der Entdecker Kanadas, aufgehängt. Im historischen Gewand trägt Monsieur de Champlain nicht sehr würdevoll ein Tablett mit dampfender Poutine vor sich her. Québecker Separatisten fürchteten um den guten Ruf ihrer Nationalspeise und verlangten eine offizielle Entschuldigung des kanadischen Premierministers. Sie steht noch aus.